"Kooperation hat mit Augenhöhe zu tun"

Ein epd-Interview mit SR-Intendant Thomas Kleist

Wenn SR-Intendant Thomas Kleist (65) Ende April in den Ruhestand geht, endet die berufliche Laufbahn eines Medienprofis, der die Branche aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln kennengelernt hat. Von 1985 bis 1996 leitete der Jurist die damalige Landesanstalt für das Rundfunkwesen im Saarland, von 2000 bis 2011 war er Verwaltungsratschef des SR. In dieser Zeit war Kleist auch Direktor des Instituts für Europäisches Medienrecht in Saarbrücken. Über politische Erfahrung verfügt er unter anderem durch ein Intermezzo als Staatssekretär im Arbeits- und Sozialministerium der damals von der SPD geführten saarländischen Landesregierung (1996-1999). Seit Juli 2011 ist Kleist Intendant des SR, im Mai übernimmt sein Nachfolger Martin Grasmück die Amtsgeschäfte (epd 8/21). Im Interview mit Marc Patzwald und Michael Ridder spricht Kleist über politische Vorschläge zur Reform von ARD und ZDF, die Idee einer europaweiten Mediathek und die Herausforderung, einen permanent finanzknappen Sender zu führen.

epd: Wie beurteilen Sie den Reformfahrplan für ARD und ZDF, den die Rundfunkkommission der Länder kürzlich beschlossen hat, vor allem mit Blick auf die Auftrags-Neufassung?

Kleist: Wir sind ja in der ARD durch die Bank reformwillig und die ganze Zeit schon in einem Veränderungsprozess. In der Umsetzung haben wir uns bisher eher auf die Strukturdebatte konzentriert. Der Auftrag selbst ist uns, wie der Name schon sagt, von Politik und Gremien vorgegeben und für uns aus freien Stücken auch nicht einfach veränderbar. Im Ergebnis geht es darum, die deutsche Antwort auf die Global Player, insbesondere Spotify und Netflix, zu finden. Diesen Ansatz sehe ich auch in dem Zwei-Phasen-Modell des neuen Reformpapiers der Länder, und das finde ich gut. Da geht es um die Stärkung des Markenkerns der Öffentlich-Rechtlichen und die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit. Dahinter steht das klare Bekenntnis der Länder, dass man dieses System in unserem Gemeinwesen braucht. Das ist aber auch eine klare Absage an diejenigen, die uns als überflüssig erachten.

Was wir brauchen, ist etwas mehr Flexibilität, um auf die Veränderungen zielgenau reagieren zu können. Im Gegenzug müssen wir uns jeden Tag beweisen und auch verändern, um mit den Publikumsgewohnheiten mithalten zu können, ohne die Kosten überproportional in die Höhe zu treiben. Das alles wird nur möglich sein, indem man zusätzliche Wirtschaftlichkeitspotenziale generiert und auch bereit ist, sich von dem ein oder anderen Lieb gewonnenen zu verabschieden.

Sie gehören also innerhalb der ARD dem Reformflügel an?

Kleist: Ich selbst zähle mich zu den Reformern in der ARD, weil wir beim SR, wenn auch aus der Not heraus, den permanenten Veränderungsprozess schon lange geradezu als Überlebenseliexir verstanden haben. Dabei sehe ich unsere große Stärke in der Regionalität und der Grenzland-Kompetenz. Also darin, den Menschen in der globalen Welt des Internets Nähe, Orientierung und Heimat zu geben - früher hätte ich den Begriff so nicht in den Mund genommen, heute hat er eine andere Bedeutung - und die Gesellschaft zusammenzuhalten, statt sie zu spalten. Und dabei den Anforderungen an Qualität weiter zu entsprechen. Etwas anders als früher will das Publikum von heute nicht nur seriös und unparteiisch informiert werden, sondern auch direkt dabei sein, wenn etwas auf der Welt passiert, ohne deshalb zum Voyeur zu werden. Das nennt man Echtzeitkommunikation. Das sind alles neue Herausforderungen, denen wir uns zu stellen haben und gerne stellen.

