Da stimmt was nicht

VOR-SICHT: "Polizeiruf 110 - Mörderische Dorfgemeinschaft", Regie: Philipp Leinemann, Buch: Katrin Bühlig, Philipp Leinemann, Kamera: Jonas Schmager, Produktion: Filmpool Fiction (ARD/MDR, 11.8.19, 20.15-21.45 Uhr)

"Ist doch ganz idyllisch hier!" - Wenn der Magdeburger Hauptkommissar Dirk Köhler (Matthias Matschke) sich bei dieser Landpartie mal nicht täuscht! Immerhin gibt es in dem Dorf noch eine Bushaltestelle. An der kein Bus hält. Es gibt einen Bäcker und eine Autowerkstatt. Weiter draußen einen Mastbetrieb. Hier wohnen Menschen, auch wenn die Straßen menschenleer sind. Aber man sieht eben nicht nur, was man weiß, sondern man weiß auch nur, was man begreifen kann. Wie Doreen Brasch (Claudia Michelsen), Ermittlerin mit dem Spezialgebiet Beziehungsstörungen: "Irgendwas stimmt hier nicht. Hier möchte man nicht tot überm Zaun hängen."

Jurij Rehberg, dessen Wagen am Waldrand mit Blutlache im Kofferraum gefunden wurde, blieb wenigstens das erspart. Ob er ein Opfer ist oder ein Täter, ob er in diesem Dorf ermordet wurde oder größeren Schaden angerichtet hat, ist lange fraglich in diesem psychologisch spannenden "Polizeiruf" des MDR, in dem es um eine "mörderische Dorfgemeinschaft" geht.

"Wo keine Leiche, da kein Mord, wo kein Mord, ist auch kein Mörder." Werner Wolf (Hans Uwe Bauer), Schwiegervater in spe des Verschwundenen, begegnet Brasch und Köhler mit aufreizender Gelassenheit und geht mit ruhigem Gemüt angeln, während seine schwangere Tochter Annette (Katharina Heyer), die wie aus der Welt gefallen wirkt, vor Sorge um den Geliebten, den Angebeteten fast vergeht. Dass der umtriebige Russe ermordet wurde, steht nicht nur aufgrund des Blutverlusts für das Kripo-Team bald fest. Harte gerichtsmedizinische Fakten ergänzen sich durch die Stimmung im Dorf, die in diesem Film stimmig und bildästhetisch mit altmeisterlichem Farbenspiel und Licht-und-Schatten-Dramatik eingefangen wird.

Die stilisierende Bildgestaltung von Jonas Schmager bestimmt die bedrückende Vanitas-Vanitatum-Stimmung in dieser geschlossenen Gesellschaft. "Kein Kinderlachen", das fällt Brasch zunächst auf. Acht, mit einer Außenseiter-Nachbarin, die ihre Tage auf Beobachtungsposten hinter einer fadenscheinigen Spitzengardine verbringt, neun Personen bilden das Personaltableau, ein Werkstatt-Gehilfe kommt dazu. In diesem Dorf, das stellt sich mehr und mehr heraus, wohnen nur noch die, die nicht wegkönnen. Sie "fristen ihr Dasein", wie es früher hieß.

Autorin Katrin Bühlig zeigt hier einmal mehr, dass sie selbst die Psychologie scheinbar grober Klötze in feinste Verästelungen zerlegen kann. Der Bäcker Dietmar (Christian Beermann) glaubte, in Jurij einen wunderbaren Freund gefunden zu haben, worauf Mutter Marlies (Jutta Wachowiak) und Ehefrau Katja (Katrin Wichmann) eifersüchtig schauten. Automechaniker Guido (Tom Keune) fand heraus, dass seine Frau Heike (Angela Scherz), Jurij nicht nur Massagen verabreichte. Auch der Bauer Paul (Urs Rechn) hatte mit ihm ein Hühnchen zu rupfen.

Annettes Verlobter stiftete überall Unruhe. Manche waren ihm regelrecht verfallen, andere hassten ihn abgrundtief. Er war ein faszinierender Fremdkörper. Und ein Berufskrimineller mit bewegter Unterweltvergangenheit. Motive gibt es dementsprechend zuhauf. Dass der Mann ein genialer Manipulator war, zeigt der Film mit einem wirksamen Kniff. Während die Befragten ganz unterschiedliche Charakterzeichnungen des wie vom Erdboden Verschluckten entwerfen, malen zeitgleiche Rückblenden ganz andere Situationskonturen. Was ist wahr? Wer war das Opfer? Die subjektive Wahrheit bleibt flirrend.

Ein Jäger (Ronald Zehrfeld als Gast) streift mit seinem Hund durchs Feld, auf dem in schwerer Sommerhitze unbewegt das sattgelbe, fast ockerfarbene Korn steht. Im Getreide summen Fliegen, ein Unkraut gerät ins Sichtfeld. Die Musik, die durch Überdramatisierung einen Kontrapunkt zum nahezu Bewegungslosen setzt (Sounddesign: Sebastian Fillenberg), schwillt an. Passende Untermalung wäre der langsame Sommer-Satz aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Der Jäger lauert, bis der zum Abschuss freigegebene Wolf sich anschleicht. Schuss und Flucht. Das ist der Auftakt zu "Mörderische Dorfgemeinschaft". Dreißig Schafe habe das Untier schon gerissen, erfährt man. Am Ende, nachdem die Rätsel um Jurijs Verschwinden und die Beziehungen der Dörfler gelöst sind, tritt der Jäger wieder auf den Plan, lockt den Wolf. Wen soll man bedauern, die Schafe oder die gejagte Wolfsnatur?

Die Analogie ist nicht sonderlich subtil, aber in "Mörderische Dorfgemeinschaft", dessen Besonderheit in einer immanenten Anleitung zum genauen Hinschauen und Hinhören besteht, funktioniert diese Verweisgestaltung bestens. Braschs Einsamkeit bildet ein ergänzendes, dieses Mal von ihrem Vorgesetzten Uwe Lemp (Felix Vörtler) allzu direkt angesprochenes Motiv. Tiefer schauend kann man, über Bande gespielt, in der Verlassenheit dieses Dorfes gar Gründe für aktuelle politische Entwicklungen im Osten Deutschlands sehen.

Aus epd medien 32/19 vom 9. August 2019

Heike Hupertz