Ein epd-Interview mit ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke

Hans Janke, der am 19. April im Alter von 77 Jahren gestorben ist, leitete von 1992 bis 2009 das Fernsehspiel im ZDF. Intendant Norbert Himmler nannte Janke einen „Garanten für höchste Filmqualität im ZDF“. Der Fernsehmanager habe es verstanden, anspruchsvolle Themen für ein breites Publikum attraktiv zu machen. In diesem Interview, das Diemut Roether 2007 mit Janke führte, sprach er über das Verhältnis von Kino und Fernsehen, die Finanzierung von Großprojekten und die Rolle des ZDF-Fernsehspiels bei der Verjüngung des Senders.

epd: Regisseur Volker Schlöndorff hat den öffentlich-rechtlichen Sendern kürzlich vorgeworfen, dass sie die Filmfördertöpfe plündern würden, um teure TV-Mehrteiler zu produzieren. Das ZDF ist mit diesem Vorwurf auch angesprochen, weil der Sender zurzeit zusammen mit Constantin „Anonyma“ produziert. Das ZDF engagiert sich sehr stark für diesen Film, gibt selbst sechs Millionen für die Produktion, die gleichzeitig TV-Mehrteiler und Kinofilm werden soll. Unter anderem erhält „Anonyma“ auch 1,4 Millionen aus dem Deutschen Filmförderfonds (DFFF), dem neuen Fördertopf, den Kulturstaatsminister Bernd Neumann im vergangenen Jahr auflegte. Wie kommt das Fernsehen dazu, sich aus diesen Töpfen zu bedienen?

Janke: Wenn wir es könnten, sollten wir es tun. Im Ernst: Wir tun es nicht. Das ist ein gehegtes, gepflegtes Missverständnis. Aus einem so schwierigen Stoff wie „Anonyma“, dieser großen Regie- und Autorenambition, einen Kinofilm zu machen, das ist die erste Intention, und sie erfordert großes Geld. Dieses Projekt mit allen Kräften zu finanzieren, alle Quellen anzuzapfen, die dafür infrage kommen, ist die Übung, an der wir namhaft beteiligt sind. Es wird unterstellt, wir wollten uns etwas unter den Nagel reißen und wir wollten insgeheim kein Kino, sondern eine Fernsehproduktion haben. Ich glaube, wenn man sich die Finanzierungsstruktur genau ansieht, also auch die finanzielle Leistung, die das ZDF für das Projekt erbringt, und sich anschaut, welche künstlerischen Kräfte da walten, ist das gegenstandslos. Ich bin erstaunt darüber, dass solche Zusammenhänge derartig denunziationsfähig sind. Als müsse man immerzu den heiligen Spielfilm, das heilige Kino, das Arkanum vor dem Fernsehen in Sicherheit bringen. So ein Unfug.

Sie selbst haben einmal von einem Konfessionsstreit zwischen Fernsehen und Kino gesprochen. Was meinen Sie damit?

Janke: Dieser Konfessionsstreit zieht sich durch die Mediengeschichte der Bundesrepublik, und er ist noch immer nicht beendet. Diejenigen, die selber einen Fernsehfilm oder Kinofilm drehen, sind damit gar nicht so sehr beschäftigt. Aber die Formation - hier das Kino und die Filmkritik, dort das Fernsehen mit seinem schnöden Verwertungsbetrieb - ist für das ständige Gegeneinanderausspielen wie geschaffen. Das zeigt sich noch, wenn Filme Premiere haben, an denen ZDF oder ARD beteiligt sind. Dann soll von der Beteiligung des Fernsehens eher nicht die Rede sein. Als ob da ein Verunreinigungseffekt entstünde. Das hat etwas Anankastisches.

*Sie meinen eine Zwangsstörung? Vielleicht können wir mal auf konkrete Vorwürfe eingehen: Die Filmschaffenden werfen den Fernsehredakteuren vor, sie würden sich zu sehr in den Produktionsprozess einmischen, sie würden sich dafür einsetzen, dass die Filme primetimetauglich werden, das Fernsehen braucht mehr Dialoge, mehr Nahaufnahmen, für das Kino würde man mit anderen Einstellungen arbeiten.

