"Es ist euer Medium"

Ein epd-Gespräch mit dem Dokumentarfilmer Thomas Frickel

Vor 40 Jahren wurde die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) als medienpolitische Interessenvertretung von Dokumentarfilmern gegründet. Aus diesem Anlass findet am 27. Februar während der Berlinale ein Festakt statt. Der Dokumentarfilmer Thomas Frickel (65), der seit 1986 Vorsitzender und Geschäftsführer der AG Dok ist, wird sich Ende Februar aus der aktiven Vereinsführung verabschieden. Andrea Wenzek sprach mit Frickel über die Arbeitsbedingungen in der Branche und das Verhältnis zwischen dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und den Dokumentarfilmschaffenden.

epd: Der Dokumentarfilm hat bei den öffentlich-rechtlichen Sendern einen schlechten Stand. Unter den insgesamt vier dokumentarischen Genres, dazu gehören auch Dokumentationen, moderierte Dokus und Reportagen, macht der Dokumentarfilm gerade einmal vier Prozent aus.

Thomas Frickel: Wenn wir vom langen Dokumentarfilm sprechen, den der frühere Programmdirektor des SWR, Christoph Hauser, einmal die "Königsdisziplin" genannt hat, dann stimmt das leider. Der Medienjournalist Fritz Wolf hat das in seiner von der AG Dok in Auftrag gegebenen Studie "Deutschland - Doku-Land" festgestellt. Lange Dokumentarfilme werden von den Sendern auch nur in wenigen Ausnahmefällen voll finanziert. Ein solcher Fall ist der jährliche Wettbewerb "Top of the Docs" der ARD - da kann man eine voll finanzierte neue Produktion gewinnen. Das ist die Umkehrung dessen, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen eigentlich machen muss. Es ist der Job der Redakteure, Projektideen zu sichten und anschließend Aufträge zu vergeben. Stattdessen schicken die Sender meist unabhängige Produzenten los, um bei der Kinofilm-Förderung zusätzliches Geld einzusammeln. ARD und ZDF kommen ja nicht direkt an diese Gelder ran. Was den Stellenwert des Dokumentarischen im Deutschen Fernsehen angeht, müsste das Genre eigentlich viel weiter oben rangieren. Das betont auch die Politik, sei es der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert - oder Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Kritiker sagen, dass sich die Sender bei diesem Finanzierungsmodell bei den regionalen Filmfördergesellschaften selbst bedienen würden. Vertreter der Anstalten sind sogar Entscheider in den Gremien. Ist das nicht absurd?

Frickel: Diese Einflussnahme haben sich die Anstalten mit dem Geld erkauft, mit dem sie die regionalen Förderer mitfinanzieren. Sie verbinden es deshalb mit der Auflage, mitzuentscheiden. Oft sind das ja Leute, die durchaus etwas vom Fach verstehen, aber das Verwertungsinteresse der Sender steht dabei natürlich immer im Hintergrund. Trotzdem würde ich nie sagen, Fernsehen ist Teufelswerk. Fakt ist aber, dass viele deutsche Kino-Dokumentarfilme in Wahrheit verkappte Fernsehproduktionen sind. Und im Kino haben diese Filme oft kaum eine Chance, ausreichend Besucher zu finden. Man kann sagen: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland vernachlässigt seinen Auftrag. Wir haben vor zwei Jahren ein verfassungsrechtliches Gutachten dazu in Auftrag gegeben, und der Gutachter, Professor Hubertus Gersdorf, empfiehlt, dass die Politik den Sendern im Interesse der Vielfalt vorgeben sollte, sich stärker in bestimmten Bereichen zu engagieren, auch zur Hauptsendezeit. Das ist verfassungsrechtlich möglich.

Die Sender rechtfertigen diese Politik mit den Programmangeboten von Arte und 3sat. Da gebe es genug Dokumentarfilme. Was kann man dem entgegensetzen?