Die Länder wollen deutlich mehr Kooperationen der Sender. Ist das aus Ihrer Sicht machbar und sinnvoll? Die dafür nötige Kartellrechtsänderung ist ja bisher nicht erfolgt.

Kleist: Das Kartellrecht macht mir da weniger Sorgen, das wird man qua Bundesrecht an die neuen Gegebenheiten anpassen können. Viel schwieriger wird es sein, im föderalen Miteinander die notwendigen Kooperationen gegenüber standortpolitischen Interessen durchzusetzen. Das gilt für die Politik wie auch für die Rundfunkanstalten gleichermaßen. Ein Schlüsselprojekt für die Sender ist aktuell die Einführung von SAP über alle Landesrundfunkanstalten hinweg. Das wird die Basis sein für Standardisierung und senderübergreifende Zusammenarbeit bis hin zu möglichen Shared-Service-Angeboten. Dann könnte man beispielsweise die Reisekostenabrechnungen für alle Sender in Berlin oder Magdeburg, die Gehaltsabrechnungen in München, Düsseldorf oder Hamburg abwickeln und die Cybersicherheit für alle von Saarbrücken aus steuern.

Wo liegen für Sie die Grenzen der Kooperation?

Kleist: Kooperationen hören dort auf, wo Fusionen beginnen. Da die Regionalität unsere Stärke ist, sollten wir nicht einer schleichenden Zentralisierung das Wort reden, sonst stellen wir unser eigenes System infrage. Als Grenzlandsender haben wir da beim SR sehr viel Anschauungsmaterial im Vergleich Frankreich/Deutschland sammeln können. Aufpassen muss man dort, wo rein bilaterale Kooperationen dazu führen, dass einer den anderen dominiert. Kooperation hat immer etwas mit Augenhöhe zu tun. Andererseits sind Kooperationen unter neun Sendern ebenso wie unter 16 Bundesländern aufgrund ihrer Komplexität oft zum Scheitern verurteilt. Vor diesem Hintergrund hatte ich meinem SWR-Kollegen Kai Gniffke, mit dem wir bereits zahlreiche bilaterale Kooperationen erfolgreich durchführen, vorgeschlagen, eine senderübergreifende Kooperation im Südwesten Deutschlands zu prüfen, also SWR, HR, SR und warum nicht auch mit dem ZDF, etwa im Bereich Programm-Produktion.

Nehmen Sie mal als Beispiel der Einsatz von großen Übertragungswagen, die mehrere Millionen Euro in der Anschaffung kosten. Der Ü-Wagen des SR hat mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel und kommt im Jahr etwa 25 Mal zum Einsatz. Eine Neuanschaffung rechnet sich nicht, wäre aber dennoch notwendig. Da würde es doch Sinn machen, wenn sich das ZDF, der SWR, der HR und der SR aus einem gemeinsamen Pool an Ü-Wagen, die dürften gerne alle in Mainz stehen, bedienen würden. Es ließe sich also manches gemeinsam kostengünstiger organisieren. Das könnte gleichzeitig eine Blaupause für die Politik sein mit Blick auf die Fortsetzung der Strukturreform. Das wäre echter kooperativer Föderalismus im Sinne eines kongenialen Zusammenwirkens großer und kleiner Einheiten. Das heißt die Sparsamkeit, Schnelligkeit und Flexibilität kleiner Einheiten nutzen und dort kostengünstig zusammenwirken, wo sogenannte Skaleneffekte großer Organisationen zu echten Einsparungen führen.

Da müssen wir jetzt natürlich nachfragen: Wenn Sie die Idee hatten, eine gemeinsame Blaupause zu machen - warum prescht Gniffke dann offenbar unabgesprochen vor und bringt die Zusammenlegung von Direktionen des SR und des SWR ins Gespräch?

Kleist: Das müssen Sie ihn fragen. Das war auch für mich überraschend und in der Dimension und Zielrichtung too much. So einen Vorschlag unterbreitet man im Übrigen dem möglichen Kooperationspartner nicht über ein Interview.

Sie haben Gniffkes Überlegungen sehr schnell eine Absage erteilt.

