"Funktionierende Medienangebote"

Ein epd-Interview mit ProSiebenSat.1-Vize-Vorstandschef Conrad Albert

Die Medienkonzerne ProSiebenSat.1 und Discovery haben im Juni den Streamingdienst Joyn gestartet, der unter anderem auch die Live-Programme von ARD, ZDF, Welt und Sport1 zeigt (epd 26/19). Conrad Albert, Vize-Vorstandschef von ProSiebenSat.1, ist ein Vierteljahr nach dem Start überzeugt, dass Joyn als "offene Content-Aggregationsplattform" ein Erfolgsprojekt ist. Im epd-Interview kündigt er an, dass künftig regelmäßig Originalsendungen für den Dienst produziert werden sollen. Michael Ridder sprach mit Albert auch über das Engagement von ProSiebenSat.1 in Österreich, den Umgang mit teuren Fußballrechten und die unterschiedlichen Reformideen für das duale Rundfunksystem in Deutschland.

 

epd: ProSiebenSat.1 war kürzlich mal wieder in Österreich aktiv. Anfang September wurde dort der Nachrichtensender Puls 24 gestartet. Wie fällt die erste Bilanz aus?

 

Albert: Sehr positiv. Wir haben mittlerweile ein tolles Portfolio an TV-Sendern in Österreich, die Puls 4 ATV-Gruppe von ProSiebenSat.1 ist mit Abstand Marktführer bei den 12- bis 49-Jährigen. Für uns ist Österreich seit langem interessant, weil es ein kleiner Markt ist, der - anders als in Deutschland - sehr zentral geprägt ist. Die großen Dinge in Wirtschaft und Politik finden überwiegend in Wien statt. Für uns und die Kollegen vor Ort war es aufgrund der starken Nachfrage nach Information da fast schon natürlich, darüber nachzudenken, wie man dies über unsere bestehenden Nachrichtenformate hinaus noch besser adressiert. Soweit man das nach einigen Wochen schon sagen kann, macht das Konzept Furore. Puls 24 ist ein Nachrichtensender, der linear ausstrahlt, aber nicht in jedem Aspekt der klassische Nachrichtensender in einer Prägung ist, wie wir das gewohnt sind.

 

Was genau macht Puls 24 anders?

 

Albert: Das Team hat das Produkt von Beginn an digital gedacht. Die Puls-24-App ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Wir nutzen die Kombination aus künstlicher Intelligenz und journalistisch manueller, redaktioneller Arbeit, um Nachrichten entsprechend aufzubereiten und optimal auf die Bedürfnisse unserer Zuschauer zuzuschneiden. Als Nutzer der App können Sie diese Nachrichten sehr stark auf sich selbst konfigurieren. Sie können zum Beispiel festlegen, welchen Politikern Sie folgen wollen. Der Content ist aktuell, lokal sowie international und sowohl live im TV als auch via App verfügbar. In Zeiten, in denen die Welt unübersichtlicher geworden ist, althergebrachte politische Bündnisse nicht mehr so stabil sind, wo die radikalen Enden der politischen Spektren lauter werden, wollen die Leute wieder besser informiert sein. Wichtig ist zudem für einen solchen Sender, auch "Breaking News"-fähig zu sein. Das haben die Kollegen hervorragend hinbekommen.

 

Wir diskutieren auch für Deutschland darüber, wie wir das Thema Aktualität, Information und Relevanz weiter ausbauen können. Wir wollen unsere Informationskompetenz weiter stärken und haben dazu bereits einen ersten Schritt getan, indem wir seit Mitte des Jahres wieder eine eigene "Akte"-Redaktion hier bei uns in Unterföhring haben.

