Alltäglicher Opportunismus

VOR-SICHT: "Was wir wussten - Risiko Pille", Fernsehfilm, Regie: Isa Prahl, Buch: Eva und Volker A. Zahn, Kamera: Tobias von dem Borne, Produktion: Westside Filmproduktion (ARD/NDR, 23.10.19, 20.15-21.45 Uhr)

Für Nadine Schwarz (Luise Wolfram), Marketingfrau im Projektteam zum Launch der neuen Mikropille, liegen die Vorteile klar auf der Hand. Auf der eigenen vor allem: vier Kilo abgenommen, pickelfreie Pfirsichhaut, kein Lover-Verschrecken durch deprimierendes PMS-Syndrom und keine fiesen Schmierblutungen mehr. Großartig. "Bellacara", die neue Wunderpille mit wunderbaren Marktaussichten. Sie ist nicht bloß die "Pille" einer dritten und vierten Entwicklungsgeneration, sondern ein Lifestyleprodukt für Mädchen ab elf Jahren mit Riesenwachstumspotenzial.

Mädchen, die noch keinen Freund, geschweige denn Sex haben, aber schon längst an der Optimierung ihres vermeintlich defizitären Körpers arbeiten, sind ihre Zielgruppe. Unzufrieden mit sich werden sie vermutlich ihr Leben lang sein, über die fruchtbare Phase hinaus. Bingo, Cashcow! Aus dieser Pille werden Vorstandskarrieren gemacht. In der Branche sind Risiko-Nutzen-Abwägungen täglich Brot. Ein robustes Gewissen ist Einstellungsvoraussetzung.

Beantragt ist die Zulassung von "Bellacara" als Verhütungs- und Anti-Akne-Produkt. Über Risiken und Nebenwirkungen haben die Ärzte aufzuklären. So what? Nadines "Claims": "Die Pille, die dich schöner macht". "Die Pille, die dich zum Strahlen bringt", "Die Pille mit dem Beauty-Faktor", "Die Pille mit der Schlank-Garantie". Und - heureka!: "Die Pille mit dem Gute-Laune-Bonus." Dazu eine Verpackung mit Schmetterlingen und Influencerinnen-Werbung.

Mimi und Maja (Lena und Lisa Mantler, auch bekannt als die "Internet-Zwillinge") mit ihren Millionen Followerinnen werden Beauty-Partys auf Insta und Youtube veranstalten, dort mit ihren gecasteten "Freundinnen" über erste Liebe und Schönheit reden, Schminktutorials geben, die Mädels alle "voll süß" finden - und nebenbei die Einnahme eines hochwirksamen Medikaments mit zum Teil lebensgefährlichen Nebenwirkungen als den letzten Schrei anpreisen.

Eine geniale Strategie, von der sich Mitbewerber eine Scheibe abschneiden können, findet auch der Vorstandsvorsitzende des Pharmakonzerns Holger Schmitz-Wessel (Thomas Heinze), der mit Teamleiterin Sabine Krüger (Nina Kronjäger) eine offen ehrgeizige Mitarbeiterin ins Rennen schickt ("Seit wann dürfen Mitarbeiter mit Scheide keine Fehler machen?"), den für den Zulassungsantrag zuständigen Arzt Carsten Gellhaus (Stephan Kampwirth) gegen sie auf die Karrierespur setzt, mit Nadine eine aufgekratzte Werberin ins Boot holt, und mit dem diskreten Karim Seidel (Cem-Ali Gültekin) und dem angeschlagenen Heiko Ottenbruch (Oliver Fleischer) die "Action-Date"-Verantwortlichen komplettiert.