Janke: Wenn der Einfluss so groß wäre wie unterstellt, sähen die Filme womöglich anders aus. In der Regel bekommt das Fernsehen aus dem Kino ja gerade kein Primetimeprodukt. Zumindest keines, das sich sofort und für alle sichtbar für den großen Erfolg um 20.15 Uhr eignet. Auf die großen Kinoprojekte haben wir qua Redaktion einen eher geringen Einfluss. Einen viel größeren ließen sich die Beteiligten auch gar nicht gefallen. Sie können Autoren und Regisseure von Rang nicht zurechtschustern. Es gibt allerdings einen sehr anerkannten Einfluss von Fernsehredakteuren auf Debütfilme, im Kleinen Fernsehspiel zum Beispiel. Da wird Ihnen jeder Regisseur oder Produzent sagen, dass er die Begleitung und die gemeinsame Arbeit außerordentlich schätzt und dankbar ist dafür. Wo das Kino mainstreamig sein möchte, wo es mit der Wurst nach der Speckseite wirft, wo es an die Leute ranwill, will es das doch selbst. So entstehen die berühmten „Sieben Zwerge“. Sie verdanken sich wahrlich nicht der Intervention von Fernsehredakteuren.

Woher kommen die Ressentiments der Kinoschaffenden gegen das Fernsehen?

Janke: Ich glaube, das hat genetische und ideologische Gründe. Ich verstehe, dass man etwas, das seine eigene Würde, Identität, Aura hat und behalten soll, gegenüber dem Gewöhnlichkeitsmedium Fernsehen absetzen möchte. Das hat etwas mit dem Filmkunstverständnis der Beteiligten zu tun. Das hat auch damit zu tun, dass sich Kino und Fernsehen gelegentlich auch kategorial unterscheiden, dass das Kino zum Beispiel eine ästhetische Radikalität pflegen kann, die dem Fernsehen nicht liegt. Ich bestehe übrigens auch auf dem Unterschied, wenn es ihn gibt. Im Übrigen aber fließen die Grenzen, in jeder Hinsicht. Und manches hat heute im Fernsehfilm eine Klasse, die im Kino vor zwanzig Jahren nicht zu haben gewesen wäre. Auch da wird also, auch mangels Kenntnis, allerlei behauptet. Wenn die Ignoranz/Arroganz in die Nähe der Herabsetzung kommt, wenn das vorgeblich Feinere, Edlere, Bewunderungswürdigere gegen diese Mittelmaßveranstaltung Fernsehen gestellt wird, reagiere ich, wenn ich gut gelaunt bin, amüsiert, wenn ich schlecht gelaunt bin, verdrossen.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat gesagt, in dem Moment, da der erste Fernsehfilm durch den DFFF gefördert wird, macht er den Topf wieder zu...

Janke: Verstehe ich. Wenn Kino gefördert werden soll, soll Kino gefördert werden. Ich würde schon aus Gründen der Verdachtsvermeidung gar nicht versuchen, die Kinoförderung zur Fernsehförderung umzuwidmen. Das wäre verkehrt. Bei solchen seltenen Projekten wie „Anonyma“, „Baader-Meinhof“, „John Rabe“ geht es darum, den Anteil, den der DFFF an der Finanzierung hat, dem Kino vorzubehalten. Das gelingt auch. Aber was hätten wir davon, wenn wir einen falschen Purismus walten ließen und dadurch die großen Projekte keine Chance mehr hätten? Wer gewinnt dabei? Das Fernsehen würde dadurch nicht viel verlieren, aber das Kino gar nichts gewinnen. Man kann den Sinn solcher Projekte insgesamt bezweifeln, man kann sagen, das Heil liege eher im kleinen, „schmutzigen“, interessanten, deutschen Autorenfilm. Aber wenn man solche großen Projekte will - und der DFFF will ja im großen Stil fördern - geht das nicht, indem man das daran nachhaltig beteiligte Fernsehen diskriminiert. Ich sähe diese Dauerkontroverse gern aus der Welt geschafft. Ich wünschte mir ein entspanntes, gelassenes, interessantes Verhältnis.

Eigentlich könnten Kino und Fernsehen ja viel voneinander profitieren. Sie sprachen eben von der Nachwuchsförderung, im Fernsehen können sich junge Regisseure ausprobieren, die im Kino vielleicht gar keine Chance bekommen hätten.

