Altersmilder Humor

VOR-SICHT: „Endlich Witwer - Forever Young“, Fernsehfilm, Regie und Buch: Anca Miruna Lazarescu, Kamera: Jan-Marcello Kahl, Produktion: Bavaria Fiction (ZDF, 11.4.22, 20.15-21.45 Uhr)

epd „Grüner wird's nicht“ war sein trauriges Motto, aber dass der griesgrämige Kunstrasenfabrikant Georg Weiser (Joachim Król) irgendwann einmal ein ganz anderes, viel bunteres Leben gehabt haben musste, das war schon im Fernsehfilm „Endlich Witwer“ (2018) klar. Für Weiser, einen Spießer sondergleichen, der sich in 30 Jahren Ehe genauso im Unglück eingerichtet hatte wie seine bemitleidenswerte Frau, kam der plötzliche Tod der Gattin bestenfalls ungelegen. Geliebt hatte er sie nicht, heiraten hatte er auch nie wollen, und wenn, dann jedenfalls nicht seine angetraute Brigitte. Immerhin aber hatte selbige, bevor sie vor dem Fernseher unbemerkt entschlief, noch die Voraussicht, die Tiefkühltruhe mit Hausmannskost zu füllen. Eigentlich weil sie nun endlich die Scheidung wollte, gleichwohl aus ihrer Routine bis zum Schluss nicht herauskam. Weiser machte weiter wie immer. Mit der neu gewonnenen Freiheit konnte er nichts anfangen.

Man ahnte: Dieser in der Wolle gefärbte Zyniker konnte eigentlich nur ein enttäuschter Idealist sein. Menschenscheu und eingefahren dümpelte er einfach weiter vor sich hin, rechthaberisch wie einst Ekel Alfred. Außer der Anschaffung eines Megabildschirms und dem Bunkern von Bier fiel ihm nichts Neues ein. In „Endlich Witwer“ spielte Król diesen Georg Weiser vielschichtig unsympathisch. Seine Figur war zwar ungerecht und selbstbezogen, aber man ahnte den Selbsthass. Und die verspätet bewusst gemachte, nicht wieder zu korrigierende Tatsache, sich auf ein falsches Leben eingelassen zu haben. Aus Bequemlichkeit und Erwerbsdruck, aus Konfliktscheue und Feigheit. Dass dieser Mann nicht immer den Weg in die Sackgasse des geringsten Widerstands gegangen war, das erzählten das lebenswahr-bittere Drehbuch von Martin Rauhaus und die Regie von Pia Stratmann auf einer Binnenebene nachwirkend mit.

Nun ist Georg Weiser zurück, in einem Sequel, das gleichzeitig ein Prequel ist, weil es die Fragen über seine Vergangenheit, die Entstehung seiner Ehe und seiner Kinder, seine (falschen) Entschlüsse und einen großen Verrat (auch an sich selbst) klärt. „Endlich Witwer - Forever Young“ ist wieder ein Film für die Generation 60+, also für das ZDF-Publikum, das ans lineare Fernsehen so sehr gewöhnt ist wie der Protagonist, aber seine Geschichte ist nun eher eine Mehrgenerationen-Novelle über die Integrität des passenden Lebens. Der Falke, der ja in jeder Novelle vorkommen muss, ist Chemiefabrikant Kornhalter (Felix von Manteuffel). Die Geschichte selbst ist vor allem eine von Beziehungen und Freundschaften in jungen Jahren, die einen fürs ganze Leben prägen werden. Selbst wenn es sich um Leute handelt, die man dann 40 Jahre nicht sieht. Es geht dieses Mal noch stärker um Werte und ihren Verrat, um die Zwänge und Ängste des Lebens.

