"Flexibilisierung des Auftrags"

Ein epd-Interview mit SWR-Justiziar Hermann Eicher

Der Justiziar des Südwestrundfunks (SWR), Hermann Eicher, geht am 31. August in den Ruhestand. Eicher war 31 Jahre beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. 1989 wurde er persönlicher Referent des damaligen Intendanten des Südwestfunks (SWF), Hans Bausch. Anschließend war er einige Jahre beim SWF Hauptabteilungsleiter Produktion in Mainz. 1998 wurde er nach der Fusion von SWF und Süddeutschem Rundfunk (SDR) zum Justiziar des SWR gewählt. Vor der Einführung des neuen Rundfunkbeitrags 2013 setzte Eicher sich für das haushaltsbezogene Modell ein. Diemut Roether sprach mit ihm über den Rundfunkbeitrag, die Zusammenarbeit der Rundfunkanstalten in der ARD und die digitale Transformation der Sender.

 

epd: Herr Eicher, Sie gelten als Architekt des Rundfunkbeitrags, der 2013 die bis dahin gerätebezogene Rundfunkgebühr abgelöst hat. Schmeichelt es Ihnen, dass Sie als Mister Rundfunkbeitrag in die Annalen der Rundfunkgeschichte eingehen werden?

 

Eicher: Solche pathetischen Metaphern sind nicht so mein Ding. Manche reden auch vom "Vater des Rundfunkbeitrags", das klingt doch echt ein bisschen altbacken. Richtig ist: Es gehörte zu meinem Job, mich um die Rundfunkfinanzierung zu kümmern, und ich habe mich dieser Frage - übrigens zusammen mit vielen Kolleginnen und Kollegen von ARD, ZDF und Deutschlandradio - intensiv angenommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

 

Als das Bundesverfassungsgericht sich 2018 mit der Frage beschäftigte, ob der Rundfunkbeitrag verfassungsgemäß ist, waren Sie derjenige, der den Richtern das System des Rundfunkbeitrags erklärt hat, und nicht der damalige ARD-Vorsitzende.

 

Eicher: Das ist nun mal Sache der Fachebene und Ulrich Wilhelm wollte deshalb auch, dass ich genau diese Rolle übernehme. Der Tag der mündlichen Verhandlung war ein bisschen wie ein drittes juristisches Staatsexamen. Auch epd medien hat damals ja aufgegriffen, dass ich vor dem Bundesverfassungsgericht das Bild von den vier Löwen gebraucht habe, die in den Ecken eines Raumes lauern und für gleichbleibende Einnahmen, beherrschbaren Verwaltungsaufwand, Beitragsgerechtigkeit und Akzeptanz stehen.

 

Verschiebt man das Modell der Rundfunkfinanzierung so, dass es sich nicht mehr genau in der Mitte des Raumes befindet, wird man von einem der Löwen aufgefressen. Der Vorsitzende, Ferdinand Kirchhof, kommentierte das damals mit den Worten, er habe gar nicht gewusst, dass das Beitragsrecht eine so "gefährliche" Materie sei.

 

Ein drastisches Bild ...

 

Eicher: Der Berichterstatter des Ersten Senats, Andreas Paulus, ließ am Nachmittag deutlich seine Sympathie für das sogenannte Bürgermodell erkennen, nach dem jeder Erwachsene über 18 Jahre zum Rundfunkbeitrag heranzuziehen gewesen wäre. Das hätte dazu geführt, dass die Zahl der Beitragskonten von heute 46 Millionen nochmals um rund ein Drittel auf etwa 60 Millionen angewachsen wäre. Mir war wichtig, dem Gericht die Folgen mit Blick auf den damit verbundenen Verwaltungsaufwand, zum Beispiel in Wohngemeinschaften, zu verdeutlichen. Dem Bundesverfassungsgericht muss man wirklich nicht die Rechtslage erklären. Das Gericht ist vor allem an Hinweisen interessiert, welche Auswirkungen rechtliche Regelungen in der Praxis haben.