Kleist: Ja. Das musste ich aus den genannten Gründen tun und habe dies auch mit voller Unterstützung der SR-Belegschaft, der Gremien und der saarländischen Landesregierung getan, wohlwissend, dass ich, wie eben ausgeführt, im Grunde die Kooperationen innerhalb der ARD gerne ausweiten würde. Nur am Rande: Innerhalb der ARD sind wir, der SR, geradezu Kooperationsmeister. Gemeinsam mit dem SWR haben wir da schon Standards gesetzt, etwa durch die Zusammenführung zweier Orchester oder die Schaffung einer senderübergreifenden gemeinsamen Hauptabteilung Ida - Information, Dokumentation, Archive - und vieles mehr, aber all dies geschah immer auf Augenhöhe und mit Augenmaß.

Wie beurteilen Sie Kooperationen im Programmbereich?

Kleist: Landesrundfunkanstalten können dem Grunde nach auf drei Ebenen zusammenarbeiten: Da sind die Primärprozesse, dazu gehört das Programm, die Sekundärprozesse, dazu gehören zum Beispiel die Produktion, und die Tertiärprozesse wie Einkauf, Facility-Management und Personalverwaltung. Je näher man an die Kernaufgaben, also das Programm, heranrückt, desto mehr muss man bei Kooperationen im Einzelfall genau prüfen, wo man die Grenze zum Verlust der Eigenständigkeit überschreitet. Dennoch mussten wir beim SR in der Vergangenheit, der Not gehorchend, bis an diese Kernaufgaben herangehen, indem wir etwa mit dem SWR ein gemeinsames Drittes Fernsehprogramm mit "Saarlandfenster" veranstalten oder für unsere Jugendwellen im Hörfunk, Unser Ding vom SR und Das Ding vom SWR, Programmstrecken übernehmen - oder etwa für unser SR-2-Kulturradio Programmstrecken vom Deutschlandradio.

Doch auch Kooperationen haben so ihre Tücken. So wollte der SR Teile des Kulturprogramms von SWR 2 übernehmen. Die Übernahme hätte aber wegen der territorialen Ausweitung zu einer Erhöhung der Rechtekosten geführt und wäre dadurch deutlich teurer geworden. Im Ergebnis haben wir dann Flächen von Deutschlandradio übernommen, das bereits aufgrund seines Auftrags eine bundesweite Rechteabgeltung vorweisen kann.

Was können andere Anstalten von den Reformerfahrungen des SR lernen?

Kleist: Meine Kolleginnen und Kollegen werden mich verfluchen, wenn ich sage, die sollen etwas von mir lernen. Ich kann ihnen aber sagen, was wir außer der Prozessoptimierung und Kostendisziplin noch gut machen. Das sind die zahlreichen Kooperationen im eigenen Sendegebiet mit Kultureinrichtungen. Dadurch wird manches im Saarland erst möglich, was ohne den SR nicht zustande kommen würde. Wir sind eben auch ein wichtiger Kulturfaktor im Saarland und auch deshalb unverzichtbar für unser Bundesland.

Wichtig für einen Sender, der vor Ort verwurzelt ist und Heimat bieten will, ist ja auch, wie er wahrgenommen wird. Wie sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk einerseits mit den Hassern des aktuellen Systems, andererseits aber mit auch mit denen umgehen, die berechtigte Kritik üben?

Kleist: Wir sind öffentlich finanziert, was ein Segen ist. Das erleichtert unabhängige Berichterstattung ungemein. Das heißt: Wir sind staatsfern, aber nicht staatsfrei, denn die Parlamente definieren unseren Auftrag qua Gesetz. So schreibt es uns schon die EU vor. Und schließlich müssen wir uns permanent für die Umsetzung unseres Auftrags gegenüber der Öffentlichkeit verantworten. Dazu gehört meines Erachtens übrigens auch die öffentliche Auseinandersetzung, wenn es etwa um Beitragsanpassungen geht, die ja von der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, der KEF, am Ende eines sehr komplexen Verfahrens vorgeschlagen werden.