"Was wir wussten - Risiko Pille" ist nicht nur ein Themenfilm über einen echten Medikamentenskandal, sondern zugleich "Workplace-Drama", die Studie eines nicht heldenhaften Mannes, ein Film über die Mühen der Moral und die Anstrengungen des alltäglichen Opportunismus, über eine Affäre, die der Mann ernster nimmt als die Frau, über systemische Karrierebenachteiligung von Frauen und die Netzwerkspiele von Männern in Toppositionen. Und es ist der Film zu einem realen Fall, denn die Pillenart mit einem speziellen Gestagen, um die es hier geht, ist seit Jahren für ihr hohes Thromboserisiko bekannt. In den USA gibt es umfassende Studien zu ihren Nebenwirkungen - darunter zahlreiche Krankheits- und Todesfälle -, es flossen Schadensersatzzahlungen, in Frankreich wurde ihr die Zulassung entzogen. In Deutschland, so wird gesagt, ist das Präparat für den entsprechenden Konzern noch vor Aspirin der Mega-Umsatzbringer.

Am Ende des Films von Eva und Volker A. Zahn treten einzelne betroffene junge Frauen vor die Kamera. Sie berichten unter anderem von Lungenembolie und Herzstillstand in jungen Jahren, nach Einnahme der Pille, die viele von ihnen bloß wegen Hautunreinheiten verschrieben bekamen. Zuvor endete der fiktionale Teil des Films mit einem fiktionalen Protestauftritt der echten Selbsthilfegruppe "Risiko Pille" bei der Aktionärsversammlung des Pharmakonzerns.

Trotz des Gewissenskonflikts des Arztes Gellhaus und trotz alarmierender klinischer Studien aus Dänemark ist das Produkt in den Apothekenregalen gelandet. Heiko Ottenbruch, der dem Vorstandsvorsitzenden auf Grund seiner emotionalen Esssucht und allgemeiner Schwammigkeit schon zuvor ein Dorn im Auge war, ist geschasst. Sabine wird an die gläserne Decke stoßen. Gellhaus, der Töchter im Pillenbenutzerinnenalter hat und ein Gutteil der Filmzeit damit verbringt, sich Gedanken über seine Skrupel zu machen, bringt wenigstens sein Privatleben in Ordnung. Die große Enthüllungsstory muss noch geschrieben werden.

Das hat dieser Film nicht vor. Isa Prahl (Regie) zeigt stattdessen die Scheintransparenz des Konzerns: Man sitzt in Glaskästen, redet Business-Jargon und pflegt alltäglichen Opportunismus. Vor der Tat stehen Risikobewertung und Schadensfolgenabschätzung, besonders für Kampwirths Figur, die nicht nur aus hehren Motiven der Schweinerei hinterherforscht, sondern auch aus verletzter Eitelkeit und gekränktem Stolz, da ihn seine Chefin nach kurzer Leidenschaft abserviert hat.

Kronjäger zeigt mit ihrer Rolle die Härte, die man Frauen mit Karrierewunsch abverlangt und dann zum Vorwurf macht: Wo bleiben denn die soft skills? Ginge es nicht auch etwas "weiblicher"? Beide Rollen treffen die Zahns auf den Punkt. Überhaupt gelingt die Verschränkung der Themen und Genres gut. Die Herausforderung, das beteiligte Personal meist am immer gleichen Konferenztisch zu zeigen und "Meetings" abhalten zu lassen, ohne dass die Spannung verpufft, wird souverän bewältigt. Auch Heinze gibt den Konzernchef nicht so "naturböse", wie man erwarten könnte.

Wie "Contergan", oder Zahns Bluter-Film "Unter der Haut" (Kritik in epd 51-52/15) kann man "Was wir wussten" als Aufklärungsfilm sehr ernst nehmen. Es geht um die Freiheit der informierten Entscheidung - auch und gerade junger Mädchen, denen man mit der "Pille" handelsübliche Attraktivität verspricht. In einer Nebenhandlung verweigert Gellhaus' Mutter im Pflegeheim nonverbal die Einnahme der verschriebenen Medikamente. Schließlich respektiert der Sohn den Willen seiner Mutter und lässt sie in Frieden. "Was wir wussten" zeigt auch die Auswirkungen privater Turbulenzen auf die professionelle Performance. Hierin liegt, vielleicht mehr noch als im wichtigen Aufklärungsansatz, eine besondere Stärke dieses Films.

Aus epd medien 42/19 vom 18. Oktober 2019

Heike Hupertz