"Im Moment sind wir total in"

Ein epd-Gespräch mit FFH-Geschäftsführer Hans-Dieter Hillmoth

Ende Juni geht der Geschäftsführer des Privatsenders Hit Radio FFH, Hans Dieter Hillmoth, in den Ruhestand. Hillmoth war 30 Jahre lang Geschäftsführer des Senders, den er 1989 aufgebaut hat. Zum Abschied erhielt er von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) den Hessischen Verdienstorden. Hillmoth habe "im besten Sinne des Wortes ein Stück Hessen geschaffen", sagte Bouffier. Hillmoth (66) studierte Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Braunschweig und volontierte bei den "Westfälischen Nachrichten" in Münster. Von 1983 bis 1986 war er Fernsehredakteur beim Hessischen Rundfunk, anschließend war er bis 1989 "Leiter Hörfunk" bei der Zeitungsgruppe Ippen in München. Diemut Roether sprach mit ihm über Radio-Communitys, Podcasts und den Wettbewerb im Radiomarkt.

Sie haben 1989 den Sender FFH in Hessen gestartet. Zuvor waren sie unter anderem beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, beim HR, gewesen. Was hat Sie damals daran gereizt, in Hessen einen Privatsender zu gründen?

Hans-Dieter Hillmoth: Der eigentliche Gründer bin ich nicht. Die Landesregierung hatte, als Walter Wallmann und Wolfgang Gerhardt an die Regierung kamen, gesagt, als eines der letzten Länder in Deutschland wollen wir jetzt auch Privatradio. 1988 wurde das Gesetz erlassen, Anfang 1989 wurde die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk gegründet und dann hat man jemanden gesucht, der das Wort Radio schreiben konnte. Es gab zwei Gruppen, zum einen die Zeitungsverleger, bei denen war ich angestellt. Die Verleger haben gesagt, wir haben die Kompetenz, wir wollen da mitmachen. Wenn man ganz ehrlich ist, wollten sie natürlich auch gucken, wie der Werbemarkt in Hessen umverteilt wird. Die andere Gruppe, das war eher die SPD-Abteilung, die hatte sich um Paul Leo Giani, den ehemaligen Leiter der Staatskanzlei Hessen, und den damaligen SPD-Politiker Dieter Dehm gebildet. Am 1. April 1989 habe ich angefangen als Programmdirektor ohne Programm, ohne Mitarbeiter, ohne Funkhaus, ohne Technik. Ein Kuriosum. Das hatte mich aber sehr gereizt, weil ich ja vorher beim Hessischen Rundfunk war, ich kannte mich also in Hessen aus. Ich wusste, wie Radio geht, ich hatte in München beim Ippen-Verlag gelernt, wie man mit Geld umgeht. Journalistisch kannte ich mich aus, ich hatte ein Volontariat gemacht bei einer Zeitung und war Diplom-Ingenieur für Nachrichtentechnik. Ich dachte, das ist eine gute Chance. Die Verleger habe ich erstmals kennengelernt in einem Hinterzimmer im "Frankfurter Hof", da saßen die mit dicken Zigarren …

Die guten alten Zeiten

Hillmoth: Die haben natürlich abgewogen, ob dieser Jungspund das wohl kann. Und einige Verleger haben damals gesagt: Wir haben doch alles, wir haben die Journalisten, die Redaktionen, da können Sie sich doch bedienen. Ich habe ihnen aber vermittelt, dass Radio ein eigenständiges Medium ist und dass man das auch so behandeln muss und wir separat eine Mannschaft aufbauen sollten. Ich habe den Lizenzantrag geschrieben, und wir haben ein Funkhaus umgebaut in Rödelheim, wir haben Mitarbeiter eingestellt. Aber das mit der Lizenz zog sich hin. Wir waren am 1. Oktober startbereit, die Gesellschafter hatten investiert, obwohl sie gar nicht wussten, ob sie eine Lizenz bekommen. Dann kam der 9. November, der Mauerfall, und wir konnten nicht senden. Die Lizenz wurde dann beschlossen, und am 15. November haben wir angefangen. Start-up im Radio.

Sie standen also seit Oktober in den Startlöchern und haben dann auch Probebetrieb gemacht?

