Der Schwanz ist ab

VOR-SICHT: „Großstadtrevier: St. Pauli, 06:07 Uhr“, Fernsehfilm, Regie: Félix Koch, Buch: Norbert Eberlein, Kamera: Anne Misselwitz, Produktion: Letterbox Filmproduktion GmbH (ARD/Degeto/NDR, 19.5.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd Die „Lindenstraße“ ist tot, das „Großstadtrevier“ lebt. Obwohl die traditionelle St.-Pauli-Vorabendserie seit dem Tod der Hamburger Kodderschnauze Jan Fedder, der als Dirk Matthies diese Serie geprägt hat, natürlich nicht mehr das ist, was sie mal war. Warum man nun eine Folge auf eineinhalb Stunden strecken und im Hauptabendprogramm zeigen muss, bleibt ein Geheimnis der ARD und ihrer Marketingleute.

Auch St. Pauli ist bekanntlich nicht mehr das, was es beim Start der Polizeiserie in den 80er Jahren mal war. Damals, als Kalle Schwensen dort noch den Top Ten Club betrieb, wurde scharf geschossen. Längst ist die Lage beruhigt, nur noch Touristen und das mehr oder weniger jugendliche Ausgehvolk aus dem Hamburger Speckgürtel versuchen am Wochenende dort das letzte bisschen Nervenkitzel abzugreifen. Wenn gerade kein Corona ist.

Dass St. Pauli nicht mehr St. Pauli ist, hat auch der NDR mitbekommen. Wobei der aktuelle Kriminalfall des PK 14 mit Ereignissen von damals zu tun hat, auch der verschiedene Kollege Dirk Matthies wird erwähnt. Einer der „harten Jungs“, der seinerzeit verpfiffen wurde und 15 Jahre im Knast landete, will sich am Verräter, dem Kopf der „Schoko“-Bande, rächen. Dummerweise gerät Polizistin Nina Sieveking (Wanda Perdelwitz) nach der Nachtschicht in der U-Bahn, morgens um 6 Uhr 7, zufällig in die Verbrechensvorbereitungen und wird wüst zusammengeschlagen.

Diesen Hintergrund erfährt man erst gegen Ende. Am Anfang sieht es so aus, als sei Nina nur in einen Streit von zwei Hoodie-Typen mit einem Kerl geraten, der in der U-Bahn klampft. Zwischendurch steht zu befürchten, dass die Polizistin in all das womöglich auf kriminelle Weise verwickelt sein könnte. Doch am Schluss ist ihre Weste wieder blütenrein, ihr schweres Trauma scheint überwunden, denn sie hat den Bösewicht verhaftet. Wenn das doch nur so einfach wäre!

Den ganzen Film über wird Nina von Flashbacks gequält und zeigt Nerven. Dabei pflegt die junge Frau ein abstruses Selbstbild, das man auch eher in der untergegangenen Mackerwelt der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts verorten würde. Dass einem als Opfer so einer Gewalttat alles zu viel wird, darf aus ihrer Sicht nicht sein. Obwohl ihr klar ist, dass sie ein Problem hat, geht sie nicht zur Therapie.

Ein wirklich gutes Detail an dem Nina schwer traumatisierenden Überfall: Die Täter schlagen sie nicht etwa nur zusammen, sondern schneiden ihr auch noch den Pferdeschwanz ab. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie viele Polizistinnen Pferdeschwanz tragen? So viele, dass man glauben könnte, langes Haar sei bei Frauen Dienstvorschrift. Achten Sie mal darauf! Nina leistet ihren Dienst nun jedenfalls mit „flotter Kurzhaarfrisur“.

Natürlich zeigt der Film auch ausführlich „die schönste Stadt der Welt“, in der Nina und ihre Kollegen in Nebenhandlungen ein paar gute Freund-und-Helfer-Taten verbringen. Dass Hamburg tatsächlich die schönste Stadt der Welt ist, glauben Hamburger, die noch nicht viel in derselben rumgekommen sind und sich aufs NDR-Regionalprogramm und das „Hamburger Abendblatt“ verlassen, übrigens im Ernst. Die pittoresken Seiten der Stadt schätzt das deutsche Fernsehen jedenfalls sehr - und auch hier kommen sie groß raus.

Die Schönheit der Elbe im nächtlichen Lichterglanz des Hafens reißt Nina und ihren Kollegen Lukas (Patrick Abozen) sogar zu philosophischen Exkursen hin. Doch lange hält die Stimmung nicht, schon macht die unerträglich aufdringliche Musik wieder ihr spannungsvolles Bumm-Bumm-Bumm. Achtung, Leute, Krimi!

Wer auch ohne Jan Fedder Spaß am „Großstadtrevier“ hat, soll die Serie weiterhin am Vorabend sehen können, doch sie sollte besser auf ihrem Sendeplatz bleiben. Professionell produzierte Hauptabendkrimis mit fester Besetzung, die sich ans breite Publikum richten und nicht weiter bemerkenswert sind, hat das deutsche TV bereits in Überzahl.

Aus epd medien 19-20/21 vom 14. Mai 2021

Andrea Kaiser