 

Sie hatten ja mal in Deutschland einen eigenen Nachrichtensender, N24, von dem Sie sich 2010 getrennt haben. Der damalige Vorstandschef fand Nachrichten eher "nice to have" und nicht so zwingend. Ihr neuer Vorstandschef Max Conze hat neulich im Zusammenhang mit Puls 24 von einem Test für den deutschen Markt gesprochen. Ist das ein Test, ob man tatsächlich noch einmal einen neuen Sender aufmacht, oder ein Test, ob die neuen Formate in bestehenden Sendern oder Digitalangeboten ausgespielt werden?

 

Albert: Der Vergleich mit N24, heute Welt, greift zu kurz. Das Umfeld war damals so, dass wir nach der Finanzkrise ökonomisch keinerlei Bewegungsspielraum mehr hatten. Ich selbst habe den Verkauf von N24 mit umgesetzt, auch wenn es uns damals schwergefallen ist. Hätten wir heute gerne einen Nachrichtensender im Portfolio? Na klar. Da wir ihn aber nicht haben, denken wir freier und anders darüber nach, wie wir das Thema Nachrichten adressieren. Das Leben ist digitaler geworden, auch die Art, wie Nachrichten produziert und verbreitet werden, hat sich stark weiterentwickelt. Das birgt große Chancen, und wir können das heute mit einer ganz anderen Kostenbasis angehen, als das früher der Fall war. Ob und wann und wie wir da etwas machen, ist aber noch offen.

 

Sie haben bereits einige Male vorgeschlagen, dass man in Deutschland eine öffentliche Förderung auch für private Medien einführen könnte. Dabei denken Sie nicht an Mittel aus dem Rundfunkbeitrag, wie Sie klargestellt haben. Der Lobbyverband Vaunet hat sich Ihre Idee nicht zu eigen gemacht und sich eher skeptisch geäußert. Was für Reaktionen haben Sie denn bisher aus der Politik auf Ihren Vorschlag bekommen?

 

Albert: Ich freue mich, dass diese Idee inzwischen so viel Raum greift und in die allgemeine medienpolitische Diskussion fast als Dauerelement Einzug findet. Im Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung steht auf Seite 57 im Wesentlichen das, was ich seinerzeit in die Diskussion eingebracht habe. In dem Bericht wird das als "Innovationsfondsmodell" bezeichnet. Dieses beinhaltet die Idee, dass bestimmte förderungswürdige Inhalte von privaten Medienanbietern eine öffentliche Finanzierung erhalten können. Diese Idee wurde anfangs belächelt und nicht ernst genommen, heute ist die Diskussion da viel weiter. Das Modell ist möglich, und es ist verfassungsrechtlich zulässig. Mir hat bisher noch niemand einen logischen Grund nennen können, warum man in einer Zeit, in der algorithmusbasierte Plattformen den Brand in Notre-Dame mit 9/11 gleichsetzen, in der massive Fehlinformationsphänomene auftreten, darüber nicht nachdenken soll.

 

Der Bund wird so eine Förderung aber vermutlich nicht so einfach auflegen können, weil es dann Kompetenzstreitigkeiten mit den für Medienpolitik zuständigen Ländern geben würde. Sind Sie denn bei den Ländern auch gut im Gespräch mit den maßgeblichen Playern?

 

Albert: Hier in Bayern selbstverständlich. Wir sind aber natürlich auch im ständigen Dialog mit den Staatskanzleien aller Bundesländer, insbesondere mit der Rundfunkkommission der Länder. Naturgemäß gibt es Bundesländer, für die die medienpolitischen Kernthemen standortbedingt relevanter sind als für andere Bundesländer. So ist das Thema in Ländern wie Bayern, NRW, Rheinland-Pfalz und Hamburg natürlich prominenter auf der medienpolitischen Agenda. Ich gewinne aber mehr und mehr den Eindruck, dass die Landesregierungen die Bedeutung privater Rundfunkanbieter in der medialen Public-Value-Vermittlung erkennen.

 

Machen wir den Schwenk zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und fangen wir auch da mit etwas Aktuellem an. Ein großes Aufregerthema der letzten Wochen waren die Überlegungen der ARD, den "Weltspiegel" am Sonntagabend zugunsten von Sport vorzuverlegen. Wie finden Sie diese Diskussion?

