Aufbruchsenergie

VOR-SICHT: „An seiner Seite“, Fernsehfilm, Regie: Felix Karolus, Buch: Florian Iwersen, Felix Karolus, Kamera: Wolfgang Aichholzer, Produktion: Bavaria Fiction (Arte/ZDF, 7.5.21, 20.15 - 21.45 Uhr)

epd Es dauert lange, bis es zum veritablen Streit zwischen den seit Jahrzehnten eingespielten Eheleuten kommt, aber dann liegt gleich ein ganzer Ozean zwischen ihnen. Zum ersten Mal ist Charlotte Kel (Senta Berger) nicht mitgereist nach New York mit dem berühmten Dirigenten Walter (Peter Simonischek). Sie bleibt stehen, wo sie ist. Der fremde Mann mit Eimer und Schaufel, der sie vor Tagen an der Tür ihres neuen Münchener Hauses nach etwas Gartenerde gefragt hat, hat etwas in Bewegung gesetzt. Bewegung, die ihr das Stehenbleiben ermöglicht. Eine Selbstbehauptung, der ihr Mann mit unpassender Eifersucht begegnen wird.

Martin (Thomas Thieme), der Fremde, will den letzten Wunsch seiner kürzlich verstorbenen Frau erfüllen, Erde aus dem Garten ihrer Kindheit holen und zum frischen Grab bringen. Zielstrebig und bestimmt senkt er den Spaten in den Rasen, sticht eine Sode Heimat ab. Pantheistisch gestimmte Gemüter könnten an die Verbindung von Anfang und Ende im Medium der Lebensgrundlage denken, wenn Martin für seine Frau wenig später das Kindheitsmaterial zu ihrem letztem Ruheort bringt.

Erde ist nicht bloß Substrat, sondern Symbol der Verwurzelung, der Festigkeit und des Wachstums. Sie steht für Heimat. Charlotte freilich berührt nicht das Symbolische, sondern das Handfeste der Geste des ehemaligen Bademeisters, der wiederum mit Klassik nichts anfangen kann. Bodenständige Ehegattentreue kennt sie nur von sich selbst. Während Walter, der offensichtlich der jungen Pianistin Natalie (Petra Michelle Nérette) nicht abgeneigt ist, Charlottes einzige Bitte ignoriert: Dazubleiben.

In dem Fernsehfilm „An seiner Seite“, der mit der Aufführung von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert dramatisch beginnt, geht es auf der Handlungsebene zunächst um eine Frau aus dem großbürgerlichen Künstlermilieu, die ihr Leben dem Genius des begabteren Partners gewidmet hat. Clara Schumann kommt in den Sinn, aber auch das Buch „Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer, das die Vorlage für den Film „Die Frau des Nobelpreisträgers“ mit Glenn Close war.

„An seiner Seite“ von Felix Karolus, unter der Mitwirkung vieler weiterer Teammitglieder der Reihe „Unter Verdacht“ entstanden, wählt freilich andere Wege als die der verhinderten Künstlerinnenbiografie. Es ist weniger ein Film über ein großes Opfer, auch kein reifes Ehedrama auf großer Bühne, sondern ein zwar zunächst melancholischer Film in Interieurs von dunklem Mauve bis sattem Grau, der aber dann im Freibad Luft und Licht, hellere Farben, verbummelte Nachmittagsstimmung und Aufbruchsenergie tankt.

Die anfängliche Sachlichkeit der unterdrückten Verzweiflung, von Senta Berger mit leisen Zwischentönen und berührenden Generalpausen gespielt, erinnert bisweilen eher an Kazuo Ishiguros Butler-Drama „Was vom Tage übrig blieb“ mit Anthony Hopkins und Emma Thompson.

Senta Bergers Rolle der Charlotte ist ein Geschenk, das sie ihrem Publikum zu ihrem 80. Geburtstag macht. Dass sie, deren schauspielerischer Weg über Hollywood und Rollen wie der „schnellen Gerdi“ schließlich zur unbestechlichen Ermittlerin Eva Prohacek in der Ausnahmereihe „Unter Verdacht“ führte, nun ausgerechnet eine Frau spielt, deren ungelebtes Leben im Zentrum des Films steht, klingt zunächst wie ein Witz. Als Zuschauer braucht es Bereitschaft, sich auf die Nuancen ihrer Darstellung einzulassen und unter die Handlungsoberfläche einer Fast-Dreiecks-Liebesbeziehung zwischen drei reifen Menschen zu schauen. Denn es entwickelt sich kein simpler Beziehungsstress, was auch Martins Tochter Grit (Marlene Morreis) erst lernen muss.

Charlotte gewinnt einen Freund, vor allem aber gewinnt sie einen neuen Zugang zu sich, der ihr Standfestigkeit und gibt und die Bereitschaft sich zu öffnen, und die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter Viola (Antje Traue) und Enkelin Lisa (Laila Padotzke) neu zu beginnen. Eigentlich ist „An seiner Seite“ also eine Geburtstagsgabe über den Beginn einer Selbstliebe, die vergangene Fehler und Umwege einschließt.

Nur kursorisch entwickelt der Film die Geschichten der Töchter, aber es reicht, damit sowohl Traue als auch Moreiss ihre Momente haben. Das Trio Berger, Simonischek und Thieme erscheint vertraut aufspielend wie nach langer guter Beziehung. Das mag auch daran liegen, dass Karolus den Stoff schon einmal als Kurzflim „Menuett“ mit Berger und Thieme gedreht und nun erweitert hat.

Auch bildgestalterisch ist der Film gelungen. Während des Streits um das neue Engagement in New York zeigt Kameramann Wolfgang Aichholzer Charlotte vor einer Wand ihres Heims. Charlotte lehnt, elegante dunkelgraublaue Strickjacke mit farblich passender Seidenbluse vor der Wand im selben Farbton wie die Kleidung. Sie steht und schaut, stumm - und verschwindet gleichsam optisch. Zum Schluss sieht man Berger und Simonischek wie zwei Kombattanten beim Duell auf Augenhöhe. Jetzt sieht man sie, sieht sie sich. Verschwinden ausgeschlossen.

Aus epd medien 18/21 vom 7. Mai 2021

Heike Hupertz