Janke: Es gibt in Deutschland ja reichlich Kinofilme. 180 Produktionen im Jahr 2006, die können kaum alle im Kino erfolgreich laufen. Mangel herrscht nicht. Es herrscht Mangel an erfolgreichem Kino. Erfolg heißt, dass sich ein Film beim Publikum so bemerkbar machen muss, dass er sich rentiert. Ein dauerhaft unrentables Kinogewerbe ist nicht schön. Wie viele deutsche Filme erreichen überhaupt eine halbe Million oder eine Million Besucher? Man ist da leider mit sehr wenig zufrieden, das dürfte eigentlich nicht sein.

Können Sie beschreiben, wie sich eine Produktion wie „Anonyma“ entwickelt, wie die Gespräche zwischen dem Fernsehsender, also Ihnen, Produzent und Regisseur laufen?

Janke: Es gab schon lange dieses aufsehenerregende Buch und wie an jedem starken, brisanten Stoff auch ein gewisses Interesse bei hervorragenden Filmleuten. Eines Tages kam Produzent Günter Rohrbach mit diesem Stoff und dem von ihm dafür vorgesehenen Regisseur und Autor Max Färberböck und sagte: Das möchten wir machen, und das ZDF sollte dabei sein. Er sagte natürlich auch gleich: Und billig wird das nicht. Er nannte von vornherein eine achtstellige Zahl, denn es geht ja um eine historische Rekonstruktion. Die darf nicht aussehen wie schlechte Kulisse. Der Aufwand muss dem Stoff entsprechen. Wir sagten: Ja, das können wir uns vorstellen, das ist interessant. Aber wir haben eine Reihe von Problemen: politische Probleme, moralische Probleme, Darstellungsprobleme... Der Film, in dem ja von den Deutschen als Opfer die Rede ist und weniger als Täter, darf keinen revisionistischen Zug haben.

Dann die Gewaltdarstellung: Wenn man eine solche wahre Geschichte erzählt, muss man ihren Schrecken wahrhaftig erzählen. Wenn man dabei aber zu weit geht, wird der Film erst ab 16 zugelassen, und das ist nicht nur im Fernsehen ein Problem, sondern auch im Kino. Färberböck hat, auch was das angeht, ein vorzügliches Drehbuch geschrieben. Dann ging es um die Finanzierung: Wie viel kann der Sender beisteuern, wie aussichtsreich ist die Förderung und wo? Dann die Frage der Besetzung der Anonyma, also der weiblichen Hauptfigur: Nina Hoss. Der Weg war ein diskursiver, also einer, auf dem sich bedachte, ernsthafte Leute mit dem Projekt auseinandersetzen und sich verständigen.

Ja, und dann stellt der Produzent fest, dass im Finanzierungsplan noch was fehlt. Das war der Moment, in dem das ZDF gefragt wurde, ob es nicht statt fünf Millionen sechs Millionen geben könne. Eine gewaltige Dimension! Der Entschluss eines Senders, so viel Geld in eine Produktion zu stecken, ist sehr schwer herbeizuführen. Das geschieht im Vertrauen auf die Qualität der Beteiligten. Dahinter steckt viel Wertschätzung für einen bedeutenden Produzenten wie Günter Rohrbach, für einen großartigen Regisseur wie Max Färberböck. Umso weniger kann ich schon intellektuell dulden, dass solche Produktionen in eine ganz andere Ecke geschoben werden.

Sie meinen den Vorwurf des Panschens und Schluderns, den Schlöndorff in seinem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ erhoben hat?

Janke: Die Behauptung, dass unter der Hand daraus „bloßes Fernsehen“ wird und wir damit ein gutes Geschäft machen. Ich würde so weit gehen zu sagen, das kann in dem billigen Sinn gar kein Geschäft werden. Wenn alles gutgeht, entsteht ein beachtlicher und beachteter Film, der im Kino erfolgreich ist. Und wenn die zweiteilige Version ins Fernsehen kommt, hat sie Reichweite und Resonanz. So sollte es sein. Die Befürchtung, dass da eine Methode ins Kraut schießt und es immer mehr Projekte dieser Größenordnung und dieser Konstruktion geben wird, halte ich für abwegig.

Könnten Sie, um die Dimension zu verdeutlichen, einmal sagen, wie viel Geld Sie pro Jahr für fiktionale Produktionen ausgeben?