 

Das Bundesverfassungsgericht hat bestätigt, dass der Beitrag in seiner jetzigen Form verfassungsgemäß ist. Trotzdem wird immer wieder geklagt gegen den Rundfunkbeitrag. Wie viele Klageverfahren sind derzeit anhängig?

 

Eicher: Die Zahl ist relativ konstant geblieben: Wir haben beim SWR pro Jahr zwischen 500 und 700 Klagen, die man ins Verhältnis zu rund 15 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz setzen muss. Ein Drittel dieser Klagen beziehen sich allein auf Befreiungen. Uns sind aber natürlich auch die überzeugten Rundfunkbeitragsgegner geblieben, deren Klagen nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aber ebenso schnell und klar abgewiesen werden.

 

Die Gegner überlegen sich immer wieder neue Möglichkeiten, um den Beitrag nicht zu bezahlen, oder auch, um den Beitragsservice zu ärgern, indem zum Beispiel zu viel oder zu wenig Rundfunkbeitrag überwiesen wird. Wie stark wird die Arbeit des Beitragsservices dadurch belastet?

 

Eicher: Es gibt zunächst immer wieder Veränderungen der Rechtslage, wie zum Beispiel die Beitragsfreiheit von Nebenwohnungen, auf die der Beitragsservice mit der Umstellung seiner Prozesse reagieren muss. Die Versuche, den Beitragsservice zu torpedieren, gibt es, sie haben aber keine Größenordnung, die uns vor echte Probleme stellt. Die nächste Herausforderung könnte die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs bringen, wenn es grünes Licht dafür gäbe, den Rundfunkbeitrag auch bar zahlen zu dürfen. Der Verwaltungsaufwand könnte sich dadurch deutlich erhöhen. Ein Aufwand, den im Übrigen die Beitragszahler mitzufinanzieren hätten, die eine Einzugsermächtigung erteilt haben.

 

Der Beitragsservice ist verständlicherweise keine beliebte Einrichtung, weil er Geld abkassiert. Man hört aber immer wieder auch von problematischen Vorgängen, dass Briefe nicht gelesen würden, dass Einzelne nicht durchdringen mit ihren Beschwerden, es sei auch nicht möglich, mit Mitarbeitern des Beitragsservices zu telefonieren. Was könnte man tun, um diesen "Service" zu verbessern?

 

Eicher: Wer sich ein Bild vom Verwaltungsaufwand beim Beitragsservice machen möchte, muss einmal die Poststelle gesehen haben, in der jeden Tag etwa 70.000 Briefe eingehen. Das lässt sich nur noch mit einem streng formatierten und automatisierten Verfahren bewältigen. Man muss sich von der Vorstellung frei machen, dass jeder Brief ohne Textbausteine ganz individuell beantwortet werden kann. Klar, dass dabei auch mal Irritationen entstehen - nach dem Motto: Warum sind die eigentlich nicht auf alle Punkte eingegangen, die ich geschrieben hatte. Bei den Rundfunkanstalten sind wir schon eher in der Lage, Beschwerden auch im detaillierten Einzelfall nachzugehen. Schon aus Prinzip habe ich mir zahlreiche dieser Fälle - oft auch übermittelt zum Beispiel von der rheinland-pfälzischen Bürgerbeauftragten - persönlich angesehen.

 

Das ZDF ist ja fein raus, wenn sich die Beschwerdeführer immer an die ARD-Anstalten wenden ...

 

Eicher: Das ZDF ist tatsächlich mit dem Beitragseinzug selbst nicht befasst, trägt aber die Kosten des Beitragseinzugs anteilig mit.

 

Der Rundfunkbeitrag soll jetzt nach elf Jahren zum ersten Mal wieder erhöht werden. Die Erhöhung beträgt 86 Cent, das sind knapp fünf Prozent. Warum ist diese Erhöhung trotzdem so umstritten?

 

Eicher: Ich bin jetzt 31 Jahre beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und ich kann mich an keine Rundfunkgebührenerhöhung erinnern, die nicht im Vorfeld erhebliche Diskussionen ausgelöst hätte. Es kursiert nicht umsonst die Metapher vom "elektronischen Brotpreis". Wenig überzeugend finde ich allerdings, eine Sachverständigenkommission einzusetzen, um dann - je nach deren Ergebnis - zu glauben, man könne doch besser selbst beurteilen, welcher Finanzierungsrahmen angemessen sei.

