An die 60

VOR-SICHT: „Um die 50“, Komödie, Regie: Ralf Huettner, Buch: Ralf Huettner, Dominic Raacke, Kamera: Armin Golisano, Produktion: Akzente Film- und Fernsehproduktion (ZDF, 30.8.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd Deutsche Fernsehfilmschaffende erinnern sich an ihre berufliche Geschichte - und setzen beim Zuschauer eine ganze Menge voraus. Oder hätten Sie noch gewusst, dass es in den 90er Jahren mal eine ZDF-Serie rund um eine Münchner Clique gab, die „Um die 30“ hieß? Zumindest Fernsehfilmschaffende und Kritiker, die damals schon aktiv waren und heute dann deutlich über 50 sein dürften, könnten sich erinnern, dass sie die Serie 1995 gelungen und modern fanden.

Nun gab es also ein Wiedersehen - sofern man die Serie damals denn gesehen hat - mit den gealterten TV-Stars. Die frühere Gang kommt zum 50. Geburtstag von Carola (Susanne Schäfer) zusammen, nicht jeder hat Lust. Eigentlich keiner. Sofort ins Auge sticht, dass einige der beliebten Schauspieler nicht wie „um die 50“ wirken, was daran liegt, dass sie über ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Film schon über 60 sind. Etwa Jürgen Tarrach als Carlo, seines Zeichens betrogener Ehemann von Carola. Oder Dominic Raacke: Als Frank trauert er im Alltagstrott der Zweitehe seiner schönen Ex-Frau Tina (Natalia Wörner) hinterher.

Wer kein elefantöses Gedächtnis hat, dem wird - trotz einiger Rückblicke - bei diesem Stück selbstreferenziellen TVs viel gedankliche Mitarbeit abverlangt. Sechs Protagonisten, die keine Pärchen (mehr) sind, sind ja an sich schon zu viel, um den Überblick zu wahren. Zu den vier oben bereits Genannten gesellt sich noch Bruno Eyron als abgebrannter Porschefahrer Olaf mit viel zu junger Freundin sowie Catherine Flemming als Tinas Schwester Sabrina, die ihren Mann verlassen hat, weil sie jetzt eine Frau liebt.

Doch bleibt es nicht bei dem halben Dutzend, man wird hier mit einer wahren Unzahl von Personen, Namen und Lebensgeschichten konfrontiert. Denn in den Jahrzehnten zwischen 30 und 50 haben sich Ex-Männer, Zweitfrauen, Neu-Freundinnen, Kinder und Stiefkinder en gros angesammelt. Und en detail geht es bei „Um die 50“ zum Teil ausführlich um deren Geschichten und Geschichtchen. Fast als hätte man eigentlich Stoff für eine neue Serie gesammelt - und dann nur 88 Minuten bekommen.

Wie in den 90er Jahren stammt das Drehbuch von Ralf Huettner und Dominic Raacke, Huettner führte wieder die Regie. Wer „Um die 50“ mit den beliebten TV-Stars genießen will, sollte sich vielleicht eine eher impressionistische Rezeptionshaltung zulegen. Der Film sieht sich am besten so an, wie man durch ein Kaleidoskop guckt, das man langsam staunend dreht. Dauernd mischen sich die Dinge neu, man sieht neue Muster und Konstellationen. Und das wiederum ergibt in gewisser Weise dann eine doch ziemlich wahrhaftige Erzählung über die Erfahrung und das Lebensgefühl des „Um die 50“ - oder auch schon „Über 60“-Seins.

So ist es, das Leben: unübersichtlich. Es finden sich neue Menschen an. Ewige Lieben sind verflossen. Gewissheiten zerstoben. Berufliche Illusionen zerplatzt. Man hat sich dem Partner entfremdet und liebt ihn gegebenenfalls doch. Die Hohlheit von Status wird für den einen spürbar - den anderen schmerzt, ihn nie erworben zu haben und im beginnenden Alter wirtschaftlich rumzukrebsen. Kurzum: Man wurstelt sich halt irgendwie durch, versucht das Beste draus zu machen und gelegentlich Honig aus verklärten Erinnerungen zu saugen. Und doch will im Grunde niemand zu Carolas Feier, jeder ist mit der Bewältigung seiner aktuellen Probleme viel zu beschäftigt.

Eigentlich umfasst die erzählte Zeit hier den Festtag - von der Anreise und den Vorbereitungen bis zum körperlichen Zusammenbruch des übergewichtigen Carlo in der Nacht. Es war eine gute Idee, wenigstens zeitlich dramaturgische Klarheit und Strenge walten zu lassen, wenn man schon so viele Figuren ins Bild setzt. Doch leider wurde dann doch noch ein zweiter Tag mit einer Art Happy End drangepackt, statt den Film damit enden zu lassen, dass einige der Lebenslügen und Sich-selbst-in-die-Tasche-Lügereien aufgeflogen waren.

Mutmaßlich, damit die Zuschauer des ZDF, die ja mit den hier versammelten Schauspielern gealtert sind, nicht allzu melancholisch gestimmt ins Bett müssen, findet sich die alte Clique am Sonntag nach der Feier dann doch noch mal richtig zum fröhlichen Bowling-Spiel zusammen. Wie früher in den alten Serienausschnitten. Und in einem weiteren guten Vierteljahrhundert, sagen wir mal 2050, gibt es dann „Um die 70“ mit 90 Jahre alten Ex-Stars? Wir wünschen allen ein langes Leben! Aber ob es das ZDF dann noch gibt?

Aus epd medien 34/21 vom 27. August 2021

Andrea Kaiser