"Den Verantwortlichen auf den Nerv gehen"

Ein epd-Interview mit Anja Reschke

Am 4. Juni 1961 ging in der ARD das politische Magazin „Panorama“ auf Sendung. Es war nicht das erste Politikmagazin im deutschen Fernsehen, aber es ist heute das älteste. Seit 20 Jahren wird „Panorama“, das vom NDR in Hamburg redaktionell verantwortet wird, von Anja Reschke (48) moderiert. Die Journalistin und Autorin war von 2015 bis 2019 Leiterin der Abteilung Innenpolitik beim NDR. 2015 sprach sie in den „Tagesthemen“ einen vielbeachteten Kommentar zur Flüchtlingspolitik. Seit 2019 leitet Reschke den Programmbereich „Kultur und Dokumentation“ des NDR Fernsehens. Diemut Roether sprach mit ihr über „Panorama“, über kritischen Journalismus, die Wahrheit im Dokumentarfilm und die Zersplitterung der Öffentlichkeit.

Sie haben Anfang Mai an der Aktion „Journalismus macht Schule“ teilgenommen. Was wurden Sie von den Schülerinnen und Schülern am häufigsten gefragt?

Reschke: Am häufigsten wurde ich nach Hass und Hasskommentaren gefragt, danach, wie man mit Gegenwind umgeht, wie mutig man sein muss. Ob man unter Druck gesetzt wird und ob man dann Themen nicht mehr macht. Ich war per Videoschalte bei einer neunten Klasse einer reinen Mädchenschule. Ein Mädchen fragte auch danach, wie die „andere Seite“ in der Berichterstattung zum Tragen kommt, damit meinte sie Leute, die mit den Corona-Maßnahmen nicht einverstanden sind. Es ging auch um Pluralität und die Abbildung von unterschiedlichen Perspektiven.

Kannten die Schülerinnen „Panorama“?

Reschke: Sie kannten es eigentlich nicht, aber sie kannten zum Teil die Formate von Funk, also zum Beispiel „STRG_F“. Damit wollen wir ja "Panorama”-Themen, also investigativen, kritischen Journalismus, für ein jüngeres Publikum erzählen.

Welche Medien kennen und nutzen die Schülerinnen?

Reschke: Viele kannten sogar Zeitungen. Manche lesen auch die Regionalzeitungen in ihrer Gegend (Oberbayern). Ich musste den Schülerinnen nicht erklären, warum es Journalismus geben muss. Es ging ja um den Tag der Pressefreiheit. Wir haben daher darüber geredet, was es bedeutet, wenn Pressefreiheit in Gefahr ist. Ich habe noch mal betont, was für ein unheimlich hohes Gut das ist, dass du als Journalistin jeden Verantwortlichen, jeden Politiker, jeden Unternehmer in Deutschland fragen kannst, was du willst. Klar kriegst du mal Ärger, aber es drohen einem in Deutschland eben keine Repressalien, kein Gefängnis wie in vielen anderen Ländern.

Was war Ihr Eindruck: Wie ist es um die Medienkompetenz der Schülerinnen bestellt?

Reschke: Ich finde, dass die Jugendlichen um die 15 oder 16 oft viel medienkompetenter sind als viele ab Mitte 40 und älter. Die sind in der alten, nichtdigitalen Welt groß geworden. Da gilt oft alles, was gedruckt oder gesendet ist, als gesetzt. Während die Jüngeren schon gehört haben, da könnte was nicht stimmen, das ist Fake, dieses Bild ist manipuliert... Wir haben auch über Fairness im Journalismus gesprochen, dass es ein sehr wichtiger Grundsatz ist, auch die andere Seite anzuhören. Auch über Multiperspektivität und wie man es schafft, sich einem Thema objektiv zu nähern, obwohl ja jeder Journalist auch ein Mensch ist, der der Welt mit einer bestimmten Haltung begegnet.

Im vergangenen Jahr hat die Stiftervereinigung der Presse eine Umfrage in Auftrag gegeben, die einige besorgniserregende Erkenntnisse über die Medienkompetenz von Lehrern und Lehrerinnen zutage gefördert hat. So war ein Viertel der befragten Lehrkräfte der Meinung, dass das Kanzleramt jede Woche in der Bundespressekonferenz festlegt, über welche bundespolitischen Themen die Medien berichten sollen. Sie haben lange auch das Medienmagazin „Zapp“ moderiert und ein Medienmagazin leistet ja einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung von Medienkompetenz. Warum geht der NDR gerade in einer Zeit, in der wir merken, wie wichtig die Vermittlung von Medienkompetenz wäre, hin und reduziert den Rhythmus von „Zapp“ im Fernsehen? Das Magazin, das früher jede Woche ausgestrahlt wurde, wird jetzt nur noch alle drei Wochen im NDR gezeigt.