Frickel: Im Grunde genommen fordert der Programmauftrag, allen Gruppen in der Gesellschaft etwas anzubieten, denn es müssen ja auch alle dafür bezahlen. Das ist nicht dadurch erfüllt, dass bestimmte Sendungen in entlegenen Kanälen und zu absurden Sendezeiten versteckt werden. Die Idee des Vollprogramms ist vielmehr, dass es eine Mischung zwischen Populärem - also durchaus auch Sportübertragungen -, Unterhaltungsangeboten und Anspruchsvollem gibt. Deshalb denke ich, dass es durchaus vertretbar ist, Dokumentarfilme zur Hauptsendezeit zu zeigen. Die Programmverantwortlichen tun aber immer so, als ob das ein Risiko wäre. Einmal abgesehen davon, dass ein beitragsfinanziertes Fernsehen überhaupt kein finanzielles Risiko eingeht, zitiere ich in diesem Zusammenhang gerne ein altes, typisches Beispiel. Der Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore wurde nicht von der ARD-Tochter Degeto, sondern von ProSieben gekauft. Und ProSieben hat den Film an einem Samstagabend um 20.15 Uhr ausgestrahlt - das war kurz vor der Wiederwahl von George W. Bush. An diesem Abend war ProSieben der Marktführer. Ähnliches passierte mit "Eine unbequeme Wahrheit", über den Kampf Al Gores gegen die Klimaerwärmung. So was müsste sich die ARD mal trauen!

Ausnahmen bilden Dokumentationen wie "Hunger!" und "Durst!" von Claus Kleber, die 2014 vom ZDF zur Primetime gezeigt wurden.

Frickel: Das sind aber keine Dokumentarfilme, sondern gut gemeinte Formate, die nach folgendem System funktionieren: Wir denken uns die Welt zurecht, und dann schicken wir ein Team raus, das die Bilder liefern soll. Während der Dokumentarfilm mit unverstelltem Blick an die Wirklichkeit herangeht und für Überraschungen offen ist. Denn was man im Vorfeld ausformuliert und bei der Förderung oder beim Sender beantragt, kann später eine ganz andere Wendung nehmen. Die Wirklichkeit ist nun mal manchmal überraschend. Das passt aber nicht ins System.

Dokumentarfilme gelten als Quotenkiller. Allerdings kann man sie über die Mediatheken sehen.

Frickel: Die Filme müssen ja erst einmal bekannt sein. Sie werden aber nicht ausreichend beworben. Es ist so, dass die Produktions- und auch die Werbebudgets noch an den Sendeplätzen orientiert sind. Für die Produktionen von "TerraX" steht beim ZDF ein ungleich größeres Budget zur Verfügung als für ein Drittes Programm oder 3sat. Deshalb kann man nicht sagen, Dokumentarfilme sind in der Mediathek gut aufgehoben. Für den PR-Apparat der Sender liegt der Fokus auf der Primetime. Paul Kirchhof, der mit seinem Gutachten die Rundfunkabgabe der Bürgerinnen und Bürger auf Haushaltsbasis vorbereitet hat, kommt es aber auf die Vielfalt an, um den unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft ein Angebot zu machen. Dazu gehört, dass man sie entsprechend sichtbar macht. Das würde in den heutigen Fake-News-Zeiten die Demokratie stärken!

Die Zuschauer von Dokumentarfilmen werden als Nischenpublikum betrachtet. Trotzdem habe ich beobachtet, dass in den Mediatheken Dokuformate durchaus prominent beworben werden. Sind die Zugriffsdaten transparent? So wäre doch feststellbar, dass bei entsprechender Werbung die Nutzung von Dokformaten höher ausfällt.

Frickel: Die Sendervertreter behaupten immer wieder, dass sie den Nutzungsumfang in der Mediathek nicht kennen. Das ist eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen. Mir kann niemand erzählen, dass die Sender nicht ihre Zugriffe zählen. Es ist ein ganz einfaches Tool, die sind ja nicht von vorgestern.

Vielleicht gibt es ein bestimmtes Interesse, dass die Zugriffsdaten nicht öffentlich werden?

Frickel: Das kann ich mir im Hinblick auf die aktuellen Vergütungsverhandlungen sehr gut vorstellen, weil die Urheber dann zu Recht sagen, jetzt wollen wir was von dem erweiterten Nutzungsumfang abhaben. Die Sender lehnen das nach wie vor ab und meinen: Das, was wir im Internet an Zuschauern dazugewinnen, verlieren wir im linearen Fernsehen. Das stimmt natürlich nicht, das Angebot im Internet generiert zusätzliche Zuschauerschichten.

Schränken die Redaktionen die Themenfelder für Dokumentarfilme ein?

Frickel: Das thematische Spektrum ist immer noch ziemlich groß. Ein größeres Problem ist, dass bestimmte künstlerische Ansätze nur noch wenig Chancen haben. Es macht die Redaktionen nervös, wenn die Szenen zu lang sind und Zusammenhänge nicht noch einmal aus dem Off erklärt werden. Das sind typische Konflikte, die bei der Fertigstellung der Filme entstehen. Allerdings haben viele Produzenten und Filmemacher mittlerweile leider internalisiert, was das Fernsehen von ihnen erwartet.