Hillmoth: Wir hatten ein paar Tage vorher auf den UKW-Frequenzen, die wir zugesprochen bekommen hatten, einen Testbetrieb gemacht und angekündigt: Hier kommt demnächst ein privater Sender. Da gab es schon sehr viel Nachfrage, Anrufe und Faxe, und da dachten wir schon: Das könnte klappen. Aber keiner - weder die Gesellschafter noch wir - hätte gedacht, dass das so gut funktionieren würde. Wir waren ab 1990 Marktführer mit Hit Radio FFH und haben das bis heute durchgehalten. Ich habe schon manchmal schlecht geträumt und gedacht: Irgendwann wird es uns erwischen und HR3 wird uns überholen, aber wir haben dieses Jahr bei der letzten Media-Analyse noch einmal 19 Prozent hinzugewonnen.

Wie stark haben die Ereignisse damals im November 1989 nach dem Fall der Mauer das Programm geprägt? Hessen grenzt ja an Thüringen...

Hillmoth: Inhaltlich war das natürlich ein wichtiges Thema. Es war ja alles neu: Überall die Trabis, die Westdeutschen sind in den Osten gefahren. Als ich noch beim HR war, haben wir Reportagen gemacht aus der abgelegenen Grenzregion Wanfried, Eschwege, Bad Hersfeld, das war Niemandsland, da war nichts los. Dann die Maueröffnung. Klar, das hat uns geprägt, aber wir sind auch ein Unterhaltungssender, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wir haben damals einen Sender gemacht ohne Research. Heutzutage würde das kein Mensch mehr so angehen. Wir haben versucht, alles anders zu machen als HR3. Das war damals ein innerhalb der ARD sehr geschätzter Service-Sender. Die haben rockige Musik gespielt, wir haben dagegen Oldies gespielt. Die hatten die großen Persönlichkeiten, Martin Hecht, Thomas Koschwitz, Werner Reinke, die konnten wir uns gar nicht leisten. Wir haben dagegen no names gesetzt, um eine Frische und Andersartigkeit zu erreichen. Die Nachrichten haben wir auf "fünf vor" gesetzt. Ein Taschenspielertrick!

Das war Ihre Erfindung.

Hillmoth: Ja, es gibt immer noch Leute, die sagen, das ist der Sender mit den frühen Nachrichten. Wir haben auch erstmals begonnen, Werbung für Radio zu machen. Wir haben nicht nur Plakate ausgehängt. Unser erster Slogan war "Wir kommen rüber", das hat sich als super passend herausgestellt, das bekam auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Wir haben Höreraktionen und andere Aktionen gemacht, Gewinnspiele, Präsenz beim Hessentag, das war ungewöhnlich. Der HR war bis dahin werblich wenig präsent. Beim Hessentag 1990 in Fulda hat der HR sein Büro in Fulda zugesperrt, und ich habe gefragt: Warum macht ihr denn zu? Das hat sich natürlich kolossal geändert.

Heute ist der HR sehr präsent beim Hessentag. Das hat er sich bei Ihnen abgeschaut.

Hillmoth: Wir haben uns da gegenseitig hochgeschaukelt, das war für den Hessentag gut und für die Städte, in denen wir gastiert haben. Das gab es alles damals noch nicht. Ich war begeisterter Ballonfahrer, wir haben zwei Ballone angeschafft und sind damit über Hessen gefahren. Alles, um auf ungewöhnliche Art auf den neuen Sender aufmerksam zu machen. Damals war noch Professor Hartwig Kelm HR-Intendant, der hatte Berater, die ihn ein bisschen fehlgeleitet haben. Er meinte, gegen den Neuen hacken zu müssen, sie haben gerichtlich mit uns über den Namen gestritten. Wir hießen ursprünglich Funk und Fernsehen Hessen, dagegen haben sie geklagt wegen Verwechslungsgefahr. Dann haben wir umfirmiert in Privatradio, schließlich wurde ein Vergleich geschlossen, wir dürften FFH sagen, aber nicht, was es wirklich bedeutet. Das war für uns sehr werbewirksam, weil der Große den Kleinen bekämpft hat. Danach war das Verhältnis mit dem Hessischen Rundfunk relativ entspannt, aber wir sind Wettbewerber, was die Programme anbelangt, und kämpfen um jeden Hörer.