 

Albert: Die Diskussion ist symptomatisch für das Grundproblem, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit einem schleichenden Rückgang seiner Akzeptanz in der Bevölkerung konfrontiert ist. Was natürlich nicht gut ist, weil ARD und ZDF als eine der beiden Seiten der Medaille des dualen Systems enorm wichtig sind. Ich persönlich bin ein Verfechter des dualen Systems, weil es auch für uns Private von großer Bedeutung ist. Das Problem ist die in weiten Teilen aufgegebene Systemhygiene. Das führt dann zu solchen Überlegungen, dass man die "Sportschau" auf die beste Sendezeit am Sonntagabend um kurz vor acht packt, wo ein sehr wichtiger Bestandteil der klassischen Information bisher seinen Sendeplatz hatte. Der "Weltspiegel" bringt den Bürgern die internationalen Themen der großen Welt in die Wohnzimmer. Die Überlegung zur Vorverlegung zeigt, dass ARD und ZDF ihre Programmentscheidungen immer mehr nach Leistungskriterien treffen, die eine privatwirtschaftliche Prägung haben: Wo kriege ich die beste Quote, wo bekomme ich am meisten Refinanzierung für Sportinhalte durch Werbung und Sponsoring? Das ist ungesund.

 

Was kann man aus Ihrer Sicht da machen, wenn ARD und ZDF keine Selbstkorrektur vornehmen?

 

Albert: Man muss sich dann grundsätzlich fragen, und da ist dann auch der Gesetzgeber gefordert, wie man das wertvolle duale Rundfunksystem fitmacht für die digitale Zukunft. Dazu gehört die Frage, ob sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk zusätzlich zum Rundfunkbeitrag durch Werbung und Sponsoring finanzieren soll. Die Argumente für eine Beibehaltung von Werbung bei ARD und ZDF sind opportunistisch, sie haben nichts mit der Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an sich zu tun. Die Werbezeitenvermarkter des öffentlichen Rundfunks müssen ihren Kunden, und das sind die gleichen Kunden, die wir haben, einen Jahres-Gesamtmarktanteil verkaufen. Das ist die Währung. Sobald ich also auch nur einen kleinen Teilbereich der Sendezeit habe, in der ich werben darf, ist mein ganzes Tun und Handeln plötzlich auf ein ganz anderes Kriterium ausgerichtet, nämlich: Wie bringe ich den Zuschauer-Jahresmarktanteil hoch? Deshalb stellt sich dann beispielsweise die Frage "Sport oder Politik?".

 

Bleiben wir kurz beim Thema Sport, das im Moment ja sehr interessant ist. Sie haben gesagt, die ARD versucht, möglichst viel Sport unterzubringen. Ihre Kollegen von Sky hier nebenan in Unterföhring hängen auch sehr stark vom Sport ab, vor allem vom Fußball, für den irrsinnige Rechtepreise aufgerufen werden. Jetzt sieht es so aus, dass das sehr riskant ist, denn Sport verlagert sich zunehmend auch zu Streamingdiensten, die kräftig mitbieten. DAZN hat ein kleines Bundesliga-Paket von Eurosport übernommen, und die Telekom hat offenbar die Übertragungsrechte für die EM 2024 in Deutschland gekauft. Sind Sie froh, dass ProSiebenSat.1 nicht so auf Fußball gesetzt hat in der letzten Zeit?

