Alles nur für die Familie

VOR-SICHT: "Wendezeit", Fernsehfilm, Regie: Sven Bohse, Buch: Silke Steiner, Kamera: Michael Schreitel, Produktion: Moovie (ARD/Degeto/RBB, 2.10.19, 20.15-22.15 Uhr)

Als 2007 das Stasi-Liebesdrama "12 heißt: ich liebe dich" mit Claudia Michelsen und Devid Striesow in den Hauptrollen einer verhafteten "Republikfeindin" und ihres Staatssicherheits-Verhöroffiziers bei den Hofer Filmtagen uraufgeführt wurde, erkannten manche die Qualitäten des Films sogleich. Bei anderen stieß er auf massive Ablehnung. Eine Frau in den Fängen des DDR-Geheimdientes, die sich in ihren Peiniger verliebt? Eine Zumutung, auch wenn oder gerade weil die Geschichte einen wahren Kern haben sollte.

Wie schnell Zeitgeschichte historisch wird, kann man inzwischen auch am Beispiel Stasi sehen. Serien wie "Weissensee" präsentierten das Ministerium für Staatssicherheit als Vorhof zur Ideologen- und Karrieristenhölle. Filme wie "Bornholmer Straße" (2014) mit Charly Hübner begannen, den dramatischen Fokus zu verschieben. Mauerfall "von unten" aus der Sicht des Grenzsoldaten im Dilemma. Noch "Die Füchsin" (2017), eine nicht ganz runde Reihe um eine Ex-DDR-Spionin, die sich mangels Staat nun mit arabischem Partner als Privatdetektivin verdingt, bemüht sich gelegentlich etwas stumpf um Glaubwürdigkeitssteigerung ihrer Figur. Sozusagen frei von der Leber weg erzählt bloß die DDR-Geheimdienstgeschichte "Deutschland 83". Im Ausland erfolgreicher als hier, kann man Jonas Nay in der Hauptrolle auch als speziellen, jugendlichen James Bond ansehen. Die "Gnade der späten Geburt" (Helmut Kohl) und der Blick auf Deutschland mit einer gewissen Distanz gewähren unbeschwertere Herangehensweisen der Autorinnen und Autoren, was ein Vorzug sein kann, aber nicht immer muss.

30 Jahre nach dem Mauerfall ist die Zumutung einer "sympathischen" DDR-Auslandsspionin jedenfalls im deutschen Event-Fernsehfilm gänzlich angekommen. Vielleicht höchste Zeit. Vielleicht der richtige Zeitpunkt. In "Wendezeit", einem Film von Silke Steiner (Drehbuch) und Sven Bohse (Regie) stehen die Doppelagentin Saskia Starke (Petra Schmidt-Schaller) und die mysteriösen Vorgänge rund um die von der CIA beschlagnahmten "Rosenholz-Dateien" im Mittelpunkt. Saskia arbeitet offiziell in der amerikanischen Botschaft in West-Berlib, inofiziell für die Stasi. Der Erzählstandpunkt ist gut gewählt. Alle Welt, so scheint es, ist im Oktober 89 davon überzeugt, dass die Massendemonstrationen in der DDR trotz Gorbatschow, Glasnost und Perestroika bald zerschlagen werden. Es kommt anders, wie wir wissen, und zwar fast überstürzend schnell.

Radio und Fernsehen bilden, zum Teil mit Archivaufnahmen, in diesem Film die Folie der historischen Ereignisse - die Montagsdemonstrationen in Leipzig, schließlich der Fall der Mauer und die ersten unmittelbaren Auswirkungen Anfang 1990. Von wachsender Euphorie, gar von Wiedervereinigungsträumen kann bei der Hauptfigur, einer auf Skrupelfreiheit und Ideologietreue vom eiskalten Vater (André Hennicke) trainierten Frau, keine Rede sein. Im Gegenteil: Saskia Starke muss befürchten, dass ihre Akte, die sie im Stasi-Hauptquartier in Ostberlin vermutet, gefunden wird und ihre Doppelagenten-Existenz auffliegt.