 

Die Corona-Krise trifft alle Medien sehr hart, die Werbeeinnahmen bei den privaten Medien brechen weg, da hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine bequeme Situation, weil er gesicherte Einkünfte hat. Allerdings können sich Arme, Geringverdiener oder Hartz-IV-Bezieher vom Rundfunkbeitrag befreien lassen. Gibt es bei Ihnen schon Schätzungen, wie viele Einnahmen im nächsten Jahr wegbrechen könnten, wenn sich Hunderttausende Menschen vom Rundfunkbeitrag befreien lassen könnten?

 

Eicher: Konkrete Schätzungen gibt es noch nicht. Es gibt Grundannahmen mit großen Bandbreiten. So kann man im Moment noch nicht genau abschätzen, welchen Anstieg der Arbeitslosenzahlen es geben könnte und wie damit korrespondierend die Zahl der Befreiungen steigt. Auch die Zahl der Insolvenzen von Betrieben kann noch niemand verlässlich vorhersagen - alles Parameter, die Einfluss auf die Höhe der Beitragserträge haben. In der Tendenz aber wird Corona eindeutig zu Mindereinnahmen des öffentlich-rechtlichen Systems führen.

 

Hotels, die wegen der Corona-Krise drei Monate schließen mussten, müssten den Beitrag für diese drei Monate nicht bezahlen, aber das gilt eben erst, wenn sie tatsächlich drei Monate nicht geöffnet haben. Die Hotels hatten im April 75 Prozent Mindereinnahmen. Wird es da noch eine Regelung für einen Monat geben?

 

Eicher: Wir stehen hier vor einem echten Dilemma: Die Rundfunkanstalten sehen sich nicht in der Lage, abweichend von den Regelungen im Rundfunkbeitragsstaatsvertrag Freistellungen vom Rundfunkbeitrag zu gewähren. Eine Entlastung für Hotels hätte zudem auch Gleichheitsprobleme zur Folge, denn dann würden sich mit Recht zum Beispiel auch die Autovermieter melden, und diese Reihe ließe sich munter fortsetzen.

 

Sie haben gesagt, es habe immer Diskussionen um die Erhöhung des Rundfunkbeitrags gegeben. Täuscht mich der Eindruck, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute mehr Gegner hat als vor 20 Jahren und dass seine Existenz stärker infrage gestellt wird?

 

Eicher: Es gibt inzwischen deutlich stärkere politische Kräfte, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz oder jedenfalls in seiner heutigen Ausprägung in Zweifel ziehen. Die Demonstration, die Anfang Januar - initiiert von der AfD - in Baden-Baden stattgefunden hatte, hat mich tief berührt. Dort wurde verbal in einer von mir bisher nicht für möglich gehaltenen Art und Weise ausgeteilt: "Wir werden Euch aus den Redaktionsstuben vertreiben, das ist nur der Anfang!" - da wurde ein Vokabular von völlig neuer Qualität gebraucht. Andererseits hat mich aber auch sehr beeindruckt, wie klar und eindeutig sich alle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten nun hinter dem Vorschlag der KEF versammelt haben.

 

In Großbritannien heißt es immer, die Briten würden sich mit ihrer BBC nicht nur identifizieren, sie würden sie geradezu lieben. Warum lieben die Deutschen ARD und ZDF nicht?

 

Eicher: Gerade jetzt, in der Krisenzeit, haben die Menschen den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks doch klar erkannt und - nicht nur an den Einschaltquoten ablesbar - auch gewürdigt. Die "Tagesschau" haben im April dieses Jahres an einzelnen Tagen fast 18 Millionen Zuschauer eingeschaltet. Da hat man gemerkt: Wenn es eng wird, versammeln sich die Deutschen wieder vor dem Fernseher und suchen als Erstes die Informationen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es hat sich auch gezeigt, eine Infrastruktur mit Auslandskorrespondenten und Korrespondentinnen mit föderaler Kompetenz kann man in einer Krise nicht erst aufbauen. Die ARD hat aus meiner Sicht in wirklich beachtlicher Weise arbeitsteilig zusammengewirkt. Jede Woche hat eine andere Landesrundfunkanstalt "ARD Extra"-Sendungen produziert und die Bevölkerung mit den notwendigen Informationen versorgt.

