Die Affektmacher

VOR-SICHT: "Bild.Macht.Deutschland? Ein Jahr hinter den Kulissen der Bild", siebenteilige dokumentarische Serie, Regie und Buch: Peter Hirsch, Harald Hotz, Mark Reuter, Meik Schneider, Christoph Sievers, Kamera: Robert Porsche, Produktion: Constantin Entertainment (ab 18.12.20 auf Amazon Prime Video)

Kein anderes Medium polarisiert und provoziert so sehr wie "Bild". Mit Günter Wallraffs Undercover-Recherche wurden 1977 die journalistischen Defizite und manchmal unsauberen Recherchemethoden der Springer-Zeitung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Nun heißt es zu Beginn dieser siebenteiligen dokumentarischen Reihe: "Erstmals durfte ein Kamerateam exklusiv ein Jahr die Arbeit der 'Bild'-Macher dokumentieren."

Warum lassen sich die Macher des Boulevard-Mediums ausgerechnet jetzt mit einer knapp sechs Stunden langen Dokumentation in die Karten schauen? Eine mögliche Antwort auf diese Frage gibt die Dokureihe selbst, die eine seit geraumer Zeit schon in Gang befindliche Umbruchsituation der gesamten journalistischen Branche widerspiegelt, von der auch der Springer-Konzern betroffen ist. Es geht darum, so der zu Wort kommende Leiter der Parlamentsredaktion Ralf Schuler, "möglichst alles in TV-fähigen Echtzeitformaten zu präsentieren".

Das Interesse der "Bild"-Redaktion an einer Filmberichterstattung über ihre Interna ist von diesem Prozess des Umbruchs nicht zu trennen. Die Dokumentation, für die fünf Reporter verantwortlich zeichnen, zeigt zwar den Redaktionsalltag und blickt "Bild"-Journalisten während ihrer Einsätze über die Schulter. Dieser Blick hinter die Kulissen bleibt jedoch ambivalent. Die Ambivalenz spiegelt sich bereits in der formalen Machart. So übernimmt die Dokumentation nicht zufällig das Layout von "Bild". Die übergroßen, plakativen schwarz-roten Überschriften werden jeweils in die Szenen hineinmontiert. Das Betrachten des Films wird so ein audiovisuelles Äquivalent zum Durchblättern der Zeitung. Die Dokumentation legt ihren Schwerpunkt auf die Beobachtung der Versuche, mit "Bild-TV" im Internet eine eigene Fernsehmarke zu platzieren.

Den Einstieg und ein nahezu durchgehendes Oberthema der Doku-Reihe bilden die Corona-Krise und der politische Streit um den Nutzen des damit verbundenen Lockdowns im Frühjahr. Paradigmatisch für die Vorgehensweise der Springer-Redakteure ist die Aufregung um Christian Drosten, die durch die Presse gegangen ist. Der Virologe hatte im Mai in einer Studie behauptet, Schulkinder seien in der Corona-Pandemie ebenso ansteckend wie Erwachsene. Filipp Piatov, im Impressum als Ressortleiter für Meinung ausgewiesen, setzte Drosten daraufhin mit einer provozierenden Anfrage unter Druck, für die er nur eine kurze Antwortfrist einräumte. Bekanntlich wehrte sich der Virologe, indem er die Mail samt Mobiltelefonnummer des "Bild"-Redakteurs via Twitter veröffentlichte (epd 38, 22/10).

Die Dokumentation zeigt nun aus der Innenperspektive, mit welch diebischer Genugtuung man bei "Bild" auf den dadurch losgetretenen Skandal reagierte. "Die Geschichte", so Piatov, "ist natürlich feinster Boulevard." Und "Herr Drosten ist jetzt Protagonist. Ob er will oder nicht, sei mal dahingestellt." Diese - vielleicht nicht geplante, aber dennoch keineswegs zufällige - Vorgehensweise ist, so verdeutlicht die Dokumentation, ist gängige journalistische Praxis bei "Bild" und assoziierten Formaten.

So zeigt die Dokumentation zweierlei: Die Reporter des Springer-Konzerns sind zwar tatsächlich gut vernetzt und meist auch bestens informiert. Dabei spiegeln sie jedoch tagesaktuelle Ereignisse nicht einfach nur wider. Sie berichten vorwiegend über Ereignisse, bei denen sie - wie das Drosten-Beispiel zeigt - selbst das Affektpotenzial und die emotional angeheizte Auseinandersetzung provoziert haben. Diese Praxis dokumentieren die Autoren an zahlreichen Beispielen. So postiert sich etwa ein "Bild"-Kamerateam so lange vor dem Anwesen des Rappers Sido, bis dieser wütend eine Reporterin attackiert - und somit auch zum "Protagonisten" einer vermeintlichen Nachricht wird. Einer Nachricht, mit der das Medium eigentlich nur sich selbst als Marke feiert.