Die AG Dok hat 2012 eine Studie zur Arbeits- und Einkommenssituation von Dokumentarfilmschaffenden vorgelegt. Sie haben einen schlechten Stand.

Frickel: Dokumentarfilmschaffende sind die Parias der Medienbranche, wenn man ihre Honorare mit denen der Spielfilmregisseure vergleicht. Auch alle anderen Gewerke sind besser gestellt als wir. Es hängt sicherlich damit zusammen, dass die meisten von uns sowohl Autoren und Regisseure als auch Produzenten sind. Bei einer Mischkalkulation ging das früher auf, man erhielt zusätzlich etwas für die Produktion und fürs eigene Equipment. Das hat sich in den letzten 20 Jahren stark verschoben, denn heute werden die Filme nicht mehr voll finanziert. Heute ist es wirklich sehr schwer, mit Dokumentarfilmproduktionen ökonomisch zu überleben. Die Studie haben wir für die derzeitigen Verhandlungen aktualisiert.

Wir fordern, das Gagensystem umzustellen, denn wir werden nach Pauschalen vergütet, in denen weder Arbeitszeit noch Nutzungsumfang definiert ist. Man erhält ein Honorar für das Werkstück, das man abliefert. Wenn man allerdings den zeitlichen Aufwand für Recherche, Projektentwicklung, Dreh und die Postproduktion aufdröselt und dies in Relation zur Vergütung setzt, kommt man auf Tagessätze von 150 bis 200 Euro. Jemand, der die Gesamtverantwortung für ein Projekt trägt, müsste eigentlich mehr verdienen als ein Kameramann mit einer Tarifgage von etwa 500 bis 600 Euro pro Tag. Fast alle Gagen der Filmschaffenden sind tariflich geregelt, nur unsere nicht. Dabei fordern die Rundfunkstaatsverträge die Sender dazu auf, mit den Kreativen angemessene Vergütungen zu vereinbaren und faire Verträge mit den Produzenten abzuschließen. Was uns bezahlt wird, ist von wirklicher "Angemessenheit" noch meilenweit entfernt.

Während der Berlinale feiert die AG Dok ihr 40-jähriges Bestehen. Gab es eine Initialzündung für die Gründung der Arbeitsgemeinschaft?

Frickel: Es ging damals nicht nur um unser Verhältnis zum Fernsehen - da gab es auch die nichtkommerzielle Szene, die mit ihren rasselnden 16-Millimeter-Projektoren auch politische Arbeit gemacht hat. Die damals noch junge Duisburger Filmwoche und die Kurzfilmtage Oberhausen waren damals Kulminationspunkte der Dokumentarfilmszene im Westen. Dort sahen wir dann bis zu 55 Minuten lange Dokumentarfilme, die für die Dritten Programme gemacht worden sind. Die Filme waren politisch und programmatisch, wie etwa der Titel "Rote Fahnen sieht man besser" von Rolf Schübel. Das Bundesarchiv hat viele Jahre später dann mal eine Retrospektive unter dem Titel "Rote Filme sieht man besser" gemacht.

Damals kam auch die Frauen-Filmbewegung auf, vertreten durch Namen wie Helke Sander, Claudia von Alemann und viele andere. Bei solchen Veranstaltungen kristallisierte sich heraus, dass die Szene sich organisieren muss. Es gab damals erst zaghafte Anfänge einer selbstverwalteten Filmförderung in Hamburg und das Kuratorium Junger Deutscher Film - ansonsten gab es nur die zentrale bundesweite Filmförderungsanstalt. Und die hatte mit dem Dokumentarfilm damals überhaupt nichts am Hut.

Jenseits des Politischen, was macht einen guten Dokumentarfilmer heute aus?

Frickel: Was geblieben ist, ist seine Haltung. Die Regisseurinnen und Regisseure sollten dem Menschen zugewandte Filme machen. Dazu gehört auch eine gewisse soziale Kompetenz. Wir müssen mit den Protagonisten so umgehen können, dass sie sich öffnen, und wir sollten ihr Vertrauen nicht missbrauchen. Es gehört natürlich auch das handwerkliche Können dazu - also dass man Wert auf die Bilder legt und nicht nur auf die politische Aussage. Ich denke, dieser handwerkliche Aspekt hat sich enorm weiterentwickelt. Heute gibt es viele Möglichkeiten zur Ausbildung, bei unserer Gründung gab es nur zwei Filmhochschulen in Westdeutschland und einige wenige Kunsthochschulen.

