Das wahre Leben

VOR-SICHT: "Andere Eltern", siebenteilige Mockumentary, Regie: Lutz Heineking jr., Buch: Sabine Steyer-Violet, Lutz Heineking jr., Sebastian Züger, Ron Markus, Kamera: Philipp Pfeiffer, Matthias Schellenberg, Produktion: Eitelsonnenschein (TNT Comedy, ab 19.3.19, dienstags 20.15-20.45 Uhr)

Der Titel ist eine Antwort auf die Frage: Was ist das Schlimmste, wenn man Kinder hat? Die anderen Eltern. Diese Erkenntnis ist der Einstieg in eine siebenteilige Reihe, die wie eine Dokumentation aussieht, tatsächlich jedoch das Ergebnis einer jederzeit überzeugenden Improvisation darstellt. Der Handlungsrahmen ist alltäglich: Weil Yoga-Lehrerin Nina (Lavinia Wilson) keinen Kita-Platz für ihr zweites Kind bekommt, beschließt sie, mit Gleichgesinnten in Köln-Nippes eine eigene Einrichtung zu eröffnen. Räumlichkeiten sind bald gefunden, aber dann zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, die unterschiedlichen Vorstellungen der Beteiligten unter einen Hut zu bringen, zumal einige noch nicht mal Eltern sind.

Der schwule Schauspieler Malte (Daniel Zillmann) zum Beispiel ist noch auf der Suche nach einer Leihmutter für seine Kinder. Das Ehepaar Lars und Anita (Sebastian Schwarz, Nadja Becker), er Anwalt, sie Lehrerin, hat sich zwar bereits gefunden, scheitert aber schon seit geraumer Zeit bei dem Versuch, sich fortzupflanzen. Ebenfalls aus dem Rahmen fällt Musikproduzentin Nike (Henny Reents), Maltes Schwester, und das nicht nur als Raucherin: ihre Neigung zu pragmatischen Lösungen deckt sich nur bedingt mit der ganzheitlichen Philosophie von Nina. Zu TV-Ehren kommt die Initiative, weil Ninas Mutter Ini (Johanna Gastdorf) Filmemacherin ist. Sie will dem Phänomen der Helikoptereltern auf den Grund gehen und erscheint genau zur richtigen Zeit, um die Gründungsphase zu dokumentieren.

"Andere Eltern" erinnert an die Dokusoap-Parodie "Diese Kaminskis - Wir legen Sie tiefer!" (ZDFneo 2014). Der Ansatz des Teams um Lutz Heineking jr., der auch bei "Endlich Deutsch!" und "Das Institut - Oase des Scheiterns" Regie führte, ist jedoch ein anderer. Die Serie wirkt wie eine Doku-Soap, arbeitet also mit Mitteln des Dokumentarfilms. Dazu passt auch der gelegentlich süffisante Kommentar, wenn sich Ini unter anderem fragt, wie Köln heute wohl aussähe, wenn die Trümmerfrauen von gleichem Schlag gewesen wären wie ihre Tochter.

Später zeigt sich, dass die Dokumentation so etwas wie das Vermächtnis der Filmemacherin wird. Auch das eigentliche Thema ihrer Arbeit kristallisiert sich erst nach und nach heraus: In Grunde geht es in "Andere Eltern" um die Zerrissenheit des modernen Individuums - und das gilt nicht für den Zwiespalt zwischen einem Bekenntnis zum ganzheitlichen Leben und der Lust auf einen Big Mac.

Ähnlich realitätsnah sind die Charaktere. Der satirische Effekt entsteht durch die Ballung dieser Figuren, die es auch im wahren Leben gibt: Nina will zwar nur das Beste für die Kita, macht ihre eigenen Maßstäbe jedoch gern zum kategorischen Imperativ und entwickelt auf diese Weise sehr unsympathische autokratische Züge. Björn (Serkan Kaya) ist Hausmann und ständig im Rechtfertigungsmodus, damit sein Dasein nicht als verkappte Arbeitslosigkeit erscheint.

Die meisten Reibungspunkte liefert jedoch Lars, der in diesem Rahmen noch am ehesten komödiantisch wirkt und durch Sebastian Schwarz' pointiertes Spiel neben Nina zur interessantesten Figur wird, weil sich hinter seinem gönnerhaften Auftreten reaktionäre Abgründe auftun. Der Mann hat nicht nur ein überholtes Rollenverständnis, er ist auch xenophob und homophob, wenn auch auf eine Weise, die harmlos wirken soll, weil er seine Einstellungen gern als witzig gemeinte Bemerkungen verpackt. Auf diese Weise entlarven Heineking und seine Mitstreiter als Rassismus und Ignoranz, was im Alltag flapsig oder bloß gedankenlos daherkommt.

Selbst das für viele Zuschauer vermutlich absurde Helikopterverhalten ist dem Leben abgeschaut: Bevor Björn seine Kinder auf den Spielplatz lässt, testet er erst mal alle Spielgeräte. Außerdem hat er immer Eigenurin dabei (natürlich vom morgendlichen Mittelstrahl), falls sich eins der Kleinen eine Schramme holt. Nina, erklärte Impfgegnerin, besucht mit ihren Kindern eine Masernparty, nicht ahnend, dass Ehemann Jannos (Jasin Challah) die beiden heimlich hat impfen lassen. Der fällige Krach lässt nicht lange auf sich warten. Später ist Jannos der einzige, der tatsächlich Masern bekommt.

Alles, was sich in dieser Elterngemeinschaft abspielt, ist sehr realistisch; der heitere Effekt ergibt sich durch die irrwitzig anmutende Häufung. Für Abwechslung sorgen regelmäßige Exkurse, etwa die Besuche von Lars und Anita bei einer Paartherapeutin. Schräg sind auch Maltes Begegnungen mit den potenziellen Müttern seiner Kinder. Am Ende wird er in der Tat Vater und Anita endlich schwanger. Die Koinzidenz ist kein Zufall.

Gelegentliche Gäste bringen zusätzliche Bewegung in die Gruppendynamik der Eltern. Die Debattenthemen, etwa die Gender-Frage, bieten viel Stoff für bizarre Diskussionen. Personifizierte Realsatire ist beispielsweise Franz, ein Schamane (Gerhard Liebmann), der die Kita-Räume spirituell reinigen soll. Der Rauch, der er produziert, sorgt dafür, dass die Sprinkleranlage die Renovierungsarbeiten zunichtemacht. Den Rest besorgt während der abschießenden Eröffnungsfeier eine handfeste Prügelei zwischen Jannos und Björn. Unerschütterlich bleibt einzig die von Maike Jüttendonk hart am Rand der Karikatur als kölsche Frohnatur verkörperte Erzieherin.

Nicht alle Abschweifungen sind in der Umsetzung so originell, wie sie als Idee vermutlich erschienen, andere führen zu weit vom eigentlichen Thema weg. Am stärksten ist die Serie immer dann, wenn sie ihrem Titel gerecht wird und die Eltern in Einzelinterviews kräftig über die anderen herziehen. Wenn sich die Mitwirkenden das alles spontan ausgedacht haben, was sie da zum Besten geben, gebührt ihnen doppelter Respekt. Die zermürbenden Stuhlkreiserlebnisse wiederum werden sie womöglich aus eigener Erfahrung kennen: Die Gespräche sind exakt so zäh und fruchtlos wie viele Elternabende.

Aus epd medien 11/19 vom 15. März 2019

Tilmann Gangloff