Manchmal entstehen aus dieser Praxis auch anrührende Momente. Wenn etwa der Bassist der berühmten Popgruppe "Kiss" vor der Kamera aus einem von einem Springer-Reporter zusammengestellten Aktenordner erfährt, dass seine Mutter Flora vor 75 Jahren aus dem Konzentrationslager Mauthausen befreit wurde, dann lautet die Schlagzeile: "Hier erfährt der Weltstar die KZ-Geschichte seiner Mutter." Das Adverb "hier" verweist auf den im Foto festgehaltenen Moment einer starken emotionalen Reaktion. So wird Journalismus eins mit boulevardesker Unterhaltung.

Dass es bei "Bild" schon immer weniger um Journalismus im engeren Sinn als vielmehr um Unterhaltung ging, ist nichts Neues. Ob die Redakteure bei Springer deswegen zuweilen das schlechte Gewissen plagt, ist schwer einzuschätzen, doch in gefühlt jeder zweiten Szene versuchen Chefredakteur Julian Reichelt und seine Kollegen, ihre Methoden als seriösen Journalismus zu legitimieren.

Deutlich wird dieser Versuch der Aufwertung auch in den letzten beiden Episoden, die Paul Ronzheimer mit der Kamera bei seiner Berichterstattung aus der Ukraine begleiten. Den rasenden Reporter mimend, möchte der stellvertretende Chefredakteur an einen "vergessenen Krieg" erinnern. Hierfür begibt er sich an die Front, um den Kameraden eines gefallenen Soldaten zu interviewen. Zwischendurch spricht er direkt in die Kamera der Dokumentaristen, um zu betonen, ihm liege daran, "ehrlich zu berichten". Die Berichterstattung bei "Bild" ist oft mit einer Pose verbunden.

Die Dokumentation macht schließlich auch deutlich, dass solche Nachrichten über Krieg oder Politik genauso wie die Homestorys von Prominenten letztlich doch nur als Fußnote für das Kerngeschäft fungieren: die Fußball-Bundesliga. Jeder Dritte, sagt Reichelt, kauft "Bild" nur wegen Fußball. Dadurch werden Prioritäten gesetzt: "Dem Sport", so Sport-Chefredakteur Matthias Brügelmann, "ist es egal, wer unter ihm Chefredakteur ist." Die Filmreihe deutet an, inwiefern insbesondere die Sportberichterstattung bei "Bild" von ihrem symbiotischen Verhältnis mit Fußballstars profitiert. Kritisch dargestellt wird das nicht wirklich.

In wenigen Sätzen umreißt jedoch der Ex-Profi Lothar Matthäus seine ambivalente Beziehung zu "Bild"-Reportern. Sie hätten seine komplette Karriere begleitet. "Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu denen (…) Ich würde aber nicht alle Geheimnisse mit ihnen teilen." In diesem Statement wird indirekt das vampirische Verhältnis von "Bild"-Reportern zu ihren Protagonisten deutlich. Die Redakteure des Springer-Blattes können diese Protagonisten medial hochleben lassen - doch dafür saugen sie sie aus.

Gelegentlich wird man in der Dokumentation Zeuge, wie dieses Geschäftsmodell funktioniert. Eine kritische Einordnung dieser Praxis gibt es nur am Rande. Insofern müssen die Autoren sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie sich zu Zweitverwertern von "Bild"-Themen und -Motiven machen ließen. In Medienberichten hieß es, der Springer-Verlag habe sich die Möglichkeit einräumen lassen, bei einer Vorab-Sichtung des Materials ein Veto einzulegen. Wenn dann auch noch beispielsweise das Thema Frauenquote bei "Bild" angeschnitten wird und dabei gezeigt wird, wie eine Reporterin klimaneutral mit dem Fahrrad zum Interviewtermin fährt, dann bezahlt die siebenteilige Hochglanzdokumentation die große Nähe zum inneren Kreis der "Bild"-Macher damit, dass sie sich zum Markenbotschafter machen lässt.

Aus epd medien 51-52/20 vom 18. Dezember 2020

Manfred Riepe