"Die Mediathek bietet viele Chancen"

Ein epd-Interview mit NDR-Fernsehdirektor Frank Beckmann

20 Millionen Euro für neue Serien, die ihre Premiere in der ARD-Mediathek haben werden - diese Ankündigung des Senderverbunds ließ zu Beginn des Jahres aufhorchen (epd 7/20). Im September startete dann die "Serienoffensive": Den Auftakt machte "Oktoberfest 1900", es folgten die Neuauflage von "Pan Tau" und die dritte Staffel von "Babylon Berlin" (epd 36/20). Der NDR mit seinem Fernsehprogrammdirektor Frank Beckmann gehört zu den Initiatoren der Offensive. Mit Michael Ridder sprach der 55-Jährige über die große Konkurrenz durch Netflix und Amazon, die Notwendigkeit erzählerischer Innovationen und die Umschichtung von Finanzmitteln. Beckmann studierte Journalistik an der Universität Dortmund und arbeitete nebenher für den WDR-Hörfunk. 1990 wurde er freier Mitarbeiter der "Heute"-Redaktion im ZDF, 1991 wechselte er in die "Logo"-Redaktion des Senders. Ab 1998 arbeitete Beckmann beim Kinderkanal in Erfurt, zunächst als Redaktionsleiter der Eigenproduktion, ab Juli 2000 als Programmgeschäftsführer. Seit November 2008 ist Beckmann Programmdirektor Fernsehen im NDR. Zusätzlich hat er seit Ende 2010 das Amt des ARD-Vorabendkoordinators inne.

epd: Herr Beckmann, welche Netflix-Serie finden Sie so gut, dass Sie sie gerne selbst für die ARD-Mediathek produziert hätten?

Beckmann: Den "Tatortreiniger". Die Serie hat der NDR gern produziert, sie lief auf Netflix. (lacht) Die Vorlage war jetzt zu leicht. Im Ernst: Serien, die mich faszinieren, gibt es sicher auch bei Netflix und Amazon. Aber eine Serie eines Wettbewerbers, die mir richtig gut gefallen hat, ist "Bad Banks" vom ZDF. Mit "Unorthodox" hat Netflix kürzlich bei den Emmys verdientermaßen gewonnen - übrigens alles Studio-Hamburg-Produktionen. Insofern dürfen wir uns etwas mit unserer Produktionstochter mitfreuen.

Was ist derzeit die meistabgerufene Serie in der ARD-Mediathek?

Beckmann: Aktuell liefert "Babylon Berlin" beeindruckende Zahlen. Aber über das gesamte Jahr gesehen erzielt "Sturm der Liebe" die höchsten Abrufe. Das hängt zum einen natürlich mit der Vielzahl verfügbarer Folgen bei diesem täglichen Format zusammen. Es zeigt aber auch, dass sich die Sehgewohnheiten ändern. Denn "Sturm der Liebe" hat ja eine etwas ältere Zielgruppe. Und auch in dieser schauen immer mehr in der Mediathek - wir reden im Moment von rund zehn Prozent der Gesamtnutzung mit steigender Tendenz. Der Trend geht also auch bei älteren Zielgruppen eindeutig in Richtung nichtlinearer Nutzung.

Was läuft sonst besonders gut in der Mediathek?

Beckmann: Reihen sind in der ARD-Mediathek besonders erfolgreich, zum Beispiel der "Tatort". Anders als die großen Streamingdienste haben wir weniger Miniserien im Portfolio. Aber da steuern wir gerade um. Die Mediathek soll nicht nur eine Nachnutzung unseres linearen Programms unter dem Label "Sendung verpasst" sein. Wir wollen dort verstärkt Inhalte anbieten, die im linearen Programm nicht zwingend erfolgreich wären, und so auch jüngere Zielgruppen ansprechen. Dazu bietet die Mediathek viele Chancen: Anders als im linearen Programm gibt es hier kein Programmschema, und deshalb müssen wir hier auch nicht die mit einem Schema immer verknüpften Erwartungshaltungen erfüllen. Das ermöglicht Freiräume und hilft uns dabei, neue Zielgruppen zu erschließen.

Zielgruppen, die auch Netflix anspricht?

Beckmann: Ja! Nennen Sie mir mal eine tolle Netflix-Serie, die in einem linearen Hauptprogramm funktioniert hätte. Da werden Sie lange suchen müssen. Die Art des Erzählens ist bei einem Streamingdienst nicht darauf ausgelegt, in einem bundesweiten linearen Konkurrenzumfeld zu bestehen. Es geht eher darum, einen bestimmten Gesprächswert zu schaffen und Zielgruppen zu binden. An diesem Punkt müssen wir nachlegen - deswegen die Serienoffensive der ARD.