Dieses System von Checks and Balances hat das Bundesverfassungsgericht durch zahlreiche, sehr weise Entscheidungen maßgeblich mitgestaltet. Die Basics dürfen nicht einmal vom Gesetzgeber geändert werden, weil sie in unserer Verfassung wurzeln. Als Kenner des internationalen Geschehens sage ich Ihnen auch, dieses von einzelnen politischen Kräften so heftig kritisierte System ist besser als all das, was ich sonst wo kennengelernt habe. Deshalb freue ich mich auch über diesen systembejahenden Grundkonsens mit weiten Teilen der Politik und unserer Gesellschaft.

Der Grundkonsens, von dem Sie sprechen, wurde im Dezember vom Land Sachsen-Anhalt aufgekündigt. Deswegen kommt die beschlossene Beitragserhöhung zunächst nicht. Wer trägt eigentlich die Hauptschuld an diesem medienpolitischen Debakel? Hätte man das irgendwie verhindern können?

Kleist: Ich denke nicht, dass wir, die Senderverantwortlichen, dies hätten verhindern können. Alle Intendantinnen und Intendanten waren da sehr aktiv, und insbesondere Tom Buhrow und Karola Wille waren tagein, tagaus in den neuen Bundesländern und insbesondere in Sachsen-Anhalt unterwegs, um für unser berechtigtes Anliegen zu werben. Gerade in den neuen Bundesländern gibt es leider in Teilen pauschale Ablehnung gegenüber dem öffentlich-rechtlichen System in seiner konkreten Ausgestaltung. Die Nicht-Entscheidung Sachsen-Anhalts war übrigens auch ein Schlag ins Gesicht all derer, die in den Rundfunkanstalten als Beschäftigte engagiert arbeiten und im Gegenzug dann Geringschätzung erfahren.

Ungeachtet dessen wird diese Art der versuchten Einflussnahme auf das System einer verfassungsrechtlichen Überprüfung nicht standhalten. Denn das Verfassungsgericht hat in bewundernswerter Konsequenz in all seinen Entscheidungen darauf hingewiesen, dass gegenüber der KEF abweichende Entscheidungen der Politik immer auch vor der Rundfunkfreiheit Bestand haben müssen. Hier wird jedoch versucht, Veränderungen des Auftrags und des Programms über die Beitragskeule zu erzwingen. Das ist nicht zulässig. Wohlgemerkt, die Ländergemeinschaft kann jederzeit den Auftrag verändern. Dabei gilt aber: Die Finanzierung folgt dem Auftrag und nicht umgekehrt. Und dabei hat nun mal die KEF das Sagen, sie schützt uns vor politischer Willkür.

Wie sich gezeigt hat, gilt dieser Schutz durch die KEF in der Praxis nur eingeschränkt.

Kleist: Ja, das stimmt, denn die Ländergemeinschaft darf in wenigen, vom Verfassungsgericht vorgegeben Fällen, ungeachtet ihres allgemeinen Gestaltungsspielraumes in Bezug auf den Auftrag, auch von der KEF-Empfehlung abweichen, wenn zum Beispiel die Empfehlung zur Beitragsanpassung so hoch wäre, dass die Beitragszahler sich das nicht mehr leisten könnten und ihnen dadurch quasi der Zugang zum öffentlich-rechtlichen Programmangebot verwehrt werde. Bei einer erstmaligen Anpassung nach rund zehn Jahren um 86 Cent im Monat kann man das nun aber beileibe nicht sagen. Im Übrigen sieht ja das Beitragsrecht ohnehin Beitragsbefreiungen aus sozialen Gründen vor.

Stattdessen wurde aber seitens der Beitragsverweigerer vielmehr kritisiert, die Öffentlich-Rechtlichen würden in ihren Programmen und bei der Verteilung von Gemeinschaftseinrichtungen die Belange der neuen Bundesländer nicht berücksichtigen. Und manche stören sich an den Intendantengehältern. Selbst wenn diese Kritikpunkte ihre Berechtigung hätten, wären das alles keine rechtlich zulässigen Argumente, um eine Beitragsanpassung abzulehnen.