„Endlich Witwer - Forever Young“ ist anders komödiantisch als der Vorgänger, eher altersmild-herbstlich-humorig. Statt um auch zynische Noten geht es jetzt um den Witz der Nostalgie und darum, Chancen am Schopf zu packen - im Sinne von Lotti Hubers „Diese Zitrone hat noch viel Saft!“ Mit einem altersschwachen Wohnmobil und einem 70er-Jahre-Kassettenrekorder (später taucht ein Mixtape von 1981 auf) will Georg auf dem Hof alter Freunde vorbeischauen, bevor er nach Marrakesch aufbricht. Die mitgebrachten Blumen entsorgt Petra (Martina Gedeck) gleich im Müll, Jürgen (Peter Lohmeyer) nimmt wenigstens den Wein. Mit einem „Ich dachte, ich komm mal rum“ ist es eben nicht getan - nicht 38 Jahre nachdem Georg die Freunde bei einem Entführungsversuch im Stich ließ, für den diese dann als Täter in den Knast wanderten.

Das Wohnmobil springt nicht mehr an, Herumkommandierenden der herbeigeeilten Kinder nutzt nichts, und auch die auf dem Hof schweigend entschleunigende Automanagerin Angie (Susanne Bormann) kann erst einmal nicht helfen. Die Geschichte entspinnt sich von hier aus vorwärts und rückwärts, wobei der Rückwärtsgang mehr Spaß macht als die weitere Chronologie. Anca Miruna Lazarescu (Buch und Regie) dichtet Georg, Petra und Jürgen eine Möchtegern-Revoluzzer-Vergangenheit an. Heroisch ist die eher nicht, obwohl man sich beim späteren Kiffen stolz Gummiknüppel-Narben aus Brokdorf und von der Startbahn West zeigt.

Hier gelingen dem Buch die besten Dialoge. Sprücheklopfer Jürgen und Georg, schon immer nicht der Mutigste, verabscheuten theoretisch nichts so sehr wie die Paarbeziehung, waren aber beide in Petra verliebt. Rückzug war auch damals der bevorzugte Modus von Georg. Bei der politischen Entführung von Kornhalter ging dann alles schief. Diesen Strang der Geschichte spielen Gedeck, Król und Lohmeyer anrührend und zwischen Selbstmitleid und Selbstironie viele Nuancen treffend.

Das zweifache Drumherum weiterer Erzählstränge überzeugt weniger. Was Angie und Georgs Sohn Gerd aneinander finden außer einer Begeisterung für Luxus-Elektroautos, vermittelt sich kaum. Die gesamte aktuelle Kornhalter-Handlung, in der es um den Verkauf des Hofs, Jürgens Verrat der antikapitalistischen Ideale und einen Giftfässerskandal geht, ist bisweilen ungelenk eingefügt und funktioniert vor allem als Vehikel der neuen Annäherung von Georg und seiner großen Liebe Petra. Vergnüglich ist freilich eine Gesetzesbrecher-Nacht-und-Nebel-Aktion, in der die drei Alt-Aktivisten Kornhalters Fabrik mit dem Wort „Verbrecher“ besprühen wollen, aber nur „Verb“ fertigstellen, bevor die Wörter Abseilen, Alter und Absturz eine ungünstige Alliteration eingehen.

Herzwärmender als der schärfere Vorgängerfilm wird hier komödiantisch die Frage gestellt, was ein gelungenes Leben ausmacht und wann es zu spät ist, an Ideale anzuknüpfen, die den Realitätscheck durchlaufen mussten. Vater Georg und Sohn Gerd haben hier ein paar bedenkenswerte Gespräche in der Enge des Wohnmobils. Gelungen ist in diesem leicht melancholischen, leicht optimistischen, leicht lächerlichen Film die Musik von Martina Eisenreich. Von Rolling Stones über Santana zu Fleetwood Mac ist der Soundtrack voller Erinnerungen an Sommer der Liebe und zeitlose Flower-Power - die hier am Ende voraussehbar zum Mut des Neuanfangs wird.

Aus epd medien 14/15 vom 8. April 2022

Heike Hupertz