Arbeitermärchen

VOR-SICHT: "Werkstatthelden mit Herz", Fernsehfilm, Regie: Lars Montag, Buch: Sathyan Ramesh nach dem niederländischen Kinofilm "De Marathon", Kamera: Holly Fink, Produktion: Film-Line Productions (ARD/WDR/Degeto, 1.5.20, 20.15-21.45 Uhr)

Ken Loach ist Mitte 80. Der Strukturwandel des Ruhrgebiets vollzog sich Ende des letzten Jahrtausends, aber der WDR-Arbeiterfilm lebt. Und wie! Ausgestrahlt wird der Film im Stil britischer Sozialkomödien am Tag der Arbeit, am 1. Mai. Das fand man bei der ARD offenbar passend. Zwischendrin sind sogar Bilder von rauchenden Schloten zu sehen. Ganz kurz allerdings nur. Fast als sei den Machern die hier beschworene Pott-Sozialromantik selbst ein bisschen peinlich. Merke: Die realen Probleme der Arbeitswelt sehen heute, auch im Ruhrgebiet, meist anders aus als hier.

In diesem Film, dessen Drehbuch auf dem niederländischen Kinofilm "De Marathon" von Diederick Koopal basiert, hocken also vier Übriggebliebene in Carlos Hinterhof-Autowerkstatt und kloppen Skat. 30 Jahre gibt es die Werkstatt schon, doch Carlo (Armin Rohde) hat längst nicht mehr genug zu tun, um seine drei Angestellten zu beschäftigen. Nun will auch noch das Finanzamt 50.000 Euro.

Die Bank ist, was sie in solchen Filmen nun mal zu sein hat: böse. Sie gibt keinen Kredit. Da kommt ein schwarzer Rollstuhlfahrer (Eugene Boateng) daher und hat die rettende Idee. Er trainiert die vier Loser, Raucher und notorischen Currywurstkonsumenten, zwei davon besorgniserregend dick, innerhalb von acht Wochen für den Berlin-Marathon.

Der Plan: Der fiese Fitness-Studio-Besitzer vom selben Hinterhof (Hasan Ali Mete) verspricht ihnen das Geld fürs Finanzamt, wenn sie in Berlin alle gemeinsam durchs Ziel kommen. Schaffen sie es nicht, schulden sie ihm 50.000 Euro. Er ist sich nämlich sicher, dass das nichts wird - und will sich auf diese Weise die Halle mit der Werkstatt unter den Nagel reißen.

Was in diesem Film passiert, darf man vorab verraten, denn es ist sehr absehbar. Natürlich ist der ganze Plan absurd, natürlich wird er gelingen. Und zwar obwohl Carlo gleich nach dem ersten Training zusammenbricht und sich als schwer herzkrank erweist (was er allen verheimlicht). Doch in solchen Filmen geht es ja darum, dass das Unmögliche möglich wird. Kleine-Leute-Solidarität vincit omnia: "You'll never walk alone" erklingt sogar im Soundtrack.

Und wie charmant ist dieser TV-Film-Oldtimer nun ausgefallen? Mal so, mal so. Am charmantesten sind einige kleine Ideen, einzelne Dialoge und Details bei den Figurenskizzen - und den meisten Schauspielern sieht man hier gerne bei der Arbeit zu (allerdings kann Eugene Boateng als Moah nicht überzeugen). Sei es Jule Böwe, die ihren dicken Carlo ohne Wenn und Aber liebende Ehefrau Jutta, die sich zu Hause mit einem pubertierenden Sohn und einem elenden Telefonmarketingjob plagt. Seien es Einfälle wie Carlos Schildkröte Adenauer, die nicht mehr frisst.

Auch die Schilderung der krassen Lebensumstände des Currywurst-Athleten Becker (Heiko Pinkowski) rührt an. Er haust mit seiner ebenfalls dicken und dazu noch depressiven Ehefrau im Wohnwagen neben der Werkstatt. Durch das Fitnessprogramm fällt ihm erst auf, wie sehr er eigentlich samt seiner Frau verlottert und motzt sie an. So rafft sie sich auf und kocht eines Tages dann doch mal was "Gesundes": Toast Hawaii. "Mit Obst!", sagt sie stolz.

Ein Protagonist nach dem anderen wird hier geläutert und erzielt Fortschritte in seinem Leben: Roger (Tim Kalkhof) schafft es endlich, sich als homosexuell zu outen. Carlo bekommt das verkrachte Verhältnis zu seinem Sohn in den Griff und durch die Spezialisierung auf Oldtimer wieder eine Perspektive für die Werkstatt. Und Köll (Karsten Antonio Mielke) wirft seine untreue Freundin raus, die ihr Kind vernachlässigt. Wodurch sie, Simsalabim, zu besseren Mutter wird und wiederkehrt.

Dass die Dinge in der Realität leider ebenso selten einen so märchenhaft positiven Verlauf nehmen wie untrainierte 130-Kilo-Pommes-Kippe-Wampe-Männer mal eben 42,2 Kilometer laufen, dürfte bekannt sein. Wer gerne "sozialrealistische" Märchen guckt, ist bei "Werkstatthelden mit Herz" goldrichtig, soziale Realisten liegen hier eher falsch.

Aus epd medien 18/20 vom 1. Mai 2020

Andrea Kaiser