Sie sehen also gute Chancen in Karlsruhe?

Kleist: Ich glaube an unseren Rechtsstaat und setze große Hoffnung in die Kontinuität der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Im Übrigen müssten selbst die Gegner von Beitragserhöhungen anerkennen, dass eine Erhöhung um 86 Cent im Monat, nachdem die Beiträge rund zehn Jahre nicht mehr angepasst worden waren, jedenfalls maßvoll ist. In absoluten Zahlen bedeuten rund 18 Euro im Monat 60 Cent am Tag - in saarländischer Währung ist das umgerechnet "ein Doppelweck mit nix druff". Und dafür bekommt unser Publikum auf vielen Kanälen im Hörfunk, im Fernsehen und online rund um die Uhr ein Angebot für alle, ganz zu schweigen von unseren Aktivitäten im Kulturbereich, und dabei sind sozial Schwache sogar noch beitragsbefreit. Und dann vergleichen Sie das mal mit dem Stückpreis einer einzigen Tageszeitung.

Stichwort Gebührenbefreiungen, Sie haben das gerade gestreift. Tom Buhrow hat in der FAZ auf ein Problem hingewiesen: dass beispielweise auch Gebührenbefreiungen und die Arbeit der Landesmedienanstalten zulasten von ARD und ZDF berechnet werden. Wären Sie dafür, das zu ändern, damit der Beitrag sinkt?

Kleist: Eindeutig nein. Warum sollte man das Kind mit dem Bade ausschütten? Das System des Beitragseinzugs und der Verteilung der Mittel unter ARD, ZDF, Deutschlandradio und Landesmedienanstalten, die Beitragsfestsetzung auf Basis eines KEF-Votums und die Beitragsbefreiungen sind europarechtlich und verfassungsrechtlich geprüft und praxisbewährt. Wenn man aus diesen, ineinandergreifenden Zahnrädern einen Zacken rausbricht, wird es kräftig krachen im Getriebe und zwar ohne Not. In einem Rechtsstaat sollte das Recht dem Unrecht nicht weichen müssen. Also warten wir die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ab.

Die Länder wollen auch das Verfahren der Festsetzung des Rundfunkbeitrags ändern. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Alternative zum Indexmodell, wenn man ein zweites Sachsen-Anhalt verhindern will?

Kleist: Ich habe immer Skepsis geäußert beim Indexmodell, weil es aus meiner Sicht die KEF als Teil dieses bereits beschriebenen ausgeklügelten Systems ohne Not schwächt. Wir sollten uns daher mehr darüber den Kopf zerbrechen, wie wir unsere Akzeptanz beim Publikum und gegenüber den politisch Verantwortlichen erhalten, was wir unternehmen müssen, um die jüngeren Generationen nicht zu verlieren und wie wir es schaffen, auch in Zeiten des Internets die Mehrheit der Bevölkerung von der Notwendigkeit unserer Existenz und unserer Finanzierung über Beiträge zu überzeugen. Und was das aktuelle KEF-Verfahren betrifft, gibt es sicherlich auch noch Stellschrauben, die man im Diskurs mit der KEF zum Besseren drehen kann. Im Übrigen wäre es ein Trugschluss zu glauben, dass eine Indexierung durch politische Entscheidung mehr Geld ins System schaufeln würde. Alles in allem schätze ich die Gefahren eines Modellwechsels als weitaus größer ein als dessen Nutzen.

Gibt es Neues vom Investment bei der inzwischen insolventen Greensill-Bank? Hat der SR seine zwölf Millionen Euro schon zurückbekommen?

Kleist: Das Geld ist da - einschließlich Zinsen. Der Name Greensill hatte natürlich schnell Befürchtungen aufkommen lassen, dass da spekulative Finanzgeschäfte getätigt worden seien. Aber es lässt sich alles einfach aufklären. In einer Rundfunkanstalt kommt zu Beginn eines Jahres relativ viel Geld aus Rundfunkbeiträgen rein, der Geldabfluss erfolgt aber erst später übers ganze Jahr verteilt. Das heißt: Einnahmen und Ausgaben fließen unterjährig nicht synchron. In der Zwischenzeit darf man aber das Geld nicht einfach auf Girokonten stehen lassen, das wäre in Zeiten von Negativzinsen Beitragsverschwendung. Deshalb wird das Geld kurzfristig meist auf Festgeldkonten angelegt, damit es wenigstens noch ein wenig Ertrag bringt.