Guckt man in die neuen NDR-Produktionen hinein, ist man erstaunt, wie experimentell da manches wirkt, zum Beispiel bei der Serie die "Die Erben der Nacht", die Sie gemeinsam mit öffentlich-rechtlichen Sendern aus Norwegen und den Niederlanden produziert haben. International läuft diese Art Fantasy für Kinder und Jugendliche sehr gut. Es ist toll, dass der NDR jetzt auch so etwas macht, aber viele fragen sich: Warum kommt diese Reaktion so spät?

Beckmann: Dieser Vorwurf wird gern bei jeder Veränderung geäußert. Aber der Zeitpunkt muss einfach stimmen. Wir können jetzt dank der gemeinsamen ARD-Mediathek die Inhalte aller Landesrundfunkanstalten gebündelt und übersichtlich präsentieren - auf einer ansprechenden und modernen Plattform. Zum anderen hilft auch unser aktueller linearer Erfolg. Im August waren das ZDF, Das Erste und der NDR im Norden bei den Marktanteilen auf Platz eins, zwei und drei. Diese Stärke im klassischen Geschäft gibt uns die Chance, im digitalen Bereich mehr ins Risiko zu gehen. Denn dazu braucht man Geld, das man - und das gehört zur Wahrheit dazu - aus dem linearen Programm herausnimmt und es in neue Farben investiert. Das machen wir in der ARD mit der Serienoffensive in erheblichem Maße, und das hat durchaus den Applaus der Mediendienste verdient.

Den Applaus kriegen Sie doch, allein schon durch die hohe Wahrnehmung. Selbst Portale, die traditionell eher privaten Produktionen zugetan sind, berichten intensiv über die ARD-Serienoffensive. Dennoch die Frage: Warum erst jetzt?

Beckmann: Weil nicht nur der Zeitpunkt stimmen muss, sondern gute Serien auch Zeit brauchen: Sie haben "Die Erben der Nacht" angesprochen. Da haben wir nicht erst jetzt mit der Konzeption begonnen, sondern die Serie hat eine Vorlaufzeit von mehr als fünf Jahren. Außerdem fangen wir nicht bei null an. Wir haben als NDR zum Beispiel Anfang 2016 "Die Stadt und die Macht" entwickelt, im Grunde eine Miniserie, die wir als Mehrteiler getarnt haben, weil wir diese Form des Erzählens in der ARD ausprobieren wollten. Das war nicht übermäßig erfolgreich, aber es war vor fünf Jahren ein Schritt in die richtige Richtung. Mit dem Til-Schweiger-"Tatort" haben wir versucht, Akzente beim Thema Action zu setzen, das in der ARD völlig unterrepräsentiert ist, aber bei Streamingdiensten einen extrem hohen Stellenwert hat. Und auch hier zeigt sich: Erfolg im linearen Fernsehen ist sehr von Sehgewohnheiten geprägt, die schwer zu durchbrechen sind. Aber genau das müssen wir tun!

Stehen wirkliche alle ARD-Anstalten hinter der Serienoffensive?

Beckmann: Ja. Vor gut einem Jahr haben WDR und NDR den ersten Aufschlag gemacht und gesagt, wir wollen 20 Millionen Euro in neue Serien für die Mediathek investieren. Interessanterweise gab es schnell große Zustimmung, weil alle Häuser ähnlich dachten und zum Teil auch an ähnlichen Projekten arbeiteten. Daher bin ich auch sicher, dass dies nur der Anfang ist und wir diese Offensive noch ausbauen werden, angesichts der sich weiter verändernden Sehgewohnheiten sogar ausbauen müssen.

Das wird ja auch von neuen Daten aus der Medienforschung bestätigt. 14- bis 29-Jährige verbringen viel Zeit mit Bewegtbild, aber eben zu drei Vierteln bei Streamingdiensten und Videoportalen. Muss so etwas wie "Die Erben der Nacht" öfter kommen, um diese Zielgruppe an das öffentlich-rechtliche Angebot heranzuführen?

