Die Strippenzieherin

VOR-SICHT: „Legal Affairs“, achtteilige Serie, Regie: Randa Chahoud, Stefan Bühling, Buch: Lena Kammermeier, Felice Götze (Head-Autorinnen), Veronica Priefer, Christine Heinlein, Christoph Callenberg, Thomas André Szabó, Florian Wentsch, Yves Hensel, Kamera: Julian Hohndorf, Jan Prahl, Produktion: Ufa Fiction (ARD-Mediathek/RBB/Degeto ab 17.12.21, ARD, 19.12. und 20.212.21, 21.45-23.15 Uhr, 22.12.21, 21.55-23.25 Uhr und 23.12.21, 21.45-23.15 Uhr)

epd Recht gesprochen wird vor Gericht in Deutschland im Namen des Volkes, nicht im Namen der Wahrheit oder im Namen des Grundgesetzes. Zu jedem Urteil gehört die Begründung. Ein Urteil ist kein populistisches Fallbeil. Es muss der Erläuterungspflicht nachkommen, kommentierbar sein und diskutierbar. Anders sieht es aus in den sozialen Netzwerken, die manchen als moderner Exzess des Boulevardprinzips gelten. Hier erfolgt das Urteil oft vor der Feststellung des Tatbestands, vor seiner Begründung und Bewertung. Das Gerücht, der Shitstorm und der Hass im Netz machen kurzen Prozess. Behauptungen, viral verbreitete Gerüchte und Fakes können Pranger und Fallbeil zugleich sein. Deutungshoheit und Meinungsmanipulation, Verschwörungsmythen und Parallelerzählungen sind abgründige und würdelose Erscheinungen unserer Zeit.

Erscheinungen, die sich fantastisch für serielles Erzählen eignen. Was vor gut zwei Jahrzehnten in „The West Wing“ abgehandelt wurde, Taktik und Intrigen als Grundlage des politischen Geschäfts, und danach in „House of Cards“, auch in „Suits“ und „Scandal“, kann man aktuell wohl am nachdrücklichsten vor dem Hintergrund des Medienrechts entfalten. „Im Namen des Volkes“, im Namen der Öffentlichkeit also, geht es um Geheimnis und Täuschung, üble Nachrede und die Verletzung von Persönlichkeitsrechten, um Privatsphäre und das Recht am eigenen Bild. Das steht, gerade bei Politikern, Prominenten und Mediengrößen in Spannung mit Pressefreiheit und Quellenschutz. Wer es schafft, aus dieser hochaktuellen Gemengelage eine Serie zu machen, die auch dramatisch und ästhetisch einlöst, was das Themengeflecht hergibt, der ist am Puls der Zeit.

Notwendige Bedingung ist allerdings, keine moralisch eindimensionalen Figuren zu gestalten, sondern möglichst komplexe. Rollen mit Machtbewusstsein, Fallhöhe und Intrigantinnentalent wie bei Lady Macbeth. Figuren, die aber nicht nur abstoßend sein dürfen, sie sind selbst Versehrte - und ihre größten Triumphe vor Gericht verwandeln sich womöglich in Pyrrhussiege, sobald das Private ins Spiel kommt. Nicht wirklich amoralische Figuren, sondern solche mit eigner Ethik. Wie Tony Soprano, für den die Familie über allem steht.

In vielerlei Hinsicht macht „Legal Affairs“ das alles bestens. Weiter entfernt vom gemütlich-menschelnden „Königlich-Bayerischen Amtsgericht“ oder vom originell-skurrilen „Falk“ könnte kaum eine Justizserie sein. Kein Anwalt Liebling sorgt hier für Gerechtigkeit und zwischenmenschlichen Ausgleich, beides steht sehr weit im Hintergrund. Dafür macht die Produktionsfirma Ufa Fiction mit ihrer Selbstverpflichtung Diversity sichtbar ernst.

Erzählt wird aus der Praxis - der Medienanwalt Christian Schertz, der auch einen Auftritt hat, hat „Legal Affairs“ nicht nur beraten, sondern auch mit produziert. Im Zentrum steht die erfolgreiche Medienanwältin Leo Roth, vortrefflich gespielt von Lavinia Wilson. In Berlin zieht sie die Strippen nach dem Motto „Le droit, c'est moi“. Pro-Bono-Mandate übernimmt sie, wenn der Gewinn an Publicity das Honorar ausgleicht. Roth denkt schneller, sieht mehr Züge voraus und ist skrupelloser als die Konkurrenz, etwa Gegenanwältin Claudia Schörnig (Sophie Rois). Eine negative Heldinnenfigur, die, zumindest in den ersten der acht Folgen, nie etwas tun würde, weil es „Das Richtige“ ist, denn „Das Richtige“ hängt an den Umständen, die sie selbst manipuliert.

Roth verteidigt eine tote Busfahrerin, die im Boulevardblatt des Reporters Götz Althaus (Stefan Kurt, leider sehr schmierig) verleumdet wird und hilft der rechtsradikalen, angeblich ausstiegswilligen Spitzenpolitikerin Sabine Leuken (eindrücklich: Muriel Baumeister) bei ihrem Machtspiel mit Parteigenossen. Sie kämpft auch für Fußballer und Influencer, für die ein Gerücht das berufliche Ende bedeuten kann. Eine Kriegsreporterin (Jenny Schily), die der Staatsschutz zwingen will, die Quellen ihrer IS-Story preiszugeben, ist ein Mandat fürs Gewissen.

Ein Fall wird horizontal durcherzählt und beschließt als Klimax samt Megacliffhanger die letzte Folge: Der Berliner Innensenator Kai Fontaine (Rainer Sellien) versichert sich Leo Roths Diensten, um seine Geliebte mundtot zu machen. Die sich, von der Anwältin brutal bedroht, aufhängt. Das Politische wird persönlich und umgekehrt. Ein Investigativjournalist (Jacob Matschenz) vermutet Mord, bekommt Roth ins Boot, zumindest vorübergehend. Pikant: Fontaine ist ihr Schwager. Zu ihrer Schwester (Annika Kuhl) hat die Anwältin seit der Kindheit ein besonderes Verhältnis. Dass der schlüpfrige moralische Grund auch die Hauptfigur selbst zu Fall bringt (oder jedenfalls fast), gibt der manchmal wie in Blitzschachmanier geschriebenen Handlung den Kick.

Bildgestaltung, Musik und Look sind für eine Anwaltsserie sehr ausgefallen. Der Drive, den die Autorinnen und die Inszenierung von Randa Chahoud und Stefan Bühling den Folgen geben, überwältigt manchmal fast zu sehr. Man traut sich was, und das sieht sehr gut aus. Genau wie das Team um Sonnenkönigin Roth, ihre rechte Hand Elena (Maryam Zaree), Cecil (Niels Bormann), Kanzleineuling Adrian (Aaron Altaras) und Recherchewunder Mimi (Michaela Caspar).

Prominente treten als sie selbst auf. Das sieht man öfter. Dass aber der Kammervorsitzende des Gerichts in der letzten Folge, Richter Ibrahim Salam (Husam Chadat), sogar mit Akzent spricht und das als selbstverständlich für die deutsche Lebenswirklichkeit erscheint, ist bemerkenswert. Es ist zwar keine große Rolle, aber eine wichtige. Auch das macht „Legal Affairs“ sehenswert.

Aus epd medien 50-21/21 vom 17. Dezember 2021

Heike Hupertz