Die Nachfolger

VOR-SICHT: "Das Geheimnis der Freiheit", Fernsehfilm, Regie: Dror Zahavi, Buch: Sebastian Orlac Kamera: Gero Steffen, Produktion: Trebitsch Entertainment und Zeitsprung Pictures, (ARD/WDR/Degeto, 15.1.20, 20.15-21.45 Uhr)

Nur Zuschauern über 50 dürfte dieser Name noch etwas sagen: Berthold Beitz. Vermutlich ist auch der Name Golo Mann längst nicht mehr überall bekannt. Dass das Erste (genauer: WDR und Degeto) trotzdem einen Fernsehfilm über das Zusammentreffen dieser beiden in der Bonner Republik bekannten Männer zeigt, ist erstaunlich. Doch tatsächlich ist erzählenswert, was hier von Sebastian Orlac (Buch) und Dror Zahavi (Regie) erzählt wird.

Der Historiker Golo Mann war das dritte Kind von Thomas Mann. Geboren 1909 ging er während des "Dritten Reichs" wie seine Eltern ins Exil. Berthold Beitz, geboren 1913, war ein deutscher Manager. Er stammte aus kleinen Verhältnissen und machte während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Osten Karriere. Als kaufmännischer Leiter rettete er, ähnlich wie Oskar Schindler, viele Juden vor den Vernichtungslagern, indem er sie für unabkömmlich für die kriegswichtigen Produktion erklärte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Beitz die Geschicke des Krupp-Konzerns, 1952 eingesetzt von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Krupp war die Waffenschmiede der Nazis gewesen, Alleininhaber Alfried war 1948 als Kriegsverbrecher zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden, wurde aber schon 1951 wieder begnadigt.

So viel - in den Fernsehfilm geschickt eingearbeitete - Vorgeschichte muss sein, denn dieser Film spielt zwar vorwiegend in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, erzählt aber eigentlich davon, wie die "Männerwirtschaft" der Bonner Republik durch und durch vom "Dritten Reich" geprägt war.

Der Film setzt ein, als Krupp Anfang der 70er Jahre auf die Pleite zusteuert. Beitz ist ein Manager ohne Skrupel, er holt den reichen persischen Schah ins Boot, was sich angesichts der Zeitläufte dann nicht nur als moralisch fragwürdige, sondern auch als wirtschaftlich schlechte Entscheidung herausstellen sollte. Angesichts der miesen Presse für Krupp kommt Beitz auf die Idee, öffentlich von den aktuellen Problemen abzulenken und den prominenten Thomas-Mann-Sohn eine Biografie seines Gönners Alfried schreiben zu lassen.

Golo Mann wiederum kann Ablenkung gebrauchen und lässt sich darauf ein. Der bollerige "Machtmensch" Beitz (glaubhaft: Sven-Eric Bechtolf) und der, zumindest in der Darstellung von Edgar Selge, eher zarte und zerrissene "Geistesmensch" Mann fungieren hier als Antipoden.

Interessant wird die Sache, weil die beiden nicht einfach Gegner sind. Beitz schwimmt zwar im Fett der Bonner Republik (mit Außenposten Sylt), thront und dröhnt inmitten all der Herrschaften, die Nazis waren. Und war doch selbst im "Dritten Reich" keiner der großen Verbrecher, sondern einer, den Yad Vashem 1973 als "Gerechten unter den Völkern" anerkennt. Eine Ehrung, die er 17 Jahre lang nicht entgegennimmt, weil er meint - so die Darstellung des Films - er habe nicht genug getan. Oder zögerte er, weil das seinen Geschäften mit all den Ex-Nazis nicht sonderlich zuträglich gewesen wäre?

Diese beiden Männer umschleichen sich in dem Film. Was Golo Mann schließlich über Beitz' Gönner Alfried schreibt, lässt Beitz dann lieber doch nicht drucken. Machtmensch, der er ist, ist ihm egal, was das Schreiben für den Papierkorb für Mann bedeutet.

Ein ungewöhnlicher Fernsehfilm mit zwei starken Protagonisten, von dem sich niemand ein großes Publikum versprechen dürfte. Der Film geht auf eine Initiative von Jörg Schönenborn zurück, WDR-Programmdirektor für Information, Fiktion und Unterhaltung und ARD-Fernsehfilmkoordinator.

Die Frage, die sich bei historischen Stoffen immer stellt - warum keine Dokumentation? - beantwortet sich hier von allein: Es handelt sich nicht um ein weiteres überflüssiges Biopic, es geht hier nicht in erster Linie um Nacherzählung und Fakten, es geht ums Nachdenken über die psychische und emotionale Situation der vom Nazireich geprägten "Bonner Herrschaften". Gegen den (Un-)Geist dieser männlichen Elite revoltierten die die Studenten 1968, für die Rote Armee Fraktion wurden sie eindimensionale Gegner. Töten erlaubt.

Inzwischen scheint die Zeit reif für das Nachdenken über die Gefühle, Traumata und Verstrickungen der deutschen Väter, Großväter und Urgroßväter. Der Männer - Frauen waren ja kaum in Machtpositionen -, die die Bonner Republik schufen und prägten. Diese Generation sprach wenig oder auch gar nicht über ihre Gefühle und Erlebnisse im Krieg. Man soff und rauchte dafür umso mehr und gab den harten Macker. Mit Disziplin, sagt Helmut Schmidt in diesem Film, von Beitz befragt, wie er den Deutschen Herbst der RAF überstanden habe. Etwas anderes habe die gemeinsame Generation doch nicht gelernt.

Der Beitz dieses Films fühlt sich verfolgt von einem Geist, einer Frau, die er nicht retten konnte, weil sie von ihm nicht um jeden Preis gerettet werden wollte (mehr soll hier nicht verraten werden). Der mächtige Beitz, der nach seinen Erlebnissen im "Dritten Reich" von der Macht nicht genug kriegen kann, um selbst nie wieder Ohnmacht erfahren zu müssen, bezahlt Golo letztlich gar nicht als Autor. Er scheint sich seiner vielmehr zu bedienen, um mit Hilfe der Beziehung zu einem Nazi-Gegner und Vertreter des "anderen Deutschland" mit seiner Seelenqual fertig zu werden.

Golos Distanz als Sohn eines weltberühmten deutschen Exilschriftstellers zu dem Macher-Typ Beitz, der das Erbe eines verurteilten Kriegsverbrechers angetreten hat, ist dabei so groß wie sein Mitgefühl: Von den Gespenstern der Vergangenheit versteht der Sohn des Schriftsteller-Übervaters viel. Beide Nachfolger-Figuren lernen hier über- und voneinander. Der Zuschauer, der die Geduld aufbringt, sich auf die heute unbekannten Berühmtheiten von gestern einzulassen, lernt mit - ohne, und das ist selten, belehrt worden zu sein.

Aus epd medien 1-2/20 vom 10. Januar 2020