Das alles erfolgt nach klaren Spielregeln, wonach nur dort angelegt werden darf, wo die Einlagensicherung greift und die Bank einem bestimmten Rating entsprechen muss. Diese sogenannte Anlagenstrategie wird zweimal im Jahr vom Verwaltungsrat des SR mit dem Intendanten intensiv diskutiert und überprüft. Wir haben bei Greensill übrigens nicht zwölf Millionen im Block angelegt, sondern mehrere kleinere Millionenbeträge, so wie sich der Geldfluss in einem Sender übers Jahr hinweg ergibt.

Wie viel an Zinsen hatte Greensill angeboten?

Kleist: Unsere Greensill-Einlagen haben uns zwischen 0,05 und 0,75 Prozent gebracht, immerhin besser als Negativzinsen zu zahlen. Es ist natürlich schlimm, dass diese Bank in die Knie gegangen ist, aber das weiß man als Anleger vorher nie. Der Vorgang hat also nicht im Entferntesten etwas Skandalträchtiges.

Wie viel Geld abgesichert ist, hängt ja auch an der individuellen Haftungssumme der Bank. Bei Greensill liegt diese bei 74 Millionen Euro, der SWR hatte 69 Millionen investiert. Da hat Ihr Nachbarsender also noch knapp druntergeschossen.

Kleist: Das könnte uns nicht passieren, denn so viel Geld haben wir gar nicht.

Da hat eine kleine Anstalt in Finanzfragen dann auch mal einen Vorteil. Der Einlagensicherungsfonds der Banken erstattet Zinsen allerdings nur in marktüblicher Höhe. Ein großes Geschäft ist für den SR also nicht daraus geworden.

Kleist: Wir bewegen uns hier in der Tat im Null-Komma-Bereich. Unterm Strich ist es aber allemal mehr, als Negativzinsen zahlen zu müssen.

Sie, aber auch andere Intendanten, wie ihr Ex-Kollege vom Bayrischen Rundfunk, Ulrich Wilhelm, haben sich immer wieder für eine europäische Plattform als Antwort auf Facebook, Google, Apple und Amazon ausgesprochen. Was ist daraus geworden?

Kleist: Das frage ich mich auch. Meine persönliche Überlegung, die ich bereits vor vielen Jahren formuliert hatte, war, dass die Medien eine große Rolle bei der europäischen Einigung im Sinne einer integrierten, offenen und liberalen Gesellschaft spielen. Ein so geeintes Europa bleibt aber ein politischer Traum, wenn es uns nicht gelingt, aus dem politischen und wirtschaftlichen Raum einen grenzüberschreitenden Kommunikationsraum zu machen. Das ist aber gar nicht so einfach, weil wir in einem heterogenen Europa leben mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachräumen. Um in Zeiten des Internets einen solchen Kommunikationsraum zu schaffen, braucht man logischerweise auch eine europäische Plattform.

Wie sollte so eine Plattform aussehen?

Kleist: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Die einen diskutieren über eine neue Suchmaschine, also ein europäisches Google. Da ist aber meines Erachtens der Zug abgefahren. Es wäre für den Einsatz von öffentlichen Geldern zu risikoreich und nicht erfolgversprechend, weil man gegen bereits fest etablierte Plattformen antreten müsste. Aber dem Plattform-Gedanken zur Förderung eines gemeinsamen Kommunikationsraums könnte man auch auf andere Weise Rechnung tragen. Da wäre der nächste Schritt eine europaweite Mediathek als technische Plattform, auf der öffentlich-rechtliche Inhalte unterschiedlicher Provenienz vorgehalten werden. Und mit Arte, dem europäischen Kulturkanal, hätten wir da auch schon eine Basis, die mit überschaubarem Aufwand zu einer europäischen Plattform ausgebaut werden könnte. Zuvor müssten wir in Deutschland aber erst einmal die Mediatheken von ARD und ZDF technisch zusammenführen. Das wäre sicherlich ein lohnendes Unterfangen und eine gute Ausgangsposition für europäische Lösungen.