 

Albert: Beim Fußball haben wir ein strukturelles Thema, das man nicht betrachten kann, ohne sich auch die Politik der Ligen anzuschauen. Unstrittig sind heute die ganz großen Fußballrechte isoliert betrachtet nicht refinanzierbar. Sie sind aber Leuchtturm-Inhalte, echte Publikumsmagneten mit Lagerfeuer-Effekt. Und zahlen natürlich auf die Jahres-Gesamtreichweite ein. Wir sind bei ProSiebenSat.1 mit unserem etwas breiteren Ansatz gut aufgestellt. Im Rahmen unserer inhaltlichen Strategie spielt das Thema Sport eine wichtige Rolle. Wir setzen auf Sportrechte, die durch gute redaktionelle Arbeit und einen crossmedialen Ansatz wachsen. Dadurch werden sie für uns auch wirtschaftlich darstellbar, auch wenn es sich nicht um Fußball handelt. Die NFL, aber auch DTM und eSports hebeln wir so auf ein neues Niveau. Generell schauen wir uns natürlich immer an, was am Markt verfügbar ist. Dazu zählen auch Fußball-Pakete...

 

... und vielleicht kommen demnächst ein paar Sublizenzen auf den Markt.

 

Albert: Einige Rechte liegen mittlerweile ausschließlich bei Pay-Anbietern. Das bringt den Rechteinhabern zwar viel Geld, aber die Reichweite leidet immens darunter. Die Champions League hat beispielsweise 84 Prozent der Zuschauer verloren. Ich bin sicher, dass das bei der Liga und den Vereinen ein Thema ist.

 

Zu ARD und ZDF noch einmal. Da gibt es bei den Ländern die große Diskussion über Auftrag und Finanzierung, die allerdings nicht so richtig vorankommt, weil sich die Medienpolitiker nicht einig sind. Es gibt die grundsätzlichen Ideen der Auftragsflexibilisierung und der Indexierung. Vaunet hat sich vor einiger Zeit scharf gegen eine Vollindexierung ausgesprochen, mittlerweile liegen aber auch Kompromissvorschläge auf dem Tisch. Wie sehen Sie das bei ProSiebenSat.1, ist die Indexierung ein gangbarer Weg?

 

Albert: Grundsätzlich sehe ich in dieser Diskussion unseren bisherigen Standpunkt bestätigt, dass es einer Schärfung des Rundfunkauftrags und einer Überarbeitung der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedarf. Ein Indexmodell wäre aber die Verschiebung des Problems nach hinten, eine medienpolitische Notlösung. Wir sind bei ProSiebenSat.1 deswegen näher an der Vaunet-Position, dass auch transparenter werden muss, wo die Gelder überhaupt hinfließen. Wie viel vom Beitragsaufkommen geht tatsächlich in Content, und wie viel frisst der Apparat auf? Ich habe durchaus Verständnis für die Probleme der ARD-Intendanten, die die strukturellen Altlasten ihrer Vorgänger verwalten müssen. Am Ende muss es idealerweise vonseiten der Industrie zu einer stark vorangetriebenen Reformbewegung kommen, die der Politik etwas an die Hand gibt. Die Dinge sind so komplex, dass man nicht einfach der Politik den Brocken hinschmeißen und sagen kann: Löst das mal für uns.

 

Die Politik hat ja die Sender um Spar- und Reformkonzepte gebeten, war aber nicht zufrieden mit dem, was zurückkam.

 

Albert: Das geht eben nicht nur auf der einen Seite des Systems. Die relevanten Player müssten sich an einen Tisch setzen und zu einer gemeinsamen Idee kommen, wie unser Mediensystem hier in Deutschland in der Zukunft aussehen soll. Was sind die Rollen und Aufgaben, wer macht was, wie sehen die Finanzierungsmodelle aus? Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm hat einmal gesagt, dass wir uns medial in Europa in einem Kampf um die kulturelle Selbstbehauptung befinden. Da sind funktionierende nationale Medienangebote wichtig, die nicht anonym von irgendwelchen globalen Internetgiganten betrieben werden. Hier sitzen wir alle in einem Boot, um das zu gestalten. Das setzt natürlich auf allen Seiten eine echte Reformwilligkeit voraus. Die ist bei immer mehr Intendantinnen und Intendanten klar zu erkennen. Aus privatwirtschaftlicher Sicht finde ich die Beharrungskräfte erstaunlich, die sich in den Strukturen unterhalb der Intendanzen in den Anstalten zeigen. Insofern habe ich tatsächlich ein gewisses Verständnis für die Herausforderung, die eine grundlegende Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darstellt. Das ist eine Herkulesaufgabe.

