"Ich zeige die Welt, wie sie war"

Ein epd-Interview mit Regisseurin Julia von Heinz

epd Die Regisseurin Julia von Heinz hat mit „Eldorado Kadewe - Jetzt ist unsere Zeit“ ihre erste Fernsehserie verwirklicht. Sie ist ist Mitautorin und Creator der Serie, die in den 20er Jahren in Berlin spielt. Alle sechs Folgen werden am 27. Dezember ab 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt, ab dem 20. Dezember steht die Serie auch in der ARD-Mediathek. Julia von Heinz (45) erhielt mehrere Auszeichnungen für ihren Fernsehfilm „Katharina Luther“ und den „Tatort: Für immer und dich“. In diesem Jahr kam ihr Film „Und morgen die ganze Welt“ in die Kinos. Diemut Roether sprach mit ihr über historische Serien, Dreharbeiten in Zeiten der Corona-Pandemie und das Fernsehen als Lagerfeuer.

epd: Im Mittelpunkt ihrer Serie „Eldorado Kadewe - Jetzt ist unsere Zeit“ steht zum einen das legendäre Berliner Kaufhaus des Westens, das Kadewe, zum anderen das „Eldorado“, das in den 20ern ein ebenso legendärer Travestieclub in Berlin war. Wie kam es zu der Serie?

Julia von Heinz: Es gab schon länger die Idee, etwas über das Kadewe zu machen. Das steht in der Tradition anderer Gebäudefilme, die sehr erfolgreich sind im deutschen Fernsehen, ob es das Adlon ist, die Charité oder das Bauhaus. Die Produktionsfirmen Ufa und Constantin hatten parallel Ideen dazu entwickelt und wurden von der Degeto zusammengebracht. Es gab schon ein recht weit fortgeschrittenes Projekt, als ich für die Regie angefragt wurde. Ich habe mir die Projekt-Idee angeschaut und dann selbst zum Kadewe recherchiert: es ist die Geschichte einer jüdischen Enteignung, wenn man sie in dieser Zeit erzählt. Und mir kam sofort der Kinofilm „Carol“ in den Kopf: Ein Kaufhaus ist ein Ort der Frauen, ein wunderbarer Ort, um unter so einem einladenden Label für die Primetime eine lesbische Liebesgeschichte zu erzählen. Mit diesen Ideen habe ich mich bei der Produzentin Sarah Kirkegaard, zurückgemeldet: Ich würde gerne etwas ganz anderes vorschlagen, als das bisher angedachte, soll ich trotzdem kommen? Ich wurde eingeladen und habe ein paar Textseiten mitgebracht und Stimmung-Bilder, etwa aus „Aimee und Jaguar“ oder Fotos von Nan Goldin, die die Anmutung der möglichen Serie schon gezeigt haben.

Und dann bekamen Sie den Zuschlag?

Von Heinz: Gleich am nächsten Tag wurde ich angerufen und gefragt, ob ich das weiter ausführen könnte. Zusammen mit John Quester habe ich dann sieben Seiten geschrieben. Wir haben vier Charaktere entworfen: Die beiden Männer - fußend auf den realen Personen, die um die Gunst Adolf Jandorfs und die Leitung des KaDeWe konkurrieren. Dazu haben wir Fritzi und Hedi erfunden. Zwei Wochen später habe ich den Anruf bekommen, dass wir ein Treatment schreiben sollen und dass wir bei Null anfangen dürfen. Das war im September 2019.

Neben dem Kadewe ist der zweite wichtige Schauplatz das „Eldorado“, ein Travestieclub. Wie sind Sie darauf gekommen, diese beiden Orte in der Serie zu verknüpfen?