Beckmann: "Erben der Nacht" ist für mich beispielgebend. Erst mal mag ich es als ehemaliger Kika-Programmchef, wenn bei Programmen für Kinder und Jugendliche Geld in die Hand genommen wird und eine solche Hochwertigkeit entsteht. Zweitens mag ich es auch, wenn wir Geschichten erzählen, die sich nicht in reinen Kinderthemen erschöpfen, sondern auch Jugendliche ansprechen und dabei Genres bedienen, die eher unterrepräsentiert sind. "Erben der Nacht" ist eine echte Mystery-Serie. Der dritte Aspekt ist die Internationalität. Wir haben uns hier Partner gesucht, die ähnlich denken wie wir und genau wie wir den globalen Streaminganbietern etwas entgegensetzen wollen. Gemeinsam können wir Budgets stemmen für Produktionen, die international mithalten können und die ein Sender allein nur noch selten finanzieren kann.

Sprechen wir noch einmal genauer über das Thema Geld. 20 Millionen Euro sind zunächst eingeplant. Können Sie sagen, wieviel der NDR dazu beiträgt?

Beckmann: Es wird ja noch mehr, und die Abgrenzung ist zunehmend schwer. Denn wir senden vieles linear, stellen es im Vorfeld aber schon online. Nehmen Sie zum Beispiel "Das Geheimnis des Totenwalds" - ein Dreiteiler, der eigentlich fürs Fernsehen produziert ist. Wir werden ihn aber vorher online stellen und somit geringere Zuschauerzahlen bei der linearen Ausstrahlung bewusst in Kauf nehmen. "Das Geheimnis des Totenwalds" ist zur Stärkung der Mediathek gedacht - das Budget muss entsprechend zugeordnet werden. Am Ende wird man immer weniger trennen können, welche Mittel in die Mediathek und welche ins lineare Fernsehen fließen.

Es sind doch aber zunächst mal Anfangsinvestments nötig, wenn man am Beginn eines solchen Prozesses steht. Und das in einer Zeit, wo alle ARD-Sender sparen müssen, auch der NDR. An welcher Stelle werden Sie denn umschichten, um das zu finanzieren?

Beckmann: Wir haben zwei Aufgaben. Wir müssen die Sparvorgaben erfüllen, beim NDR sind es 300 Millionen Euro in der kommenden Beitragsperiode. Das ist eine echte Anstrengung für den Sender, und da müssen wir Prioritäten setzen. Eine Priorität ist in der Tat, uns fit zu machen für die Mediathek, fit zu machen für das digitale Geschäft insgesamt, auch im Bereich der Information. Es wäre zu kurz gedacht, wenn man die Transformation nur auf einen Bereich bezieht. Klar ist aber, dass vor allem die Fiktion die Aufgabe hat, neue Zielgruppen für uns zu erschließen, die derzeit gerne Streamingdienste abonnieren. Neben den Einsparungen müssen wir beim NDR also noch weitere Umschichtungsmaßnahmen vornehmen, um am Ende solche Serien herstellen zu können. Das ist zuweilen schmerzlich. Aber es entfaltet sich auch viel Kreativität, wir entwickeln ganz neue Ansätze. Die Startseite der Mediathek soll die neue Primetime werden - das ist das, was wir uns vorstellen.

Noch einmal gefragt: Wo genau wollen Sie das Geld abziehen?

Beckmann: Das NDR Fernsehen steht im Moment sehr gut da, wir liegen bei acht Prozent Marktanteil im Norden und sind das reichweitenstärkste Dritte in Deutschland. Der Erfolg schafft Spielraum für Umschichtungen. Das werden wir jetzt auch tun. Es geht darum, die Innovationen beim seriellen Erzählen fortzusetzen. Hinzu kommen Partner aus anderen Ländern, die jeweils auch auf Medienförderungen zurückgreifen können. So hat man am Ende viel mehr Mittel für eine Produktion, als wenn man das alleine macht.

Wir haben jetzt über Serien gesprochen und auch über Fiktion insgesamt. Dreht sich die Fernsehfiktion weiter in Richtung der seriellen Formate? Man sagt dem 90-Minüter ja nach, in einer ziemlichen Krise zu sein.

Beckmann: Ich würde da keine Schwarz-Weiß-Betrachtung vornehmen und sagen, es wird nur noch das eine geben und das andere nicht. Was ich sehe, ist die größere Freiheit, die wir in Zukunft haben werden. Wenn wir Geschichten immer nur in 90 Minuten erzählen, haben wir geringere dramaturgische Möglichkeiten und erzählen letztlich auch sehr schematisch. Aus diesem Korsett auszubrechen, ist etwas Positives. Der "Tatort" wiederum wird immer 90 Minuten lang sein, und er wird weiter Bedeutung haben, weil er eines der letzten Lagerfeuer ist. Es drängen immer mehr Streamingdienste auf den Markt, aus beruflichen Gründen habe ich die auch alle abonniert. Meine Erfahrung: Am Ende haben Sie keinen Durchblick mehr, was sie jetzt alles noch gucken wollen und müssen, und wenden sich von der Fülle ab. Da setze ich auf die Kraft der Öffentlich-Rechtlichen, mit dem Linearen ein Stück Lagerfeuer herzustellen. Der 90-Minüter wird also seinen Platz behalten, aber es ist eben nur ein Platz und nicht mehr das Ziel für alle.

