Beständigkeit und Wandel

VOR-SICHT: "Unter Verdacht: Evas letzter Gang", Krimi, Regie: Andreas Herzog, Buch: Stefan Holtz und Florian Iwersen, Kamera: Wolfgang Aichholzer, Produktion: Eikon Media (Arte/ZDF 25.10.19, 20.15-21.45 Uhr)

Es beginnt mit einer Erinnerung. Zwei Kinder kommen nach Hause: ein Junge, ein Mädchen, sie unterhalten sich mit Wortspielen. Plötzlich sehen sie, wie aus den Fenstern des einsam gelegenen Häuschens, auf das sie zugehen, Rauch hervorquillt. Sie fangen an zu rennen.

Das kleine Mädchen sehen wir bald wieder - jetzt als erwachsene Frau namens Sarah Weiß (Julia Franz Richter). Sie ist Polizistin geworden, und sie versucht immer noch herauszufinden, was damals geschehen ist. Die Mutter ist im brennenden Haus umgekommen - aber wer war der Brandstifter? Und war die Mutter womöglich schon tot, bevor sie verbrannte? Ermordet? Es ist alles lange her, niemand hat sich damals wirklich um Aufklärung bemüht.

2002 ereignete sich das Unglück, in der ersten Folge der ZDF-Krimireihe "Unter Verdacht" wurde es erzählt. Damals kamen auch Dr. Eva-Maria Prohacek (Senta Berger) und ihr Assistent André Langner (Rudolf Krause) auf diesem Revier 411 der Münchner Kripo an, als interne Ermittler. Wir begeben uns also in dieser 30. und letzten Folge der Reihe wieder an den Anfang, zur Folge "Verdecktes Spiel", die 2003 einen Grimme-Preis gewann. Und jetzt wird zu Ende ermittelt. Sehr schön, wie nach 17 Jahren die Kette der Fälle geschlossen wird.

Das große Verdienst der Reihe ist die Figurenzeichnung. Die Plots mit ihrem Bemühen, ein wenig Licht in das verdeckte Spiel der Münchner Spezl-Wirtschaft zu bringen, sind immer gut ausgedacht und garantieren befriedigende Krimi-Spannung, doch diese Klasse findet man in anderen Krimi-Reihen auch. Eva Prohacek indes, ihr Mitarbeiter Langner und Chef-Bösewicht Claus Reiter (Gerd Anthoff), Evas Vorgesetzter, sind als Figuren - ganz abgesehen davon, wie hervorragend sie verkörpert werden - die reine Wonne, so kompliziert, widersprüchlich und originell wie sie angelegt sind und durchgehalten werden. Sie entwickeln und verändern sich kaum - das dürfen sie in so einer langen Reihe auch nicht. Aber sie stellen sich ständig verändernden Herausforderungen und erhalten so Gelegenheiten, sich von immer wieder anderen Seiten zu zeigen.

Dabei darf man aber auch erwarten, dass sie sich treu bleiben, denn das erfreut das Publikum besonders. Und sie bleiben sich treu. Eva ist extrem empfindsam und eher durchsetzungsschwach, aber ihr Entschluss, die Wahrheit zu enthüllen, ist so fest, dass sie immer wieder über sich hinauswächst und alle Ängste und Vorbehalte zum Teufel schickt. Langner ist Kummer gewohnt, er ist immer nur der zweite Mann, aber wer ihn unterschätzt, erlebt sein blaues Wunder. Reiter schließlich ist vielleicht sogar der Inbegriff des aalglatten Fieslings, wie ihn das deutsche Fernsehen sonst nie wieder hervorgebracht hat, und so sehr man ihn und seine Niedertracht verabscheut, kann man es doch nie erwarten, ihn in einer nächsten Folge wiederzusehen. Doch damit ist jetzt Schluss - seufz!

Die Beziehungen der drei zueinander vollbringen ebenfalls das Wunder des Zugleichs von Beständigkeit und Wandel. Stets hofft man vergeblich, dass Reiter irgendwann mal die Qualitäten von Eva schätzen lernt und Langner mal ernst nimmt. Oder freut man sich gerade deshalb, weil er es nie tut? Eva und Langner dürfen zwar immer wieder beglückende Momente der gemeinsamen Aktion und des Sich-Verstehens erleben, aber die Kühle und die Skepsis, die diese beiden Mühseligen und Beladenen schon in der ersten Folge ausstrahlten und einander spüren ließen, verschwindet nie völlig.

Ein guter Einfall war es, Langner zum Schluss wieder an die Orgel zu setzen und Eva als Zuhörerin auf die Kirchenbank. Nein, das war nicht kitschig, keine Ahnung, wie die gesegneten Macher (Buch: Stefan Holtz und Florian Iwersen, Regie: Andreas Herzog) das hinbekommen haben.

"Evas letzter Gang" also - das klingt nach einem schweren Gang. Und in der Tat, die findige, tüchtige Kriminalrätin muss Sarah Weiß gegenüber eingestehen, dass sie seinerzeit bei dem Ermittlungen nicht alles getan hat, was möglich gewesen wäre. Es geht immer noch um die Grundstücksspekulation für eine Siedlung namens Paradiesgarten, der damals schon Sarahs Mutter zum Opfer fiel, weil sie ihr Haus nicht verkaufen wollte. Jetzt wird eine Vertuschung nötig und dafür muss die ahnungsvolle Sarah dran glauben. Dr. Reiter ist tief verstrickt, mit ihm die üblichen Verdächtigen aus der Riege der Münchner Honoratioren.

Das Fazit ist deprimierend: "Es hat sich nichts verändert", seufzt Eva, die jetzt in Pension geht. Langner will weiter ermitteln und die Bösen endgültig zur Strecke bringen, und er bittet sie, ihn zu unterstützen. "Ich bin nicht mehr im Dienst", bescheidet sie ihn kühl. Er: "Ich kann das nicht ohne Sie!" Am Ende macht sie doch mit. Sie hat vergessen, ihren Dienstausweis abzugeben und kann ihn noch einmal gebrauchen. Langner und Eva - da gibt es eine zarte Andeutung - werden sich privat wohl wiedersehen, ohne Kamera und ohne Fall. Gut. Es ist okay und sogar geboten, aufzuhören, wenn die Kette sich schließt.

Aus epd medien 43/19 vom 25. Oktober 2019

Barbara Sichtermann