Charmant aus der Zeit gefallen

VOR-SICHT: "Tot im Wald", Fernsehfilm, Regie: Florian Baxmeyer, Buch: Stefanie Veith, Matthias Tuchmann, Kamera: Peter Joachim Krause, Produktion: Ninety Minute Film (Sat.1, 18.11.19, 20.15 bis 22.20 Uhr)

Eine Skurrilität unter den Free-TV-Premieren: Der Sat-1-Krimi "Tot im Wald" wurde bereits 2012 gedreht und war eigentlich als zweiter Teil einer im selben Jahr mit dem Film "Hannah Mangold & Lucy Palm" gestarteten Reihe gedacht. Doch obwohl der Pilot mit Anja Kling und Britta Hammelstein als Berliner Kripo-Ermittlerinnen bei Kritik und Publikum gut ankam, versandete das Projekt. Es habe nicht ins damalige Komödienumfeld gepasst, heißt es dazu beim Sender. Nach einer quasi unbeachteten Erstausstrahlung 2013 im Bezahlkanal Sat.1 Emotions findet "Tot im Wald" nun als Abschluss der aktuellen Sat-1-Krimistrecke doch noch ins Hauptprogramm.

Und siehe da: Ein größeres Publikum wäre hochverdient. Der von Florian Baxmeyer inszenierte Film mit dem Allerweltstitel macht auf mehreren Ebenen richtig Spaß. So führt die siebenjährige Verzögerung dazu, dass "Fack ju Göhte"-Heldin Jella Haase ganz bescheiden in einem Miniauftritt als Hannah Mangolds Tochter zu sehen ist und der heutige "Jerks"-Star Fahri Yardim als Kripo-Beamter in einer deutlich jüngeren Version seiner selbst erscheint. Aber das ist nur ein lustiger Nebeneffekt, der "Tot im Wald" charmant aus der Zeit gefallen wirken lässt. Ansonsten überzeugt er als rasanter Spannungsfilm mit einer eigenen Tonlage, schlüssig eingebauten Märchen-Anspielungen, Horrorhaus-Thriller-Anteilen und wirklich furchterregenden Bösewichtern.

Die Handlung beginnt mit dem Verschwinden eines jungen Pärchens aus Tempelhof, das von einem Mittelalter-Treffen in Brandenburg nicht zurückkehrt und dessen letzte Minuten der Vorspann zeigt: In einem Waldstück fahren der Ritter und sein Fräulein mit ihrem Auto über eine ausgelegte Nagelkette, kommen von der Fahrbahn ab und werden von Maskierten attackiert.

Weil die nach einem Racheakt traumatisierte Ex-Dienststellenleiterin Hannah Mangold (Kling) weiterhin mit Angstzuständen und Visionen ringt und bis auf weiteres zum Aktenschreddern in den Keller abkommandiert wurde, nimmt sich Kollegin Lucy Palm (Hammelstein) des Falles an - gegen den Willen ihres Chefs (Dirk Borchardt), der die Brandenburger Kollegen am Zuge sieht, und unter unerlaubter Einbindung Hannahs.

Angetan mit einer roten Kapuzenjacke unter schwarzer Lederkluft, Handschellen und Pistole mit tougher Selbstverständlichkeit am Gürtel tragend, macht Lucy sich auf in den Privatforst. Dort stößt sie auf eine fatale Personenkonstellation: Während der alte Großgrundbesitzer Arthur Meckenstock (Hermann Beyer), von allen König Arthur genannt, in einem verfallenden Herrenhaus vor sich hinsiecht, sein Schwiegersohn (Andreas Lust) den Selbstmord seiner Frau mit Alkohol verarbeitet und seinen kleinen Sohn verwahrlosen lässt, vertreiben sich draußen im Holz zwei Waldarbeiter (Gerdy Zint, Sebastian Zimmler) die Zeit mit makaberen Spielchen.

Dass recht schnell klar ist, in welchem Umkreis die Übeltäter zu suchen sind, tut der Spannung keinen Abbruch. Die Ungewissheit über das Ausmaß des Verbrechens sowie die Frage, ob die ohne Rückendeckung agierenden Kommissarinnen es aufklären können, reichen als Nervenkitzel völlig aus.

Zumal die Atmosphäre im dunklen Wald ohne Handyempfang ihren speziellen Grusel entfaltet und die Ermittlerinnen jeweils auf sich allein gestellt sind: Hannah, der es um die Rettung des verstörten Jungen geht, heuert heimlich als Pflegerin des alten Patriarchen an, Lucy kümmert sich parallel um eine Hotelbetreiberin (Floriane Daniel), die mit den Waldarbeitern unter einem Dach lebt. Jene sind, wie sich herausstellt, ehemalige KSK-Soldaten, die nach einem Afghanistan-Einsatz wegen obszöner Fotos unehrenhaft entlassen wurden und offenbar den Krieg mit nach Hause gebracht haben.

So frotzelig die beiden Polizistinnen miteinander umgehen ("Mary Poppins undercover", kommentiert Lucy den Einsatz Hannahs), so außer Frage steht ihre unverbrüchliche weibliche Solidarität. Ätherisch entrückt die eine, sehr handfest physisch die andere, eint beide der Wille, trotz schmerzlicher Erfahrungen nicht die Empathie zu verlieren. Nach einem dramatischen Doppelfinale, bei dem im denkbar düstersten Zusammenhang noch das Brüder-Grimm-Märchen "Allerleirauh" zum Vortrag kommt, mag der Zuschauer froh sein, dass dieser Spuk vorbei ist - dass das auch für das Protagonistinnen-Duo gilt, ist dagegen schade.

Aus epd medien 46/19 vom 15. November 2019

Peter Luley