 

Die Idee der Auftragsflexibilisierung würde ja auch bedeuten, dass die Bundesländer nicht mehr jedes einzelne Angebot von ARD und ZDF per Staatsvertrag beauftragen müssten. Das würden dann die Aufsichtsgremien der Anstalten übernehmen. Sind diese aus Ihrer Sicht in ihrer jetzigen Aufstellung gerüstet, um diese wichtige Funktion zu übernehmen?

 

Albert: Nein. Es ist immer schwer, den Frosch zu bitten, seinen eigenen Sumpf trockenzulegen. Deswegen haben wir den Vorschlag einer Expertenkommission gemacht, die überlegen könnte, wie man den in die Jahre gekommenen Apparat des dualen Systems in Deutschland reformiert. Es gibt ja Fachleute, die wissen, wie man Restrukturierungsprozesse vernünftig organisiert, die auch keine Partikularinteressen haben. Warum holt man die nicht mit an den Tisch und legt der Politik am Ende ein Konzept vor? Klar, letztlich läuft so was auch immer auf einen Minimalkonsens hinaus. Aber wir müssen endlich einmal diesen Zug aus dem Bahnhof bekommen. Und das passiert seit Jahren und Jahrzehnten nicht. Da werden ein paar Ölkannen an die Abteiltüren gehalten, aber es werden keine neuen Lokomotiven gebaut.

 

Kommen wir noch einmal zu ProSiebenSat.1. Eines Ihrer spannenden Projekte ist derzeit das Streamingportal Joyn. Wie fällt da nach einigen Monaten die Bilanz aus?

 

Albert: Ganz hervorragend: Die App wurde bereits über vier Millionen Mal heruntergeladen, der mobile Anteil an der Nutzung liegt bei rund 60 Prozent. Was ich aber am spannendsten finde: Etwa die Hälfte der Nutzung entfällt auf Livestreaming, also auf lineares Fernsehen. Das zeigt: Wenn das lineare Programm stimmt, wird es nach wie vor geschaut, egal über welches Endgerät. Aktuell arbeiten die Kollegen bei Joyn an dem kostenpflichtigen Premiumprodukt, eine Anbindung der Mediatheken von ARD und ZDF wäre ein weiterer großer Schritt. Das zeigt auch, dass es die klassischen Freund-Feind-Linien nicht mehr gibt. Natürlich haben wir bei einigen Themen eine andere Meinung als die Kollegen der öffentlich-rechtlichen Sender, aber wir arbeiten in vielen Bereichen auch zusammen. Joyn ist dafür ein sehr gutes Beispiel, weil ARD und ZDF mit Joyn zusätzliche Reichweite gewinnen.

 

Der Erfolg von Joyn macht sich an drei Merkmalen fest: Erstens gibt es eine Anlaufstation für fast alle Inhalte - Live-TV, Catch-up-TV und das Premiumpaket, das im Winter abobasiert startet. Da sind dann zum Beispiel die Inhalte von Maxdome und attraktive Sportinhalte mit drin. Joyn bringt für die Nutzer einen echten Mehrwert, denn bislang hat jeder Anbieter seine eigene Plattform betrieben - was übrigens maßgeblich auf die Kartellamtsentscheidungen von vor einigen Jahren zurückzuführen ist. Sowohl RTL und ProSiebenSat.1 als auch ARD und ZDF wurden damals gemeinsame Portale untersagt. Das hat zu einer für den Verbraucher nachteiligen Angebotsfragmentierung geführt. Joyn ist im Grunde eine offene Content-Aggregationsplattform. Diese Offenheit macht den Erfolg aus.