 

Was können die öffentlich-rechtlichen Sender über die Sonderanstrengungen in der Corona-Krise hinaus tun, um die Akzeptanz in der Bevölkerung dauerhaft zu stärken?

 

Eicher: Das geht natürlich in erster Linie über ein Programmangebot, das immer wieder überzeugen und ständig neue gesellschaftliche Entwicklungen und sozialen Wandel in sich aufnehmen muss. Ich habe daher auch nicht verstanden, dass wir bei der Diskussion um Struktur und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die programmlichen Strukturen komplett außen vorgelassen haben. Es gibt inzwischen zwar einige Reforminitiativen, so stärken wir unsere Abrufangebote, indem wir uns auf die sogenannten Big Five konzentrieren, aber der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird das Jahr 2030 ganz sicher nicht überzeugend mit 20 linearen Fernsehprogrammen erreichen. Eine Sicht, die allein dem Gesetzgeber die Aufgabe zuweist, die Angebotspalette des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu beschreiben, halte ich für unternehmenspolitisch unklug und für rechtlich falsch. Wer, wenn nicht die Rundfunkanstalten selbst, hat darauf zu achten, ob sein publizistisches Angebot noch mehr als 30 Jahre alten Staatsverträgen entsprechen kann? Es muss von uns selbst immer wieder neu überprüft werden, ob und welche Inhalte auf den geeigneten Verbreitungswegen die entsprechenden Nutzergruppen auch erreichen.

 

Das hätte aber medienpolitisch gravierende Auswirkungen ...

 

Eicher: Wir stehen im Jahre 2020 vor einem echten Paradigmenwechsel in der Medienpolitik. Der Forderung von Wolfgang Schulz und Carsten Brosda nach einer "kommunikationspolitischen Agenda" - jüngst fundiert hinterlegt in einem Beitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" - kann ich nur zustimmen. Eine Rundfunkregulierung, die den Rundfunkanstalten statisch vorschreiben will, welchen Inhalt sie auf welchem Verbreitungsweg für welche Nutzergruppe bereithalten sollen, stammt wirklich aus dem vergangenen Jahrtausend. Das ist ausdrücklich kein Plädoyer für ein finanzielles "Wünsch dir was", aber eine Flexibilisierung des Auftrags erscheint mir überfällig.

 

Ist es sinnvoll, dass jede der sieben großen ARD-Anstalten 24 Stunden am Tag ihr eigenes Drittes Programm macht?

 

Eicher: Für völlig unstreitig halte ich die eigenständigen regionalen Sendestrecken in den Dritten Programmen. Wenn man in die Programmzeitschriften schaut, sieht man aber, dass in den Randzeiten, also etwa am Vormittag bis in den frühen Nachmittag, fast überall das mehr oder minder gleiche Programm läuft. Da kann man in sieben Programmen Folgen von "Wer weiß denn so was?" oder von "In aller Freundschaft" sehen. Das kann man nur noch als "lineare Mediathek" bezeichnen, die so ganz sicher nicht zeitgemäß ist. Auch das Argument geringer Kosten macht es nicht besser.

 

Die Kritiker sagen, das öffentlich-rechtliche System in Deutschland sei viel zu aufgebläht. Wenn man genau hinschaut, wie Sie es eben getan haben, sieht man, dass die 20 Kanäle nur auf dem Papier existieren, dass da gar nicht so viel unterschiedliches Programm läuft, wie man denken könnte. Wäre es da nicht auch politisch sinnvoll zu sagen, wir verzichten auf das eine oder andere Programm? Die Dritten Programme könnten sich ja abends, wie Sie vorgeschlagen haben, auseinanderschalten.

