Denken in Gegensätzen

VOR-SICHT: "Gott", Fernsehfilm, Regie: Lars Kraume, Buch: Ferdinand von Schirach, nach seinem gleichnamigen Theaterstück, Kamera: Frank Griebe, Produktion: Moovie/Degeto (ARD/ORF/SRF, 23.11.20, 20.15-21.45 Uhr)

Kurz vor Ende der Sachstandsaufnahme entledigt sich Anwalt Biegler (Lars Eidinger) seines Jacketts. Für sein Plädoyer geht er gemessenen Schritts durch den Saal in Richtung Publikum und mäandert durch die Reihen der divers zusammen gesetzten Zuschauer. Ecce homo, "seht, welch ein Mensch". Dies ist das Maximum an Inszenierung, das sich der wortlastige Film von Lars Kraume gestattet.

Die Zuschauer werden Zeugen einer Sitzung des Deutschen Ethikrats, in der nun die letzten Worte fallen. Anschließend wendet sich die Verhandlungsführerin (Barbara Auer) noch einmal direkt an das Fernsehpublikum und erklärt den Abstimmungsmodus. Zu Beginn hatte sie Biegler bedeutet, Extravaganzen zu unterlassen, aber im Laufe des Films gab sie dem Rechtsbeistand von Richard Gärtner (Matthias Habich) mehr und mehr Raum zur Selbstdarstellung. Nun erlaubt sich der Autor Ferdinand von Schirach, erlaubt er seinem Sprachrohr Biegler, die rhetorische Apotheose einer One-Man-Show. Er präsentiert sein Glaubensbekenntnis im Hemd.

Wir glauben, sagt Biegler, an Gott, Allah, Buddha und so weiter, oder auch "nur an uns selbst". Aber was verbindet uns dann als aufgeklärte Gesellschaft? "Dass wir letztgültig nie wissen werden, was richtig und falsch ist." Er sei kein Philosoph, aber mache es unsere Gesellschaft nicht aus, dass wir nicht zwanghaften Konsens suchen, sondern friedlichen Dissens aushalten? Er sei dankbar für das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Februar, als die Zweite Kammer entschied, dass das Freiheits- und Selbstbestimmungsrecht des Menschen auch umfasse, ärztlich assistierte Selbsttötung in Anspruch nehmen zu können. Das Urteil sei "Aufklärung im besten Sinne".

"Gott" präsentiert einen Einzelfall in allgemeiner Hinsicht: Soll Richard Gärtner, ein knapp 80-jähriger Witwer, gesund, von zwei Gutachtern für psychisch normgemäß funktionierend erklärt, durch einen Arzt ein tödlich wirkendes Gift bekommen dürfen, das er dann selbst zum Zwecke seines Sterbens einnimmt? Über weite Strecken klärt der Film, inszeniert als abgefilmtes Theaterstück, über Abgrenzungen und Missverständnisse auf. Rechtlich ist die Sache im Grundsatz klar, auch wenn sie zurzeit der Umsetzung harrt: Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen erstreckt sich auch auf den eigenen Tod, sagen die Verfassungsrichter. Alles andere wäre Vormundschaft des Staates.

Ferdinand von Schirach, das wird auch in diesem nun für das öffentlich-rechtliche Fernsehen verfilmten Stück deutlich, denkt als Jurist in Gegensätzen. Aporien, schwer auflösbare Widersprüche, Dialektik und philosophische Letztbegründungsansprüche sind seine Sache nicht.

Formal-rhetorisch ist das Stück jedoch eine Niete. Jeder Vertreter einer bestimmten Einschätzung sagt in einer Zeugenstandssituation ihr oder sein Sprüchlein auf, ein paar Fragen, meist zur Problemabgrenzung folgen von der Fachfrau des Ethikrats, Doktor Keller (Ina Weisse), danach Argumentationserschütterungsversuche von Anwalt Biegler, schließlich nehmen die juristische Sachverständige und Verfassungsspezialistin Professor Litten (Christiane Paul), die Hausärztin von Richard Gärtner, Brandt (Anna Maria Mühe), und der Standesvertreter, Bundesärztekammerpräsidiumsmitglied Professor Sperling (Götz Schubert), wieder Platz auf dem Rang.

