Die Not der Kinder

VOR-SICHT: „Das Licht in einem dunklen Haus“, Krimi, Regie: Lars-Gunnar Lotz, Buch: Nils-Morten Osburg nach einem Roman von Jan Costin Wagner, Kamera: Julia Daschner, Produktion: Network Movie (ZDF, 28.11.22, 20.15-21.45 Uhr)

epd Zum zweiten Mal spielt Henry Hübchen den Kommissar Johannes Fischer, dessen Frau an einer Krebserkrankung verstorben ist. In „Tage des letzten Schnees“ (Kritik in epd 7/20) war Fischer noch gefangen in seiner Trauer. Er litt unter Schlaflosigkeit, starrte nachts aufs Meer und war nicht nur Ermittler, sondern auch der mitfühlende Ansprechpartner für ein Paar, dessen Beziehung nach dem Unfalltod der Tochter zu zerbrechen drohte. In „Das Licht in einem dunklen Haus“, dem zweiten Teil einer geplanten ZDF-Trilogie nach Romanen von Jan Costin Wagner, tritt Fischer deutlich ausgeschlafener in Erscheinung, denn es gibt eine neue Frau an seiner Seite. Zumindest zu Beginn. Mittendrin verschwindet Marie Beck (Corinna Kirchhoff) plötzlich.

Johannes Fischer weiß nicht, warum, das Publikum auch nicht, und wieso Marie am Ende offenbar doch wieder zurückgekehrt ist, bleibt ebenfalls unklar. Es gibt in dem Film nicht nur „Täter, die rein und raus laufen und nicht gesehen werden“ (Fischer), sondern auch eine sich ähnlich verhaltende Geliebte.

Die wenigen Szenen, in denen das Privatleben Fischers eine Rolle spielt, reichen dennoch völlig aus. Nicht nur weil die komplexe Handlung mit zahlreichen Figuren anspruchsvoll genug ist, sondern auch weil alles Nötige über den Seelenzustand des Kommissars erzählt wird. Fischers Glücksgefühle und seine Verunsicherung bleiben jedoch stärker im Hintergrund als Fischers Trauer im ersten Film. Henry Hübchen spielt seine Figur als ruhigen, empathischen, aber nicht zu Gefühlsausbrüchen neigenden Typen. An seiner Seite agiert wieder ähnlich unaufgeregt und präzise Victoria Trauttmannsdorff als Fischers Chefin Konstanze Satorius - ein erfahrenes, ausgesprochen sehenswertes Ermittlergespann.

Die Befindlichkeiten des Kommissars treten mit Recht zurück angesichts der emotionalen Wucht einer Geschichte, die von der zerstörerischen Kraft eines lange zurückliegenden Verbrechens handelt. Es wurde im Sommer des Jahres 1985 begangen, den die Kamera von Julia Daschner in hellen und strahlenden Bildern heraufbeschwört. Zügellose Gewalt bricht schließlich in diese sonnige Welt ein, während die Dunkelheit, wenn man so will, diesmal nicht Hort des Bösen ist. Dafür liefert der private Nebenstrang eine schöne Schlusspointe (und den Titel des Romans und des Films). Denn Marie sitzt, warum auch immer, gerne im Dunkeln, wenn sie im Haus des Kommissars auf dessen Heimkehr wartet. Und damit Fischer schon vorm Öffnen der Haustür weiß, ob seine neue Freundin da ist, lässt er das Licht brennen, wenn er aus dem Haus geht.

Nun ist das Haus zwar dunkel, aber ob Marie wirklich da ist? Nicht alles zu zeigen, was möglich wäre, zeichnet die Inszenierung von Lars-Gunnar Lotz aus. Es bleiben Bilderlücken, die die eigene Fantasie ausfüllen kann, im Guten wie im Bösen. So geschieht das Verbrechen von 1985 nicht vor den Augen des Publikums, aber der Gewalteindruck ist dennoch enorm. Wegen der Geräusche aus dem Nebenzimmer, aber vor allem weil die Kamera die Perspektive eines Kindes einnimmt, das nicht entkommen kann, und eines anderen Kindes, das das Geschehen aus der Ferne beobachtet. In der Gegenwart ereignet sich dann noch eine ganze Reihe von Morden, von denen nur einer ins Bild gesetzt wird - aus einiger Entfernung, geräuschlos und beiläufig. Während Servicekräfte in einem Raum im Vordergrund arbeiten, wird ein Mann von der Terrasse des 14. Stocks eines Hauses gestürzt. Niemand bemerkt es.

Drehbuchautor Nils-Morten Osburg geht ziemlich locker mit der Roman-Reihe von Jan Costin Wagner um. Die Geschichten spielen eigentlich in Finnland, Hauptfigur ist Kommissar Kimmo Joentaa, der deutlich jünger ist als sein Wiedergänger Johannes Fischer. Auch die Reihenfolge wird auf den Kopf gestellt: „Das Licht in einem dunklen Haus“ ist vor „Tage des letzten Schnees“ erschienen. Aber das tut wenig zur Sache, denn das Verständnis für den Charakter des Kommissars bleibt im Kern gewahrt. Und so wie Wagners Romane bieten auch die Filme menschliche Dramen von ungewöhnlicher Tiefe und Intensität. Dem Publikum wird dabei - im Gegensatz zum Krimi-Allerlei im deutschen Fernsehen - zugemutet, mehreren parallelen, sich langsam entwickelnden Handlungssträngen auf mehreren Zeitebenen zu folgen.

Tatsächlich wird es in der zweiten Osburg/Lotz-Verfilmung aufgrund der Vielzahl der Namen und Figuren etwas unübersichtlich. Um an eine Beziehung zwischen Olivia (Paula Kroh), der sanften, freundlichen, so hingebungsvoll lauschenden Klavierlehrerin, mit dem rüpelhaften Rico (Sebastian Zimmler) zu glauben, muss man schon sehr viel Fantasie aufbringen. Man kann jedoch einwenden, dass die Ereignisse des Sommers 1985 konsequent als Erinnerung von Olivias Klavierschüler Tobias (Constantin von Jascheroff) erzählt werden. Und für den waren die Begegnungen mit Rico gewiss traumatisierend.

Mit einem Brief des 26 Jahre älteren Tobias an einen Freund aus Kindheitstagen sowie einem rätselhaften Mord an einer Wachkomapatientin beginnt der Film. Man kann zwischendurch den Eindruck gewinnen, dass sich Osburg und Lotz in den vielen Handlungssträngen verzetteln, aber das Knäuel löst sich auf und das Drama erzeugt nicht das routinierte Krimi-Gefühl, dass die Welt wieder einigermaßen in Ordnung kommt, wenn die Polizei nur den Täter fasst. Vielmehr ist in den Gesichtern von Fischer und Satorius wachsendes Entsetzen zu erkennen: über die Zerstörung des Opfers, das Schweigen der Mitwisser und die Not der Kinder, die Zeugen der Tat wurden.

Aus epd medien 47/22 vom 25. November 2022

Thomas Gehringer