 

Worin sehen Sie weitere Erfolgsfaktoren?

 

Albert: Der zweite Aspekt ist die Einfachheit in der Benutzung. Das Team hat viel Zeit und Arbeit investiert, um eine intuitive Nutzung zu ermöglichen. Sie schalten auf der App schneller um, als Sie es mit jeder Hardware-Fernsteuerung könnten. Die Themenwelten sind emotional strukturiert: Will ich etwas für einen Candle-Light-Abend oder will ich Action sehen? Drittens ist die inhaltliche Positionierung als Local Champion wichtig. Man muss sich immer fragen, welches Alleinstellungsmerkmal man hat, wenn man im Wettbewerb mit globalen Playern wie Netflix und Amazon Prime ist. Joyn bietet Inhalte wie "Jerks" und "Krass Klassenfahrt", die sehr hiesig, sehr deutsch sind, durchaus auch ein bisschen kantig und quer. Die laufen sehr gut auf dem Portal. In der Zukunft wird Joyn einen kontinuierlichen Flow an eigenproduzierten Originals haben, die man so nirgendwo anders findet. Freuen würden wir uns natürlich, wenn die Kollegen von RTL auch dabei wären. Die Einladung steht nach wie vor. Da, wo es wirklich sinnvoll ist, sollte man die Kräfte bündeln.

 

Was viele übrigens übersehen beim Thema Joyn: Es ist das erste Mal, dass wir eine eigene Over-the-top-Plattform betreiben, die direkt an den Verbraucher geht. Damit haben wir einen Distributionsweg geschaffen, der unsere wichtigen klassischen Verbreitungskanäle wie Kabel, Satellit oder IPTV ergänzt.

 

In anderen Ländern wie Frankreich und Großbritannien sind jüngst Supermediatheken gestartet worden, die auch gesellschaftsrechtlich von öffentlichen und privaten Medien gemeinsam getragen werden. In Deutschland, darauf haben Sie vorhin schon hingewiesen, war dies wegen des restriktiven Kartellamtskurses bisher nicht möglich. Ist Joyn für Sie etwas, das diese Lücke zumindest ein Stück weit füllen kann?

 

Albert: Auf jeden Fall. Das treibt uns zwar nicht primär an und wir wollen auch nicht überheblich klingen. Aber wir sind für alle Ideen offen. Möglicherweise entsteht dann ja aus dem Faktischen heraus etwas wie in anderen Ländern. Unser Ansatz war immer zu sagen, lasst uns zunächst mal im größten und wichtigsten Medienmarkt in Europa anfangen - in Deutschland. Nicht so lange reden, sondern machen. Nichts anderes tut das Team von Joyn jeden Tag.

 

Kommen wir am Ende noch einmal zum ProSiebenSat.1-Konzern. Sie haben im April die Führungsstruktur umgebaut, es gibt nur noch drei Vorstandsmitglieder in einem "Executive Committee", eines davon sind Sie. Hat sich das bewährt?

 

Albert: Wir haben 2017 unsere Drei-Säulen-Strategie definiert. Dazu zählen Red Arrow Studios mit Content Production weltweit, die NuCom Group, wo wir die Commerce-Aktivitäten wie Verivox und Parship bündeln, und mittendrin unseren Monolithen - das Segment Entertainment mit den klassischen Sendern, Joyn und der Vermarktung. Jetzt gehen wir den nächsten Schritt, indem wir die Entertainment-Säule noch eigenständiger aufstellen werden. In dem Kontext wurde auch die Vorstandsstruktur angepasst: Seit April arbeiten wir in einer schlankeren Holding-Struktur mit CEO, CFO und Deputy CEO, unsere drei Säulen werden jeweils von zwei Co-CEOs geführt. Dadurch hat das operative Geschäft mehr Eigenständigkeit bekommen, wir werden schneller und agiler.