Reschke: Tja, da rennen Sie bei mir offene Türen ein. Ich habe mich erwartungsgemäß für „Zapp“ starkgemacht. Ich habe die Sendung lange moderiert und hänge sehr an dem Format, ich halte es für sehr wichtig und einzigartig. Die Schlagzahl im linearen Fernsehen wurde reduziert, das ist für so ein Magazin nicht leicht, das ist wahr. Aber der Gedanke war, ob es nicht eine bessere, stärkere Verankerung im Digitalen finden kann. In der Zukunft kann ich mir das vorstellen, aber noch ist das Fernsehen halt eine Welt, die zählt. Sogar Youtuber kann man manchmal noch damit beeindrucken, wenn das „alte” Fernsehen kommt. Ich habe also dafür argumentiert, “Zapp„ auch im Linearen stark zu halten. Ich finde, die Marke muss gestärkt und ausgebaut werden. Aber der NDR musste sparen. Und da hat es eben auch das lineare “Zapp" getroffen.

Für mich liegt der Unterschied zwischen dem Linearen und dem Nicht-Linearen auch darin, dass ich im Fernsehen auch mal zufällig in so ein Magazin reinzappe - das sagt ja schon der Titel -, während ich es im Internet nur finde, wenn ich gezielt danach suche.

Reschke: Wir versuchen, Themen so zu gestalten, dass wir sie möglichst breit ausspielen können, dass sie in einem Tweet bei Twitter vorkommen oder in einer Story bei Instagram. Wir versuchen, die Themen kanalgerecht dort zu platzieren, wo viele Leute unterwegs sind. Aber man darf sich nicht in die Tasche lügen: Wenn man auch im Nonlinearen Reichweite erzielen und gesehen und gehört werden will, muss man da Power reinlegen. Das funktioniert nicht nebenbei, das kostet Geld und Personal. Und ich bin mir nicht sicher, ob das alle in den Führungsebenen schon verinnerlicht haben. Die sozialen Netzwerke sind keine Nebenbeimedien, die musst du genauso ernst nehmen wie ein lineares Fernsehprogramm. Da würde auch niemand sagen, jetzt mach ich mal nebenbei eine Sendung, ohne zu überlegen, wie ein Vorspann sein muss oder wer der Moderator ist. Im Internet ist die Konkurrenz noch viel größer als im linearen Fernsehen. Wenn man da erfolgreich sein will, muss man richtig investieren.

Ein ähnliches Schicksal ist ja auch dem „Bücherjournal“ im NDR widerfahren. Die Sendung wurde eingestellt, stattdessen soll es jetzt mehr digitale Formate geben. Wäre es nicht sinnvoller, solche Sendungen im Fernsehen auszubauen und anders zu positionieren?

Reschke: Das „Bücherjournal“ war eine Sendung, die ein stiefmütterliches Dasein mit im Durchschnitt 36.000 Zuschauern führte. Ich finde es falsch, wenn alle immer sagen, die Sender müssen sich reformieren, sie sollen sparen, aber niemand irgendwas abgeben will. Zum Reformieren gehört dazu, dass wir Sachen lassen, weil wir nicht mehr Personal und nicht mehr Geld haben. Auch mit einer „Bücherjournal“-Sendung, die nicht wahnsinnig viel kostet, ist ein Redakteur beschäftigt, es gibt Freie, die dafür arbeiten, eine Studiomannschaft und so weiter. Ich finde es interessant, dass es gerade beim Thema Literatur und Bücher eine wahnsinnig starke Lobby gibt. Man darf nicht vergessen, dass auch der Büchermarkt ein Markt ist. Literatur hat natürlich einen hohen kulturellen Wert, aber es ist auch ein Markt. Wir haben uns gefragt: Können wir Literatur irgendwo anders hintun, wo sie mehr gesehen wird? Das versuchen wir jetzt mit Podcasts und bei „Das!“. So wie viele Dritte Programme der ARD gebaut sind, haben reine Büchersendungen wenig Chancen.