Janke: Die Zahlen liefern nicht den Vergleichsmaßstab. Das ZDF gibt pro Jahr etwa 400 Millionen Euro für fiktionale Auftragsproduktionen aus, für die Serien, die Fernsehfilme, das Kleine Fernsehspiel und die Kinokoproduktionen. Das ZDF muss schon kraft Status immer in der Lage sein, außerordentliches Programm zu finanzieren. Das kann heißen, „Blockbuster“ einzukaufen oder teure Sportrechte, große Eventproduktionen zu ermöglichen oder sich in großem Stil an einer Kinokoproduktion zu beteiligen. Dennoch gilt natürlich: Das Geld kann nur einmal ausgegeben werden. Wenn man sechs Millionen in die „Anonyma“ steckt, hat man einen großen Betrag ausgegeben, den man natürlich nur einmal ausgeben kann. Auf die Balance kommt's an. Ich halte sie für gegeben. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass große Projekte etwa zu Lasten des normalen Fernsehfilms gingen.

Wie wichtig ist es für das ZDF, an solchen Produktionen beteiligt zu sein, über die man spricht?

Janke: Sehr wichtig. In einem komplizierten Öffentlichkeitsprozess wird auch über solche Projekte die Geltung, das Ansehen der öffentlich-rechtlichen publizistischen Institution ZDF mitkonstituiert. Man muss das haben. Man muss auf die Pauke hauen und groß in Erscheinung treten. Das ist in der Aufmerksamkeitskonkurrenz absolut geboten. Beim Kino ist das komplizierter. Ich habe ja schon gesagt, dass das Kino den Ruhm gern für sich behält. Normalerweise dauert es eine ganze Weile, bis eine Kinokoproduktion ins Fernsehen kommt. Wir bekommen also für die Beteiligung an Kinofilmen einen relativ geringen Benefit. Der BR hat die „Oscar“-PR bei „Das Leben der Anderen“ sehr geschickt und zu Recht auch auf sich gelenkt. Er hat öffentlich inseriert, dass er das Projekt mit ermöglicht hat. Und dass das etwas mit dem Programmauftrag und Fernsehkultur zu tun habe. Dieser öffentliche Nachweis ist selten. Öfter sind wir die Letzten, die die Hunde beißen.

Müssten die Sender solche Beteiligungen nicht mehr herausstreichen? Das ist ja auch eine Form der Kulturförderung.

Janke: Mehr als wir das tun, kann man es kaum tun. Aber das wird nicht gern gehört. Schon gar von Filmkritikern nicht, die das Kino gegenüber dem Fernsehen hermetisiert sehen wollen. Und dann muss man auch sagen, dass ein Film, der im Kino ohne Besucher geblieben ist, auch im Fernsehen eher keine Zuschauer findet. Die Fälle, in denen es andersrum gelaufen ist, sind fast zu vernachlässigen. Für einen insoweit erfolglosen Film können Sie exzessiv werben, es führt zu nichts. Exzessive Werbung im Fernsehen führt nur zu einem Quoten„exzess“, wenn sie das Publikumsinteresse trifft. Sie können nichts hochjazzen. Wenn wir einen Film zeigen wie Helmut Dietls wunderbaren „Vom Suchen und Finden der Liebe“, an dem sich das ZDF wirklich liebend gern beteiligt hat, wissen wir von vornherein, dass er eher zwei Millionen Zuschauer haben wird als vier Millionen.

Zwei Millionen sind ja immer noch mehr als die Zahl derjenigen, die den Film im Kino gesehen haben.

Janke: Ja, aber das dürfen wir ja gar nicht laut sagen. Das ist ja, als würden wir ins Weihwasser pinkeln.

Ein Vorwurf, der dem Fernsehen vonseiten der Filmschaffenden auch gern gemacht wird, ist, dass Fernsehen das Kino zu wenig beachtet. Es gibt kaum noch Kinomagazine, jetzt sind in einigen Zeitungen die Abgesänge auf die WDR-Kinoredaktion erschienen, die mit dem Weggang von Helmut Merker quasi ausstirbt, und es wird immer wieder der Vorwurf erhoben, das Fernsehen verderbe das Sehen.

