Das Unberechenbare

VOR-SICHT: „Ferdinand von Schirach - Strafe“, sechsteilige Anthologie, Regie und Buch: David Wnendt, Mia Spengler, Patrick Vollrath, Hüseyin Tabak, Oliver Hirschbiegel, Helene Hegemann, Buch: Bernd Lange, Brix Vinzent Koethe, Esther Preußler nach „Strafe“ von Ferdinand von Schirach, Produktion: Moovie GmbH (RTL+, ab 28.6.22)

epd Sechs Kurzgeschichtenporträts, die sechsmal vielfältige Formen von Strafe erforschen. Sechs ganz verschiedene Filme mit unterschiedlichen visuellen Zugangsweisen, die jeweils Täterinnen oder Täter, Zeugen oder Richter in den Mittelpunkt stellen. Diesmal keine Jura-Nachhilfe als Repetitorium fürs breite Publikum, bei dem Strafrechtsnachhilfe mit Fallbeispielen bloß illustriert wird: „Ferdinand von Schirach - Strafe“, nach „Glauben“ die zweite Von-Schirach-Serie für RTL+, zeigt eindrücklich, wie weit sich die Verfilmungen des Bestseller-Juristen und Moralvordenkers inzwischen vom öffentlich-rechtlichen Vermittlungsduktus vergangener Jahre entfernt haben.

In den früheren Anthologie-Serien „Verbrechen“ und „Schuld“ (ZDF) standen jeweils Taten und ihre Einordnung im Vordergrund. Das Personal, obwohl nicht unwichtig, denn es kommt im Juristischen ja auf den Einzelfall an, wurde als Konkretion benötigt. Die Pointe, der verfahrensrelevante Twist, ergab sich aus dem Ereignis, nicht aus dem Charakter. Die Zuschauerbeteiligungs-Fernsehspiele „Terror - Ihr Urteil“, „Gott“ und der Zweiteiler „Feinde“ in den Ersten und Dritten Programmen der ARD suggerierten darüber hinaus, dass schwierige Rechtsgüterabwägungen durch scheinbar „neutrale“, multiperspektivische Darstellung von Argumentationsketten tatsächlich der freien Meinungsbildung und Disposition der Zuschauer überlassen waren.

TV-Bildungsauftrag, so schien es zumindest, übererfüllt. Eitle Strafverfolger und juristisch voreingenommene Positionen, populistische Vereinfachungen und schlechte Aufsage-Dramaturgie waren jedoch der Preis für ein Fernsehen, das ästhetisch wie von gestern wirkte.

Diese Vereinfachungen und Emotionalisierungen der schlichteren Art ließ die Produktion „Glauben“ für RTL+ dann hinter sich (epd 45/21). „Glauben“ war eine Serie, eine Art fortlaufende Aufarbeitung des Endes der Wormser Prozesse, in denen nach Jahren fälschlich der Kinderschändung Beschuldigte schließlich freigesprochen wurden. „Glauben“ zeigte mit mehr Grautönen Hexenjagd-Mechanismen, bei denen „Glauben“, also die Abkürzung der falschen Evidenz, das „Wissen“ mit fatalen Folgen ersetzt.

In der neuen Anthologie-Serie „Strafe“, die varianten- und fintenreich um das Thema Strafe und Bestrafung mit allen Konnotationen kreist, kommen Strafverteidiger - die früher meist als Alter Ego von Schirachs auftraten - nur am Rande vor. Bedeutungslos ist ihre Rolle nicht geworden, wie in der Folge „Die Schöffin“ von Mia Spengler zu sehen, wo die Verteidigerin des Angeklagten mit einem Befangenheitsantrag gegen die Schöffin dafür sorgt, dass der Prozess gegen ihren Mandanten platzt. Aber das ist die Ausnahme.

Hier steht das Porträt der Schöffin, die ohne Absicht die Verurteilung eines üblen Gewalttäters vereitelt, im Zentrum. Bevor Katharina (Katharina Rudolph) Schöffin wird, sieht man sie heranwachsen. Die Beziehung zum Vater ist kompliziert, ihre Partnerschaft scheint toxisch und grenzüberschreitend. Warum die junge Frau auf der Richterbank vor Gericht spontan zu weinen beginnt, als eine von ihrem Mann misshandelte Frau als Zeugin aussagt, wird trotzdem nicht ganz klar. Es hat schreckliche Folgen. Katharina wird ihrer Bürgerpflicht entbunden, es gibt keinen Ersatz, die Verhandlung platzt. Wenige Monate später erschlägt der Mann seine Frau. Spenglers „Die Schöffin“ vertraut auf szenische Miniaturen und anschauliche Schlüsselszenen, braucht nicht viele Worte und keine großen Plädoyers, um nachdrücklich zu wirken.

