Ängste und Unsicherheiten

VOR-SICHT: "Corona 2020 - Der Ausbruch: Schock und Versagen", Dokumentation, Regie und Buch: Kevin Fox, Kamera: Vincent Du, Weixi Chen, Produktion: Re: Source Media Inc., Kelvinfilm (ZDFinfo, 26.6.20, 20.15-21.00 Uhr)

"Nichts ist mehr, wie es war - und vielleicht wird es nie wieder so sein", orakelt der Autor und setzt mit diesem Satz den raunenden Ton dieser aufwendig illustrierten Dokumentation. Es geht um die globalen Veränderungen, die das Coronavirus ausgelöst hat. Die die ganze Welt umfassende Krise wird als Ereignis von historischer Tragweite definiert. Am Anfang stellt die Dokumentation grundsätzliche Fragen: "Was geschieht wirklich?", "Wie geht es weiter?" und suggeriert damit, hier werde history in the making vermittelt, Zeitgeschichte zum Anfassen. Aber dann wird es doch eher sentimental.

Großzügig greift die Produktion auf Archivmaterial zurück, das die Welt davor in reger Betriebsamkeit und nach dem Ausbruch menschenleere Straße und Plätze zeigt. Die kritische Analyse, die der Untertitel "Schock und Versagen", verspricht, geht in effektvoll geschnittenen und mit aufdringlicher elektronischer Musik unterlegten Szenen unter. US-Präsident Donald Trump etwa kommt nur mit einer seiner irrlichternden Aussagen vor, vielleicht verschwinde das Virus ja durch ein Wunder, dennoch drohten harte Zeiten.

Dabei kam die Epidemie nicht überraschend. Der Film zitiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Feststellung, alle vier Monate erscheine durch Wildtiere ein neuer Erreger, der sich auch auf Menschen übertrage. Darauf müsse man durch Planung und internationale Koordination vorbereitet sein, forderte der frühere US-Präsident Barack Obama 2019, es gebe genug Wissen und medizinisches Talent. Wenig später strich sein Nachfolger Trump die Mittel für das Präventivprogramm Predict - nur um es im April dieses Jahres wiederzubeleben.

Die Dokumentation verliert sich in Details, die den historisierenden, generalisierenden Blick verunmöglichen. Eine kritische Analyse ist aber offenbar auch nicht das Anliegen des Autors, der beispielsweise die kontroverse Frage nach dem Ursprung von Covid-19 mit einer ambivalenten Bildercollage beantwortet: Fledermäuse, ein Versuchslabor, Chinas Staatspräsident Xi.

Im Mittelpunkt des Films stehen nicht die Politiker, sondern die Betroffenen der weltweiten Krise: der New Yorker ohne Krankenversicherung, der sich alleine zu Hause mit frei verkäuflichen Mitteln durchkämpft, die Londoner Mutter, die mit Selfie-Videos aus der Klinik ihr Leid beschreibt - und die Witwe eines Detroiter Busfahrers. Er sei gestorben, weil eine Passagierin ihn anhustete, klagt sie.

Hinzu kommt auch noch ein Protagonist von beinahe literarischer Gestalt: ein australischer Künstler und Filmemacher, der in Norwegen ausgerechnet in einem pittoresken Leuchtturm strandet. Klar sei das nicht so schlimm wie in einer italienischen Klinik, räumt er ein. Beim Blick auf die Weite der Insel und des Meeres gibt er mit großer Geste der Hoffnung Ausdruck, dass nun statt Reichtum und Profit in einer Nach-Covid-19-Welt die noch größere Herausforderung des Klimawandels angegangen werde.

Ein Vikar aus einem Dorf in der Lombardei beschreibt den Wandel: In nur wenigen Tagen seien die Menschen aus einem aktiven, lebendigen und modernen Alltag in eine Situation geraten, in der sie Angst voreinander haben. Doch was folgt daraus? Was wird sich nachhaltig verändern? Darauf gibt die Dokumentation keine Antworten. Sie zeigt beeindruckende globale Impressionen, fasst aber letztlich nur deskriptiv die Ängste und Unsicherheiten zusammen.

Die deutsche Fassung des Films ergänzt in Schrifttafeln Informationen zur Situation in Deutschland. Wenn thailändische Restaurantbetreiber gezeigt werden, die sich in der Krise mit durch Spenden finanzierten Menüpaketen für Krankenhauspersonal engagieren ("Food For Fighters"), merkt ein Insert an, in Deutschland gebe es eine ähnliche Initiative unter dem Hashtag "#KochenFürHelden". So endet die großangelegte historische Umbruchsgeschichte bei demonstrativ vorgeführtem Gemeinsinn.

Eine lebenskluge thailändische Gastronomin hat schließlich noch einen Tipp für alle parat: "Was immer Sie tun können, tun Sie es einfach, denn die Zeit wird knapp. Ob Sie morgen noch da sind - wer weiß das schon?"

Aus epd medien 26/20 vom 26. Juni 2020

Dieter Dehler