Der ungeteilte Himmel

VOR-SICHT: "Wettlauf ins All - Zwei Deutsche erobern den Kosmos", Dokumentation, Regie und Buch: Nicola Graef und Florian Huber, Kamera: Frank Kranstedt, Alexander Rott, Thomas Rist, Produktion: Lona Media (ARD/MDR/NDR, 3.10.20, 16.45-17.30 Uhr)

Zwischen Morgenröthe-Rautenkranz, einem Dorf in Sachsen, und dem thüringischen Städtchen Greiz beträgt die Entfernung keine 40 Kilometer. Im einen wuchs Sigmund Jähn auf, der im August 1978 als erster Deutscher in den Weltraum flog. Aus dem anderen stammt Ulf Merbold, der noch vor dem Mauerbau in den Westen floh, wo er Physik studierte und fünf Jahre nach dem ostdeutschen Kosmonauten mit der US-Spacelab-Mission als zweiter Deutscher ebenfalls ins All vorstieß.

Die Geschichte zweier Weltraumpioniere, die beinahe Nachbarn waren, ohne es zu wissen, dann aber von der "Feindschaft der Systeme" getrennt wurden, worauf sie "draußen im Kosmos auf eine ganz andere Welt" stießen, kann man sich nicht ausdenken. In ihrer Dokumentation "Wettlauf ins All - Zwei Deutsche erobern den Kosmos", die Das Erste im Rahmen seines Sonderprogramms "30 Jahre Deutsche Einheit" ausstrahlt, spiegeln Nicola Graef und Florian Huber die Biografien des fliegenden Vogtländers Jähn und des Überfliegers Merbold reizvoll ineinander.

Als am 26. August 1978 die DDR-Medien überraschend verkündeten, dass sich ein Deutscher auf dem Weg ins All befand, war das die Sensation. Der Arbeiter- und Bauernstaat, wirtschaftlich längst abgehängt, konnte wenigstens das Prestige für sich beanspruchen. Das Politbüro nutzte die Gelegenheit, um die gefühlte "Überlegenheit des sozialistischen Systems auf deutschem Boden" zu demonstrieren. Nach seiner unsanften Landung - die ihm ein lebenslanges Rückenleiden einbrachte - musste der Volksheld Jähn an der Seite Erich Honeckers im offenen Wagen mehrere Stunden durch Ostberlin paradieren.

Archivfilme und Interviews - auf die der Film aufgrund der Prominenz seiner Protagonisten ausgiebig zurückgreifen kann - verdeutlichen unterdessen eines: Für die Propaganda der damals voll im Gang befindlichen Militarisierung des Weltraums wollte Jähn sich nur ungern einspannen lassen. Zwar hing die Karriere des gelernten Buchdruckers, der zur Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) gegangen und dort zum Jagdflieger ausgebildet worden war, von der Linientreue ab. Vom Sozialismus distanzierte er sich auch nach der Wende nie wirklich. Als Aushängeschild für die Militarisierung des Weltraums wollte er aber nicht dienen. Er hatte nämlich im All etwas Bestimmtes gesehen. Etwas, das Ulf Merbold nach ihm auch sehen sollte.

Aus der Perspektive des Physikers Merbold, der sich gegenüber 2.000 Kandidaten für die Space-Lab-Mission durchsetzen konnte, klingt die Geschichte des anderen Deutschen, der in den Weltraum durchstartete, mehr nach Understatement. Ulf ist "ein cooler Typ", erinnert sich ein NASA-Kollege. Als er beim Start der Columbia-Raumfähre gehörig durchgeschüttelt wurde, dachte er nur: "Hoffentlich haben die alle Schrauben gut angezogen."

Graefs und Hubers Dokumentation fasziniert, weil sie das Potenzial dieser bislang nur in Printmedien angerissenen Geschichte pointiert hervorkehrt. So lernte Merbold seinen Kollegen Jähn 1984 bei den Oberth-Festspielen in Salzburg endlich persönlich kennen. Als er ihn zwei Jahre später bei einem Kongress in Innsbruck wiedertrifft, macht der Astronaut dem Kosmonauten ein verwegenes Angebot: Merbold war mit einem Sportflugzeug angereist und lud Jähn zu einer Spritztour über die Alpen ein. Mitten im Kalten Krieg hätte dieser unerlaubte Westkontakt den damals frischgebackenen NVA-General Kopf und Kragen kosten können. Dennoch sagt er zu.

Der DDR-General und der DDR-Flüchtling - zwei Vogtländer, die beide aus dem All dasselbe gesehen haben, heben nun endlich gemeinsam ab: ein buchstäblich erhebender Moment - auch wenn es dazu leider kein Archivmaterial gibt. Die beiden Weltraumpioniere aus Ostdeutschland verkörpern einerseits das, was Christa Wolf in ihrer berühmten Erzählung den "geteilten Himmel" nannte. Andererseits haben Jähn und Merbold von oben auch den ungeteilten Himmel gesehen. Auf emphatische Weise verschmilzt in ihrem gemeinsamen Flug über die Alpen die Vorwegnahme der Wiedervereinigung mit einer Schelmengeschichte. Lächelnd erzählt Merbold, wie er und sein Ostkollege damals die DDR-Aufpasser austricksten, damit es so aussah, also ob Jähn nur mal einen Kaffee trinken war: Das ist Hollywood.

Formal ist die Dokumentation vergleichsweise konventionell, doch das geht völlig in Ordnung. Der Film vertraut auf seine erstaunliche Geschichte - die noch immer nicht zu Ende ist. So saßen Merbold und Jähn im Oktober 1989 in Saudi-Arabien vor dem Fernseher, wo sie gemeinsam sahen, wie die Mauer fiel. Der Berufssoldat aus Ostdeutschland erlebte die Wende allerdings mit gemischten Gefühlen. Mit Anfang 50 stand Jähn nämlich plötzlich vor dem Nichts - vom Volkshelden zum gefallenen Engel.

Doch Merbold griff dem Kollegen unter die Arme. Während der Wendezeit schloss nämlich der Vorgänger des heutigen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Moskau einen Vertrag über den Mitflug eines deutschen Astronauten zur Raumstation Mir. Da Jähn aufgrund seiner langjährigen Kontakte perfekt Russisch sprach, schlug Merbold ihn als Berater vor. Die beiden Weltraumpioniere, so das bewegende Fazit, haben die deutsche Wiedervereinigung im Orbit und auf dem Boden vorgelebt. Nun muss die wirtschaftliche und kulturelle Vereinigung ihrem Vorbild folgen.

Aus epd medien 40/20 vom 2. Oktober 2020

Manfred Riepe