Von Heinz: Der Kadewe-Strang, das Kaufhaus, das durch die Krisen dieser Zeit geht, ist der Strang, der mehr an die beiden männlichen Hauptfiguren gebunden ist. Das Herz unserer Serie ist die Liebesgeschichte zwischen Hedi und Fritzi. Dafür sind wir in der Recherche eingetaucht in die lesbische Subkultur der 1920er Jahre. Der erste, der mich mit viel Material versorgt hat, war Rosa von Praunheim. Als er hörte, das ist eine lesbische Geschichte im Berlin der 20er, hat er mir einen Stapel Bücher hingestellt. Er hat mir gesagt, dass es das „Spinnboden“-Archiv gibt, ein lesbisches Archiv in Berlin, er hat mir viele Ansprechpersonen genannt. Zusammen mit einer jungen Frau, die zuvor für ihn recherchiert hatte, bin ich tief in diese Themen eingestiegen. Neben dem „Eldorado“ gibt es noch die Zeitschriftenredaktion „Die liebende Freundin“, die auf einer real existierenden Zeitschrift basiert, die es damals gab. Wir haben gemerkt, das ist eine Welt, die bei allem, was wir in der letzten Zeit über die 20er Jahre gesehen haben, noch nicht gezeigt wurde.

Die 20er Jahre in Berlin sind ja spätestens seit den Krimis von Volker Kutscher um den Kommissar Gereon Rath, auf denen auch „Babylon Berlin“ basiert, sehr en vogue. Hat Sie diese Zeit schon immer interessiert oder kam das auch durch die Beschäftigung mit dem historischen Material?

Von Heinz: Das wurde mit der Beschäftigung immer stärker. Ich erfuhr, dass es ein Zeitfenster in der deutschen Geschichte gab, das sehr geprägt war von Juden und Frauen, da gab es eine kulturelle, intellektuelle, aber auch unternehmerische und sexuelle Blüte, die es bis heute nie wieder gab. „Babylon Berlin“ habe ich mir bewusst nicht angeschaut, weil ich Sorge hatte, ich mache die Reproduktion der Reproduktion und ich wollte mich nur mit Primärquellen beschäftigen. Ich hatte aber eine Redakteurin, die beide Serien betreut und die darüber wachte, dass ich nichts erzähle, was dort auch schon erzählt wird. Dazu kam es aber nie.

Reden wir über die Frauenfiguren. Da ist zum einen Fritzi Jandorf, die Schwester des Kaufhauserben Harry Jandorf, die am liebsten selbst das Kaufhaus leiten würde. Eine sehr emanzipierte Frauenfigur. Was wollen Sie über Fritzi erzählen?

Von Heinz: Die meisten Frauen sind auch heute immer noch sehr reglementiert in dem, was sie beruflich erreichen können. Wo kommt das her? Es war für mich sehr interessant zu sehen, dass es keine 100 Jahre her ist, dass Frauen gar nicht arbeiten durften, wenn es ihnen nicht gestattet wurde. Sie wurden auf ihren Platz verwiesen. Wir alle erleben, dass Fritzi die Befähigung aber hätte, sogar mehr als ihr Bruder und ich wollte diese Ungerechtigkeit noch einmal spürbar machen.

Das erste Kapitel der Serie heißt „Stadt der Frauen“. In der Serie wird das auch erklärt, es heißt, nach dem Ersten Weltkrieg waren 72 Prozent der in Berlin lebenden Menschen Frauen...

Von Heinz: Das war für ein paar Jahre so, das hat sich dann durch Zuzug und andere Entwicklungen wieder ausgeglichen. Wir haben das eins zu eins bis in die Komparserie hinein in der Serie umgesetzt.

Das unterscheidet Ihre Serie auch von anderen Produktionen über die 20er Jahre, in denen meist Männer eine wichtige Rolle spielen.

Von Heinz: Deshalb wundere ich mich, wenn meine Art der Besetzung und des Erzählens als ideologisch oder programmatisch bezeichnet wird. Ich zeige ja die Welt, wie sie war. Ich würde eher sagen, dass die anderen Erzählungen einer Ideologie folgen, die so tun, als wären Frauen gar nicht so wichtig gewesen, um sie erneut auf ihren Platz zu verweisen. Frauen nicht sichtbar zu machen, heißt immer, ihren Handlungsspielraum einzugrenzen, auch im realen Leben. Deshalb dürfen jetzt bei den Taliban gar keine Frauen mehr in Filmen zu sehen sein. Sie sollen ganz und gar unsichtbar sein, verschwinden. Das ist pure Ideologie.

