Das Pflaster von Berlin

VOR-SICHT: "Der Kommissar und die Wut", Krimi, Regie: Andreas Senn, Buch: Christoph Darnstädt, Kamera: Leah Strieker, Produktion: Goodfriends Filmproduktion (ZDF, 7.12.20, 20.15-21.45 Uhr)

Darüber wurde nicht nur in Berlin berichtet: Verrückte Automobilisten lieferten sich ein ums andere Mal Wettrennen auf dem Kurfürstendamm mit mehr als 100 Stundenkilometern, just for fun, und brachten einen Unbeteiligten dabei zu Tode. Wie kann man das gegeneinander aufwiegen: Hier ein Menschenleben und dort der Spaß von Autonarren, die mit Höchstgeschwindigkeit über eine städtische Flaniermeile brettern. Ist das noch zu begreifen? Kommt da nicht große Wut hoch? Nicht nur bei dem Mann auf der Straße und natürlich bei den Angehörigen von Opfern, sondern auch in den Reihen der Polizei, die dergleichen irrwitzige Untaten aufklären muss? Ja, sie kommt hoch. Und wie das aussieht, zeigt der ZDF-Krimi "Der Kommissar und die Wut".

Roeland Wiesnekker spielt den Polizisten Martin Brühl. Er macht das sehr gut. Schon seine Miene mit dem zugleich traurigen und skeptischen Blick qualifiziert ihn für die Rolle. Seine Partnerin Meike Droste als Polizeipsychologin Susanne Koch ist auch nicht schlecht, vielleicht ein wenig unterfordert, zumal nicht ganz so wütend.

Die beiden ermitteln zunächst in einem Entführungsfall. Der Sohn des Ehepaars Jatzkowski ist verschwunden. Es meldet sich auch eine verzerrte Stimme mit einer Lösegeldforderung. Aber die Umstände weisen auf einen Amateur hin, einen Anfänger. Die Polizei vermutet bald, dass sich der junge Tim Jatzkowski (Aaron Hilmer) selbst entführt hat. Aber es gibt noch eine andere Spur. Die führt zu dem Weinhändler Oliver Froeling (Lukas Gregorowicz) in Friedenau. Dessen Frau wurde Opfer einer Ku'damm-Rallye - und der Fall nie aufgeklärt.

Die Hauptrolle in diesem Film spielt die Wut. Ihre Träger sind sowohl Kommissar Brühl, der umso wütender wird, je näher er der Wahrheit kommt, als auch der Witwer Froeling, der mehr verlor als seine Frau - den ganzen Lebenssinn und all seine Lebensfreude. "Es war ein gelber Ferrari, 600 PS", schluchzt Froeling, in der Hand ein Foto seiner toten jungen und ausnehmend schönen Frau, "600 PS!" Mit dem Schmerz in seiner Brust kämpft die Wut, die hoch und höher wallt.

Behutsam führt Regisseur Andreas Senn seine Schauspieler und Schauspielerinnen durch dieses affektive Gelände, macht Verzweiflung und Zorn fühlbar, denn im Ernst: Wie kann es das heute noch geben, in unserem Zeitalter der allseits beschworenen Sicherheit, dass Raser, die Menschenleben for fun aufs Spiel setzen, ungestraft davonkommen?

Der Vater des entführten Jungen, Autohändler und "King of Cars" Heiner Jatzkowski, wird von Benno Fürmann als aalglatter Angeber gespielt, aber auch als stolzer Typ, der es zu was gebracht hat und sich nichts sagen lassen will. Seine Kunden und Kumpane könnten sehr wohl mit dem organisierten Verbrechen in Kontakt stehen. Seine Frau Britta, sorgen- und ahnungsvoll an seiner Seite, wird von Ulrike C. Tscharre verkörpert. Diese beiden wollen ihren Sohn zurück und vergehen fast vor Angst um sein Leben, aber sie haben auch etwas zu verbergen, was der Kommissar von Anfang an ahnt. Auch die Polizeipsychologin Koch hat so ein Bauchgefühl: "Der Junge ist nicht tot."

Christoph Darnstädt hat für diesen Schauspielerfilm ein ausgefuchstes Drehbuch verfasst, in dem die üblichen Verschlingungen und Rückblenden mal nicht ins Rätselraten führen, sondern die Zuschauerin eng an der Frage halten: Ist Wut womöglich fallweise mehr als gerechtfertigt, und darf sie sich ausdrücken, gar in Racheverlangen umschlagen? Bei den Ermittlern ebenso wie bei Überlebenden?

Das Ende ist keine Überraschung, aber darum geht es auch nicht. Starke Affekte müssen hier bearbeitet werden, und zwar im Dunkelfeld vor dem eigentlichen Verbrechen, bei dem ja der Vorsatz fehlt und nur die absolute Fahrlässigkeit durchbricht, die Todesfolgen in Kauf nimmt.

Man will kein "Hater" werden, doch die Schuldigen fassen. Reicht Reue aus? Oder muss Rache sein? Um was für eine Art Schuld handelt es sich überhaupt? Ist nicht der Täter durch seine Tat fürs Leben genug gestraft? All die großen moralischen Fragen, die ein Krimi im Gepäck hat, werden hier ausgebreitet und durchbuchstabiert. Vieles geschieht nachts, die Atmosphäre einer dumpfen Bedrohung wird durchgehalten.

Sehr schön der Schauplatz Berlin, kenntlich durch sein Straßenpflaster: die Katzenköpfe, der Blaubasalt und schlesischer Granit (Kamera: Leah Strieter). So eine Pflasterung gibt es nirgendwo sonst. Berlin ist ja als Stadt nicht besonders schön. Aber fotogen. Besonders sein Straßenpflaster, das noch nie so ausgiebig und in nassem Glanz zu bewundern war.

Aus epd medien 49/20 vom 4. Dezember 2020

Barbara Sichtermann