 

Eicher: Der Umbruch in der Medienlandschaft als Folge des digitalen Transformationsprozesses ist aus meiner Sicht so groß, dass er nicht allein mit Einzelmaßnahmen von neun Landesrundfunkanstalten bewältigt werden kann. Klar muss sich jede Landesrundfunkanstalt dem digitalen Wandel stellen. So richten wir gerade den SWR noch einmal komplett neu aus. Aber wir stoßen dabei immer wieder auf Fragestellungen, die dann sehr schnell auch mit der Aufstellung auf ARD-Ebene zusammenhängen. Ich denke, in absehbarer Zeit wird man nicht um strukturelle Änderungen herumkommen. Diese Änderungen werden gar nicht mal so sehr von Einsparnotwendigkeiten geprägt, sondern sie werden diktiert von veränderten Nutzergewohnheiten gerade der jüngeren Generation. Das gilt im Übrigen auch für eine dringend notwendige Konzentration im Internet: Hinsichtlich der Zahl der Plattformen, der Apps, der Podcasts gilt der alte, kluge Satz "Weniger ist manchmal mehr!". Ein gutes Beispiel ist die ARD-Audiothek, wo es gelungen ist, auf einer Plattform alles einzusammeln, was es auf ARD-Ebene an wertvollen Inhalten gibt. Sie zeigt, wo der Weg hingehen muss: zu einer Konzentration bei Erhalt der Vielfalt in der ARD.

 

Ich frage mich auch, ob jede ARD-Anstalt ihr eigenes Info-Radio braucht.

 

Eicher: Auch darüber muss man reden können. Völlig unstrittig muss es auch auf diesem Verbreitungsweg regionale Informationen geben, das steht aber einer Konzentration nicht im Wege. Es darf am Ende kein bundesweites Radioprogramm dabei herauskommen. Strategiefähig ist man aber nur, wenn es da keine Tabuthemen gibt.

 

Der SWR reagiert auf den Spardruck, indem er unter anderem die Hörfunknachrichten zentralisiert. Wie wird in Zukunft gewährleistet, dass regionale Meldungen aus Mainz und Stuttgart weiter im Programm vorkommen?

 

Eicher: Da verengt sich die Diskussion zurzeit auf einen Teilaspekt, nämlich die Hörfunknachrichten. Wir gehen das Thema aber sehr grundsätzlich an. Uns geht es um Nachrichten auf allen Ebenen: Fernsehen, Hörfunk, Web, App, Social Media. Wir haben festgestellt, dass wir bei der nonlinearen Nutzung auf digitalen Plattformen Gefahr laufen, nicht mehr alle relevanten Nutzergruppen zuverlässig zu erreichen. Nun ist es völlig ausgeschlossen, die Ressourcen einfach nur auszuweiten. Daher muss man an anderer Stelle einsparen und es scheint mir logisch zu sein, Nachrichten mit einem hohen Anteil von Weltnachrichten nicht acht Mal isoliert voneinander zu produzieren. Der SWR-Staatsvertrag gibt das auch her, denn er sieht die Möglichkeit vor, übergreifende Schwerpunkte zu bilden, wenn dies im Rahmen eines angemessenen Standortausgleichs geschieht. Und natürlich kommen die Nachrichten auch weiterhin zum Beispiel aus dem Studio Kaiserslautern, wenn der FC Kaiserslautern Insolvenz anmelden muss. Auch die landespolitische Kompetenz wird nicht im Ansatz tangiert.

 

In den unterschiedlichen Sendern sind unterschiedliche Strategien zu beobachten, wie man mit dem Spardruck umgeht. Der NDR will bei NDR-Info ausgerechnet das "Echo des Tages" abschaffen. Wenn ich das lese, frage ich mich, warum wird in den Programmen immer mehr formatiert und warum werden ausgerechnet die besonderen Sendungen, die herausragen, abgeschafft?

 

Eicher: Der NDR steht offensichtlich vor der Herausforderung, in relativ kurzer Zeit eine relativ große Summe einsparen zu müssen. Das ist eine wirklich schwierige Aufgabe. Unser Ex-Intendant, Peter Boudgoust, hat uns bereits ab 2010 beim SWR einen klugen Einspar- und Umbauprozess verordnet. Eine wichtige Erfahrung in meinem Berufsleben war: Einsparen auf einer Zeitachse ist mühsam, aber deutlich einfacher, als in einer ganz kurzen Zeit eine relativ große Einsparsumme aufbringen zu müssen. Die Gründe für einzelne Einsparentscheidungen beim NDR kann ich aber natürlich überhaupt nicht beurteilen.