Auch die anderen fünf Folgen, jede in der Handschrift eines anderen Regisseurs, setzen auf Verdichtungen und Auslassungen, auf Leerstellen der Dramaturgie, die das Publikum beim Zuschauen selbst ergänzen muss. Irritierende Elemente, die gelegentlich zersetzende Gärkraft besitzen, ziehen sich auf je individuelle Weise durch die Filme. Täter und Täterinnen und ihre moralische, gefühlte oder juristische Strafe machen die Zuschauenden nicht selten zu Komplizen auf Zeit.

Schnelle Urteile und Schuldzuweisungen erscheinen mehrfach in verändertem Licht wie in „Das Seehaus“ von Patrick Vollrath. Hier wird Felix Ascher (beeindruckend: Olli Dittrich) zum Mörder, niedrige Beweggründe scheinen festzustehen. Der Menschenfeind, der in der geerbten Villa an einem See im Voralpenland Zuflucht vor den Zumutungen lärmender Zeitgenossen gefunden zu haben glaubt, kämpft lange gegen eine auf dem dem Nachbargrundstück entstehende Ferienkolonie mit Spaß rund um die Uhr. Schließlich ermordet er eine junge Urlauberin, ein Zufallsopfer. Damit Ruhe ist.

Obwohl der Film keine Sympathie für die Tat weckt, den Mann eher unteremotionalisiert, seine Empathielosigkeit zeigt, verschiebt er die Motive möglicher Nachvollziehbarkeit bis zum Schluss, wenn für die Absonderlichkeiten des Eigenbrötlers eine Grundlage ins Spiel kommt. Psychologisch ist das mit feinem Strich gezeichnet. Abgründig ist auch „Der Dorn“ (Hüseyin Tabak), in dem Hans Löw auf herausragend bedrückende Weise einen wahnsinnig werdenden, tragischen Museumswächter verkörpert.

Das atemberaubendste Stück aber ist „Ein hellblauer Tag“ von David Wnendt. Einerseits liegt das an der Erzählstruktur. Rückwärts läuft dieser Film um eine Frau (großartig: Jule Böwe), die nach Hause kommt und ihren betrunkenen Mann (Patrick Joswig) von der Balkonbrüstung in die Tiefe stürzt, als dieser die Satellitenschüssel neu ausrichtet. Ein kleiner Schubs nur, anscheinend getriggert durch den Anblick eines Schraubendrehers, eine monströse Tat, die jedoch ohne Strafverfolgung bleiben wird.

Ihre lebenslange Strafe hat diese Frau lange zuvor bekommen. Sie hat dreieinhalb Jahre als Babymörderin in Haft abgesessen. Sie konnte, so befand es das Gericht, das Schreien des Neugeborenen nicht ertragen. In Haft wird sie gequält. Keinen Funken Menschlichkeit billigt man ihr zu. Je weiter sich die Geschichte gegenchronologisch auf die erste Tat, den Ursprung, zubewegt, umso mehr verdichtet sich beim Zuschauenden der Verdacht, dass alles auch ganz anders hätte sein können.

Es war ganz anders. Zum Ende bleibt einem die Ursache-Wirkung-Fiktion regelrecht als Kloß im Hals stecken. „Ein hellblauer Tag“ führt nicht zuletzt in den juristisch schwer zu fassenden Kontext justiziabler Handlungen. Vergleicht man diesen Film und die anderen, die als halbes Dutzend Betrachtungen den Begriff „Strafe“ ins Lebensweltliche ausweiten, mit „Verbrechen“ und „Schuld“, dann sieht man nun „von Schirach für Fortgeschrittene“.

Dem plakativen Justiz-Erklärmodus der beiden ZDF-Serien folgt nun der Zweifel, die menschliche Eigenart, sich dem bis zur Persönlichkeitsauflösung Durchdefinierten zu entziehen. Die sechs ganz unterschiedlichen Ansichten von „Strafe“ halten das aus, was für jedes Strafgericht als Albtraum gelten muss: das Uneindeutige, Unberechenbare, Inkommensurable, auch das Melodramatische und den emotionalen Eigensinn. Und sind damit unbedingt sehenswert.

Aus epd medien 25/22 vom 24. Juni 2022

Heike Hupertz