Abgang mit Würde

VOR-SICHT: "Lang lebe die Königin", Fernsehfilm, Regie: Richard Huber, Buch: Gerlinde Wolf, Kamera: Robert Berghoff, Produktion: Neue Schönhauser Filmproduktion (ARD/BR, 29.4.20, 20.15-21.45 Uhr)

Rose Just (Hannelore Elsner) kann ein wirkliches Biest sein, vor allem zu ihrer Tochter Nina (Marlene Moreiss). Dass Rose Nina für eine Versagerin hält, sagt sie ihr ins Gesicht. Aber nicht offen. Sondern mit spitzen Bemerkungen, Herabsetzungen und kränkender Bevorzugung des Sohnes Leon (Ole Puppe). Der ist Künstler, ein Musiker, der in Frankreich lebt. Chanson und so, am Klavier singt er ihr ihr Lieblingslied von Bryan Ferry vor. Das hat Stil und ist ganz nach Roses glamourösem Geschmack.

Nina dagegen war zwar auf der Schauspielschule, arbeitet jetzt aber als Anpreiserin lächerlicher Produkte bei einem Shoppingsender und hat eine Affäre mit ihrem wesentlich älteren Boss (Philipp Moog), der ihr höchstens mal ein Billigjuwel aus dem eigenen Angebot schenkt. Erbärmlich. Avancen macht ihr bloß noch der Mann vom Abschleppdienst. Selbst ihr geheimes Liebesleben bietet statt Prickeln nur billige Kalauer.

Rose und Nina - das ist ein Klassiker unter den problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen. Zu viel, zu nah, zu gewollt. Die Mutter manipuliert die Tochter mit der homöopathischen Dosierung ihrer Aufmerksamkeit, die Tochter versucht auch als Erwachsene noch, den mütterlichen Erwartungen zu entsprechen. Aber Rose ist nicht nur biestig, sondern auch todkrank, sie hat Nierenkrebs, dreht schon die zweite Runde. Ohne Spenderorgan wird sie sterben. Was ihr Lebensgefährte Werner (Günther Maria Halmer) weiß, was Leon in seinem französischen Exil weiß - was nur Nina nicht weiß, weil Rose verboten hat, sie zu informieren.

Leon setzt sich darüber hinweg. Woraufhin Nina so erbost ist, dass sie mit wachsenden Schaumstoffkissen eine Schwangerschaft vortäuscht, um als Spenderin nicht infrage zu kommen. Wie schlecht es allerdings um Rose steht, weiß keiner außer ihrem behandelnden Arzt (Marcus Mittermeier). Ihn kennt Nina schon ihr halbes Leben, mit 15 bekam sie von ihm ihren ersten Kuss. Und sie hat den Verdacht, er sei mit ihrer Mutter ins Bett gegangen.

"Lang lebe die Königin" ist der letzte Film mit Hannelore Elsner. Die Beteiligten wussten nichts von ihrem Zustand, die Zuschauer jetzt wissen umso mehr davon. Denn eine schreckliche Ironie oder ein großer Ernst haben es gefügt, dass Elsner mit Rose Just eine Figur spielt, die sich in existenzieller Weise mit ihrer Tochter noch zusammenrauft, bevor sie im Krankenhaus stirbt. Wobei "zusammenraufen" ein unschönes Wort ist für den doppelweiblichen schauspielerischen Parforce-Parcours, den Elsner und Moreiss gemeinsam bewältigen. Die Vor-Sterbeszene im Krankenhaus ist nun doppelt anrührend - wie die Szenen von Roses Dialyse zu Beginn oder andere Ausschnitte des Films, in denen Elsner die sterbende Rose spielt. Wenn wir diesen Film sehen, sehen wir zwei Filme. "Lang lebe die Königin" ist wie ein Palimpsest, an dem man durch die Fiktion hindurch Dokumentarisches, echtes Leben zu sehen meint.

Es ist unmöglich, diesen Film als ARD-Mittwochsfilm unabhängig von Elsners Erkrankung und Tod (der sich am 21. April zum ersten Mal jährte) zu würdigen. Wir wissen, was wir wissen, das ist unhintergehbar. Man kann sich nicht künstlich unwissend stellen. Es bleibt die Tatsache, dass hier eine Sterbende eine Sterbende spielt.

Hannelore Elsner konnte die Dreharbeiten nicht zu Ende führen. Fünf Drehtage fehlten, fünf Kolleginnen sprangen ein. Gisela Schneeberger, Judy Winter, Iris Berben, Hannelore Hoger und Eva Mattes tragen nun die Kleidung der Rolle und ihre Maske, ausdrucksstark geschminkt, aber sie versuchen nicht, Elsner zu imitieren. Ihre Szenen sind Verfremdungen, aber man sieht darüber hinweg.

Dieser Film funktioniert sehr gut. Elsner gibt ihrer Mutterrolle trotz des bisweilen ätzenden Humors eine weiche Note mit. Moreiss kämpft mit Nina um ihre Autonomie wie um ihr Leben. Auch Günter Maria Halmer trifft als Werner den unsentimental-analytischen Verzweiflungston: "Wir werden als Prinzen und Prinzessinnen geboren, von unseren Müttern zu Fröschen gemacht und den Rest unserer Zeit verbringen wir damit, den Urzustand wiederherzustellen." Der bayerische Hof, auf dem er versucht, seiner Rose den Vergleich mit ihrem früheren Mann auszutreiben, während sie an den Artefakten, an Bildern, luxuriösen Stoffen und Erinnerungen festhält, ist als sprechendes Setting in Szene gesetzt (Szenenbild Gabi Pohl).

Richard Hubers Regie, Robert Berghoffs Kamera und Gerlinde Wolfs Drehbuch betonen ebenso wie die Schlagermusik von Dürbeck & Dohmen eine Sentimentalität oder Nostalgie jenseits des Schwülstigen. In Erinnerung wird das wahrhaftige, oft absurde, manchmal sehr lustige Mutter-Tochter-Duell bleiben. Nur eine verlässt den Platz. Die andere setzt ihren Abgang mit Würde und Selbstbestimmung in Szene.

Aus epd medien 17/20 vom 24. April 2020

Heike Hupertz