Vor welchen Herausforderungen steht der Saarländische Rundfunk?

Kleist: Meine Zeit als Intendant war sehr stark geprägt von einem strukturell unterfinanzierten Sender. Nun ist es mir gelungen, zweimal den Finanzausgleich zu korrigieren. Wir sind ab 2023 wieder bei 1,8 Prozent des Nettobeitragsaufkommens der ARD und damit dort wieder angelangt, wo wir 1999 waren, als die Politik den Finanzausgleich willkürlich auf ein Prozent dezimiert hatte. Insofern stehen wir jetzt "ganz gut" da. Aber "ganz gut" heißt: Das Geld reicht aus, um das zu finanzieren, was wir aktuell programmlich machen, aber es reicht nicht für das notwendige zusätzliche Engagement einer Digitalagenda. Das heißt für den SR künftig: Wenn wir etwas Neues tun wollen, müssen wir etwas anderes lassen.

Wer also geglaubt hat, dass Crossmedialität und Digitalisierung für die öffentlich-rechtlichen Sender zu Einsparungen führen würden, hat sich gründlich verschätzt. Für Webangebote gelten eben andere Spielregeln. So läuft unser analoges Flaggschiff im Fernsehen, "Aktueller Bericht", bereits seit über 50 Jahren erfolgreich im SR-Vorabend. Dagegen werden die neuen, nur für das Internet produzierten Angebote sehr viel schnelllebiger sein. Die permanente Kommunikation mit der Community, die Kenntnisse, wie die Algorithmen des Plattformbetreibers funktionieren, und die neue jugendaffine Machart verändern das Produzieren und stellen uns vor neue Herausforderungen. Die Kunst für künftige Intendanten-Generationen wird darin bestehen, die gewohnten Qualitätsstandards analog und digital sicherzustellen.

Wie sehen Sie den Rückhalt für den SR in der saarländischen Politik?

Kleist: Als ich Intendant wurde, habe ich in meiner Antrittsrede im Rundfunkrat eine Folie mit zwei ineinander verschränkten Ringen gezeigt. Darüber standen nur zwei Begriffe: Saarland und Saarländischer Rundfunk. Jeder hat gewusst, was ich meine: Das eine bedingt das andere. Das Saarland hat in seiner wechselvollen Geschichte als Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland in 200 Jahren sechsmal die Nationalität gewechselt. Das prägt so ein Land und logischerweise auch seinen Landessender. Andererseits behaupte ich, dass das Land und der Sender im föderalen Deutschland die größte Frankreichkompetenz für sich beanspruchen können. Das ist für den europäischen Integrationsprozess von Bedeutung. Unsere Aufgabe als Saarländischer Rundfunk besteht darin, genau das abzubilden. Auch deshalb brennen wir für einen eigenständigen SR. Wir bilden den großregionalen Kulturraum im Saarland, Lothringen und Luxemburg, also über die Landesgrenzen hinaus, bestens ab.

Der SR wird immer als der französischste aller öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland bezeichnet. Wie viel mehr Frankreich geht noch?

Kleist: Seit der jüngsten Novelle des Landesrundfunkgesetzes ist die Pflege der deutsch-französischen Beziehungen Teil unseres öffentlichen Auftrags. Wir sind die einzige Landesrundfunkanstalt, deren Auftrag sich so konkret über die nationalen Grenzen Deutschlands hinwegbewegt. Ich habe hier beim SR einen runden Tisch Frankreich eingesetzt und einen Frankreich-Pool eingerichtet. Das heißt, da arbeiten alle Journalistinnen und Journalisten, die etwas mit dem Thema Frankreich zu tun haben, kollegial zusammen. Da wird koordiniert und geguckt, was man Grenzüberschreitendes berichten kann. Auf unserer Wetterkarte sind auch Metz und Nancy abgebildet und unsere Staumeldungen umfassen auch Lothringen und Luxemburg. Wir versuchen also permanent die Lebenswirklichkeit einer Grenzregion integrierend abzubilden. Darüber hinaus kooperieren wir mit unseren Nachbarsendern in Lothringen und Luxemburg.