 

Der NDR hat auch angekündigt, dass er jetzt weniger Programm zur ARD zuliefern wird. Die ARD hat im vergangenen Monat ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert. Sehen Sie angesichts des Spardrucks Tendenzen, dass die Senderegoismen die Arbeitsgemeinschaft torpedieren?

 

Eicher: Es gibt seit jeher ein Spannungsverhältnis zwischen den Finanzmitteln, die man in den ARD-Topf einbringt, und den Mitteln, die man für die Aufgaben der jeweiligen Landesrundfunkanstalt verwendet. In extremen Sparsituationen könnte man nun auf die Idee kommen, sich damit zu retten, den ARD-Topf nicht mehr adäquat zu befüllen. Das wäre aber ein fataler Fehler, denn wenn die Landesrundfunkanstalten auf ihren regionalen Kern reduziert würden und das starke ARD-Standbein infrage stellen, würde das Gesamtsystem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Schaden nehmen.

 

Das Erste ist ja auch ein Aushängeschild.

 

Eicher: Absolut, und es hat an vielen Stellen eine unverwechselbare regionale Einfärbung. Nehmen Sie die "Tatorte", die auch deshalb so erfolgreich sind, weil dort die föderale Vielfalt zum Tragen kommt.

 

Ist die ARD 70 Jahre nach ihrer Gründung noch zeitgemäß?

 

Eicher: Die Idee arbeitsteiliger Rundfunkorganisation in einem föderalen Verbund halte ich für aktueller denn je. Auf Anstaltsegoismen, überbordende "Kommissionitis" und zu viel Beschäftigung mit sich selbst könnte man allerdings gut verzichten. Es wird zu den Überlebensfragen dieses Systems gehören, in welchem Verhältnis es gelingt, die Stärken zu betonen und die Schwächen abzustellen.

 

Wenn Sie Intendant des SWR wären: Was würden Sie gerne bei Ihrem Sender noch einführen, bevor Sie sich in den Ruhestand verabschieden?

 

Eicher: Einer persönlichen Neigung folgend würde ich gern eine Weinsendung einführen. Der Wein ist in meinen Augen ein Thema, das immer mehr auch junge Leute interessiert. Im Sendegebiet des SWR gibt es neun von 13 Anbaugebieten in Deutschland - das wäre ein regionaler Farbtupfer von nationalem Wert, der auch dem Grundgedanken der föderalen Vielfalt der ARD entspricht. Wein hat viel mit Lebensgefühl, Heimat und Kultur zu tun.

 

Allerdings gibt es hier wie bei den Kochsendungen ein Problem: Man kann im Fernsehen nicht schmecken.

 

Eicher: Wir überlegen gerade, wie wir einen Trend aufgreifen können: In Corona-Zeiten verschicken die Winzer Weinpakete und machen Weinproben im Streaming, so dass man zu Hause mitprobieren kann. Für uns ist das nicht so einfach, weil sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk da auf ein Feld der kommerziellen Aktivitäten begeben würde. Aber da ließen sich sicher Möglichkeiten finden und Nachdenken muss erlaubt sein.

 

Bietet sich da nicht ein Wein-Podcast an?

 

Eicher: Ich würde mich da nicht auf einen Verbreitungsweg festlegen wollen. Man muss herausfinden, auf welchem Weg finden wir die Zielgruppe, die mit der Thematik eng verbunden ist. Das ist im Übrigen ein Prinzip, das wir inzwischen auf sämtliche Angebote des SWR übertragen: Wir prüfen unser gesamtes Angebot darauf, welchen Inhalt wir brauchen, auf welchen Inhalt wir möglicherweise verzichten können und welcher Inhalt auf welchem Verbreitungsweg für welche Zielgruppe aufbereitet werden muss. Es führt kein Weg daran vorbei, noch einmal das ganze Angebot zu durchforsten. Das ist anstrengend, aber unser Intendant Kai Gniffke hat da viel Dynamik entfacht und ich bedauere ein wenig, dass ich den Erfolg dieser Strategie nur noch von der Seitenlinie aus erleben werde.

