Allmächtige Herrscherin

VOR-SICHT: "Play", Fernsehfilm, Regie: Philip Koch, Buch: Philip Koch, Hamid Baroua, Kamera: Alexander Fischerkoesen, Produktion: Sappralot Productions, Tellux Next (ARD/BR/Degeto, 11.9.19, 20.15-21.45 Uhr)

"Was hat es dir gegeben, das Spiel?" - "Einfach abtauchen. In was Schönes. Und darin verschwinden."

Eine magische Umgebung. Die wehrhafte Elfe, neu geschaffen, noch allein im Zauberwald. Furchtlos bereit zum Abenteuer. Sie läuft durch den Wald, joggt, alle Sinne geschärft, immer auf dem Sprung. Auf einer Lichtung nimmt sie Beobachtungsposten. Die Welt liegt ihr zu Füßen. Selbst der gefährlichste Gegner des Universums, der todbringende Drachenreiter, führt schon wenig später seine Angriffe auf heimtückische Weise plump aus im Vergleich zu ihrer tänzerischen Wendigkeit, ihrer anmutigen Körperspannung, vollkommenen Beobachtungsgabe und bewundernswerten Schlauheit. Ihre Wahl der Waffen trifft in der Schöpfung von "Avalonia" immer ins Schwarze, bringt sie in unfassbarer Geschwindigkeit von Level zu Level bis zur Vollkommenheit. Und sollte sie auch sterben, dann wird sie sofort wieder auferstehen. Mit neuem Leben, bald neuer schimmernder Rüstung, als ein Teil dieser Welt und ihrer allmächtigen Herrscherin zugleich.

Virtuell ist für die junge (Spiel-)Süchtige an der Realität dieses Games nichts. Faszinierend ist alles. Eine Faszination, die sich in Philip Kochs brillant bedrückendem Spielfilm "Play" unmittelbar auf die Zuschauer überträgt. Kein Wunder, denkt und sieht man. Es geht um Spiele, in denen die Vorstellungen eines neuen "Seins" mit informationstechnischen Mitteln abgelöst werden. Für deren Kreierung Entwickler auf neurowissenschaftliche Simulationsanordnungen zurückgreifen, in denen man zum Beispiel fühlen kann, ein Vogel zu sein, nicht nur einen zu spielen, wie aktuell "Der Spiegel" beschreibt. Schillers philosophische Erkenntnis in den "Briefen über die ästhetische Erziehung", "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", hat eine neue, bestürzend attraktive Volte hinzugewonnen.

Im therapeutischen Gespräch mit der Psychiaterin (als Gast: Ulrike C. Tscharre), das in "Play" der Geschichte des psychotischen Wahns einer Jugendlichen Gerüst, Halt und Reflexionsebene gibt, steht die junge, fast sprachlose Spielerin am möglichen Anfang schmerzhafter (Selbst-)Erkenntnis. Kalter Entzug. Sparsam gestreut werden diese Rahmungsszenen, reduziert ist ihr Szenenbild (Oliver Hoese), die Kargheit der Ausstattung korrespondiert mit dem kargen Wortschatz sondierender, vielsagender Worte. "Einfach abtauchen. In was Schönes. Und darin verschwinden."

In nur 90 Minuten, einer Rückblende mit Unterbrechungen, zeigt die atemberaubend spielende Emma Bading mit ihrem Kollaborateur, dem Bildgestalter Alexander Fischerkoesen, das Ausbrechen zahlreicher Symptome wie bei paranoider Schizophrenie. Aber, und das ist das große Verdienst des Zusammenwirkens der verschiedenen Gewerke in diesem Film, Bading zeigt die Spielsucht als außerordentlich nachvollziehbaren Parforceritt einer Heranwachsenden. Lange könnte man die Symptome bloß für ausgeprägte Nöte der Pubertät halten. Aus der einsamen Schülerin, deren schwieriges Körperbild und kompliziertes Verhältnis zum Essen hier nur bildlich angetupft erscheinen, wird eine selbsterschaffende Gestalt ohne feuchten Schweiß oder Menstruationsblut, ohne soziale Phobie oder Anpassungsstörung, ohne Selbstauslöschungsvorstellungen oder Verhaltensweisen, die vielleicht auf eine klinische Depression hindeuten könnten. Aus Jennifer wird die Herrscherin der Welt.

Das ist vielleicht im Ansatz nicht übermäßig originell, aber so, wie sie hier dargestellt wird, scheint die Gaming-Sucht derzeit die Mutter aller Süchte zu sein. Und Kochs Film ist der überzeugende Versuch, eine "terra incognita" zu vermitteln, von der insbesondere viele Eltern reden wie empathielose Blinde von einem unfassbar anziehenden Farbenspiel. Zur Einfühlungsstrategie von "Play" gehört, dass man sich hier große Mühe gegeben hat, das Spiel "Avalonia" ansprechend aussehen zu lassen. Die erst langsam ihrer Tochter auf die Krankheitsspur kommenden Eltern (Victoria Mayer und Oliver Masucci) sind zugewandt, bemühen sich erzieherisch, bleiben aber lange Zeit ahnungslos. So werden sie immer hilfloser, als das Mädchen nach dem Umzug in ihrer neuen Schule kaum Kontakt findet und sich mehr und mehr zurückzieht.

Das Interesse Jennifers am Mitschüler Pierre (Jonas Hämmerle) bleibt halbherzig, wie sich beim Date in der Bowlingbahn zeigt, und erlischt, als Pierres Spielfigur in der Online-Welt von "Avalonia" der interessantere Partner zu werden verspricht. Die Dramaturgie von Koch und Hamid Baroua verzichtet nicht auf beschleunigende Drastik, um den wachsenden Beschaffungszwang der Süchtigen zu zeigen. Irgendwann begegnet Jennifer ihrer Elfe Sindruin als Gestalt der realen Welt. Beider Kuss besiegelt die Vollendung der Transformation und ist Auftakt zu einem etwas forciert konstruierten Ende, welches die zuvor erzeugte Spielfaszination durch Grausamkeit wieder kassiert.

Das ist nur ein kleiner Einwand. "Play" zeigt anders als im üblichen Mittwochssendeplatz-Themenfilm-Modus, wie Selbstwirksamkeit, Selbstvergessenheit, Selbstvernichtung in solchen Games zusammenfinden können. Die immanente Aufforderung, hinzuschauen und mit seinen Kindern eher früh als spät informiert zu reden, bleibt. Filme wie dieser sind dabei wichtig und nützlich. Abgesehen davon jedoch ist "Play" ein Film, der Fernsehmaßstäbe setzt.

Aus epd medien 36/19 vom 6. September 2019

Heike Hupertz