Was waren - abgesehen von den Klagen - die größten Hürden, die Sie in den ersten Jahren überwinden mussten?

Hillmoth: Das größte Hindernis war zunächst, die Lizenz zu bekommen. Die Lizenz gab es erst mal für zehn Jahre. Das größte Fragezeichen war natürlich: Wird es sich wirtschaftlich tragen? Das wussten die Gesellschafter auch nicht, aber wir haben ab 1990 schwarze Zahlen geschrieben. Das kann sich natürlich immer ändern, denn wir sind extrem abhängig von Einschaltquoten …

Also von der durch die Media-Analyse ermittelten Reichweite und von Werbebuchungen.

Hillmoth: Das bedingt ja einander. Wenn im Juli die Zahlen kommen, kann man schon ziemlich genau sagen, wie die Umsätze im nächsten Jahr sein werden - wenn nicht die Werbetreibenden beschließen, wir buchen gar kein Radio mehr. Beim HR ist das komfortabler durch den Rundfunkbeitrag: 95 Prozent der Einnahmen beim HR sind fix, und maximal fünf Prozent kommen aus der Werbung, die verkauft wird.

Die Radiowerbung hat sich in den letzten Jahren ganz gut entwickelt.

Hillmoth: Am Anfang war das sehr einfach, da ratterte das Auftrags-Fax. Es gab nie einen richtigen Durchhänger, natürlich Situationen, in denen die Jungdynamiker in den Werbeagenturen gesagt haben: Das alte Medium Radio … Das hat sich in den letzten vier bis fünf Jahren sehr stark geändert. Wir profitieren von der Schwäche der Zeitungen, Radio bleibt eines der letzten Massenmedien.

Und es hat die regionale Anbindung.

Hillmoth: 50 Prozent unserer Buchungen kommen immer schon aus Hessen, und 50 Prozent sind national. Nationale Werbung läuft im Moment besonders gut, weil Radio und Audio durch Streamingdienste, durch Podcast, durch Alexa ein Hype geworden ist. Radio agiert viel mit Daten, kann interessante Angebote machen an die Werbetreibenden, wir investieren sehr viel in Research, und im Moment sind wir total in. National, aber auch regional. Toi, toi, toi. Procter & Gamble, der größte Werbungtreibende der Welt, war früher ein großer Radiokunde, dann ist er völlig aus dem Radio verschwunden und hat sehr stark auf TV gesetzt. Jetzt fangen sie in den USA wieder an mit Radio. Lidl und Aldi werben im Radio um die Wette, das gab es früher nicht. Fernsehwerbung ist immer noch viel stärker als Radio, aber bei denen bröckelt es ein bisschen. Von den Zeitungen profitieren wir, weil die nationale Werbung nicht funktioniert. Die Radios haben das damals gut verstanden, als sie aus der Not heraus einen nationalen Werbevermarkter gegründet haben, RMS. Das haben die Zeitungen nie auf die Reihe gekriegt, bis heute nicht. Wir waren immer auf nationale Werbung angewiesen, ohne nationalen Werbevermarkter wären wir nie da rangekommen.

Worauf haben Sie damals, in den ersten Jahren, bei der Auswahl der Radiomoderatoren geachtet? Wie sollte der typische FFH-Moderator sein?

Hillmoth: Anders als die, die man bisher kannte. Es waren junge Leute, die nicht auf den Kopf gefallen waren, die nicht so stocksteif gesprochen haben. Sie sollten Begleiter des Hörers durch den Tag sein. Der Moderator ist das Bindeglied zwischen Hörer und Sender. Wenn das nicht funktioniert, funktioniert Radio nicht. Es gibt viele Leute, die sagen, ich kann den oder die nicht hören und deshalb höre ich den Sender nicht, insofern hat der Moderator eine wichtige Funktion. Wir haben nur ein oder zwei Moderatoren vom HR abgeworben, weil wir nie so ein Me-too-Produkt werden wollten. Aber der HR hat 50 Moderatoren und Redakteure von uns abgeworben, viele junge Leute - ohne Ablösesumme, leider. Der HR hat gelockt mit dem Fernsehen, das kann man ihm nicht verdenken, und er hat damit versucht, seine älteren Mitarbeiter zu ersetzen.

