Düstere Sagen

VOR-SICHT: "Und tot bist Du!", zweiteiliger Thriller, Regie: Marcus O. Rosenmüller, Buch: Anna Tebbe, Kamera: Stefan Spreer, Produktion: All-in (ZDF, 8. und 10.4.19, 20.15-21.45 Uhr)

Das ZDF hat in den letzten Jahren eine kleine Tradition daraus gemacht, die Fernsehjahre mit einem zweiteiligen Taunus-Krimi nach Nele Neuhaus zu beginnen, die meist in der Kombination Anna Tebbe (Buch) und Marcus O. Rosenmüller (Regie) entstanden. Hinter dem Pseudonym Anna Tebbe verbirgt sich die All-in-Geschäftsführerin und Produzentin Annette Reeker. Nun hat das Duo Tebbe/Rosenmüller einen Thriller produziert, der im Nordschwarzwald spielt, dessen personelle Konstellation aber den Taunus-Krimis ähnelt: ein verheirateter Kommissar, eine attraktive Kollegin, eine Mordserie in der Provinz. Diesmal allerdings mit Max von Thun und Jessica Schwarz statt Tim Bergmann und Felicitas Woll.

Schon die ersten Bilder mit ihren Nebelschwaden deuten an, dass der Film ähnlich ungemütlich wird wie "Die Toten vom Schwarzwald" (Kritik in epd 12/10), einem mysteriösen Krimi mit Heino Ferch als Forensiker, der die Leiche seiner erst kürzlich verschwundenen, aber offenbar schon seit zwei Jahren toten Frau entdeckt. Thorsten Näter hat sein Drehbuch damals kräftig mit alten Legenden angereichert. Tebbe hat sich ihre eigenen Sagen zum Schwarzwald ausgedacht. In dem Film gilt ein scheinbar idyllischer Waldsee als "Auge des Teufels". Gelegentlich tritt er über die Ufer, weil selbst dem Teufel, wie es heißt, angesichts des traurigen Schicksals der weiblichen Teichleichen die Tränen kommen.

Der Film beginnt mit einer weiteren Toten. Diener und Bächle, die Doppelspitze der Mordkommission Freudenstadt, stehen vor einem Rätsel. Ihre Nachforschungen führen in die Nachkriegszeit. Damals hat sich ein grausiges Ereignis zugetragen: Ein kleiner Köhlerjunge musste mit Hilfe eines Abzählreims drei Frauen auswählen, die den Franzosen zur freien Verfügung überlassen werden sollten. Zwei dieser Frauen haben sich, wie es hieß, das Leben genommen, die dritte soll bei einem Sprengstoffanschlag auf das Lager der Soldaten gestorben sein. Gut sieben Jahrzehnte später scheint jemand Gleiches mit Gleichem vergelten zu wollen.

Der besondere Reiz des Films liegt in der gut gelungenen Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit. Vermittler zwischen den beiden Zeitebenen ist der Köhlerjunge. Der kleine Hans war schon mit acht Jahren ein begnadeter Zeichner und hat seine Erlebnisse mit dem Holzkohlestift festgehalten. Der große Hans (Rüdiger Vogler), ein charismatischer Theologe, ist erst kürzlich in seine Heimat zurückgekehrt, hat eine Augenoperation hinter sich und stellt verblüfft fest, dass die Ärztin offenbar nicht bloß sein Augenlicht gemeint hat, als sie sagte, dass er wieder klarer sehen werde: Er wird immer wieder von Erinnerungen an die Nachkriegszeit übermannt.

Die fließenden und ausgezeichnet in die Handlung integrierten Übergänge zwischen Heute und Damals sind eine Kunst für sich. Nicht minder kunstvoll als der ausgezeichnete Schnitt von Claudia Klook ist die Arbeit von Kameramann Stefan Spreer, der die schwarz-weißen Rückblenden wie lebendig gewordene Fotografien aus jenen Jahren wirken lässt.

Die Geschichte ist zwar zu Beginn mit ihren vielen verschiedenen Ebenen äußerst kompliziert, aber nie verwirrend. Und das, obwohl jede Antwort neue Fragen aufwirft, Tebbe ständig neue Figuren einführt und das Drehbuch eine clevere falsche Fährte legt. Auf diese Weise gelingt es Rosenmüller, die Spannung über 180 Minuten zu halten. Dass diesem Zweiteiler im zweiten Teil nicht die Luft ausgeht, liegt auch an der famosen Musik von Dominik Giesriegl, die für Hochspannung sorgt.

Tebbe gibt auch im zweiten Teil weitere Rätsel auf, während sich die verschiedenen Puzzlestücke nach und nach zusammenfügen. Selbstverständlich ist das Schicksal von Kommissarin Bächle ebenfalls mit der Dorfchronik verknüpft: Sie war als Kind einige Tage allein in einem stillgelegten Bergwerksstollen, litt anschließend unter dem Kaspar-Hauser-Syndrom und wurde von einem einheimischen Ehepaar adoptiert. Niemand weiß, wer sie ist, wo sie herkommt und warum sie in dem Stollen war, aber sie ahnt, dass sich dort der Schlüssel zu ihrer Biografie verbirgt - und auch zu den Ereignissen in den Nachkriegswirren, wie der Film zum Schluss von Teil eins offenbart.

Bei den meisten deutschen Provinzkrimis außerhalb Bayerns kommt der Dialekt viel zu kurz. Auch hier ist der gebürtige Freiburger Robert Schupp offenbar der einzige Mitwirkende mit einheimischen Wurzeln. Er nutzt die Gelegenheit, um den Rechtsmediziner als badisches Original zu zeichnen, übertreibt dabei aber nicht. Rosenmüller, im Metier des TV-Thrillers erfahren wie nur wenige, schießt dagegen mitunter übers Ziel hinaus: in der Schlusseinstellung wabert derart viel Nebel über den Boden, als habe sich das Team vorübergehend auf den Friedhof eines drittklassigen Horrorstreifens verirrt.

Sonst verzichtet der Film jedoch auf allzu viel Plakativität und setzt stattdessen auf sparsame, aber wirkungsvolle Effekte. Heimliche Hauptfigur ist die Region. Dank beeindruckender Naturaufnahmen erscheint der Nordschwarzwald als unheimliche Gegend, in der die Menschen früher an langen Winterabenden viel Zeit hatten, über unerklärliche Ereignisse zu reden und sie in düstere Sagen zu verpacken.

Aus epd medien 14/19 vom 5. April 2019

Tilmann Gangloff