Bankenpleite in Bonbonfarben

VOR-SICHT: „Goldjungs“, Komödie, Regie: Christoph Schnee, Buch: Eva Zahn, Volker A. Zahn, Kamera: Armin Golisano, Produktion: Zeitsprung Pictures, G5fiction (ARD/WDR/Degeto, 5.5.21, 20.15-21.45 Uhr)

Am 26. Juni 1974 ereignete sich in Köln Unerhörtes: Bankkunden standen vor verschlossenen Türen und kamen nicht an ihr Erspartes. Nach der Ölkrise 1973 der nächste Schock im einstigen Wirtschaftswunder-Deutschland. Wer alt genug ist, für den gehört die Pleite der Herstatt-Bank ziemlich sicher zum kollektiven Erinnerungsgut der 1970er Jahre. Aber wer erinnert sich noch an die zahlreichen kuriosen Details? An den Bankchef Iwan D. Herstatt, den regelmäßig plötzlich der Schlaf übermannte? An Devisenhändler, die ihren Handelsraum nach der populären Fernsehserie „Raumstation Orion“ nannten und die ihre gewagten Transaktionen bei der Buchung im EDV-System mittels eines heimlich eingebauten Knopfs einfach verschwinden ließen?

Intern wurden die Händler „Goldjungs“ genannt - nach ihnen ist diese Fernsehkomödie benannt, obwohl die Hauptfigur weiblich ist. Michelle Barthel spielt Marie Breuer, die Tochter einer alleinerziehenden Schneiderin, bei der auch Irene Gerling (Leslie Malton) Kundin ist. Die Gattin von Hans Gerling (Martin Brambach), dem Eigentümer der Herstatt-Bank, sorgt dafür, dass Marie als Sekretärin bei Vize-Bankchef Ferdinand von Broustin (Ulrich Friedrich Brandhoff) angestellt wird. Sie ist das naive Mauerblümchen, das mit großen Augen die Banken-Welt betritt und sich mit der Zeit verwandelt, selbstsicherer wird, aber auch den Verlockungen des schnell verdienten Geldes erliegt. Leider gerät dabei auch der Notgroschen der Mutter in Gefahr.

Es handelt sich um die vielfach erzählte Geschichte von Gier, Sex und Rock'n'Roll. Unausweichlich kommt einem „Der König von Köln“ in den Sinn, jene Fernseh-Satire aus dem Jahr 2019, in der Ralf Husmann (Drehbuch) und Richard Huber (Regie) den Oppenheim/Esch-Skandal aufs Korn nahmen (Kritik in epd 51-52/19). Offenbar sind auch die Wirtschaftsskandale in der rheinischen Karnevals-Hochburg komischer als anderswo.

Allerdings bleibt „Goldjungs“ bei allem Vergnügen über Mode und Soundtrack, über skurrile Typen und dreiste Manöver hinter der satirischen Schärfe des „Königs von Köln“ zurück. Die Bank ist eine Insel, die Verbindungen zur Stadtgesellschaft bleiben unsichtbar, obwohl Iwan D. Herstatt nichts anderes im Kopf hat als Karneval und seine zahlreichen Vereinsmitgliedschaften. Kontaktpflege ist offenbar seine Hauptbeschäftigung, wobei man sich fragt, wie das funktioniert haben soll bei einem Menschen, der am Pickwick-Syndrom leidet und während der Telefongespräche einschläft.

Es ist lustig, wie Waldemar Kobus alias Iwan der Schläfrige stets mit dem Telefonhörer in der Hand an seinem Schreibtisch einnickt. Umwerfend auch Martin Brambach als griesgrämiger Soziopath Hans Gerling und Leslie Malton als seine Frau Irene, die teuflisch lächelnd sagt, wo's langgeht, weshalb die großen Banken-Lenker ungefähr auf das Format der beiden Dalmatiner schrumpfen, die Irene stets begleiten.

Das Autoren-Paar Eva und Volker A. Zahn treibt die menschliche Gier tragikomisch auf die Spitze mit der Figur von Herstatts Sekretärin Birgit Pütz, die eigentlich die Geschäfte hinter Iwans Rücken führt, wunderbar gespielt von Judith Engel (im „König von Köln“ die Quelle-Erbin Valerie Dickeschanz). Auch diese erfundene Figur trägt ein Körnchen Wahrheit in sich: Denn nicht nur den „Goldjungs“, sondern allen Herstatt-Angestellten war es gestattet, mit bis zu zehn Millionen D-Mark zu zocken. „Bescheidenheit ist eine Zier, doch mehr Spaß macht es ohne ihr“, reimt die ruinierte Pütz, bevor sie vom Dach hüpft.

Die weiblichen Rollen sind die interessanteren Figuren, während viele Männer mehr oder weniger klischeehafte Karikaturen bleiben. Jan Krauter ist der Revisor Uwe Lennartz, ein etwas verklemmter, unbeholfener Zahlentyp. Tim Oliver Schultz spielt Mick Sommer, den smarten Anführer der Devisenhändler, der mit seinen Goldjungs jeden Abend in einer Bar kokst und Champagner säuft. Natürlich landen Sommer und Marie im Bett. Der reale Leiter der Abteilung hieß übrigens Danny Dattel und hatte als Kind das KZ Auschwitz überlebt. So tief in die deutsche Geschichte steigt die Komödie aber lieber nicht ein. Dafür schimmert das sozialdemokratische Versprechen der 70er Jahre von mehr Chancengleichheit durch: Mick Sommer hat sich wie Marie „aus einfachen Verhältnissen“ hochgearbeitet.

In der Bank prallen die Welten aufeinander, der alte Geld-Adel und die Emporkömmlinge der neuen Zeit. Auch in der klassischen Rollenverteilung deuten sich Risse an: Mit Irene Gerling und Birgit Pütz halten bereits starke Frauen einige Fäden in der Hand, aber die Machtpositionen besetzen natürlich noch die Männer. Genauer gesagt: Männer, die in ihrem Bemühen, stark und männlich zu wirken, eine eher tragikomische Figur abgeben. Oder die über die eigenen unterdrückten Gefühle in heillose Verwirrung geraten wie Ferdinand von Broustin. Marie steht Modell für ihren Chef, einen arroganten, feinen Pinsel, in dessen Büro Gemälde von Franz Marc hängen, die er als seine eigenen ausgibt. Das dilettantische Oben-Ohne-Bild von Marie soll wohl dazu dienen, die Gerüchte über seine Homosexualität aus der Welt zu schaffen. Dass Marie es duldet, dass das Bild über ihrem Schreibtisch in der Bank platziert wird, wird als Zeichen ihres erwachenden Selbstbewusstseins erzählt. Das überzeugt nur halb. Andererseits passt dieses scheußliche Gemälde perfekt zum Dilettantismus, der in der Bank um sich greift.

„Goldjungs“ unterhält vor allem als Ausstattungs-Orgie. Michelle Barthel wirft sich in immer buntere, tollere Kostüme, die Devisenhändler fahren alle Porsche und klettern aus ihren verschiedenfarbigen Sportwagen, als seien sie Typen aus der Autowerbung. Lange Haare, lässige Kleidung - coole Jungs, die nach eigenen Regeln leben und in ihrem Handelsraum pausenlos telefonieren und qualmen. Das sieht aus wie ein putziger Vorgriff auf das turbulente Treiben der späteren Investmentbanker. Dazu gibt ein üppiger Siebziger-Jahre-Soundtrack den Takt vor, von T. Rex bis David Bowie: Bankenpleite, bonbonfarben und beschwingt.

Aus epd medien 17/21 vom 30. April 2021


Thomas Gehringer