Dass Moderator und Sender zusammenpassen müssen, hat sich vor drei Jahren einmal mehr gezeigt, als der HR den Moderator Daniel Fischer von FFH abgeworben hat und der dann nach wenigen Monaten wieder zu FFH zurückkehrte, weil er beim HR keinen Erfolg hatte.

Hillmoth: Man kann HR3 oder FFH auch nicht einfach nach Schleswig-Holstein exportieren oder nach Bayern. Da sind viele regionale Unterschiede, und beide Programme würden woanders schlechter funktionieren. Sie haben vorhin das Stichwort Nähe genannt. Wir haben manchmal geschimpft, dass es kein privates nationales Radio in Deutschland gibt, aber die föderale Aufstellung hat auch geholfen, diese Nähe zu schaffen. Wir leben von der Nähe zum Hörer, auch wenn Hessen ein großes Gebilde ist. Wir versuchen, diese Nähe über Beiträge, über die Moderatoren, über Interaktionen zu schaffen. Seit einigen Jahren gibt es 50.000 Webradios aus der ganzen Welt, und am Anfang haben wir gedacht, wenn jetzt alle ihre Spezialitätensender aussuchen - der eine hört die Walgesänge aus Grönland, der andere den Countrysender aus Nashville -, dann haben wir es mit 50.000 Konkurrenten zu tun. Aber die Erfahrung zeigt: Nur fünf Prozent der Hörer neigen zu auswärtigen Sendern über das Netz, der Rest bleibt bei den bekannten Sendern - ob sie jetzt SWR, HR oder FFH hören. Das Internet gab es ja damals noch nicht, als wir anfingen. Wir hatten elektrische Schreibmaschinen und haben Schallplatten aufgelegt, wir hatten Autotelefone, an denen man sich das Kreuz verrenkt hat, weil sie so schwer waren. Herr Zuckerberg war fünf Jahre alt, als wir angefangen haben. Social media gab es nicht - umso erstaunlicher, dass Radio das alles überlebt hat - und gut überlebt hat.

Seit Mark Zuckerberg Facebook erfunden hat, reden alle von Communitys, aber im Grunde hatten Radios schon immer ihre Communitys.

Hillmoth: Weil man sich dem Radio familiär verbunden fühlt. Der Bürger lässt kein anderes Medium so nah an sich heran wie Radio. Fernsehen, abends hauptsächlich, Zeitungen nach Bedarf, schwindend. Aber Radio ist eigentlich immer dabei.

Es darf sogar mit in die Dusche.

Hillmoth: Soll es geben. Beim Frühstück, bei der Fahrt mit dem Auto, am Arbeitsplatz ist es bei sehr vielen dabei. In vielen Büros läuft es im Hintergrund, in Werkstätten. Der Vorteil für uns ist, da hören gleich drei oder vier Leute zu. Wir erheben ja jede Woche Daten über unsere Hörer durch Umfragen, und da ist das Radiohören am Arbeitsplatz ein wichtiger Faktor.

Wie sieht der klassische FFH-Hörer aus?

Hillmoth: Wir sind Marktführer bei den 14- bis 59-Jährigen. Ich hätte nie gedacht, dass wir das so lange durchhalten. Bis zur letzten Media-Analyse im März haben wir durchgehalten, aber irgendwann wird man schmaler programmieren müssen, zielgruppengenauer.

Da haben Sie ja schon vorgesorgt und früh Ableger gegründet: Planet Radio 1997, Harmony.FM im Jahr 2003, um andere Zielgruppen zu erreichen.

Hillmoth: Das war die Überlegung. Auch um das große Flaggschiff abzusichern. Der Hessische Rundfunk hat ja immerhin sechs Radioprogramme, wobei man HRinfo und HR2 nicht privat finanzieren könnte, aber alle sind unsere Wettbewerber. Wenn man breit programmiert, also verschiedene Hörerschichten anspricht, ist das schön für die Menge der Hörer, aber es ist ein Spagat: Denn was hat der Musikgeschmack des 14-Jährigen mit dem des 59-Jährigen zu tun? Das gilt aber für HR3 genauso. Wir werden beide nie hundert Prozent Zufriedenheit beim Hörer erreichen.

Als ich 14 Jahre alt war, war Radio DAS Medium für junge Leute. Wir haben alle Radio gehört, ich damals im Schwarzwald SWF3, aber zurzeit laufen dem Radio die jungen Hörer weg und gehen zu Spotify.