Warum?

Reschke: Na ja, im NDR wurde das „Bücherjournal“ kurz vor Mitternacht gesendet. Das ist nicht gerade Primetime. Die ist eher auf nicht so beunruhigenden, serviceorientierten, regionalen, Identität stiftenden Inhalt getrimmt. Also auf ein Massenpublikum. Eine reine Literatursendung erreicht aber keine Massen, da muss man sich nichts vormachen.

Müsste man dann nicht am Profil der Dritten Programme etwas verändern, damit sie relevanter werden und wieder mehr Berechtigung haben?

Reschke: Die Dritten werden ja geguckt. Das NDR Fernsehen ist sehr erfolgreich. Wenn es nach meinem persönlichen Geschmack ginge, könnte es ruhig kantiger, auch moderner sein. Und bis vor einer gewissen Zeit hätte ich Ihnen recht gegeben und gesagt, wir müssen das ändern. Wir müssen das politischer machen, etwas beunruhigender. Aber erfreulicherweise haben wir jetzt Ausweichmöglichkeiten. Wir sind nicht mehr eingekastelt in das lineare Fernsehen. Ich habe jetzt verschiedene Publika auf verschiedenen Ausspielwegen. Und kann denen Unterschiedliches anbieten. Das ist ein Befreiungsschlag.

Man kann aber auch sagen, die Öffentlich-Rechtlichen sind eigentlich dafür da, dass sie uns beunruhigen und Programme liefern, die nicht nur hohe Marktanteile erzielen. Um noch einmal auf die Bücher und die Literatur zurückzukommen: Natürlich steht dahinter auch ein Buchmarkt, aber wenn Bücher dann bei „Das!“ vorgestellt werden, sind das vermutlich eher die Bestseller als Bücher für ein Nischenpublikum.

Reschke: Es ist natürlich vereinbart, dass das nicht so sein soll. Es sind ja Buchhändlerinnen und Buchhändler selbst, die ein Buch vorstellen und empfehlen. Aber klar: Der Buchtipp bei „Das!“ ist kein Ersatz zum „Bücherjournal“. Aber er erfreut sich großer Beliebtheit.

Seit 20 Jahren moderieren Sie „Panorama“, das politische Magazin des NDR, das vor 60 Jahren gegründet wurde. Sie haben einmal gesagt, als Sie dort angefangen haben, hatten Sie großen Respekt vor der Sendung.

Reschke: „Panorama“ und die politischen Magazine waren früher Sendungen, in denen die großen ideologischen Schlachten geschlagen wurden. Als ich da anfing, war das nicht mehr so, aber dieser Geist wehte da noch. Die Sendung war also auch eine politische Positionierung, und ich glaube, dass mir das damals mit 27 gar nicht so bewusst war. Heute ist mir klarer, aus welcher Historie die politischen Magazine kamen. Die ersten zehn Jahre waren relativ harmlos, aber heute würde ich jedem, der die Moderation eines solchen Magazins übernimmt, sagen: Nimm es nicht zu leicht. Du stehst im Feuer. Du bist das Gesicht, die Figur, an der sich die Recherchen und oft auch politische Meinungen entladen. Das empfinde ich heute viel stärker als vor 20 Jahren.

Ist das durch die sozialen Medien stärker geworden? Oder woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass eine Moderatorin so zur Projektionsfigur wird?

Reschke: Die sozialen Medien sind sicher ein Verstärker, aber wir haben meinem Eindruck nach heute ein viel stärkeres Ringen und ein viel lautstärkeres Diskutieren über die politischen Ausrichtungen, die Werte, die gelten sollen. Man merkt, dass sich die Gesellschaft massiv verändert und dass es an jeder Ecke knirscht. Und man merkt, dass wir eine rechtsradikale Partei in den Parlamenten haben. Und diejenigen, die mit den Veränderungen nicht klarkommen, ziehen in die eine Richtung, und die anderen, die sagen, wir müssen uns viel schneller verändern, ziehen in die andere Richtung. Diese Friktionen bekommst du als Mediengesicht zu spüren. Ich glaube aber, dass es in den 70er oder 80er Jahren auch nicht anders war. Heute wird immer gesagt: Der Ton ist so rau geworden, ich denke dann: Leute, redet mal mit meinen Vorgängern. Wenn man sich die Geschichte von „Panorama“ anschaut, kann man nur sagen: Haltet mal den Ball flach. Es gab Zeiten, in denen es richtig geknallt hat, wo Chefs gehen mussten, wo Politik sich richtig krass eingemischt hat. Der NDR hatte Ende der 70er Jahre mal fast zwei Jahre lang keinen Staatsvertrag.