Die zweite Protagonistin ist Hedi, die Verkäuferin im Kadewe. Was möchten Sie über diese Frauenfigur erzählen?

Von Heinz: Hedi steht für ein typisches Frauenschicksal vom untersten Rand der Mittelschicht. Sie hat eine Wohnung, sie hat einen Beruf, aber ihr Status ist sehr nah an der Unterschicht, fast an der Gosse, was ihr sehr bewusst ist. Ich mochte an Hedi, dass sie etwas unheimlich Pragmatisches hat. Ihr ist klar, dass nur eine Beziehung oder eine Heirat sie aus diesem Unterschichtenschicksal hinausführen kann. Damit geht sie pragmatisch um, sie hält die Augen offen. Und dann trifft sie die Liebe mit voller Wucht.

Sie lebt in einer typischen Berliner Hinterhofwohnung mit ihrer Schwester...

Von Heinz: Ihre Schwester Mücke hat das „Down-Syndrom“, Hedi ist für sie verantwortlich. Denn ihr ist völlig klar, dass jemand mit Down-Syndrom damals in die „Blödenanstalt“ kam, wie es hieß. Wenn sie das verhindern will, muss sie sehr protektiv umgehen mit ihrer Schwester. Da sie sie sehr liebt, wir sehen auch die innige Verbindung der beiden Schwestern, ist der Druck, ein Umfeld zu schaffen, in dem diese Schwester Sicherheit hat, noch einmal höher. Das ist natürlich auch für uns als Autoren dramaturgisch interessant.

Sie haben 2019 im Herbst angefangen zu schreiben, jetzt kommt die Serie an Weihnachten ins Fernsehen, das ging recht schnell, das sind gerade mal zwei Jahre. Wurden Sie durch die Corona-Pandemie nicht behindert in der Produktion?

Von Heinz: Wir hatten viel Glück. Als wir im Mai anfingen zu drehen, war der Großteil des Teams noch nicht geimpft. Wir sind mit rund 15 Deutschen nach Budapest gegangen und wir wussten, wenn wir alle dort sind, bleiben wir dort. Wir können nicht hin und her reisen. Wir hatten ein sehr strenges Covid-Protokoll von der Constantin Film und wir hatten dadurch auch keinen einzigen Corona-Fall. Der erste Drehtag war der 4. Mai, dann wurden die ersten im Juni oder Juli geimpft, da hat sich alles ein bisschen entspannt. Wir sind aber bis zum Ende der Drehzeit weiter bei dem strengen Covid-Protokoll geblieben. Ich habe parallel zum Dreh geschnitten. Wir hatten am 14. August den letzten Drehtag in Berlin und drei Wochen nach Drehschluss war der Schnitt fertig. In dieser Zeit habe ich nichts anderes gemacht.

Bei Dreharbeiten muss sich ja das ganze Team in Quarantäne begeben. Waren die strengen Quarantäne-Regeln eine Belastung?

Von Heinz: Ich habe es als Verlust empfunden. Ich habe ja nicht zum ersten Mal im Ausland gedreht. Ich habe „Hannas Reise“ in Israel gedreht und wir konnten uns dort anders mit dem israelischen Team vermischen, man ist mal zum Abendessen eingeladen, man lernt die Familien kennen. Wir mussten in unserer Hotel-Blase bleiben und konnten uns nicht privat treffen mit den ungarischen Team-Mitgliedern und auch nicht untereinander. Ich habe versucht das auszugleichen durch eine sehr herzliche und persönliche Atmosphäre am Set.

Wie war das für Sie als Regisseurin?

Von Heinz: Es war ein interessantes System, das ich auch gut fand. Wir hatten farbige Westen, die zeigten, wer sich eng begegnen darf, damit man nur diese Gruppe in die Quarantäne schicken muss, wenn ein Fall auftritt. Ich war in einer Gruppe mit all denen, mit denen ich in engem Austausch sein musste, mit den Schauspielern, meiner Kamerafrau, meiner Producerin. Ich habe mich also in der Blase von Menschen bewegt, die eine schwarze Weste trugen. Vielleicht ist das bei einem anderen Dreh auch gar nicht so anders, da hat man auch seine Gruppe, mit der man kommuniziert.