Hillmoth: Die junge Klientel war immer schwierig. Schon vor 30 Jahren. Junge Leute wollen immer alles anders machen als ihre Eltern. Sie haben nach dem typischen Hörer von FFH gefragt: Idealtypisch ist die Familie mit ein bis zwei Kindern, sie wohnen auf dem Land und arbeiten in der Stadt, sie engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr, gehen zum Konzert von Pink. Bis 13 oder 14 geht es, dann beginnt die Revoluzzerphase. Das war früher schon so, heute natürlich durch die neuen Angebote noch mehr. Spotify hat dem Radio insgesamt geholfen, es hat Audio belebt. Aber die Jungen sind eine schwierige Zielgruppe, das sehen wir auch bei Planet. Sie hören kürzer, sind morgens eigentlich gar nicht zu erreichen, eher nachmittags. Sie sind sehr sprunghaft. Sie wollen Nachrichten. Wir haben bei Planet Radio mal experimentiert, ob wir überhaupt Nachrichten brauchen, aber sie gehören zum Radio dazu, auch für junge Leute.

Die Mediennutzung verändert sich stark, sie wird immer zielgerichteter, es werden mehr Medien auf Abruf genutzt…

Hillmoth: Das gilt aber nicht für das Radio.

Es gibt beliebte Podcasts, und die öffentlich-rechtlichen Sender erleben, dass ihre Hörspiele und Features auf Abruf sehr gut genutzt werden.

Hillmoth: Die werden nur von einem kleinen Teil genutzt. Die Öffentlich-Rechtlichen haben natürlich einen großen Archiv-Fundus, wir haben nur Rechte an eigenproduzierten Geschichten. Wir sind ein Unterhaltungssender, und ich glaube nicht, dass abends bei uns noch jemand die Frühsendung zeitversetzt anhören will.

Wie viele Podcasts haben Sie bei FFH?

Hillmoth: Wir haben vier oder fünf Podcasts. Wir haben am Sonntag eine Interviewsendung, die drei Stunden dauert. Wir haben ein Podcast-Format probiert mit vier Damen, unter anderem mit unserer Moderatorin Evren Gezer, mit der Rapperin Sabrina Setlur und Radost Bokel, der Momo-Darstellerin, die über Ereignisse der Woche gequatscht haben. Aber ich glaube, Podcast wird überschätzt. Ich kann mich irren. Radio lebt immer noch von live, von der Hand in den Mund.

Es gibt ja immerhin "Fest & Flauschig" von Jan Böhmermann und Olli Schulz, das bei Spotify in den Hitlisten ganz oben steht.

Hillmoth: Klar. Wir probieren, aber ich glaube nicht, dass das der große Hype wird. Ob die RMS Podcasts nennenswert vermarkten kann, werden wir sehen.

Produzieren Sie gar nichts nur für das Internet?

Hillmoth: Doch, wir machen 25 Webradios, die sind aber eher musikalisch geprägt. Wir bieten auch unsere Nachrichten auf Abruf an.

Viele reden ja von der Renaissance des Wortes durch den Audioboom. Daran glauben Sie nicht?

Hillmoth: Wir sind ein Unterhaltungssender, wir leben von einer Mischung aus Wort, Musik, Moderation und Interaktion. Wir haben schon in den ersten 15 Jahren mehr Wort gemacht als viele andere Privatsender. Nur mit flotten Sprüchen und Jux und Dollerei kommt man nicht weiter, das war immer schon unser Credo. Ohne das wären wir auch nicht so lange Marktführer geblieben. Wir haben von Anfang an mit den beiden evangelischen Landeskirchen und den fünf katholischen Bistümern in Hessen zusammengearbeitet und versucht, diese ins Programm zu integrieren. Radio besteht aus einer Mischung aus Bauchgefühl, Zahlen, Erfahrung und Ausprobieren. Wir sind immer auf der Suche nach der Balance zwischen all diesen Zutaten. Wir machen abends ab 18 Uhr eine Sendung, in der wir auf den Tag zurückblicken, wir machen vor Wahlen Diskussionen mit den Spitzenkandidaten, es gibt bei uns Nachrichten rund um die Uhr. Wir sind der einzige Sender in Hessen, der das macht, der HR klinkt sich da ja in das Nachtprogramm der ARD ein. Wir haben nach wie vor sechs Regionalstudios. Die Gesellschafter fragen zwar manchmal: Brauchen wir die? Der HR hat nur drei. Ja, wir brauchen die, auch wenn sie nicht das Programm dominieren.

