Barmherzigkeit

VOR-SICHT: „Bring mich nach Hause“, Fernsehfilm, Regie: Christiane Balthasar, Buch: Britta Stöckle, Kamera: Hannes Hubach, Produktion: Rowboat Film- und Fernsehproduktion (ZDF, 25.10., 20.15-21.45 Uhr)

epd Was will dieser Film eigentlich erzählen? Geht es um einen konkreten Fall aus dem echten Leben, wie der Abspann suggeriert, in dem Schrifttafeln erzählen, wie es mit den Personen weitergegangen ist? Oder ist der Plot von verschiedenen Fällen inspiriert, wie es im Pressematerial heißt? Am Anfang des Filmes steht: „Frei nach wahren Begebenheiten.“ Das macht die Kritikerin auch nicht schlauer.

Gleichgültig ist diese Unklarheit für den Zuschauer nicht, denn am Ende geht es um juristische Fragen: Was dürfen Angehörige und was dürfen sie nicht - ohne ins Gefängnis zu kommen -, wenn es ihnen ergeht wie den Schwestern Ulrike (Silke Bodenbender) und Sandra (Anneke Kim Sarnau) mit ihrer Mutter.

Von jetzt auf gleich fällt die von Ulrike als Babysitterin über Gebühr beanspruchte Mutter Martina (Hedi Kriegskotte) beim Kaffeekochen um. Aus medizinischer Sicht ist der Fall schnell klar: Ein Aneurysma ist in ihrem Hirn geplatzt. Der hierdurch eingetretene Schaden ist zu groß, als dass Martina noch mal zu Bewusstsein gelangen könnte. Im Wachkoma, ohne Aussicht auf Besserung, hält eine Magensonde sie am Leben.

Erdbeer oder doch lieber Cappuccino? Über die Geschmacksrichtung der „Astronautennahrung“, die direkt in den Magen gelangt, weshalb Martina sie gar nicht schmecken würde, selbst wenn sie noch etwas schmecken könnte, dürfen ihre Töchter frei entscheiden. Was dürfen sie noch bestimmen? Eine Patientenverfügung hat die Mutter nicht hinterlassen.

Tochter Sandra fällt es als Verstandesmensch und Naturwissenschaftlerin viel leichter zu verstehen und zu akzeptieren, wie zynisch eine Frage wie „Cappuccino oder Erdbeer“ ist. Ulrike ist stärker von Gefühlen gesteuert als ihre Schwester, außerdem ist die Religionslehrerin strenggläubig, jedes Leben gilt ihr als lebenswert. Sie braucht lange, um die Hoffnung aufzugeben und zur Erkenntnis zu gelangen, dass Barmherzigkeit auch darin liegen kann, die Mutter sterben zu lassen.

Beide Schwestern gucken von Berufs wegen in den Himmel, die Astrophysikerin Sandra auf naturwissenschaftliche Weise, die Religionslehrerin Ulrike glaubt an himmlische Mächte - und auch an Globuli. Die Konstruktion ist sehr durchsichtig: Hier soll dem Zuschauer ein wichtiges Thema mit den Mitteln des fiktionalen Fernsehens nahegebracht werden und ihn zum Nachdenken anregen. Die beiden Schwestern sind Rollenträgerinnen, um zwei möglichst gegensätzliche Perspektiven auf ein schwieriges ethisches Problem dazustellen.

Dieses stets sichtbare Gerippe der guten Absicht mit erzählerischem Fleisch zu bekleiden, gelingt hier aber relativ gut, vor allem weil Britta Stöckles Drehbuch Sandra mit viel eigener Lebensgeschichte ausgestattet hat. Sarnau und Bodenbender guckt man gerne zu, so erfüllt der Film seinen mutmaßlichen Zweck und macht einem durch Anschauung so manches klar. So wird zum Beispiel deutlich, dass Angehörige immer auch eigene Aktien in Entscheidungen haben und eine Patientenverfügung auch deshalb eine gute Idee sein könnte. Kann Ulrike die Mutter vielleicht nur deshalb so schlecht gehen lassen, weil sie das Gewissen quält, die Mutter als Kindermädchen ausgenutzt zu haben?

Auch die Details, wie der menschliche Körper im Wachkoma selbst bei guter Pflege verfällt und leidet, bringen ins Nachdenken. Die Darstellung eines bewusstlosen Menschen zwischen Leben und Tod ist Hedi Kriegskotte großartig gelungen. Als auch noch eine Wespe die hilflose, wund gelegene Frau, deren Körper eine Infektion nach der anderen durchmacht, ins Gesicht sticht, erträgt man fast nicht mehr, das länger mit anzusehen. Auch wenn die Alternative entsetzlich klingt: Sonde ziehen und die eigene Mutter verdursten und verhungern lassen.

Dennoch kommt auch Ulrike letztlich zu dem Schluss, dass sie die Mutter sterben lassen sollten. Die Schwestern rücken wieder zueinander. Doch christliche Fundamentalisten halten dagegen. Das christliche Pflegeheim weigert sich, auf Bitte der Schwestern die Sonde zu ziehen. Als die Schwestern, anwaltlich entsprechend beraten, den Schlauch schließlich selbst durchschneiden wollen, kommt es zum gewaltsamen Showdown.

Christen, denen „Lebensschutz“ über alles geht, gibt es. In diesem Film erscheint es aber fast so, als seien „die Christen“ alle so, als handele es sich mehrheitlich um ethische Simpel und intellektuelle Ideologen, die unfähig wären, bittere Realitäten, Komplexität und Widersprüche zu ertragen. Nur einmal kommt ein Pfarrer zu Wort, der Ulrike erklärt, dass und warum das alles nicht schwarz-weiß zu sehen sei.

Falls der Zweck dieses Filmes war, die ZDF-Zuschauer anzuregen, vielleicht doch mal eine Patientenverfügung zu machen und sei es nur zur Entlastung derer, die für einen handeln müssen, wenn man es selbst nicht mehr kann, so erfüllt er ihn.

Aus epd medien 42/21 vom 22. Oktober 2021

Andrea Kaiser