Zum Finale jedoch startet von Schirach seine rhetorische Rakete und versucht einen Abrechnungsversuch mit der katholischen Kirche. Ein Wortfeuerwerk aber wird daraus nicht. Ulrich Matthes gibt den Bischof Thiel als Schmerzensmann in Überzeugungsnot. Ein asketischer, eher verwundbarer, schließlich verstummender Mann - glaubensgebeutelt ("Leben ist Leiden"), keine barocke Kirchenfürstenerscheinung, wie sie Thomas Thieme spielen würde, und religionsphilosophisch voraufklärerisch.

"Gott" - von Schirach und die ARD schreiben den Titel in Großbuchstaben - spielt in der Bibliothek des Deutschen Ethikrats. Im Rücken der Sitzungsleiterin befindet sich eine Glaswand, die auf einen öffentlichen Platz, eine im Verlauf der Sitzung auch belebte Agora schauen lässt. Passanten, Autos, Leben: Das verhandelte Programm geht jeden Einzelnen an. Zur Linken der Leiterin die Vertreterin des Ethikrats, zur Rechten der "Klagende" mit seinem Rechtsvertreter. Die Sachverständigen nehmen nacheinander an der vierten Seite Platz. Gerichtssaalanordnung. Würde man sich beim Ethikrat nicht eher einen runden Tisch und Anzuhörende in lebhafter Debatte, eine Auseinandersetzung der Sachverständigen untereinander vorstellen?

Er sei kein Philosoph, lässt von Schirach sein Alter Ego Biegler sagen, aber an einigen philosophischen Gedanken müsste er sich - mit Verlaub - schon abarbeiten, um die ethische Frage des gesellschaftlich gewährten selbstbestimmten Sterbens bewegen zu können. Ein Ethikrat ohne moralphilosophische Grundlegung?

Die Sachverständige Litten erläutert die Rechtspraxis in anderen westlichen Demokratien. Für Geraune im Publikum sorgt die Gesetzgebung in Belgien: Hier erstreckt sich das Freiheitsrecht zur Selbsttötung (in eng gesteckten Grenzen) sogar auf Minderjährige.

Die Konkretion der Karlsruher Vorgabe muss die Gesellschaft leisten. Was wollen wir uns in dieser Hinsicht zumuten? Die Hausärztin argumentiert persönlich: Sie ist nicht bereit, Gärtner das Gift zu besorgen (die aktive Verabreichung bleibt strafbar!), der Vertreter der Bundesärztekammer argumentiert eher standesrechtlich und inszeniert sich wie ein "Halbgott in Weiß". Das "Dammbruch"-Argument, die Angst vor "Euthanasie", historisch-psychologische Bedenken fallen der Ethikratsvertreterin Keller zu. Das Stück versäumt es hier, das ethisch-logische Verhältnis von individuellem Fall und allgemeiner Gesetzgebung zu klären.

Mit dem Auftritt des Bischofs im Zeugenstand, wo ihm der Anwalt auch körperlich auf die Pelle rückt, entfernt man sich vollends von der Sache. Es ist nachvollziehbar, dass Bischof Thiel erst einmal zum Missbrauchsskandal, zur Erbsünde, zur Opferwilligkeit Gottes und zur "Leidensbestimmung" des Menschen Stellung nehmen soll, aber es ist auch ungeheuer populistisch - und klärt die aufgeklärte theologische Vorstellung der Schöpfung, des Lebens und des natürlichen Todes nur wenig. Der Bischof gibt sich geschlagen - der Anwalt triumphiert. Eine halbe Stunde dauert dieser Disput.

Am Ende wird die Abstimmung eröffnet. Es wird nur Pro und Contra geben. "Gott" als Fernsehfilm ist nicht mehr oder weniger als das Theaterstück: In juristischer Hinsicht informierend, in ethischer unbestimmt, in theologischer enttäuschend, rhetorisch keine Glanzleistung, die exquisite Besetzung zumeist als Textaufsager einsetzend - aber trotzdem, selbstverständlich, verdienstvoll. Im Anschluss wird bei "Hart aber fair" weiter palavert.

Aus epd medien 47/20 vom 20. November 2020

Heike Hupertz