Janke: Was soll ich mit diesem Gemeinplatz anfangen? Mir kommt er so schrecklich nostalgisch vor. Diese Kritik gab es nämlich schon zu der Zeit, die nun so glänzend dasteht. Verlustklagen waren ja früher nicht leiser. Ich weiß das, bin ja länger schon dabei. Ich will aber nichts schönreden. Wir haben mit Verlusten aller Art im Fernsehen zu tun. Dazu kann auch gehören, dass man nicht mehr genügend Achtung dafür aufbringt, was Achtung verdient und verlangt. Ich will aber auch nicht, dass man nur sagt, es muss einfach so bleiben, wie es war. Und eins noch: Litaneihaft vorgetragene Reklamationen kommen oft von Leuten, die das Fernsehen gar nicht kennen. Sie sind kostenlos zustimmungsfähig. Wer sich am Fernsehen, speziell am öffentlich-rechtlichen, reibt, riskiert ja nichts.

Nehmen wir ein Beispiel aus Ihrem Programm. Sie haben kürzlich „Finale“ von Klaus Lemke im ZDF gezeigt, der zum Münchner Filmfest nicht zugelassen wurde, bei Ihnen wurde er gezeigt, aber erst nach 24 Uhr. Das hatte bestimmt auch Jugendschutzgründe, aber ich erinnere mich daran, dass die Filme von Klaus Lemke früher zur besten Sendezeit liefen. Hat das Irritierende keinen Platz mehr im Programm?

Janke: Auch Irritation braucht ihr richtiges Geläuf. Frage also, wo ist der Ort für ein so'n dolles Ding wie „Finale“. In dem Fall war es so: Lemke hat mir gesagt, ich mache Ihnen einen Film für 50.000 Euro - am Ende waren es 70.000, egal - und ich habe gesagt: Ja, machen wir. Ich weiß natürlich, was das bedeutet, wenn Lemke ein solches Improvisationsstück dreht, mit Laiendarstellern, mit der wunderbaren, nie pornografischen Schamlosigkeit, die er hat. Aber wenn das so ein „Fickfilm“ ist, wie Silke Burmester bei Ihnen bewundernd beschrieben hat, muss ein Sender das natürlich auch unter dem Jugendschutz betrachten. Also hat der Justiziar Gunnar Krone, ein Kenner und Cineast von hohen Graden übrigens, den Film gesehen und gesagt, „Finale“ kann man ungekürzt senden, aber nicht vor 23 Uhr. Dass der Film um zwölf gesendet wurde, hatte nur planerische Gründe, keine von Angst. Am Ende war er an dem Tag sogar sehr gut platziert, das Programm hatte einen schönen Flow.

Sie haben vorhin den Montagsfilm im ZDF erwähnt, der unter Kritikern lange als gute Adresse galt. Seit einiger Zeit beklagen sich Kritiker immer häufiger darüber, dass hier auch zunehmend „Quotenkonsensfilme“ gesendet werden.

Janke: Wer sind die Kritiker und wie genau wissen sie Bescheid? Wir bemühen uns vernünftigerweise und unvermeidlicherweise um die Verschwisterung von Anspruch und Attraktivität. Wenn ein solcher Termin chronisch minoritär wäre, könnte man ihn nicht halten. Wenn man 25 bis 30 Erstsendungen auf so einem Termin hat, hat man damit 40 Millionen Euro ausgegeben. Das ZDF kann eine solche Summe nicht einsetzen und damit immerzu das große Publikum verfehlen. Das kann übrigens auch kein anderer Sender. Das verträgt das Fernsehen selber nicht. Das Publikum hat ja die freie Wahl. Es kommt nicht, wenn Sie es nicht gewinnen, wenn sie es nicht halten. Ich kann nicht zusehen, wie es in Scharen zu Günther Jauch oder einer anderen Konkurrenz läuft. Ich muss also die Stoffe so auswählen, die Erzählweisen, die Besetzungen, dass eine gewisse Aussicht auf ein großes Publikum besteht.

Also: Wir wollen die Menschen erreichen, und wir wollen uns auch unterscheiden: Fernsehfilme sind nicht formatiert, nicht etikettiert, nicht mit der ewig gleichen Erwartung verbunden, die im Fernsehen im Übrigen jede Berechtigung hat. Der Fernsehfilm der Woche ist variantenreich: Er hat Handschriften, und er pflegt sie, er kommt von den Besten, und er arbeitet mit den Besten. Er ist, wie ich immer gesagt habe, substanziell unterhaltsam. Aber es gilt auch: Wenn sich zeigen sollte, der Fernsehfilm zehre sich forminhaltlich aus, er werde beliebiger und verliere an erzählerischer Kraft und Bedeutung, dann müssten und würden wir gegensteuern.

Worauf achten Sie bei der Auswahl der Montagsfilme?