Haben sich diese Distanz-Regeln auf die Atmosphäre in der Serie übertragen?

Von Heinz: Nein. Wir haben viele intime Szenen, aber auch viele Tanz- und Komparsenszenen, und es gab ein Sicherheitskonzept, das dafür gesorgt hat, dass wir die Szenen nicht nur umsetzen konnten, sondern auch, dass wir sie proben konnten. Diese Proben haben im gleichen Ausmaß stattgefunden wie zu normalen Zeiten.

Sie sagen, Sie wollten eine lesbische Liebesgeschichte erzählen, was in der Primetime im deutschen Fernsehen nicht oft vorkommt. Vor zwei Jahren haben Sie in Baden-Baden den Hans-Abich-Preis bekommen und damals haben Sie in Ihrer Dankesrede gesagt, wir brauchen mehr Diversität im Fernsehen. Hatten Sie jetzt die Gelegenheit, das umzusetzen, was Sie damals gefordert haben?

Von Heinz: Die Rede, die ich damals gehalten habe, ist auf jeden Fall gehört worden. Ich habe damals von Christine Strobl und von Christoph Pellander von der Degeto einen Brief bekommen, in dem sie geschrieben haben, wir nehmen das an und es ist auch unser Wunsch, Fernsehen in diesem Sinne zu gestalten. Meine Vision ist dort auf offene Türen getroffen.

An welches Zielpublikum richtet sich die Serie?

Von Heinz: Es ist unheimlich schwer, ein Zielpublikum im Kopf zu haben. Ich versuche erst einmal, meinen Ansprüchen und den Filmen und Serien, die ich liebe, zu genügen. Einmal habe ich an die alten Weihnachtsmehrteiler meiner Jugend gedacht, ob das „Anna“ war oder „Wilder Westen inklusive“, das sind zwei besonders intensive Fernsehereignisse, an die ich mich erinnere, ich bin damals in diese Welt sehr stark eingetaucht. Ich erhoffe mir, dass es einer anderen Frau, die jetzt jung ist, vielleicht ähnlich geht mit meiner Serie. Gleichzeitig habe ich auch sehr an meine Tochter gedacht, die 17 ist und queer und die sich so eine Serie im deutschen Fernsehen wünschen würde. Insofern war vielleicht mein Zielpublikum meine Tochter.

Sie haben in Ihrer Rede in Baden-Baden an die Fernsehmacher gerichtet auch gesagt: Ihr müsst aufhören, die Einschaltquote als das Maß aller Dinge zu betrachten. Nun wird die Quote wahrscheinlich durchaus eine Rolle spielen, wenn die Serie gesendet wird. Was erwartet sich das Erste da?

Von Heinz: Es ist schön, dass man mich da beruhigt und mir sagt, dass man von dieser Serie eher erwartet, dass sie in der Mediathek über einen längeren Zeitraum abgerufen wird. Die Serie muss also nicht bei dieser einen Ausstrahlung an einem Abend alles erreichen.

Die sechs Folgen sollen am 27. Dezember tatsächlich hintereinander weg gesendet werden, von 20.15 Uhr bis 1 Uhr. Das ist binge viewing im Ersten, eigentlich nicht das, was Fernsehzuschauer gewohnt sind.

Von Heinz: Ich finde das sehr schön. Das ist eine Entscheidung, mit der die ARD ihr bisheriges Sendeschema verlässt. Das hat etwas sehr Verbindendes, wie ein mediales Lagerfeuer: Wir werden alle eingeladen, uns darum zu versammeln und vielleicht am nächsten Tag darüber zu sprechen oder auch währenddessen auf dem second screen. Das finde ich eine schöne Entscheidung, gerade jetzt, wo alles immer stärker fragmentiert wird.

Ist die Serie abgeschlossen - oder planen Sie bereits eine Fortsetzung?

Von Heinz: Es kann eine Fortsetzung geben. Wir beobachten jetzt, ob das Publikum diese Serie annimmt, wo auch immer - im Ausland, in der Mediathek, im linearen Fernsehen -, und wenn das Publikum die Serie liebt, stehen wir Autoren bereit und schreiben die zweite Staffel.