Warum brauchen Sie die sechs Regionalstudios?

Hillmoth: Eine Präsenz vor Ort fördert die Kompetenz. Anfang Juni zum Beispiel, als die Meldung kam, der Regierungspräsident von Kassel ist durch einen Kopfschuss getötet worden, waren die Kollegen rascher vor Ort. Wir haben immer auf die Regionalstudios gesetzt, jeweils mit zwei bis drei Leuten besetzt, in Kassel, Fulda, Gießen, Wiesbaden, Darmstadt und hier in Bad Vilbel für das Rhein-Main-Gebiet.

Im Journalismus wird zurzeit darüber diskutiert, dass die meisten Journalisten in großen Städten leben und die Medien daher viel zu sehr auf die großen Städte gucken und auf die Themen, die die Menschen dort beschäftigen. Sind Sie näher dran an den Menschen auf dem Land?

Hillmoth: Wir versuchen das. Das war von Anfang an ein Unterschied zum HR, der HR war damals sehr städtelastig. Die wussten gar nicht, wo Nordhessen ist. Ich habe vier Jahre in Kassel gelebt und weiß, wie die Leute da ticken. Die fühlen sich immer so ein bisschen als Underdog gegenüber dem Rhein-Main-Gebiet. Wir haben versucht, die Seele der Leute auf dem Land zu streicheln. Auch die meisten unserer Mitarbeiter leben im Rhein-Main-Gebiet, und ich weise immer wieder darauf hin, dass es auch ein Leben außerhalb des Rhein-Main-Gebiets gibt. Wir haben im Dezember eine Aktion gemacht, in der wir Stollen für die Hörer gebacken haben. Alle Mitarbeiter von FFH sind in ganz Hessen ausgeschwärmt und durften Hörern einen Stollen in die Hand drücken und ihnen "Schöne Weihnachten" wünschen. Das hatte den Effekt, dass die Mitarbeiter gesehen haben, wer die Hörer sind. Das geht dann vom Typen mit offenem Hemd und Kettchen bis zum Architekten in Königstein. Das gehört zum Trainingsprogramm bei FFH dazu. Wir tauschen auch manchmal die Jobs intern. Letztes Jahr haben wir ein Benchmarking-Projekt mitgemacht. Da mussten sich alle bei einem anderen Sender ihr jeweiliges Pendant suchen - ob bei Radio Schleswig-Holstein oder bei Radio Gong -, um zu gucken: Wie machen es die anderen? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Das Resultat ist dann meistens: Uns geht es ja doch ganz gut. Es wurden auch viele Ideen entlehnt. Solche Dinge haben wir oft gemacht - wir sind ja nur 105 Angestellte plus Freie - um uns in Schwung zu halten. Nichts ist schlimmer als Stillstand im Radio. Gott sei Dank hat auch der HR in den letzten Jahren aufgedreht und macht vieles richtig. Wettbewerb ist anstrengend, aber gut und notwendig.

Sie haben vorhin von Zahlen und Research gesprochen. Laut der im März veröffentlichten Media-Analyse hatte Hit Radio FFH zuletzt 520.000 Hörer pro Stunde und hat in der Reichweite um 19 Prozent zugelegt. Für wie zuverlässig halten Sie denn die MA, also die Media-Analyse, die die Reichweite der Radios ermittelt?

