Die Melancholie steht ihnen gut

VOR-SICHT: „Alles auf Rot“, Polizeifilm, Regie und Buch: Lars Becker, Kamera: Felix Novo de Oliveira, Produktion: Network Movie (Arte/ZDF, 12.11.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd Das Erzählen von Polizisten, die beim Sortieren von Gut und Böse selbst mal durcheinander kommen und den rechten Weg verlassen, gehört genauso zu den Spezialitäten des Filmemachers Lars Becker wie das selbstverständliche Einflechten migrantischer Biografien in seine Krimiplots. Beides praktiziert er seit Jahren in seinen ZDF-Reihen „Nachtschicht“ und „Der gute Bulle“, jeweils mit Armin Rohde in zentralen Rollen - und auch das Cop-Duo Kessel und Diller, das er nach Motiven des Romans „Unter Feinden“ von Georg M. Oswald entwickelte, fügt sich nahtlos in diesen Kosmos ein.

„Alles auf Rot“, nach „Unter Feinden“ (2012), „Zum Sterben zu früh“ (2015) und „Reich oder tot“ (2018) der vierte und letzte Film der Reihe, fügt den typischen Becker-Charakteristika aber noch eine weitere Qualität hinzu: Während der Autor und Regisseur in mancher „Nachtschicht“- oder „Der gute Bulle“-Folge schon mal überdreht und vor lauter Willen zu Coolness und flotten Sprüchen die Plausibilität vernachlässigt, präsentiert er sich hier ganz konzentriert und reduziert. Statt Schnoddrigkeit liegt Melancholie über der Szenerie, und die steht Becker und seinen Antihelden gut.

Gleich zu Beginn muss Erich Kessel (Fritz Karl), der lange drogensüchtige Hamburger Ermittler, der im vorigen Film im Gefängnis landete, weil ihm eine Informantin Kokain untergeschoben hatte, seine an Epilepsie gestorbene Tochter beerdigen. Wenn er von Justizvollzugsbeamten in Handschellen zum Begräbnis gefahren wird und dort seine Frau Claire (Jessica Schwarz) und seinen Ex-Buddy Mario Diller (Nicholas Ofczarek), der mit Claire eine Affäre hatte, wiedersieht, wird unmittelbar spürbar, dass hier Versehrte aufeinandertreffen, die kaum noch Hoffnung auf ein Happy End haben. „Ich hab ’nen Job für dich, wenn du rauskommst“, sagt Diller. „Wozu?“, fragt Kessel. „Muss ja weitergehen“, gibt Diller mit unbewegter Miene zurück.

Der inzwischen cleane Ex-Bulle soll sich als Barkeeper auf St. Pauli versuchen. Zuvor allerdings macht ihm im Knast auch noch sein Mithäftling Walid Schukri (Kida Khodr Ramadan) ein Angebot. Der offenbar gut betuchte Clanchef, der hinter Gittern schon mal einen Feind mittels einer mit Rasierklinge versehenen Zahnbürste eliminierte, bietet ihm „50 Riesen“, wenn er den Mörder seiner Tochter „umlegt“. Die wurde gerade mit ihrem Bräutigam in spe beim Aussuchen des Hochzeitskleids erschossen. Als Kessel ablehnt, bessert Schukri nach: Es würde ihm schon reichen, wenn Kessel den Täter im Kofferraum bei seiner Familie ablieferte - „den Rest erledigen wir“.

Während die Frage nach der Identität des Doppelmörders nicht lange offenbleibt - der offensichtlich überforderte Kleindealer Goran (Slavo Popadic) ersucht das bereits aus „Reich oder tot“ bekannte Betreiberpaar des Brautmodeladens (Sahin Eryilmaz, Narges Rashidi) um Beistand und Stillschweigen -, sorgt die Ungewissheit, wie anfällig Kessel für Schukris Offerte ist, für eine untergründige Spannung. In jedem Fall bringt ihn die von einer Überwachungskamera dokumentierte Tatsache, dass er auf dem Gefängnishof mit Schukri gesprochen hat, direkt wieder ins Visier der Staatsanwältin Soraya Nazari (Melika Foroutan): Die kühle Muslima, die Zweifel an der erfolgreichen Resozialisierung des gestrauchelten Ordnungshüters hat, lässt gegen den Willen des Dienststellenleiters (Martin Brambach) Kessels Haus und Auto verwanzen.

Zu einem stimmungsvollen Hauptschauplatz der Handlung wird in der Folge die Kiezbar, in der Kessel der Prostituierten (Josefine Israel) aus dem Stundenhotel gegenüber Bloody Marys mixt. Sie avanciert zur schummrig ausgeleuchteten Theaterbühne für allerlei Konfrontationen. Dass die Kaschemme meist genauso menschenleer ist wie die von Schneeresten bedeckten Straßen des Amüsierviertels draußen, verleiht der Atmosphäre etwas Artifizielles, passt aber zu Konzentration und Reduktion der Inszenierung. „Sind das die Frauen, von denen du träumst?“, fragt Claire, die es noch mal mit Kessel versuchen will, als sie die neue Tresenbekanntschaft ihres Mannes kennenlernt. Die Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen.

Als irgendwann auch der gesuchte Doppelmörder Goran an der Theke auftaucht und direkt mit krawalligem Verhalten auffällig wird („der Bloody Mary schmeckt nach Pisse“), kann Diller ihn wegen Drogenbesitzes festnehmen, abtransportieren und auf dem Revier verhören. So glimpflich aber kann natürlich keine Film-noir-Reihe ausklingen. Am Ende will Kessel tatsächlich mal das Richtige tun und hat sogar die Probezeit als Barmann bestanden - und dann liegen doch noch zwei Leichen auf dem Kopfsteinpflaster von St. Pauli. Finale furioso. Vorhang fällt.

Aus epd medien 45/21 vom 12. November 2021

Peter Luley