Janke: Auf intelligente, originelle, zeitgemäße, lebenskräftige, erotische, spannende Geschichten. Und auf handfeste und humorvolle. Und die Gelegenheiten, bei denen es wirklich ernst wird, muss man rationieren. Man kann nicht jeden Montag sagen, jetzt geht es ums Ganze. Das will kein Mensch. Aber zwischendurch eben schon: „An die Grenze“, „Todesautomatik“, „Erlkönig“ - nur mal drei aus diesem Herbst.

ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut hat kürzlich angekündigt, es werde demnächst auch am Mittwoch Sendeplätze für Fernsehfilme geben. Wie wird sich der Film am Mittwoch vom Montagsfilm unterscheiden?

Janke: Auf dem Sendeplatz werden auch Shows und Spielfilme zu sehen sein und unter anderem auch zehn Mal im Jahr „Aktenzeichen XY ungelöst“. In dieser Mischung wird fiktionale Auftragsproduktion etwa ein Drittel des Programms ausmachen. Deren Profil ist noch zu bestimmen.

Die ARD hat bereits gegen die Pläne protestiert und sieht ihren anspruchsvollen Mittwochsfilm bedroht...

Janke: Die ARD kann sich dadurch eigentlich nur animiert fühlen, wiederum an ihrem tüchtigen Fernsehfilm nichts zu ändern. Der Mittwochabend ist für die ARD ja das, was für uns der Montagabend ist. Wir steuern da gerade nicht auf eine falsche Idealkonkurrenz zu.

Programmdirektor Bellut will das ZDF-Programm auch stärker auf jüngere Zuschauer ausrichten. Welche Rolle kann dabei Ihre Abteilung spielen?

Janke: Die denkbar größte. Fernsehfilme sind „jünger“ als manch anderes, und die Fiktion kommt, was die 14- bis 49-Jährigen angeht, kurz hinterm Sport. Wir müssen also weitermachen wie bisher. Aber man muss natürlich auch zur bitteren Kenntnis nehmen, dass die größten Reichweiten bei den Jüngeren im Fernsehfilm in der Regel auch mit den größten Reichweiten überhaupt verbunden sind. Wenn also ein so bemerkenswerter Film wie „Ich wollte nicht töten“ 20.15 Uhr am Montag knapp vier Millionen Zuschauer erreicht und einen Marktanteil von zwölf Prozent, dann erreicht er auch bei den 14- bis 49-Jährigen nicht etwa mehr, eher weniger. Das ist wie beim Kleinen Fernsehspiel: Es hat die avanciertesten und jüngsten Produktionen, und auch seine Macher und die Protagonisten sind jung, das ist so modern wie fiktionales Fernsehen heute nur sein kann. Aber weil es nicht massenhaft zieht, erreicht es auch bei den Jungen keine höheren Marktanteile. Das Ganze bleibt also ein schwieriges, lohnendes Unterfangen. Man muss den Wunsch haben, weiterzukommen, aber das darf nicht zum Krampf werden und nicht zur Phantomjagd.

Es genügt also nicht, junge Regisseure zu haben und junge Darsteller...

Janke: Nein, so läuft das nicht. Ich habe es immer mit der Devise versucht, an die wir uns auch halten, dass wir zeitgemäßes Fernsehen machen. Der Fernsehfilm führt gerade nicht ins gesellschaftliche Museum, aber das heißt nicht, dass man dafür jederzeit die demografische Gratifikation bekommt.

Womit kriegt man die Jungen, mit den Serien?

Janke: Nicht eo ipso. „KDD“, eine der avanciertesten Serien, die das ZDF seit langem gemacht hat, erreichte einen vergleichsweise kleinen Marktanteil unter fünfzig. Das ist eine Schwierigkeit, die wir mit der ARD teilen: Unser Fernsehen wird von einem größeren Teil des jüngeren Publikums kaum noch in Augenschein genommen. Die erste und wichtigste Anforderung ist meiner Meinung nach, kein verstaubtes, rückwärtiges Fernsehen zu machen, in allem à jour zu sein, und wenn man eine Serie macht, muss man die so interessant machen wie irgend möglich. Der Rest ist vielleicht auch eine Unveränderlichkeit, die wir mit anderen seriösen Medien teilen. Der „Stern“, eine Illustrierte, wie sie im Buche steht, kennt sie, von den Tageszeitungen nicht zu reden. Mit dem Programmmix, den wir anbieten, bei der Art und Weise, wie und womit wir in Erscheinung treten, ist eine bestimmte Demografie a priori gegeben und in Ordnung.

