Cop mit Schwächen

VOR-SICHT: „Polizeiruf 110: An der Saale hellem Strande“, Krimi, Regie: Thomas Stuber, Buch: Clemens Meyer, Thomas Stuber, Kamera: Nikolai von Graevenitz, Produktion: Filmpool Fiction (ARD/MDR, 30.5.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd Kriminalhauptkommissar Michael Lehmann (Peter Schneider) ist gerade noch dabei, freundlich die Personalien des vorgeladenen Zeugen aufzunehmen, da knallt sein Kollege Henry Koitzsch (Peter Kurth) dem Mann schon das Aufnahmegerät vor die Nase: „Wir wissen, worum’s geht?“ Beim neuen Polizistenduo aus Halle, so viel ist nach fünf Minuten klar, handelt es sich also um eine klassische Good-Cop-Bad-Cop-Paarung. Hier der zugewandte „Michi“ Lehmann, dreifacher Familienvater, dort der ruppige Lederjackenträger Koitzsch, Typ einsamer Wolf.

Die beiden untersuchen den Messermord an einem Kellner, der bereits drei Monate zurückliegt und zu dem es immer noch keine Verdächtigen oder auch nur eine heiße Spur gibt. Nun soll eine groß angelegte Funkzellenauswertung den Durchbruch bringen: Alle Personen, die zur fraglichen Zeit in der Umgebung des Tatorts telefoniert haben, werden verhört. Der vorbestrafte Maik Gerster (Till Wonka), den Koitzsch zu Anfang anraunzt, ist Zeuge Nummer 34. Er wirkt ängstlich und verdruckst, kann sich aber leider nicht erinnern, mit wem er seinerzeit gesprochen hat - und das Handy hat er inzwischen auch gewechselt.

Mit dieser Grundkonstellation verschaffen sich die Autoren Clemens Meyer und Thomas Stuber (auch Regie), die bereits bei den Filmen „Herbert“, „In den Gängen“ und „Tatort: Angriff auf Wache 08“ zusammengearbeitet haben, nicht nur die Gelegenheit, ihre Ermittlerfiguren, die sich ein großes Büro teilen, durch unterschiedliche Verhörmethoden zu charakterisieren. Die Vielzahl der Zeugen ermöglicht auch eine Milieustudie der „ganz normalen Menschen“ aus Halle - und vermittelt einen realistischen Eindruck von der Mühsal und Kleinteiligkeit der Polizeiarbeit.

Da ist der desorientierte alte Eisenbahner Günther Born (Hermann Beyer), der nachts gelegentlich an seinen alten Arbeitsplatz am Güterbahnhof läuft, der DDR hinterhertrauert und sich heute „nutzlos“ fühlt. Oder die sächselnde Femme fatale Katrin Sommer (Cordelia Wege), die schon mal selbst durcheinanderkommt, ob sie nun Musikerin oder in der Gastronomie tätig ist. Ganz zu schweigen von Erinnerungslücken bezüglich Zahl und Reihenfolge ihrer Liebhaber. Wenn sie sich auf dem Stuhl vor Henrys Schreibtisch räkelt, wird der jedenfalls ausnahmsweise ganz weich. Und als sie das titelgebende Volkslied intoniert („An der Saale hellem Strande / Stehen Burgen stolz und kühn“), stimmt der schäkernde Koitzsch zum Entsetzen seines Kollegen lustvoll ein.

Kehrseite dieses Erzählkonzepts, das den Mordfall eher als Aufhänger für skurrile, melancholische Geschichten nutzt und das Clemens Meyer im Begleitheft als „Mischung aus Kaurismäki, 'Fargo‘ und eben guter, alter 'Polizeiruf 110‘-Tradition“ beschreibt, ist allerdings, dass der Beitrag zum 50. Jahrestag der Ost-Krimireihe als Spannungsfilm nur mäßig funktioniert. Als es endlich eine heiße Spur gibt - sie führt unter der einen alten Folgentitel zitierenden Kapitelüberschrift „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ zu trinkfreudigen Nachbarn des Mordopfers -, ist das kriminalistische Interesse des Zuschauers schon fast erloschen.

Die Stärken dieses im besten Sinne traditionsbewussten Films - Andreas Schmidt-Schaller, langjähriger „Polizeiruf“-Ermittler und „Schimanski des Ostens“, hat eine Gastrolle als Lehmanns Schwiegervater - liegen klar im Erschaffen einer eigenen Atmosphäre und in der Etablierung eines tragfähigen Protagonisten-Duos. Kameramann Nikolai von Graevenitz steuert stimmungsvolle Aufnahmen der Hochstraßen in Halles Stadtzentrum bei, auf der Tonspur erklingen „I am a poor wayfaring stranger“ und „The house of the rising sun“. Und dass Peter Kurth auch mal den Berserker rauskehren muss, versteht sich von selbst.

Eine Schau ist, wie Henry einen alten Kumpel (Thomas Lawinky) im Knast besucht und mit dem Mann, der wegen Mordes einsitzt, fast eine ganze Flasche Schnaps austrinkt. Den Rest führt sich der Kommissar anschließend draußen allein zu Gemüte - dumm nur, dass er danach noch Auto fahren will und gerade Kollegen um die Ecke biegen. 1,6 Promille ergibt der Alkoholtest - was ihn nicht davon abhält, nach der Straßenbahnfahrt zu Hause noch mal nachzulegen und wild auf dem Balkon zu tanzen. Mit dem Rauchen will er auch bald aufhören, allerdings nach einem Stufenmodell, das irgendwie noch nicht so richtig greift. Wer künftig Cops mit kleinen Schwächen anlegen will, wird um das Studium dieser Figur nicht herumkommen.

Mit dem Ausscheiden Charly Hübners als Rostocker „Polizeiruf“-Kommissar Sascha Bukow steht der Reihe nächstes Jahr ein schwerer Verlust bevor - umso tröstlicher, dass nun mit Kurth alias Henry Koitzsch ein neuer Typ mit Ecken und Kanten dazugestoßen ist.

Aus epd medien 21/21 vom 28. Mai 2021

Peter Luley