Wie blicken Sie auf Ihre Amtszeit zurück? Was lief gut, was nicht?

Kleist: Für mich war jeder Tag ein Highlight, an dem ich hier auf den Halberg hochfahren durfte - weil ich mich zu 100 Prozent mit den Zielen des SR identifizieren kann. Wenn ich dennoch vor Ablauf meiner Amtszeit gehe, dann deshalb, um meinem Nachfolger eine strategisch gute Ausgangsposition zu Beginn der neuen Beitragsperiode zu verschaffen. Gut gelaufen ist das Ringen um einen auskömmlichen Finanzausgleich, aber auch die Wiederaufnahme der Live-Berichterstattung der Tour de France wegen der eben beschriebenen Frankreichstrategie, die internen Organisationsreformen. Der SR ist heute ein schlankes, prozessoptimiertes und sehr effizientes Rundfunkunternehmen, gleichzeitig tolerant und weltoffen und im Saarland fest verwurzelt.

Ein weiteres Highlight war, dass wir mit Pietari Inkinen als Chefdirigenten für die gemeinsame Deutsche Radio Philharmonie mit dem SWR einen sehr renommierten Künstler verpflichten konnten. Und schließlich freue ich mich über unser neues "Tatort"-Team, für das ich großes Entwicklungspotenzial sehe. Was nicht so gut gelaufen ist, kann ich eigentlich gar nicht sagen. Lernen musste ich, dass man als Sparkommissar kein Lob erntet, auch von denen nicht, die das öffentlich-rechtliche System gerne schlanker hätten. Es war schon nervig, dass meine zehn Jahre als Intendant doch sehr stark von finanziellen Engpässen geprägt waren - und dem ständigen Bangen, ob meine ARD-Kolleginnen und -Kollegen den Finanzausgleich mittragen. Da hat sich aber die Solidarität innerhalb der ARD bewährt. Insoweit verlasse ich den Sender auch mit einem guten Gefühl in Bezug auf das künftige Zusammenwirken in der ARD.

Was werden Sie im Ruhestand machen? Die Beine hochlegen? Oder wie Jan Hofer zu RTL gehen?

Kleist: Ich werde weder tanzen noch Nachrichten verkünden. Das steht schon einmal fest. Ich weiß, dass viele nicht nachvollziehen konnten, dass ich früher aufhöre. So hat sich mein früherer Chef, als ich Staatssekretär war, Oskar Lafontaine, erkundigt, ob ich denn was angestellt hätte oder ob ich krank sei, denn freiwillig könne man so einen Intendantenposten doch nicht aufgeben. Nach 40 Arbeitsjahren, davon die meiste Zeit in Führungspositionen, freue ich mich darauf, endlich mal zeitsouveräner zu werden. Dennoch werde ich als Freiberufler weiter aktiv bleiben und auch meine Honorarprofessur wahrnehmen. Meine wissenschaftliche Ausbildung, mein Netzwerk und meine Erfahrungen mit jungen Leuten zu teilen, wird sicherlich spannend.

Und, da ich aus einer Arbeiter- und Handwerkerfamilie stamme, würde ich noch gerne eine Ausbildung machen: Koch, Landschaftsgärtner oder Gitarrenbauer. Da ich aber schon ganz gut kochen und gärtnern kann, werde ich mich wohl fürs Gitarrenbauen entscheiden, denn seit meinem 12. Lebensjahr spiele ich mit Leidenschaft Konzertgitarre. Sie sehen, die Freude am permanenten Austausch mit Menschen, so wie ich es als Intendant gerne gepflegt habe, wird mir weiter erhalten bleiben. Ich gehe also mit einem guten Gefühl in Bezug auf meine Arbeit beim SR neuen Herausforderungen entgegen.

Aus epd medien 16/21 vom 23. April 2021