Blicken wir am Ende noch auf den ARD-Vorabend, den Sie im Senderverbund koordinieren. Sie machen das schon eine ganze Weile. Was hat sich da aus Ihrer Sicht bei den Publikumserwartungen und Sehgewohnheiten verändert über die Jahre? Hat sich überhaupt viel geändert?

Beckmann: Ich bin total zufrieden mit der Entwicklung am Vorabend. Weil er werbefinanziert ist, geht es dort auch verstärkt um Reichweiten und Zuschauer. Mit den Quizsendungen haben wir ein Angebot geschaffen, das viele Menschen erreicht. Seit wir das angefangen haben, erleben wir jedes Jahr Rekordstaffeln. Der Zenit ist noch immer nicht erreicht, jede Staffel hat einen höheren Marktanteil als die zuletzt ausgestrahlte. Das ist wirklich faszinierend, und das beruhigt einen auch als Programmmacher. Außerdem haben wir uns planerisch gut mit dem Hauptabend verzahnt, so dass Shows wie "Wer weiß denn sowas?" an einem Samstag in der Primetime Marktführer werden können. Viele in Deutschland versuchen, das zu kopieren. Darauf bin ich wirklich ein bisschen stolz. Auch mit der ARD-Quiz-App und ihren über zwei Millionen registrierten Nutzerinnen und Nutzern haben wir uns Zuschauerbindung - vor allem bei den Jüngeren - erarbeitet.

Gilt das in gleichem Maße auch für die fiktionalen Programme am Vorabend?

Beckmann: Wenn auch nicht auf dem gleichen Quotenniveau ist die Entwicklung ebenfalls sehr erfreulich - "WaPo Bodensee" und die neue "WaPo Berlin" haben den Dienstag unglaublich belebt, "Hubert" ist mit und ohne Staller erfolgreich, "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte" läuft donnerstags prima und unsere NDR-Serien "Morden im Norden" und "Großstadtrevier" machen mir nicht nur am Vorabend, sondern auch im NDR Fernsehen viel Freude. Ich kann am Vorabend bei keinem einzigen Slot erkennen, dass wir schwächeln. Allerdings mussten wir in Corona-Zeiten deutlich mehr wiederholen, was sich natürlich negativ auf die Quoten auswirkt. Das gehört zur Wahrheit dazu. Ich bin aber guter Dinge, dass wir auch im nächsten Jahr am Vorabend den einen oder anderen Rekord sehen werden. Lineares Programm macht auch richtig Spaß, wenn es den Geschmack von Millionen Menschen trifft.

Der Vorabend ist also keine Experimentierfläche, wo man mal Veränderungen ausprobiert?

Beckmann: Lineares Programm ist darauf ausgerichtet, Erwartungshaltungen zu bedienen. Das gilt gerade am Vorabend mit seinen sehr geprägten Sehgewohnheiten. In der sogenannten Access Primetime kurz vor der "Tagesschau" kämpfen alle um viele Zuschauerinnen und Zuschauer. In diesem harten Wettbewerbsumfeld ist wenig Raum zum Ausprobieren. Allerdings verfügt die ARD über Dritte Programme, die ausgezeichnet als Teststrecke funktionieren. So hat der NDR zum Beispiel "Gefragt - Gejagt" gefunden. Im Vorabend wollen wir unser Programm kontinuierlich besser machen. Es geht darum, das Erfolgreiche zu optimieren - ohne die Wiedererkennbarkeit des Platzes aufzugeben. Dazu gehören auch programmplanerische Innovationen, etwa ein 90-Minuten-Film am Hauptabend, der auf eine neue Vorabendserie in der kommenden Woche hinweist und fast die Funktion eines Trailers übernimmt. Da haben wir inzwischen viele Erfahrungen gesammelt. Die Zuschauererwartung zu treffen, auf einem ständig höheren qualitativen und quantitativen Niveau - das ist das Ziel dabei.

Aus epd medien 43/20 vom 23. Oktober 2020