Der amerikanische Max

VOR-SICHT: "Schatten der Mörder - Shadowplay", vierteilige internationale Thriller-Serie, Regie: Måns Mårlind und Björn Stein, Buch: Måns Mårlind, Kamera: Erik Sohlström, Produktion: Tandem Productions, Bron Studios, Creative Wealth Media, Nordic Entertainment Group (ZDF/Canal+, 30. und 31.10.20, 20.15-22.05 Uhr, 1. und 2.11.20, 22.15-0.05 Uhr)

"Fick dich!" Ist eh "für den Arsch", das "Scheißexperiment", "verdammt", "Scheißjob". Und so weiter. Und so fort. Würde diese Serie mit vier überlangen Teilen (à 110 Minuten) nicht im ZDF laufen, sondern zum Beispiel bei Amazon Prime, würden vorab wenigstens Warnhinweise eingeblendet, was einen erwartet.

Neben dem Hinweis auf sogenannte explizite Sprache und besondere Grausamkeit wäre hier noch ein anderer Hinweis im Vorwege nicht schlecht: Wer der Meinung ist, dass die Befreiung von KZ-Opfern und das Elend der 1946 in den Trümmern von Berlin hungernden Bevölkerung auch heute noch Themen sind, um zu trauern, Anteil zu nehmen und Pietät zu zeigen, schaltet besser gar nicht erst ein. Wer dagegen findet, dass der historische Nazi-Hunger-Trümmer-Grusel haargenau die richtige Zutatenmischung ist, um eine Psycho-Serienkiller-Thriller-TV-Serie scharf zu würzen, ist hier richtig.

Den wahren Horror kriegt man als Unterhaltungsfernsehmacher so quasi frei Haus. Und kann sich auf Verfolgungsjagden und Explosionen konzentrieren. Sowie natürlich aufs Ausdenken und Darstellen besonders widerlicher Mord- und Foltermethoden.

Der Plot: Der psychisch kranke Killer Moritz (Logan Marshall-Green) spukt durch die Ruinen Berlins. Moritz ist ein desertierter US-Soldat aus Brooklyn, der schon vor dem Krieg nicht ganz dicht war und dem seine Beteiligung an der Befreiung von Dachau seelisch auch nicht gut bekam. Er ermordet nun Nazis nach dem Vorbild von Max und Moritz (also: der Reihe nach Menschen aufhängen wie die Hühner, jemand braten und so weiter). Halt so wie andere Serienkiller aus der einschlägigen Trivialliteratur nach Sternzeichen, Wochentagen oder Vorbildern aus der Bibel töten.

Dummerweise ermordet Moritz aber nicht nur alte Nazis, sondern auch gleich deren Kinder. Das geht seinem Bruder Max - dargestellt von einem kanadischen Schauspieler mit dem schönen Nachnamen Kitsch, Vorname Taylor - zu weit. Der Polizist aus Brooklyn übernimmt einen absurden Job, in dem er binnen eines Monats eine improvisierte Berliner Polizeiwache nach New Yorker Vorbild reorganisieren soll. Tatsächlich will er den in Europa vermissten Bruder suchen und kommt ihm auch auf die Spur. Ihm zur Seite steht Nina Hoss als Berliner Polizistin Elsie mit ihrer improvisierten Wache, in der die Mitarbeitenden keine Uniformen tragen und in der Stuhlbeine als Schlagstöcke dienen müssen.

Schließlich gilt es in diesem mit Deko und Komparsen überausgestatteten TV-Trümmer-Berlin (so ein einfallslos inszeniertes Dauergewusel auf den Straßen sieht man selten) noch mehr supergruselige Verbrecher zu jagen. Großer Zampano ist der "Engelmacher" (Sebastian Koch), der vergewaltigten Frauen zunächst hilft, sie dann aber zur Prostitution zwingt und für weitere niedere und einträgliche Zwecke einsetzt.

Wer bisher dachte, der Kalte Krieg sei vorbei, kann sich von dieser internationalen Koproduktion eines Besseren belehren lassen. Die Sowjets sind hier das inkarnierte Böse respektive, um in Max' Diktion zu bleiben, "russische Wichser". Merke: Wer ein Cop aus New York ist und in einer TV-Serie auftritt, hat sich nun mal so auszudrücken. Das mit dem milieu- und rollengerechten Ausdruck klappt in der Synchronisation allerdings nicht immer. Etwa wenn man den schnöseligen US-Vizekonsul "meines Wissens nach" sagen lässt.

Und jetzt das Positive: Herr Kitsch sieht gut aus. Die Vizekonsulsgattin und Nymphomanin Claire (Tuppence Middleton) auch. Mala Emde als eine der von GIs vergewaltigten Frauen des Engelmachers spielt hier um Längen besser als die meisten ihrer internationalen Kollegen - sie ist sehr beeindruckend. Zudem hat sie eine interessante, da im Film wie im wahren Leben sehr seltene Rolle: eine junge Frau, die sich Brutalität nicht gefallen lassen will und selbst ausgesprochen gewalttätig wird.

Was an dieser Serie eigentlich auch interessant sein könnte, ist das Aufeinanderprallen der Kulturen und Biografien nach 1945. Max und Moritz kommen aus prekären und brutalen Verhältnissen in Brooklyn, schon der Vater war beim New Yorker Police Department. Das NYPD trifft auf die Überreste der preußischen Polizei. Der coole Cop auf die Behelfswachtmeisterin. Vom Aufeinandertreffen fremder Welten zu erzählen, könnte interessant sein. Könnte. Ist es aber nicht, weil dieser aufwendige Event-Thriller nicht die Welten und Biografien aufeinanderknallen lässt, sondern die Klischees.

Aus epd medien 44/20 vom 30. Oktober 2020

Andrea Kaiser