Anatomie eines Massenmords

VOR-SICHT: „22. Juli - Die Schüsse von München“, vierteilige Dokumentation, Regie und Buch: Johannes Preuss, Kamera: David Dincer, Produktion: Constantin Dokumentation in Zusammenarbeit mit der „Süddeutschen Zeitung“ (Sky Crime, 21. und 28.7.22, 20.15-21.45 Uhr)

epd Ein Jugendlicher wird von Mitschülern mit Migrationshintergrund gemobbt, besorgt sich schließlich eine Waffe und läuft Amok: Die Ereignisse, die sich am Abend des 22. Juli 2016 rund ums Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München zutrugen, schienen in ein bekanntes Muster zu passen. Diese Sichtweise prägte auch den ersten Abschlussbericht: ein individuelles Schicksal, ein Rachefeldzug, ein Einzeltäter.

Nicht zuletzt dank journalistischer Recherchen musste diese Haltung später revidiert werden: Der 18 Jahre alte Ali David Sonboly hatte zwar tatsächlich keine Komplizen, aber er war Teil eines internationalen Netzwerks aus sogenannten einsamen Wölfen, die den norwegischen Massenmörder Anders Breivik bewundern, Schulattentäter als Idole verehren, an Verschwörungserzählungen glauben und rechtsextremistisches Gedankengut teilen, Fremdenhass selbstredend inklusive. Dass Sonboly iranische Wurzeln hatte, ist ein bizarrer Nebenaspekt. Der eine gewisse Willkür nahelegende Begriff „Amoklauf“ ist im Zusammenhang mit den neun Morden von München ohnehin irreführend. Der junge Mann suchte seine Opfer gezielt aus, der Ablauf war vom Waffenkauf über die Einrichtung eines falschen Facebook-Accounts bis zur konkreten Einladung der entsprechenden „Freunde“ an den Tatort bis ins Detail geplant.

Rund 200 Minuten widmet die vierteilige Dokumentation „22. Juli - Die Schüsse von München“ dem Ereignis. Das ist außergewöhnlich viel Sendezeit, die jedoch gerechtfertigt ist: weil Johannes Preuss (Regie und Buch) das Verbrechen regelrecht seziert hat. Seine Anatomie eines Massenmords, die ohne Kommentar auskommt, beschränkt sich nicht auf die detaillierte Rekonstruktion des Ablaufs, sie taucht auch tief in die Psyche des Täters ein. Das provoziert zunächst einen Reflex der Ablehnung, zumal der Mörder in nachgestellten Szenen zu sehen ist und sein „Manifest“ ausführlich verlesen wird: Im Zusammenhang mit solchen Taten wird immer wieder gefordert, dass sich die Berichterstattung auf die Opfer konzentrieren soll, anstatt einem Mörder posthum noch weitere Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen. Die vier Episoden, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen, spekulieren jedoch nicht auf eine Faszination des Grauens. Preuss will vielmehr Sensibilität wecken: bei den Behörden, die entsprechende Internetplattformen noch viel zu wenig im Blick haben; und bei den Mitmenschen jener „Einsamen Wölfe“, die sich immer mehr von ihrer Umwelt abschotten, ihre Lebenszeit in gewalttätigen virtuellen Welten verbringen und in ihrer Fantasie einen Anschlag planen.

Der Titel der Auftaktfolge, „Eine Stadt in Panik“, klingt spekulativ, zumal die effektvolle Collage (Schnitt: Michael Palfi) aus Nachrichtenmaterial, Smartphone-Videos und späteren Aufnahmen der Schauplätze ihre Wirkung nicht verfehlt, beschreibt aber treffend, welche Stimmung an jenem Sommerabend in München herrschte: Bei der Polizei gingen mehr als 70 Hinweise auf weitere Terrorakte ein, nachdem um kurz vor 18 Uhr die ersten Schüsse in einem Imbiss am OEZ gefallen waren. Preuss bedient sich zwar gezielt eingesetzter Thrillermusik als Spannungsverstärker, aber fragwürdig ist allein die Verwendung verwackelter Videos, zumal einige dieser Aufnahmen damals noch weitere Panik schürten. Andererseits dokumentiert die Folge, wie solche Ereignisse durch die digitalen Medien eine unheilvolle Eigendynamik annehmen.

Auch wenn sich diese Formulierung im Grunde verbietet: „22. Juli“ ist streckenweise fesselnd wie ein Thriller, aber die besondere Qualität resultiert aus den vielen Gesprächen, die Preuss geführt hat. Die Kooperation mit der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) dürfte ihm dabei gerade in der Landespolitik und bei den Polizeibehörden einige Türen geöffnet haben. Interviews mit den mittelbar und unmittelbar Beteiligten geben tiefe Einblicke, einerseits von außen, weil der damalige Polizeipräsident und sein Stellvertreter Vorgehen und Verhalten erläutern, andererseits von innen, wenn eine Frau von der Spurensicherung erzählt, wie kurz nach der Tat im Schnellimbiss die Telefone der Toten geklingelt hätten.

Wichtigster Zeuge neben diversen Experten für Rechtsextremismus, „School Shootings“ oder Computerspiele ist der SZ-Polizeireporter Martin Bernstein, der die Ereignisse dank seiner Recherchen schildern kann, als wäre er dabei gewesen. Am bewegendsten sind jedoch die Erzählungen eines Mannes, der sich um eins der Opfer gekümmert und dem Tod buchstäblich ins Auge gesehen hat; aber es hat nur „klick“ gemacht, das Magazin war leer. Weil Preuss so viel Zeit hat, kann er es sich leisten, auf die sonst oft übliche Atemlosigkeit solcher Produktionen zu verzichten: Seine Zeugen dürfen sich Denkpausen nehmen und auch mal aufstehen und aus dem Bild gehen.

Sicherlich hätte Preuss die Zeitlupeneffekte weniger extensiv setzen können und Momente wie jener, als - ebenfalls verlangsamt - eine Hülse auf den Boden prallt, wirken wie Versatzstücke aus Spielfilmen, die den Gebrauch von Waffen zelebrieren. Einblendungen wie „Szene nachgestellt am Originalschauplatz“ muten zudem etwas wichtigtuerisch an. Davon abgesehen ist die zweite Episode („Der Täter“) ein ungemein dichtes Psychogramm; Teil drei rekonstruiert den Tag der Tat von innen, also weitgehend aus der Sicht Sonbolys. Die womöglich wichtigste Folge ist jedoch die vierte. Sie stellt den Waffenkauf nach, beschreibt die Ermittlungen der Zollfahndung im Darknet und entschlüsselt das Netzwerk der Breivik-Jünger. Der Epilog lässt keinen Zweifel daran, dass die Schüsse von München rassistisch motiviert und somit die Tat eines Rechtsextremisten waren. Zu diesem Fazit kam auch der 2019 veröffentliche zweite Abschlussbericht.

Aus epd medien 28-29/22 vom 15. Juli 2022

Tilmann Gangloff