Der Sog bleibt

VOR-SICHT: "Babylon Berlin", zwölfteilige Serie, dritte Staffel, Regie: Tom Tykwer, Hendrik Handloegten, Achim von Borries, Buch: Tom Tykwer, Hendrik Handloegten, Achim von Borries nach Volker Kutschers "Der stumme Tod", Kamera: Frank Griebe, Bernd Fischer, Philipp Haberlandt, Produktion: X Filme Creative Pool, Beta Film (Sky/ARD Degeto/WDR, ab 24.1.20, jeweils freitags, 20.15-21.50 Uhr)

Zwar hat der Okkultismus in bestimmten Kreisen Konjunktur, zwar ist Hellsehen nach Hanussen als forensisch-wissenschaftliche Methode zumindest beim fortschrittlichen Polizeirat Ernst Gennat (Udo Samel) im Kommen, aber wirklich in die nähere Zukunft sieht im September 1929 nur der Schwerindustriellenspross Alfred Nyssen (Lars Eidinger): "Die Kurse werden implodieren." Das ganze System stehe vor dem Kollaps wie ein Kartenhaus.

Dabei scheinen nach schweren Jahren endlich goldene Zeiten für den gemeinen Mann und Familienvorstand gekommen zu sein. Mit der Wirtschaft geht es bergauf. Tagelöhner ohne Besitz bekommen billiges Geld zur Anlage. Aktien verkaufen die Banken wie geschnitten Brot - auf Pump. Schließlich steigen die Zinsen täglich. Auch in der "Burg", der Polizeizentrale, gibt es vom Börsenvirus Infizierte. Kommissar Böhm (Godehard Giese) verspricht seiner Familie geheimnisvoll die Anmietung der größeren Wohnung im Erdgeschoss. Nur Alfred Nyssen sieht den hitzigen Wahnsinn der Marktentwicklung klar: "Niemand kann das eingesetzte Kapital decken."

Wenig später erreicht die Pleite an der New Yorker Wall Street die Berliner Börse. Mit diesen eruptiven Bildern eröffnet die erste Folge der dritten Staffel von "Babylon Berlin". Der Abgrund hat sich geöffnet und verschluckt die Marktteilnehmer. Aus dem expressiven Tanz auf dem Vulkan wird kurz vor Ende des Beschleunigungs-Jahrzehnts ein Höllensturz Brueghelscher Dimension. Die "goldenen Zwanziger" zeigen sich als wertloser Flitter. Dazu passt, dass das wilde Amüsierlokal Moka Efti, das in den ersten zwei Staffeln der Serie noch der Ort war, wo die Protagonisten tanzten, verrammelt vor sich hin modert.

Gereon Rath (Volker Bruch) steht zum Auftakt im Zentrum des Geschehens mitten in der Börse. Seine Morphiumsucht hat er überwunden wie sein Weltkriegsfolgen-Zittern, jetzt bebt die Erde um ihn. Von der Galerie erhängen sich die Pleitiers, Anleger erschießen sich, von draußen drängt die Menge wütend an die schweren Portale, ein Regen wertloser Papiere rieselt auf Wahnsinnige. Die Welt ist aus den Fugen, wieder einmal, diesmal vielleicht noch gründlicher.

Die fünf Wochen unmittelbar vor dem Zusammenbruch der Berliner Börse erzählt diese dritte Staffel frei nach Volker Kutschers Roman "Der stumme Tod" als vielgestaltiges Szenen-Potpourri, das ästhetisch nach dem furiosen Auftakt erst einmal in konventionelleren Einstellungen Sicherheiten zu suchen scheint. Die ästhetische Opulenz, die die Schauwerte der ersten beiden Staffeln von "Babylon Berlin" staunenswert und überbordend machte, legt Pause ein - bis zum Ende der vierten von zwölf Folgen. Vorab wurden die ersten sechs Folgen der Staffel zur Verfügung gestellt, nur diese können also gewürdigt werden.

Erst in der fünften Folge taucht die Serie wieder ins grenzenüberschreitende Nachtleben ein, tanzt Kommissarsanwärterin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) mit Freundin Vera (Caro Cult) durch die Nacht, in der gleichgeschlechtliche Liebe und Ausgelassenheit gleichermaßen in der Luft liegen, während in einem anderen Lokal Gereon Rath und der verliebte Polizeifotograf Gräf (Christian Friedel) ausgelassen feiern.

Ein neuer Fall, der sich schnell zum Dreifachmord auswächst, neue und bekannte Schauplätze, einige neue Figuren (etwa Sabin Tambrea als düster umflorter Filmstar) und der Tod zweier wichtiger Spielfiguren, der weitere Schattenaufstieg der NSDAP-Organisationen, organisierte Kriminalität, eigenwillige Filmzitate, historisierende Atmosphäre und zeitgenössischer Subtext schreiben diese Staffel fort. Um historische Akkuratesse in jedem einzelnen Punkt geht es weiterhin nicht. Dafür werden neue wissenschaftliche Methoden, etwa die medizinische Behandlung von Unfruchtbarkeit und Augenleiden oder die Spurensicherungspraxis unters filmische Lupenglas gelegt.

