Brennende Spielzeugwelt

VOR-SICHT: "Der Krieg und ich", achtteilige Serie, Regie: Matthias Zirzow, Buch: Matthias Zirzow, Maarten van der Duin, Ramona Bergmann, Kamera: Bernhard Wagner, Produktion: Looksfilm, Toto Studio (Kika/SWR, 31.8., 1.9., 7.9. und 8.9.19, jeweils zwei Folgen von 20.00-21.00 Uhr)

Weil es viel zu aufwendig wäre, für eine Kinderfernsehproduktion Kriegsszenen nachzustellen, hatten die Verantwortlichen von "Der Krieg und ich" einen famosen Einfall. Ihre Idee ist außerdem ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie sich fehlende Mittel durch Fantasie ausgleichen lassen, vom Seelenheil der jungen Darsteller ganz zu schweigen: Plötzlich scheint die Handlung zu erstarren und verwandelt sich in eine Spielzeugwelt.

Die SWR-Serie schildert den Zweiten Weltkrieg aus unterschiedlichsten Kinderperspektiven in ganz Europa, die acht Folgen sind in sich abgeschlossen. Vorlagen waren authentische Erlebnisberichte: Der zehnjährige Anton will unbedingt zur Hitlerjugend, weil dort alle seine Freunde mitmachen; die 13-jährige Sandrine lebt im 1942 noch unbesetzten Südfrankreich und hilft geflüchteten Juden, sich zu verstecken; der zehnjährige Romek schlägt sich im polnischen Ghetto durch; die gleichaltrige Vera ist allein aus Stalingrad geflohen. Der Älteste, Calum, ist 15, lebt in Schottland und wird Zeuge, wie deutsche Bomben seine Heimatstadt Clydebank in Schutt und Asche legen.

Formal orientiert sich die Serie am Stil des Doku-Dramas: Spielszenen werden durch zeitgenössisches Dokumentarmaterial und eingesprochene Texte ergänzt. Zwischendurch gibt es jedoch immer wieder diese Spielzeugmomente. Wenn deutsche Bomben auf Clydebank fallen, ist es das Modell, das in Flammen aufgeht. Den Machern ist dabei das Kunststück gelungen, diesen Effekt nicht lächerlich wirken zu lassen, weil die Miniaturwelt auch vorher schon in die Handlung integriert war.

Regisseur Matthias Zirzow nutzt die entsprechenden Einstellungen unter anderem für ein kurzes Innehalten, damit die jungen Protagonisten die Ereignisse kommentieren können. Das machen sie mal mehr, mal weniger gut. Kinderdarsteller sind erfahrungsgemäß nur selten auch gute Off-Sprecher, weshalb die Synchronisation der ausländischen Folgen ebenfalls in der Qualität schwankt. Seltsam auch, dass alle Kinder deutsch sprechen, während beispielsweise die erwachsenen Darsteller der Folge aus Russland einen schweren Akzent haben. Den Begleitkommentar spricht Petra Schmidt-Schaller, die offenbar betont sachlich wirken wollte und daher etwas unenthusiastisch klingt.

Trotzdem ist das Projekt aller Ehren wert. Den Anstoß hat vor einigen Jahren eine Reihe der Produktionsfirma Looksfilm gegeben, "Kleine Hände im Großen Krieg" (2014). Sie befasste sich mit dem Ersten Weltkrieg, war aber nach SWR-Einschätzung nicht in den Programmstrecken für Kinder einsetzbar. Stefanie von Ehrenstein, Leiterin der Redaktion für Kinder- und Familienprogramm, schwebte etwas völlig Neues vor: eine Serie über den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, die die Kinder nicht überfordert oder ängstigt, aber dennoch ein ehrliches und verständliches Bild dieser Zeit entwirft.

Kinder, heißt es zum Konzept der Reihe, könnten die Gegenwart nur verstehen, wenn sie auch die Vergangenheit kennen. Bezüge zur Gegenwart spielen bei der Umsetzung allerdings keinerlei Rolle mehr, dabei wäre das beispielsweise im Zusammenhang mit der Judenverfolgung durchaus möglich gewesen. Da der Kommentartext ohnehin oft belehrend ist, hätte ein entsprechender Satz ("Auch heute werden Menschen wieder verfolgt, weil sie anders aussehen oder eine andere Religion haben") nicht weiter gestört.

Davon abgesehen bilden Ton und Bild eine gute gegenseitige Ergänzung, wenngleich das ganze Projekt fast zwangsläufig sehr didaktisch ist. Im Fernsehalltag wird es die Serie daher trotz des exponierten Sendeplatzes um 20 Uhr im Kika vermutlich schwer haben, aber im Schulunterricht und in der Jugendarbeit lässt sie sich ausgezeichnet einsetzen, zumal die Geschichten konsequent aus dem Blickwinkel der Kinder erzählt sind. Sämtliche Hauptfiguren laden zur Identifikation ein: Anton (Juri Gayed) zum Beispiel ist sauer auf seinen Vater (Florian Lukas), denn der verbietet ihm den Beitritt zur Hitlerjugend. Der Junge sieht natürlich nicht den politischen Hintergrund, sondern bloß die Uniformen und das Abenteuer.

Der Kommentar erläutert zwischendurch, was die Hitlerjugend war und warum sie bei Jungs auf derart große Begeisterung stieß. Zu den immer wieder eingeschobenen Spielzeugbildern erklingen Brief- oder Tagebuchauszüge anderer Kinder; dieses Stilmittel zieht sich durch die gesamte Serie. Auch die Judenverfolgung ist geschickt integriert, ohne die Folge überfrachtet wirken zu lassen: Eines Abend steht Antons jüdische Freundin mit ihren Eltern vor der Tür, während draußen die Faschisten wüten; die Pogromnacht wird durch die brennende Spielzeugwelt dargestellt. Am Ende dämmert Anton, dass sein Vater wohl doch recht hatte.

Einen ähnlichen Sinneswandel erlebt der Protagonist des zweiten Beitrags über einen deutschen Jungen: Der 15-jährige Justus (Arved Friese) ist Anführer einer Gruppe von Jugendlichen, die 1945 im Rahmen des "Volkssturms" als letztes Aufgebot mit einer Panzerfaust dem Einmarsch der Amerikaner trotzen sollen. Beinahe zu spät erkennt er, dass außer dem nackten Leben nichts mehr zu retten ist. Auch diese an Bernhard Wickis Klassiker "Die Brücke" (1959) erinnernde Folge verdeutlicht, wie gut sich die verschiedenen Ebenen ergänzen: Einer der Jungs beobachtet durch sein Fernglas die sich nähernden Panzer. Die Bilder, die er sieht, stammen aus dokumentarischem Material. Als ein anderer auf einen Panzer schießt, wechselt die Bildebene in die Spielzeugwelt. Der Panzer feuert prompt zurück, was ein wenig an Tischfeuerwerk erinnert, aber seinen Zweck erfüllt.

Die heikelste Episode ist die letzte, denn die Geschichte der 14-jährigen Tschechin Eva (Natálie Vágnerová) spielt in Auschwitz. Erneut zeigt sich, wie klug die Idee mit der Miniaturwelt war: Dank der dokumentarischen Bilder wirkt es in keiner Weise albern, wenn Szenen mit einer Spielzeuglokomotive nachgestellt werden. Auch die Baracken sind als Modell nachgebaut worden. Zur schwierigen Erzählung vom Schicksal der Menschen in den Öfen steigt Rauch aus gebastelten Kaminen.

Aus epd medien 35/19 vom 30. August 2019