 

Beim Blick auf die Zahlen sieht man, dass 2018 kein allzu gutes Geschäftsjahr war. Der Umsatz war leicht rückläufig. Innerhalb von fünf Jahren soll aber eine deutliche Umsatzsteigerung erfolgen. Können Sie kurz skizzieren, woher diese Steigerung kommen soll?

 

Albert: Im Kern sind wir ein Content-Unternehmen, und deswegen wollen wir auch mit unserer Content-Strategie punkten: mehr lokale Inhalte, mehr Live-Sendungen, ob bei Entertainment, Sport oder Information. Das Wachstumspotenzial ist da. Insgesamt wächst der Werbemarkt, auch wenn der TV-Anteil schrumpft. Deswegen ist es so wichtig, dass wir in diese neuen Bereiche hineingehen, zum Beispiel mit Studio71. Das ist mittlerweile unter den weltweiten Top 3 der Digital-Player, die Inhalte auf Youtube, Instagram, Facebook, Snapchat und Twitch ausspielen. Auch aus der umfassenden Monetarisierung der gesamten Reichweiten, die wir erzielen, werden wir Wachstum generieren. Mit der "Total Video-View-Time" haben wir letztes Jahr eine neue Messgröße eingeführt. Diese misst alle Sehminuten für unsere Inhalte, egal über welche Nutzungsart und welchen Verbreitungsweg. Das bringt uns einen Schritt weiter in Richtung einer einheitlichen Währung, wir nennen das "Total Reach".

 

Auch die adressierbare Werbung ist ein großes Wachstumsfeld. Wir sind jüngst im digitalen und smarten Werbegeschäft um 26 Prozent gewachsen. Dann kommt das Thema programmatischer Mediaeinkauf dazu, weshalb das Ad-Tech-Joint-Venture D-Force mit RTL - die automatisierte Buchungsplattform für Werbekunden - so wichtig ist. Das Commerce-Geschäft mit der NuCom Group ist ebenfalls ein Wachstumsgeschäft. Ich sage ganz selbstbewusst: ProSiebenSat.1 ist in seiner europäischen Peergroup das für die Zukunft am besten aufgestellte Unternehmen, weil wir schon sehr weit vorgedrungen sind in die Geschäftsbereiche, die durch die digitale Transformation eröffnet wurden. Wir werden auch noch europäischer denken müssen. Vor fünf Jahren haben wir die European Media Alliance mit Partnern aus dem Ausland gegründet, um beispielsweise im Bereich Technik Synergiepotenziale zu identifizieren. Gemeinsam erreichen wir über die Angebote aller Mitglieder der European Media Alliance einen Markt mit über 200 Millionen Menschen, das ist schon eine relevante Größe.

 

An der European Media Alliance ist auch Ihr neuer Anteilseigner beteiligt, der italienische Konzern Mediaset, der sich im Besitz der Familie Berlusconi befindet. Mediaset hält knapp zehn Prozent an ProSiebenSat.1. Tangiert Sie das in irgendeiner Form, sind Mediaset-Manager schon mit irgendwelchen Vorschlägen auf Sie zugekommen?

 

Albert: Wir begrüßen das Investment von Mediaset, weil es zeigt, dass wir ein Unternehmen sind, in das es sich zu investieren lohnt. Mit Mediaset arbeiten wir seit über fünf Jahren in der European Media Alliance zusammen an unterschiedlichen Projekten wie dem European Broadcaster Exchange, einem Joint Venture zur Vermarktung von paneuropäischem Video-Inventar. Mediaset ist zudem an unserem Multi-Plattform-Netzwerk Studio71 beteiligt und hat ein lokales Studio71 in Mailand aufgebaut. Wir behandeln Mediaset wie jeden anderen großen institutionellen Investor. Wir haben eine sehr klare Strategie, mit der wir Wert für unsere Aktionäre schaffen werden, und die wir gerade umsetzen.

 

Aus epd medien 42/19 vom 18. Oktober 2019