Das Fernsehen ruht sich heute auf seinen ausgeprägt formatierten Dokumentationen und Reportagen aus. Der Dokumentarfilm hat dagegen einen wesentlich höheren künstlerischen Anspruch. Wie stark war die Präsenz des Dokumentarfilms im Fernsehen jener Zeit im Vergleich zu heute?

Frickel: Anspruchsvolle Filme wie von Eberhard Fechner wurden im Hauptprogramm der ARD gezeigt. Erst in den letzten 20 bis 30 Jahren haben Technokraten, Juristen und Buchhalter die Macht in den Sendern übernommen. Die Einschaltquote, habe ich mal gesagt, wird allmorgendlich wie eine Monstranz durch die Funkhäuser getragen. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, aber das sind dann einzelne Leuchttürme, an der Gesamtsituation ändert das wenig. So ein "Tatort" kostet mindestens 1,2 bis 1,5 Millionen Euro - die werden voll bezahlt. Und von den 120.000 bis 300.000 Euro Produktionskosten eines langen Dokumentarfilms kriegt man vom Sender in der Regel weniger als 50 Prozent, manchmal aber auch nur zehn Prozent.

Sie waren 34 Jahre lang Geschäftsführer der AG Dok und werden beim Festakt zum Jubiläum offiziell verabschiedet. Welche Erfolge konnte die Arbeitsgemeinschaft in Ihrer Amtszeit verzeichnen?

Frickel: Ein paar Beispiele: Wir haben uns Sitze in den Aufsichtsgremien der Verwertungsgesellschaften VG Wort, VFF und VG Bild-Kunst erstritten, in der letztgenannten stellt die AG Dok mit Cay Wesnigk den Berufsgruppenvorsitzenden im Filmbereich. Außerdem wurden wir nach langen Bemühungen 1998 in den Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt aufgenommen, dort war ich in den letzten drei Jahren als gemeinsamer Vertreter der Kreativgruppe auch im Präsidium. Wir sind Gesellschafter von German Films, nach neunjähriger Auseinandersetzung mit dem Vorgänger, der Exportunion des deutschen Films. Im Reglement des Deutschen Filmpreises gibt es auf unser Betreiben hin eine spezielle Dokumentarfilm-Kategorie und drei Nominierungen für den Dokumentarfilm, wir haben gerichtlich erstritten, dass der deutsche Dokumentarfilm mit einem eigenen Messestand auf dem europäischen Filmmarkt der Berlinale präsent ist ...

Was steht als Nächstes für die AG Dok an?

Frickel: Wir denken schon seit Jahren darüber nach, das Modell der Haushaltsabgabe nicht nur den Sendern zu überlassen. Es wurde sogar gutachterlich festgestellt, dass man öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht automatisch mit ARD und ZDF buchstabieren muss. Bereits 2011 haben wir ein neues Modell der Umverteilung vorgestellt, dem zufolge ein Teil der Haushaltsabgabe über pluralistisch besetzte Vergabegremien direkt für Internetprojekte abgezweigt werden sollte - unabhängig und doch unter der Kontrolle der Öffentlichkeit. Damit könnten vielfaltsichernde Angebote finanziert werden - beileibe nicht nur Dokumentarfilme, sondern auch Blogs, Podcasts, Plattformen wie Wikipedia, auch künstlerische und ästhetische Ansätze, kurz: vieles, was im Internet öffentlich-rechtliche Qualität hat, aber keine öffentlichen Mittel bekommt. Der Vorteil eines solchen Modells wäre, dass die Overhead-Kosten minimal wären. Bei ARD und ZDF geht ein großer Teil des zur Verfügung stehenden Geldes ja dafür drauf, den Apparat am Laufen zu halten und enorme Intendantenbezüge und Versorgungsleistungen abzusichern.

Möglicherweise war damals die Zeit dafür noch nicht reif. Heute erkenne ich mit Freude, dass die Idee wieder aufgegriffen wird - kürzlich zum Beispiel durch den Medienforscher Lutz Hachmeister, aber auch Tabea Rößner von den Grünen hat erst neulich wieder daran erinnert.

Das Modell zielt auf die Jugend ab, die sich von den öffentlich-rechtlichen Programmen abgewendet hat.

Frickel: Das wäre natürlich auch eine Möglichkeit, die sogenannte Netzgemeinde für den Grundgedanken eines öffentlich finanzierten Rundfunksystems zurückzugewinnen. Indem man ihnen einfach sagt: Das ist euer Medium. Es ist einfach ein Bestandteil der modernen Medienpolitik, sich in diese Richtung zu orientieren.

Aus epd medien 10/20 vom 6. März 2020