Hillmoth: Das ist ein Thema, seit es Radio und die Media-Analyse gibt. Das Gute ist: Es gibt eine Währung für alle, und alle glauben daran. Sonst würde der HR sagen: Wir haben die Quoten. Wir würden sagen: Wir haben die Quoten. Der Werbung treibende Lidl würde sagen: Das stimmt ja alles nicht. An der Systematik kann man natürlich immer rummäkeln, es gab auch schon viele Versuche, das infrage zu stellen, es wurden viele Statistikprofessoren bemüht. Früher gab es die Diary-Methode, da haben Hörer Tagebuch geführt, heute sind es 75.000 Telefoninterviews. In vielen Ländern wurde mit digitalen Messmethoden experimentiert, die Radiouhr, die alles aufzeichnet, was akustisch passiert. Aber es hat sich bisher kein anderes Verfahren durchgesetzt. Es wird sicher demnächst auch in Deutschland mal wieder experimentiert werden. Klar, der Werbekunde ruft immer nach noch mehr Forschung, er ruft aber immer auch nach mehr Rabatt - das ist natürlich. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Es gibt den Spruch: Die MA hat's gegeben, die MA hat's genommen. Wir sind manchmal erstaunt, dass die Ergebnisse von unseren internen Trackings abweichen. Plus 19 Prozent im März hätten wir nicht so erwartet. Ganz exakt wird es nicht stimmen, es wird immer eine Bandbreite geben, und wie viele Sender machen wir als Frühwarnsystem inzwischen eine hauseigene Research. Wenn die Media-Analyse im Juli erscheint, sind das ja relativ alte Zahlen, Zahlen vom Herbst letzten Jahres und vom Frühjahr. Die Erhebung wurde Ende März abgeschlossen. Da läuft man Gefahr, dass man im Juli denkt: Alles Mist. Aber das hat sich schon wieder geändert. Aber aus meiner Sicht gibt es bisher keine bessere Methode als die aktuell.

Was lernen Sie aus der Nutzung Ihrer Angebote im Web?

Hillmoth: Der Großteil der Nutzung ist ja immer noch über UKW. Das alte Übertragungsverfahren wurde schon tausendmal totgesagt. In Sachsen-Anhalt gab es mal ein Gesetz, in dem stand, dass UKW im Jahr 2013 abgeschaltet werden soll. Es läuft immer noch, über 80 Prozent der Leute hören immer noch UKW. Beim Internet hatte ich mir erhofft, dass es ein bisschen schneller geht, aber derzeit gibt es zehn Prozent Nutzung über das Internet. Da haben wir zusätzliche technische Möglichkeiten, eigentlich ist das die Technologie der Zukunft. In Deutschland wird ja, angefacht durch DAB-Enthusiasten, auf DAB gesetzt. Aber das ist eigentlich eine sehr tumbe Übertragungsart, es gibt keinen Rückkanal. Die Öffentlich-Rechtlichen wollen das, weil sie aus dem Rundfunkbeitrag zweckgebunden für DAB Geld bekommen. Wir waren bei DAB immer dabei, zuerst im Rhein-Main-Gebiet, seit Juli 2018 übertragen wir in ganz Hessen alle drei Programme auf DAB, denn wir wollen technisch nicht ins Hintertreffen geraten. Das spiegelt sich bisher in den Hörerzahlen noch nicht wider, erst im Herbst werden wir Zahlen aus der Media-Analyse sehen. DAB birgt Kosten, die Hörer verteilen sich auf immer mehr Kanäle, aber bei den Einnahmen bringt es keine Verbesserung.

Sie waren als Radiovorstand des Verbands Privater Medien - heute Vaunet - ein starker Gegner von DAB. Hat sich Ihre Einstellung gegenüber dieser Technologie inzwischen geändert?

Hillmoth: Notgedrungen. DAB ist nicht wegzukriegen. Es läuft. Wie groß die Verbreitung ist, weiß keiner so genau. Technisch funktioniert es, keine Frage, aber wie bringt es uns weiter? Finanziell ist es ein Mehraufwand. Es ist ja nie dazu gekommen, dass man sich auf den großen Switch geeinigt hätte. Dann könnte man die UKW-Kosten sparen. Wir machen einen sehr langen Simulcast-Betrieb, keiner wird den aufgeben, denn man will nicht 80 Prozent der Hörer verlieren. Ich glaube, UKW wird es in Deutschland noch fünf bis zehn Jahre geben.

Sie haben in den vergangenen 30 Jahren viele Technologien kommen und gehen sehen, unter anderem auch Digital Multimedia Broadcasting. Davon redet heute niemand mehr.