 

Sie sind seit 31 Jahren beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie haben in der Zeit einiges miterlebt, auch die Fusion von SDR und SWF zum SWR Ende der 90er Jahre. Was war die medienpolitisch aufregendste Zeit?

 

Eicher: Das war in der Tat die Fusionsphase. 1995 habe ich zusammen mit dem damaligen Intendanten des Südwestfunks, Peter Voß, an dem Konzept für die Fusion geschrieben und ich konnte meine Erfahrungen einbringen, die ich bereits 1989/90 als junger Referent in der Intendanz des Südwestfunks sammeln konnte. Damals hatte Lothar Späth als Ministerpräsident Baden-Württembergs versucht, eine Fusion hinzukriegen, und diese Aufgabe der Unternehmensberatung McKinsey übertragen. McKinsey hatte die Aufgabe allein unter ökonomischen Gesichtspunkten gesehen und es kam zu einem jähen Ende, weil bei den Einspareffekten eine Jahreszahl miteingerechnet worden war. 1998 haben wir daher sehr darauf geachtet, langjährige Traditionen im Südwesten zu wahren, auch wenn dabei ein Sender entstanden ist, der nicht überall gerade einfachste Strukturen hat.

 

Der 31. August ist Ihr letzter Arbeitstag, Ihre Nachfolge ist bereits geregelt. Der SWR geht hier mit einem sehr fortschrittlichen Modell voran: Zwei Frauen werden sich in Zukunft Ihre Stelle teilen, Teilzeit und Job-Sharing in einer Führungsposition.

 

Eicher: Ich halte solche Arbeitszeitmodelle für längst überfällig. Die beiden sind die ersten beiden Direktorinnen im ARD-Verbund, die sich eine solche Top-Managementposition teilen. Ich bin froh, dass der Intendant die Idee sofort aufgegriffen hat. Er kann sich sicher sein, dass sich die zwei sehr kompetenten und sympathischen Kolleginnen Alexandra Köth und Katrin Neukamm mit diesem Arbeitszeitmodell voll in den SWR einbringen werden.

 

Das Modell hat sehr viele Vorteile: Die beiden Frauen bringen unterschiedliche Fachexpertisen ein und ergänzen sich perfekt. Die eine ist erfahren in ARD-Angelegenheiten, die andere kennt den SWR aus dem Effeff. Sie arbeiten im Team und können gegenseitig Sparringspartnerin sein. Nicht zu vergessen: Wird eine Kollegin krank, ist die andere da. Das kann eine Person allein gar nicht leisten - zwei sind also klar stärker als einer und das ist ausdrücklich kein Understatement.

 

Was machen Sie am 1. September?

 

Eicher: Vormittags treibe ich meine Planungen für eine Wanderung auf einen der höchsten Wallfahrtsorte Europas, das Latzfonser Kreuz, voran und nachmittags spreche ich mit dem Inhaber einer Mainzer Medienagentur über weitere Einzelheiten einer möglichen juristischen Zuarbeit auf einigen Feldern. Das könnte sinnbildlich auch der Mix für meine "Nach-SWR-Zeit" sein. Klar ist aber heute schon, die vielen, tollen SWR-Kolleginnen und Kollegen werde ich total vermissen.

 

"Ich kann mich an keine Rundfunkgebührenerhöhung erinnern, die nicht im Vorfeld erhebliche Diskussionen ausgelöst hätte."

 

"Die ARD-Audiothek zeigt, wo der Weg hingehen muss: zu einer Konzentration bei Erhalt der Vielfalt in der ARD."

 

"Die Idee arbeitsteiliger Rundfunkorganisation in einem föderalen Verbund halte ich für aktueller denn je."

 

"Wir haben wir bei der Fusion sehr darauf geachtet, langjährige Traditionen im Südwesten zu wahren."

 

Aus epd medien 28/20 vom 10. Juli 2020