Aufbruchsgeist

VOR-SICHT: "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution", Fernsehfilm, Regie: Andy Fetscher, Buch: Thomas Kirchner frei nach dem gleichnamigen Sachbuch von Peter Wensierski, Kamera: Matthias Papenmeier, Peter Nix, Produktion: Ufa Fiction (ARD/MDR/BR, 28.4.21, 20.15-21.45 Uhr)

Schon in den ersten Szenen des Films meint man ihn wieder zu riechen: den Gestank, der über dem Chemiedreieck Leuna-Buna-Bitterfeld und Umgebung hing und auch in Halle und Leipzig in der Luft lag. Wer in der DDR groß wurde, erinnert sich sofort wieder an den Himmel, der immer irgendwie von gelblichem Smog verschleiert war, die rauchenden Schornsteine, die Fassaden, die nicht von Patina so graubraunschwarz waren, sondern vom Industriedreck.

Kein Wunder, dass die in den 80ern graswurzelartig wachsende Umweltbewegung hier eine besonders wichtige Rolle spielte, sich als Teil der Opposition politisierte und schließlich in den bekannten Leipziger Montagsdemonstrationen mündete. Umso mehr wundert es, dass dieses Thema bislang eher unterbelichtet blieb, abgesehen von einigen Dokumentationen und Büchern. Doch nun präsentiert die ARD einen Spielfilm, der genau diese Geschichte in den Fokus rückt.

Leipzig, 1988. Die 19-jährige Franka (Janina Fautz), bis dahin nicht an Politik interessiert, ist mit ihrer Freundin Trixie auf dem Weg zur Disco. Beide hübsch aufgebrezelt im Girlie-Stil der 80er - großes Kompliment für das gelungene Kostümbild von Saskia Richter-Haase! Da radelt ihnen Stefan (Ferdinand Lehmann) über den Weg, dem Vopos dicht auf den Fersen sind. Zwischen Franka und ihm funkt es sofort. Spontan folgt sie einem Flugblatt, das Stefan auf seiner Flucht verloren hat, zu einer Kirche, wo gerade eine Fürbitte für die Umwelt stattfindet. Dort lernt sie Stefans Umweltgruppe kennen, die Franka anfangs distanziert beäugt, weil das aufgebrezelte Mädchen so gar nicht hierher zu passen scheint; später aber wird sie sehr herzlich aufgenommen.

Die Gruppe hat ein leer stehendes, verfallendes Haus besetzt. Natürlich lauert Stress schon bald an jeder Ecke, denn der Schutz der Umwelt ist zwar seit den 60er Jahren in der DDR-Verfassung verankert, wird aber kaum praktiziert, weil die Aufrechterhaltung der auf Verschleiß fahrenden Produktion Vorrang hat.

Gleichzeitig werden Umweltgruppen in den frühen 80ern zunehmend als renitente Störer der sozialistischen Ordnung verfolgt. Stefan, dem Totalverweigerer, der bei der Diakonie als Pfleger in einem Altenheim arbeitet, droht schon beim geringsten Anlass eine Haftstrafe. Aber auch Franka gerät zunehmend unter Druck, sowohl in der Berufsschule als auch familiär, denn ihre Mutter (Inka Friedrich) arbeitet beim DDR-Frauenverband DFD und ist damit ein perfektes Erpressungsopfer der Stasi: Sie soll ihre Tochter wieder "auf Linie" bringen, schlimmer: sie als Spitzel anwerben.

Das hindert Franka nicht daran, immer wagemutiger zu werden, auch beflügelt von der Liebe zu Stefan. Zudem lastet immer noch eine unverarbeitete Tragödie auf Frankas Familie: Ihr kleiner Bruder starb mit fünf Jahren durch die Umweltbelastungen im Braunkohlegebiet an Pseudokrupp, auch die flehenden "Eingaben" der Mutter konnten das Verhängnis nicht aufhalten, nach dem Tod wurde das Schweigen der Eltern erkauft.

Weil vermutlich nur ein Bruchteil der Zuschauer diesen Teil der DDR-Geschichte aus eigenem Erleben kennt, ist der Erläuterungsbedarf natürlich groß. Autor und Regisseur sind aber klug genug, nicht in lange Erklärmonologe oder Dialoge zu verfallen, sie transportieren das Zeitgeschehen über eine packende Story: die Politisierung der Umweltbewegung bis hin zu den Montagsdemos, die erfinderischen Aktionen, der Druck, der auf die Kirche ausgeübt wurde, die bislang ein schützendes Dach für die Oppositionellen bot, die Repressalien, Verhaftungen und Zuführungen.

Erzählt wird die Geschichte auch über die unterschiedlichen Protagonisten, an denen differenzierte Haltungen und Motive in der Gesellschaft, auch innerhalb der Szene deutlich werden. Natürlich fällt durch die Typisierungen manches etwas plakativ aus: der wenig subtile Stasi-Offizier etwa, und auch Frankas freche, frische Art schlägt ab und an in ein etwas zu stürmisch-leidenschaftliches Jungrevolutionärspathos um.

Auch darf man bezweifeln, dass eine 19-Jährige in der DDR Mitte der 80er im Unterricht ihr T-Shirt hochreißt, um nach Art der FemenAktivistinnen eine politische Botschaft auf den nackten Brüsten zu präsentieren. Oder dass sie ihrer Klasse den wie in Stein gemeißelten Satz "Ihr habt den Staat, den ihr verdient", entgegenschleudert. Dafür sind andere Szenen wieder umwerfend - etwa, wenn Stefan mit einer Seniorin im Pflegeheim tanzt - oder verblüffend präzise im Detail.

Man merkt dem Film an, dass er auf einer soliden Basis fußt, nämlich auf dem titelgebenden Buch von Peter Wensierski über die DDR-Umweltbewegung, der als Westkorrespondent in der DDR über beste Quellen verfügte. Und auch Drehbuchautor Thomas Kirchner, selbst 1961 in Ostberlin geboren, kennt noch aus eigenem Erleben, wovon er erzählt. Tatsächlich gelingt es, noch einmal die Atmosphäre jener Zeit zu transportieren und den enthusiastischen Aufbruchsgeist der jungen Leute - untermalt mit Songs von Rio Reiser.

Aus epd medien 16/21 vom 23. April 2021

Ulrike Steglich