Sie haben Ihre Doktorarbeit zu dem Thema „Die freundliche Übernahme - Der Einfluss der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender auf den Kinofilm“ geschrieben. Was ist daran problematisch, wenn die Fernsehsender Einfluss auf den Kinofilm nehmen?

Von Heinz: Die Antwort dauert ein bisschen länger. Die Arbeit untersucht einen Zeitraum von 1950 bis 2010 und durch die Streaming-Anbieter hat sich die Situation massiv verändert. Aber ich spreche jetzt über den untersuchten Zeitraum. Ich bin damals angetreten mit der These, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das strukturell sehr wichtig ist für den deutschen Kinofilm, hätte den Kinofilm auf Bildschirmniveau gebracht. Als ich aber tief in die Materie eingedrungen bin, habe ich festgestellt, dass das Gegenteil der Fall ist: Ohne das öffentlich-rechtliche Fernsehen und Protagonisten wie Günter Rohrbach wäre das neue deutsche Kino um Werner Herzog, Margarethe von Trotta oder Rainer Werner Fassbinder nicht entstanden. Dank des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist also das Kino damals erst wieder zurück auf die internationale Bühne gekehrt, und ich würde sagen, auch heute haben alle Regisseure, die Rang und Namen haben und im Weltkino auch nur ansatzweise eine Rolle spielen, ihre ersten Sporen in den Debütreihen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verdient. Ich musste meine These also selbst widerlegen und feststellen, dass ohne das öffentlich-rechtliche Fernsehen kein deutscher Film auf einem A-Festival gelaufen wäre, es hätte keine Oscars für deutsche Filme gegeben, und die Welt wüsste nichts vom deutschen Kino. Denn die Verleiher haben damals Papas Kino unterstützt oder die rein kommerzielle Komödie.

Einer der Protagonisten, die damals eine wichtige Rolle gespielt haben für das deutsche Kino und das deutsche Fernsehen, war der Produzent Hans Abich, der von 1973 bis 1978 auch Programmdirektor der ARD war. Sie haben vor zwei Jahren den Hans-Abich-Preis bekommen und haben jetzt bestimmt die Diskussion um Hans Abich und seine Rolle im Nationalsozialismus mitbekommen. Was sagen Sie als Preisträgerin: Sollte der Preis den Namen behalten?

Von Heinz: Ich finde, man sollte nicht verschweigen, dass der Preis so hieß und dass Dinge über Hans Abich ans Licht gekommen sind, die man vorher nicht wusste. Ich bin dafür, so jemanden nicht weiter zu ehren. In diesem Jahr hieß der Preis nicht Hans-Abich-Preis, er hieß nur noch Ehrenpreis, das finde ich richtig. Ich finde nicht, dass so jemand ein Denkmal verdient hat.

Trotz all seiner Verdienste um das deutsche Fernsehen und den deutschen Film?

Von Heinz: Die kann man ja weiter nennen. Aber der Name des Preises ist ein Denkmal und das ist nicht notwendig. Ich finde es richtig zu schauen, wen gibt es noch? Wer hat auch Verdienste, die vielleicht besser zu dem Preis passen?

Sie haben den Regisseur Rosa von Praunheim erwähnt, sie gelten als „Rosakind“, haben lange für ihn gearbeitet, und es gibt auch eine kleine Hommage an ihn in ihrer Serie: In einer Szene ist ein Plakat zu sehen mit dem Spruch „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ - so hieß der berühmte Film von von Praunheim, der 1972 auch im WDR ausgestrahlt wurde. Was hat Rosa von Praunheim für Sie als Filmemacherin und ihre Entwicklung bedeutet?

Von Heinz: Er hat mir Zugang ermöglicht, indem ich bei ihm mitarbeiten konnte. Ich war ja nicht an einer Filmhochschule, konnte aber an seinen Filmen mitarbeiten und war später auch seine Assistentin. Dadurch habe ich Zugang bekommen zu einer Welt, die für mich zunächst verschlossen erschien. Dann kam auch ein starker inhaltlicher Einfluss dazu, weil Rosa sehr persönlich getrieben Filme macht. Er schöpft aus einem Themenspektrum, das ihn seit 50 Jahren bewegt, und diese Themen finden sich immer und immer wieder und er scheut sich nicht, sich selbst schonungslos zu offenbaren und öffnet dadurch auch viele Menschen, die mit ihm arbeiten. Das macht die Filme sehr ehrlich und sehr wahrhaftig, das habe ich von ihm gelernt.