Dennoch darf die Bemühung nicht aufhören. Es gibt ja auch verblüffende Resultate. Kürzlich eine Dokumentation zu „Nine Eleven“, 20.15 Uhr im ZDF: 15 Prozent Marktanteil bei den unter Fünfzigjährigen. Das bedeutet offenbar großes Interesses am Thema. Oder nehmen Sie die „Flucht“ bei der ARD oder „Dresden“ im ZDF: Es muss Gründe geben, warum auch ein jüngeres Publikum sich dafür in hohem Maße interessiert, etwas wittert, das aus der historischen Kollektivität der Gesellschaft kommt. Aber machen Sie mit allem Vorsatz eine junge Komödie mit jungen Protagonisten, zeigt Ihnen das junge Publikum, mit dem Sie kokettieren, den Rücken. Und das tut weh, ist also erst recht Grund, es wieder zu versuchen.

Wird es demnächst mehr Serien wie „KDD“ oder „Doktor Martin“ im ZDF geben?

Janke: Ja, sicher! Für den Serientermin am Hauptabend, künftig auf dem Donnerstag, wird man natürlich überlegen, ob es eine Gelegenheit ist, ein bisschen sophisticated aufzutreten, oder ob man eher das Modell der generalakzeptierten Familienserie nimmt. Am Freitagabend ist für den zweiten Krimiplatz, den „KDD“ eingenommen hat, dasselbe zu bedenken. Ich würde immer sagen, lasst uns die Qualität hochzwiebeln, also der ältlichen Konvention, dieser schrecklichen Treuherzigkeit entkommen, aber durchaus beim Bewährten bleiben. Für die wirkliche Alternative dazu muss man den Platz klug wählen. Da würde ich uns aber immer empfehlen, viel auszuprobieren und schön tapfer auszuhalten. Es gibt Beispiele dafür, dass wir ein bisschen schnell das Handtuch geworfen haben.

Was ist aus dem „Blind Date“ mit Anke Engelke und Olli Dittrich geworden?

Janke: „Blind Date“ hat sechsmal stattgefunden und wird, so Gott will - heißt Göttin und Gott wollen - wieder stattfinden. Das hängt ja sehr davon ab, was beide gerade zu tun haben. Das kommt also, wenn es kommt.

Bräuchte das ZDF nicht mehr solche Farben wie Engelke oder „Dittsche“, die Sendung von Olli Dittrich?

Janke: Der fabelhafte „Dittsche“ hat nicht grundlos seinen Platz im Dritten Programm des WDR. Das ZDF hat nur ein Hauptprogramm und daher nicht so viele Spielmöglichkeiten, wie es gerne hätte.

Liegt das am berühmt-berüchtigten „Kerner-Riegel“, den Sendungen von Johannes B. Kerner, die das Programm zwischen 22.45 und 24 Uhr blockieren?

Janke: Blockade? Ein auf beiden Seiten gern genommenes Angebot! Dass Kerner erfolgreicher ist als andere, hat Gründe, gute Gründe! Da sollte man nicht ohne Not reingrätschen und etwas ganz anderes machen. Wir passen dann schon auf, dass wir uns beim Erneuern nicht selbst im Wege stehen.

Trotzdem haftet das Image des Kukidentfernsehens sehr hartnäckig am ZDF. Denken Sie manchmal bei Serien wie „Stromberg“: Das hätte ich gern im ZDF? Der Schauspieler Christoph Maria Herbst sagt ja selbst, die Serie sei im Grunde öffentlich-rechtliches Fernsehen.

Janke: Herbst ist ein gescheiter Mann! Gutes Programm, der Deutsche Fernsehpreis zeigt es, gibt es schließlich hier wie dort. Man bemüht sich doch nicht grundlos um dieselben Autoren, dieselben Regisseure, dieselben Darsteller, und wir leben eben auch stark von der Konkurrenz. Wir müssen doch auch unter Druck gesetzt werden. Es hat dem Fernsehfilm gutgetan, dass RTL und Sat.1 eine Zeit lang schön viel auf diesem Gebiet produziert haben. Jetzt tun sie es weniger, nicht gut für uns und nicht gut für die Branche.

Das Interview ist erschienen in epd medien 75/2007