Auf der Geburtstagsfeier ihres amerikanischen Mannes Richard (Harald Schrott) erfährt sie von der Kollegin Betsy (Nina Rausch), dass ein Ostagent einen Maulwurf in CIA-Reihen enttarnen will - sie selbst. Einsatz des großen Bestecks - mit allerhand Spioninnen-Utensilien ausgestattet verschwindet Saskia, um in Notwehr den Kollegen zu beseitigen. Den anschließenden Lügendetektortest in der amerikanischen Botschaft, mit dem der Kalte Krieger Jeremy (Ulrich Thomsen) dem Verräter auf die Spur kommen will, besteht sie mit Bravour. Beim Rudern, so sieht man in Rückblenden, hat sie vollständige Disziplin und Unterordnung gelernt. Mit dem Boot entwischt sie auch ihren amerikanischen Beschattern, um sich mit dem HVA-Leiter und Agentenführer Markus Wolf (Robert Hunger-Bühler) zu treffen. Sie muss ihre Akte finden und vernichten, um jeden Preis.

Die Figur der Saskia Starke entwirft Silke Steiner überzeugend, Sven Bohse und Michael Schreitel (Kamera) setzen sie ins passende Agententhrillerzwielicht, die stimmige Ausstattung (Axel Nocker) und die entsprechenden Kostüme (Metin Misdik) tun ein Übriges, um die Plausibilität der von Petra Schmidt-Schaller sehr überzeugend verkörperten Figur zu unterstreichen. Inzwischen ist Saskia, die auf ihren Mann als Honigfalle angesetzt wurde, längst zur Verächterin aller Systeme und -ismen geworden. Sie handelt aus Selbstschutz, nicht aus politischer Überzeugung. Kinder und Ehemann, persönliche Heimat sind ihr wichtiger als Staatsverteidigung.

Solche Charakterzeichnung ist wichtig für die Empathiegeneigtheit des Publikums; "Sympathy for the devil" steht auch drei Jahrzehnte nach der Öffnung der Mauer nicht auf dem öffentlich-rechtlichen Sendeplan. Reif für Schlapphut-Romantik hält man die Zuschauer aber schon: Die "Entführung" der "Rosenholz-Dateien" durch die CIA, ihre Umlenkung in eine Lagerhalle, in der fünfzig amerikanische Agenten eine Stunde lang kopieren, was das Zeug hält und bevor die Russen misstrauisch werden, macht filmisch einiges her - musikalisch untermalt von Wagners "Walkürenritt". Die Musik von Fabian Römer ist ansonsten gelegentlich sinfonisch sehr mit dem An- und Abschwellungsunterstreichen der Spannung beschäftigt.

Entscheidungsdramatische Farbe steuern die Figuren von Harald Schrott, der als Ehemann die Wahrheit herausfindet und das gemeinsame Leben in Frage stellt, und vor allem Alexander Beyer und Milena Dreißig als Stasi-Ehemann und Frau Henning bei. Steiners Buch lässt Saskia Starke in einem der systemhistorisch entscheidenden Momente zum Basketballspiel des Sohnes Simon (Niklas Schlenger) zwischen Mann und Tochter Hannah (Lilly Barshy) auf der Tribüne Platz nehmen. Sie ist raus, gründlich. Auf der Tribüne der großen Politik ist sie nicht einmal mehr als Zuschauerin zu haben.

"Wendezeit" entscheidet sich dafür, mehr Agentinnenthriller und weniger politischer Film zu sein. Auch daran mag es liegen, dass die Rolle Markus Wolfs so klein geraten ist - und nicht nur daran, dass "Wendezeit" ursprünglich wohl als sechsteilige Miniserie gedacht war. Zugute halten kann man dem Film, dass er das privat-eskapistische Moment nicht überpointiert. Aber eine (DDR-)Agentin, die am Ende jede Ideologie hinter sich lässt und alles nur für die Familie tut? Das ist das, was man eine sichere Nummer nennt. Vom kritischen Aufreger-Potential von "12 heißt: ich liebe dich" ist das weit entfernt.

Aus epd medien 39/19 vom 27. September 2019

Heike Hupertz