Ausstattungsepos

VOR-SICHT: "Unsere wunderbaren Jahre", dreiteiliger Fernsehfilm, Regie: Elmar Fischer, Buch: Robert Krause und Florian Puchert nach dem Roman von Peter Prange, Kamera: Felix Novo de Oliveira, Produktion: UFA Fiction (ARD/WDR, ab 18.3.20, 20.15-21.45 Uhr)

Irritation zu Beginn. Erst diese starke, dichte Eröffnungssequenz, die sofort in die Handlung hineinzieht. Wie da Elisa Schlott alias Ulla Wolf als Blickfang im roten Badeanzug in den See springt, der virile Kriegsheimkehrer Tommy (David Schütter) ihr bis zu einem Ponton hinterher schwimmt und ihr Freund Jürgen (Ludwig Trepte) das Ganze sorgenvoll vom Ufer aus beobachtet, das macht in drei Minuten ohne viele Worte schon ein zentrales Beziehungsdreieck sichtbar.

Aber dann. Zu den Titelcredits setzt ein musikalisch wie optisch in "Game of Thrones"-Manier gestalteter Vorspann ein - nur dass die unterlegte Landkarte nicht Winterfell und King's Landing zeigt, sondern Altena im Sauerland, gelegen in der "British Zone" des Jahres 1948. Düsseldorf, Köln, Bonn, Dortmund und Paderborn sind ebenfalls eingezeichnet. Und DM-Münzen kommen auch vor.

Dieses irrwitzige Intro gilt es erst mal wegzustecken - wobei es, rückblickend betrachtet, auf keine gar so falsche Fährte führt. "Unsere wunderbaren Jahre", die als "Event-Dreiteiler" annoncierte Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Peter Prange, will offenkundig große Seifenoper sein, nicht subtiles Sittengemälde. Vor dem Hintergrund der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zu den Wirtschaftswunder-Jahren erzählt Regisseur Elmar Fischer die Geschichte der Unternehmerfamilie Wolf, der die örtlichen Metallwerke gehören und die trotz allgemeiner Nachkriegsnot noch in ihrer Villa mit Dienstmädchen lebt. Als Patriarch und Patriarchin sind Thomas Sarbacher und Katja Riemann zu sehen; wichtigstes Erzählvehikel sind die Liebeswirren ihrer drei Töchter.

Zuvorderst ist da jene zweifach umworbene Ulla, die von ihrem Vater als Nachfolgerin an der Firmenspitze auserkoren ist - in Wahrheit aber lieber Medizin in Tübingen studieren will. Die unscheinbare Gundel (Vanessa Loibl), die im Betrieb brav die Buchhaltung erledigt, wird von den meisten unterschätzt, außer vom stilbewussten Mode- und Schuhverkäufer Benno (Franz Hartwig), den aber wiederum sie zunächst kaum beachtet. Und schließlich die älteste Schwester Margot (Anna Maria Mühe), die bereits einen kleinen Sohn hat und noch immer auf die Rückkehr des Vaters, eines SS-Hauptsturmführers, hofft.

Die Schatten der noch nahen Nazizeit grundieren das Geschehen. Vater Eduard Wolf, der im Krieg angeblich nur Draht und keine Waffen produzierte, kann mit knapper Not die Totaldemontage seines Betriebs durch die englischen Besatzer abwenden; auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern tut er sich in der Folge widerstrebend mit dem Alt-Nazi und Zwangsarbeitsprofiteur Walter Böcker (Hans-Jochen Wagner) zusammen, der zwar einen Münz-Herstellungsauftrag, aber keinen "Persilschein" hat. So werden in Altena die ersten D-Mark-Rohlinge produziert - bis auch Wolf selbst eines Kriegsverbrechens beschuldigt und inhaftiert wird: Sein Unternehmen habe Stacheldraht an das Konzentrationslager Bergen-Belsen geliefert.

Vielleicht gerade im Bemühen, die Schrecken der Nazizeit zu beglaubigen, verheben sich die Macher allerdings erneut bei der Wahl ihrer Mittel: Sie lassen dem Angeklagten Aufnahmen aus dem Lager vorspielen - und montieren in diesem Zuge Dokumentarmaterial mit realen Holocaust-Opfern in ihre Fiktion. Angesichts einer Kolportage-Handlung, die ansonsten um romantischen Sex in einem Autowrack kreist (Ulla und Tommy auf dem Rückweg von Tübingen) oder um betrunkenen, harten Rache-Sex (Gundel und Tommy nach dem Schützenfest), wirkt das fatal deplatziert. Ganz zu schweigen von den Swingerclub-Szenen mit barbusigen Tänzerinnen, die den Eindruck erwecken, als sollte auch noch eine Prise "Babylon Berlin" beigemischt werden.

Gedreht an mehreren Orten in Nordrhein-Westfalen sowie in Tschechien, wo die Außensets gebaut wurden, sieht "Unsere wunderbaren Jahre" so gediegen aus, wie ein aufwendiges öffentlich-rechtliches Ausstattungsepos eben aussieht. Natürlich sind bei dieser Besetzung die Schauspielerleistungen überwiegend großartig, und natürlich spricht grundsätzlich nichts gegen Herzschmerz vor historischem Hintergrund. Aber irgendwie geht der Balanceakt hier nicht auf, und über die Strecke der dreimal 90 Minuten wiederholen sich auch die Motive.

So muss Tommy in einem Ostberliner Erzählstrang aufs Neue den rebellisch-proletarischen Baustellen-James-Dean geben und eine gesellschaftlich höherstehende Frau verführen, diesmal die Ökonomie-Professorin Sibylle Himmelreich (Marleen Lohse). Und Schöngeist Benno, inzwischen mit Gundel verheiratet, aber unter der Woche für seine Arbeit in Düsseldorf lebend, bandelt erneut mit einer Frau an, indem er ihr passgenau ein Kleidungsstück anlegt.

Am Ende sind nicht alle happy, aber die drei Töchter auf dem Weg der Selbsterkenntnis - und Katja Riemann als verbliebene Clanmutter bekommt Lust, die Firma zu leiten. Sogenannte starke Frauen, die wilden 60er - und vom Roman, der bis ins Jahr 2001 reicht, sind ja auch noch ein paar Seiten übrig. Schwer vorstellbar, dass sie beim WDR nicht schon von einer Fortsetzung träumen. Die "Ku'damm"-Saga des ZDF geht schließlich auch bald in die dritte Staffel.

Aus epd medien 11/20 vom 13. März 2020

Peter Luley