Matthias Brandt als Regierungsrat August Benda und Peter Kurth als Gereon Raths schillernder Polizeimentor Bruno Wolter sind Geschichte. Besonders durch den Verlust Kurths hat die Serie ihr inneres Zentrum aufgegeben. Unverbundenheit gleichzeitiger Entwicklungen, die sich freilich hier und da treffen, entschleunigen vorübergehend die Dynamik des Fiebrigen. Es entsteht der Eindruck eines Mittelstücks.

Da ist zum einen der Prozess: Für das Bombenattentat auf Benda steht Greta Overbeck (Leonie Benesch) vor dem - befangenen - Gericht. Erst einmal vergeblich suchen Rath und Ritter die Hintermänner. Oberst Wendt (Benno Fürmann) arbeitet weiter an der Destabilisierung des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung und meint, seine Naziverbindungen (Hanno Koffler als NSDAP-Mitglied Stennes) als kontrollierte Werkzeuge einsetzen zu können. In Hinterzimmern plant die Schwerindustrie mit dem Militär in Gestalt von Generalmajor Seegers (Ernst Stötzner) die Ermordung Gustav Stresemanns. Brüning wird in einem Jahr Reichskanzler werden - und die NSDAP zur zweitstärksten Partei gewählt. Regiert werden wird zunehmend per "Notverordnung".

Jetzt gehen "Putztrupps" gegen die freie Presse und ihre kritischen Autoren vor. In diesem Part der Historie überzeugen Martin Wuttke als Theodor Wolff nachempfundene Figur Heymann und Chefredakteur des "Tempo" im Ullstein-Verlag und Karl Markovics als österreichischer Investigativjournalist Katelbach, der Geheimpläne zwischen der Lufthansa und der Luftwaffe aufdeckt.

Die Mordermittlung führt ins Milieu der Babelsberger Filmstudios. Hier dreht Produzent Jo Bellmann (Bernhard Schütz) den ersten Tonfilm der deutschen Filmgeschichte, eine Musicalrevue mit Mary-Whigman-Gedächtnis-Choreographie, "Dämonen der Leidenschaft". Die Kulisse ist kunsthistorisch irgendwo zwischen "Das Kabinett des Dr. Caligari" und Lyonel Feininger fabriziert. Getanzt wird mit Glitzerbadekappen und spinnwebartigen Umhängen - beides wirkt eher anachronistisch-dekorativ. Esther (Meret Becker), Frau des "Armeniers" (Misel Maticevic) und Vertraute seines Geschäftspartners Weintraub (Ronald Zehrfeld) entwirft insgeheim schon ein futuristisches Drehbuch um eine Maschinen-Frau ("Metropolis" wurde allerdings schon 1927 gedreht).

Als die singende Hauptdarstellerin von einem Scheinwerfer vom Schnürboden herab zielgenau getroffen, der zuständige Elektriker erschossen und auch die Ersatzdarstellerin ermordet aufgefunden wird, müssen Böhm und Rath gemeinsam ermitteln. Im Fall Gretas geraten die Akten unter Verschluss.

Tykwer, Handloegten und von Borries verwenden auch den zweiten Rath-Roman von Volker Kutscher, "Der stumme Tod", vor allem als Historismus-Steinbruch, und das ist auch gut so. Obwohl die dritte Staffel sich stellenweise als zeit- und kulturgeschichtlich versierte Nummernrevue zeigt, bleibt der Sog, der "Babylon Berlin" fast unisono attestiert wurde, auch hier wirkungsvoll. Die Besetzung ist nach wie vor als internationale deutsche Castingempfehlung zu lesen, bis in die Nebenrollen hinein - etwa Nina Gummich als "Bordsteinschwalbe" Erna oder Trystan Pütter als Anwalt der "Roten Hilfe", oder, wie schon in den Staffeln zuvor, Jens Harzer als Anno Rath.

Die dritte Staffel sieht immer dann am besten aus, wenn sie der bildlichen Ausdruckskraft ihrer Szenerie vertraut, etwa in der "Burg", an der Börse oder in der Redaktion des "Tempo". Zeithistorische Dialoge sind nicht immer die Stärke der Autoren. Wenn Generalmajor Seegers' kommunistische Tochter Marie-Louise (Saskia Rosendahl) beim Dinner in der Villa Nyssen mit Oberst Wendt über Politik parliert, sie mit Walter-Benjamin- und er mit Ernst Jünger-Zitaten posiert, dann bleibt das eher argumentativ unterbelichtet. Solches scheinintellektuelles Geplänkel beiseite: Erst in der vierten Staffel wird es mit dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft so richtig zur braunen Sache gehen.

Aus epd medien 4/20 vom 24. Januar 2020