VOR-SICHT: „Du sollst hören“, Fernsehfilm, Regie: Petra K. Wagner, Buch: Katrin Bühlig, Kamera: Peter Polsak, Produktion: FFP New Media (ZDF, 19.9.22, 20.15-21.45 Uhr, seit 10.9.22 in der ZDF-Mediathek)

epd Im deutschen Fernsehfilm werden gesellschaftlich konfliktträchtige Problemlagen gern im Familiengericht abgehandelt. Das Genre „Gerichtsdrama“ erlaubt es, das Spannungsfeld von Familie und Staat mit aufklärend-emotionaler Wirkung zu erzählen. Hier lassen sich die Beteiligten wie in einer Arena versammeln, lässt sich ein Aufeinandertreffen inszenieren, in dem die Positionen Gehör finden können. Eltern, Kinder, Richter, Anwälte, Jugendamtsvertreter, Verfahrensbeistände (die immer dann zusätzlich geladen sind, wenn es um besonders schützenswerte Personen geht) und Zeugen - jeder und jede ist potenziell wichtig.

Eigentlich ist es ja nicht Aufgabe von Gerichten, in Einzelfallentscheidungen gesellschaftlich zukunftsweisende Positionen zu vertreten. Ziel des Rechts ist der Rechtsfrieden. Wenn dieser auch dem Rechtsempfinden - nicht dem Gerechtigkeitsgefühl - der Gesellschaft entspricht, ist es gut. Wenn nicht, sind Parlament und Gesetzgebung gefragt. Darüber hinaus gibt es für fundamentale Zweifelsfälle den Fernsehfilm. Fernsehfilme wie „In Sachen Kaminski“, „Unser Kind“ oder „Du sollst hören“ funktionieren wie gesellschaftspolitische Untersuchungsausschüsse.

Dass eine Richterin die Familie, die vom Jugendamt der Kindeswohlgefährdung bezichtigt wird, nicht nur zu Hause besucht, sondern auch auf dem Spielplatz, ist zwar unrealistisch, aber wichtig für diese Art der Fiktion. In „Du sollst hören“ geht es um die Auseinandersetzung von Lebenswirklichkeit und Familienrecht. Vor allem geht es um die Frage, wie in diesem konkreten Fall die Richterin (als Stellvertreterin der maßgeblichen gesellschaftlichen Position) Behinderung und Normalität definiert. Und darum, wie Inklusion die Mehrheitsgesellschaft fordern darf.

Auch „Du sollst hören“ ist also das, was man häufig etwas abwertend „Themenfilm“ nennt. Die Autorin Katrin Bühlig ist zuletzt mit dem Film „Weil du mir gehörst“ in diesem Metier hervorgetreten (Kritik in epd 6/20). Also ebenfalls mit einem TV-Sorgerechtsfall.

Auch in diesem Film steht mögliche Kindeswohlgefährdung im Mittelpunkt. Mila (Deila Pfeffer) ist die aufgeweckte kleine Tochter der Familie Ebert, zu der noch der ältere Junge Mats (Leif-Eric Werk) und die Eltern Conny (Anne Zander) und Simon (Benjamin Piwko) gehören. Alle vier sind gehörlos, meistern ihren herzlich zugewandten Alltag meistens problemlos mit den entsprechenden Mitteln (Lampenflackern statt Klingeln), verständigen sich mit Gebärdensprache. Gelegentlich hilft eine Dolmetscherin oder Connys Schwester Jette (Laura Lippmann). Als ein Arzt (Kai Wiesinger) feststellt, dass Mila beste medizinische Voraussetzungen für ein Cochlea-Implantat hat, mit dem sie hören und sprechen lernen könnte, sich die Eltern aber gegen die Operation entscheiden, zeigt er sie beim Jugendamt an.

Es kommt zur Anhörung und Gerichtsverhandlung. Auf der einen Seite sitzen die Eltern, die im weiteren Verlauf des Films ihr gelungenes und gelingendes Leben zeigen, auf der anderen Seite die Jugendamtsvertreterin, die offizielle Positionen und eine sogenannte Normalität vertritt, in der nicht hören zu können als Behinderung eingestuft wird - was Familie Ebert energisch zurückweist. Als Zeuge fungiert der Arzt. So weit, so - trotz sehr gelungener Besetzung - thesenhaft.

Claudia Michelsen verkörpert die Richterin Jolanda Helbig in einer nachdenklichen, angerührten und anrührenden Art, die dem Film den Abhandlungs- oder Familienaufstellungscharakter nimmt und ihn in ein menschliches Drama aufhebt. Auch das kann man gewollt finden. Die Familienseite ist arg harmonisch dargestellt, trotz Elternstreit hier und da und ein paar Alltagsschwierigkeiten, die mehr der sorgsamen Ausgewogenheit geschuldet scheinen, im Gegensatz zu der als „unmenschlich“ abstrakt erscheinenden Haltung der Jugendamtsvertreterin, mit der hier wohl keiner sympathisieren kann.

Man sieht die Absicht überdeutlich, aber es funktioniert. Die Richterin ist eine Kapazität mit menschlichen Qualitäten. Verheiratet ist sie mit einem wesentlich jüngeren Anwalt, Jonas (Jan Krauter), der gerade in der Kanzlei zu arbeiten beginnt, die die Eltern Ebert vor Gericht vertritt. Außerdem ist sie die Ex-Frau des Arztes, der mit der Anzeige beim Jugendamt die Cochlea-Implantat-Operation erzwingen will. Jolanda Helbig versucht, den Fall abzugeben. Gerade sie, sagt jedoch ihre Vorgesetzte, sei prädestiniert, die Sache zu entscheiden. Helbig informiert sich, spricht mit allen, zerbricht sich den Kopf und scheint seltsam angefasst. Im Hintergrund lauert eine verdrängte persönliche, scham- und schuldbehaftete Geschichte.

Bühlig und die Regisseurin Petra K. Wagner tun gut daran, den persönlichen Bezug nicht soaphaft auszuwalzen, sondern eher die emotionalen Folgen der Betroffenheit in den Mittelpunkt zu stellen. Nach sorgfältigem Abwägen verliest Helbig ihren Beschluss.

Der Film mag kein Meisterwerk sein, aber er versucht, sämtliche Aspekte darzustellen. Er versucht vor allem, die Gestaltung von Welt auf der Tonebene und der Schriftebene zu zeigen. Komplett untertitelt, werden Gebärden grafisch in Buchstaben und Sätze übertragen. In Buchstaben, die manchmal verwehen oder sich zornig zu Knäueln ballen. Manchmal ist Stille hier Segen, manchmal erzeugt sie Missverständnisse. Gelegentlich wird die Geräuschkulisse dumpf, wird lautlos ein Teller zerschlagen. Diese vielfältige Abstufung auf der akustischen Ebene macht den Film sehr nachvollziehbar. Allein dafür lohnt es sich, „Du sollst hören“ anzuschauen.

Aus epd medien 37/22 vom 16. September 2022

Heike Hupertz