Sie sagen selbst, dass Ihre eigenen Filme am besten sind, wenn sie sehr persönlich sind. Was ist das Persönliche an „Eldorado Kadewe“?

Von Heinz: Zum einen beschäftigt mich die Frage der Entschädigung stark und die ragt im Fall des Kadewe bis in die Gegenwart, weil die Entschädigung der Tietz-Familie nie ausreichend stattgefunden hat. Mein Opa musste als Jude durch eine Aktion seiner Mitschüler seine Klasse verlassen. Er konnte später alles nachholen, er hat auch überlebt, aber das ist nie aufgearbeitet worden. Mein Opa hat das sein Leben lang als Makel empfunden, hat sich geschämt. Das ist ein Schmerz, der sich in einer Familie durchzieht. Wenn ich also sehe, da war ein Georg Karg, dessen Hertie-Stiftung bis heute Milliarden hortet, die aus jüdischem Eigentum geraubt sind, dann findet das in mir einen Widerhall von Wut. Das beschäftigt mich, ich möchte darüber erzählen. Was die lesbische Liebesgeschichte angeht, gibt es auch familiäre Bezüge: Ich habe einen Vater, der sich nie geoutet hat, der sein Leben versäumt hat, ich habe eine Tochter, die sehr selbstbewusst queer ist. Ich möchte, dass für schwule und lesbische Menschen Liebesgeschichten erzählt werden, genau wie andere Liebesgeschichten.

Sie haben 2019 für Ihren „Tatort: Für immer und dich“ den Preis beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden erhalten. Dieser Film lehnt sich an die Geschichte eines jungen Mädchens an, Marie H., die für fünf Jahre mit einem älteren Liebhaber verschwunden war. Es geht also um die fragwürdige Liebe zwischen einem erwachsenen Mann und einem sehr jungen Mädchen. Für den Film gab es nicht nur einen Preis, es gab auch viel Kritik. In den sozialen Netzwerken wurden Sie heftig beschimpft. Wie sind Sie damit umgegangen?

Von Heinz: Es gab zum einen das Thema, ob die Sexszenen zu explizit sind. Ich hatte aber keine Lust, das irgendwie zu verschönen oder zu verharmlosen. Mir war ganz wichtig, dass das Mädchen kein Opfer ist. Sie ist eine komplexe Persönlichkeit, die sich am Schluss auch selbst aus dieser Beziehung befreit. Das fällt ihr aber auch schwer, weil sie diesen Mann sehr gerne mag. Er hat sie immerhin seit Jahren begleitet und war ihr Geliebter. Ich habe gedacht, wenn bis zu zehn Millionen Zuschauer so einen „Tatort“ schauen, dann ist da ein Prozentsatz von Männern dabei, die vielleicht mit der Idee liebäugeln, mit so einem jungen Mädchen eine Beziehung anzufangen. Mir war besonders wichtig, da nicht zu schönen oder dieses Mädchen als schwach und klein und naiv darzustellen. Ich wollte diese Beziehung genauso scheiße und traurig auch für den Mann darstellen, wie so eine Beziehung meiner Meinung nach verlaufen muss.

Auch in ihrer Ambivalenz...

Von Heinz: Absolut. Ich führe immer dokumentarische Interviews mit den Darstellern aus ihren Figuren heraus, bevor ich anfange zu drehen. Und ich habe Meira Durand, die die Emily spielt, gefragt: Wie ist das für Dich, wenn er jetzt im Knast ist? Sie hat gesagt: Ich schreibe ihm Briefe. Das fand ich eine sehr ehrliche und wichtige Antwort.

Wie sind Sie damals mit der Kritik umgegangen? Schauen Sie, was in den sozialen Netzwerken passiert?