Hillmoth: Da waren wir auch mal präsent. Jetzt ist DMB tot. Die Hörer entscheiden, wie sie hören. Die richten sich nicht nach uns. Wir müssen da sein, wo der Hörer ist, und danach haben wir uns zu richten. Ich kann nur jedem im Radio raten: Wenn es was Neues gibt, müsst ihr da draufspringen und es ausprobieren. Früher gab es die Postkarte und die Anrufe, dann gab es die Mails, heutzutage läuft die Hörerkommunikation sehr stark über Facebook und Instagram, bei den Jüngeren über Snapchat. Wer weiß, was kommt? Was in fünf Jahren ist, weiß ich wirklich nicht. Aber die Entwicklung des Radios in den letzten fünf Jahren hat gezeigt, dass es eine gute Chance gibt, dass Radio weiter wirtschaftlich floriert und dass es auch technisch Chancen hat.

Man kann ja auch auf dem Handy Radio gut nutzen.

Hillmoth: Es war immer unser Traum, dass UKW auf dem Handy freigeschaltet wird. Die Möglichkeit gibt es auf jedem Handy, aber die Hersteller schalten es nicht frei. Die Nutzung von Radioangeboten auf dem PC nimmt stark ab, die mobile Nutzung von Radioangeboten auf dem Handy macht mittlerweile 60 Prozent der Internetnutzung aus. Radio ist und war das mobilste Medium.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach Musikspartenprogramme wie Planet Radio oder Harmony.FM noch geben? Ist da nicht die Konkurrenz durch Spotify am stärksten?

Hillmoth: Der Unterschied zu Spotify ist ja, dass es Moderatoren gibt, Nachrichten und Verkehrsfunkmeldungen. Das ist paradox, jeder kann sich heutzutage auf dem Handy vorlesen lassen, wo der Stau auf der A6 ist, aber die Leute wollen immer noch Verkehrsfunk im Radio. Das gehört irgendwie dazu. Das muss man im Auge behalten, das mag sich ändern.

Wenn Sie heute noch einmal einen Sender gründen würden, was würden Sie dann machen?

Hillmoth: Das hängt immer von den technischen Möglichkeiten ab und von dem Umfeld, in dem man sich bewegt. Heute ist das ein ganz anderes Umfeld als damals. Damals gab es den HR, den SWR, ein bisschen hat auch der NDR eingestrahlt und Bayern. Und AFN hat den Musikgeschmack im Rhein-Main-Gebiet sehr stark geprägt, der war sehr rockig. Heutzutage würde man einen Senderstart natürlich nicht mehr ohne Research machen. Man würde gucken, wo sind Lücken und Möglichkeiten. Schwierig. Ich mache keinen Piratensender auf.

Sie gehen jetzt wirklich in den Ruhestand?

Hillmoth: Unruhestand. Ich bleibe hier persönlich haftender Gesellschafter. Seit einem Jahr bin ich Aufsichtsratsvorsitzender der Frankfurter Volksbank und ich engagiere mich bei den Maltesern in Frankfurt. Von Geschichte habe ich wenig Ahnung, ich bin eher der Ingenieur, der kühl und nüchtern plant und organisiert. Ich würde gern an der Uni Geschichte studieren.

Sie haben in den vergangenen 30 Jahren an Heiligabend immer Ihre Mitarbeiter nach Hause geschickt und selbst moderiert. Wer wird dieses Jahr an Heiligabend moderieren?

Hillmoth: Ich nicht. Ich habe meiner Frau fest versprochen, dass ich zu Hause bleibe. Alles hat seine Zeit. Mein Nachfolger, Marco Maier, wurde in der Gesellschaftersitzung nach seiner Vorstellung gefragt, was er Heiligabend macht. Da hat er gesagt: Ich bin zu Hause bei meiner Familie. Wir waren damals ja so eine Art Start-up und alles war neu, und ich wollte etwas Ungewöhnliches machen. Das hat sich dann so gehalten und jedes Jahr nach den Sommerferien hat mich der Programmchef gefragt: Kannst Du es wieder machen? Die Musik habe ich immer selbst ausgesucht. Früher triefte die Sendung vor Zither und Bergromantik, das hat sich geändert. Radio kann ja emotional sein, aber kein Tag im Jahr ist so emotional wie Heiligabend - im Guten wie im Schlechten. Drei Tage vorher habe ich immer geschimpft über die Sendung. Aber wenn es dann vorbei war, war Weihnachten.

Aus epd medien 26/19 vom 28. Juni 2019