Von Heinz: Ich habe mich extra auf Twitter angemeldet an dem Abend, um alles zu lesen, was geschrieben wird. Ich fand das super interessant, aber als jemand in meine Richtung Todeswünsche äußerte, hat eine Freundin von mir, die Anwältin ist, sachlich daruntergeschrieben, dass das strafbar ist, was da steht. Der Tweet wurde dann auch gelöscht von dem Verfasser. Ich fand das schön, dass da jemand kurz Vernunft reinbringt.

Die Kommentare in den sozialen Netzwerken sind oft sehr persönlich und beleidigend. Wie kommen Sie damit zurecht?

Von Heinz: Ich mache Filme, um in den Austausch zu kommen mit der Welt und mit der Gesellschaft, und dabei spielen social media eine große Rolle. Wenn ich nicht weiß, was die Antwort ist auf das, was ich da anbiete, fehlt mir ein großes Stück meiner Arbeit. Wenn mich etwas zu sehr beschäftigt, zeige ich es meinem Mann und wir können das sehr schnell sortieren.

Sie haben gesagt, das Fernsehen habe sich durch das Streaming verändert. Was hat sich geändert?

Von Heinz: Ich finde, dass unsere Serie ein gutes Beispiel dafür ist, dass man tiefer und ehrlicher in menschliche Abgründe hineinschauen darf, dass Fernsehen nicht nur der schöne Schein ist, wo alle schön gekleidet, geschminkt und gut frisiert in schönen Wohnräumen sitzen. Gerade die horizontalen Serien, die seit 15 oder 20 Jahren aus den USA kommen, haben diesen Weg beschritten. In einer Serie habe ich sehr viel Zeit, diese Abgründe auszuloten und die Abwege einer Figur. Wir sind spät genug dran in Deutschland, aber langsam kommen wir auch darauf, dass sich diese Erzählungen lohnen.

Sie haben an die Weihnachtsserien erinnert, die sie selbst als junges Mädchen gesehen haben. Es gab diese Erzähltradition ja durchaus im deutschen Fernsehen, aber die ist irgendwann abgebrochen. Warum?

Von Heinz: Ich weiß nicht warum. Und ich fand es auch schade, als meine Kinder 13 Jahre alt waren, dass wir nicht gemeinsam so ein Fernseherlebnis hatten, das damals für mich und meine Schwester „Anna“ war.

Eine legendäre Serie aus den 80ern ist „Kir Royal“, die man auch heute noch gut sehen kann. Man lernt viel über die 80er Jahre in Deutschland. Was wollten Sie über die 20er Jahre in Deutschland erzählen - abgesehen davon, dass es eine Zeit war, die stark von Frauen geprägt wurde?

Von Heinz: Ich fand interessant zu sehen, wie fragil die Demokratie war. Wie leicht bodenständige, anständige Menschen auf die falsche Seite, die wir im Nachhinein klar als falsch definieren können, kippen. Es gibt mindestens drei Figuren, die diesen Weg beschreiten, und mir war wichtig zu erzählen, wie gern wir diese Figuren mögen, wie sehr sie welche von uns sind. Da denke ich wieder an meinen Opa, ich fand extrem, wie Menschen, die mittendrin und voll dabei sind, plötzlich „die anderen“ sind, „Volksschädlinge“, die nicht dazu gehören. Ich glaube, das kann sehr schnell wieder passieren in einer Gesellschaft. Und ich wollte weibliches Können in den Vordergrund stellen. Ich habe die Serie Else Lasker-Schüler gewidmet, ich lasse sehr viele weibliche Künstlerinnen auftreten, die Musik ist von Frauen geprägt. Es ist für mich ein Gegengewicht zu allem, was wir sonst sehen.

Sehen Sie, was die Polarisierung der Gesellschaft angeht, Parallelen zu heute?

Von Heinz: Absolut. In Folge vier hänge ich zum Beispiel NSDAP- und AfD-Plakate untereinander, die Parolen ähneln sich. Fast wortwörtlich dasselbe. Ich würde NSDAP und AfD niemals gleichsetzen wollen, aber ich finde, dass man wachsam sein muss und die AfD sehr gut beobachten muss bei dem, was sie tut und anstrebt.

Aus epd medien 50-21/21 vom 17. Dezember 2021