Damals hat der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg den NDR-Staatsvertrag gekündigt, weil ihm die Berichterstattung des Senders nicht konservativ genug war. Auch ‚Panorama‘ war immer ein Stein des Anstoßes. In den 60ern und 70ern hatten die politischen Magazine eine sehr wichtige Funktion.

Reschke: Der extrem kritische Journalismus war damals neu, es gab natürlich auch „Spiegel“ und „Stern“, aber bei „Panorama“ gab es bei jeder Sendung Ärger. Als ich vor zehn Jahren das Buch „Die Unbequemen. Wie ‚Panorama‘ die Republik verändert hat“ geschrieben habe, bin ich in die Archive gegangen, da stehen noch die Ordner mit den Schreiben von den Staatskanzleien und den wütenden Briefen der Kirchen. Was sich da abgespielt hat, das ist ganz anders als heute. Die Diskussion um den Paragrafen 218, um Brokdorf, um den NATO-Doppelbeschluss... Aber um das Jahr 2000, als ich angefangen habe, war ziemlich Ruhe. Damals hatten die politischen Magazine nicht mehr die Bedeutung wie zu Beginn.

Sie wurden damals ja auch um eine Viertelstunde gekürzt.

Reschke: Das war ärgerlich und zeigt, dass sie der ARD nicht mehr so wichtig waren, aber heute weiß ich nicht, ob es wirklich so viel ausmacht. Wenn ich mir heute die irrsinnig laute Berichterstattung anschaue, diese vielen Informationen, die auf uns einströmen, dann gibt es nicht viele, die diesen klassischen, kritischen, hinterfragenden Journalismus noch machen. Im Print schon, aber wer fragt im Fernsehen, was bei Cum-Ex passiert ist? Ich wüsste nicht, wer das machen soll, wenn es uns nicht gäbe. Wer fragt nach, was mit den Flüchtlingen in Libyen passiert, die da hängenbleiben? Wer fragt nach, wie das mit der Ausbeutung der Arbeiter bei der Spargelernte ist? Wer fragt, wie weit die Wirtschaft geschont wird bei den Corona-Maßnahmen? Den Verantwortlichen da auf den Nerv zu gehen, das ist Aufgabe der politischen Magazine. Daher finde ich, dass sie genauso wichtig sind wie zu Beginn. An diesem Auftrag hat sich nichts geändert.

Seit Beginn der Corona-Pandemie beobachte ich, dass die Öffentlichkeit noch stärker zersplittert. Ich habe das Gefühl, dass die Diskussionen sich jetzt, da wir keine echte Öffentlichkeit mehr haben, stärker in die sozialen Medien verlagert haben. Trägt das bei zu der Polarisierung, von der Sie gesprochen haben?

Reschke: Ich denke darüber oft nach, weil ich auch oft in diesen Stürmen bin. Du musst nur eine Sache sagen und kriegst eine solche Wut ab, das musst du erst einmal aushalten. Ich finde, wir haben nicht unbedingt eine polarisierte Gesellschaft, sondern eine sehr individualisierte Gesellschaft. Jeder meint, seine Meinung, sein Individualrecht sei wichtig. Es geht immer nur um das Ich, der Solidaritätsgedanke geht mehr und mehr verloren. Aber ich finde trotzdem, dass die sozialen Netzwerke einen starken moralisch regulativen Charakter haben. Wenn ich mir anschaue, wie schnell Rassismus geahndet wird, das war vor zehn Jahren noch anders: Irgendjemand sagt etwas in einer Sendung, zack, ist es bei Twitter und es gibt eine Diskussion darüber. Hätten wir die Sendung „Die letzte Instanz“, die im WDR nachts wiederholt wurde, mitgekriegt? Wahrscheinlich nicht. Das wird aber sofort nach oben gezogen und dann merkst du, dass sich die Gesellschaft massiv verändert hat. Ich habe mir noch einmal die Berichterstattung angeschaut, als ich angefangen habe als Moderatorin bei „Panorama“: Da stand in den Fernsehzeitungen unter meinem Foto: „Eine Mischung aus Charme und Erotik.“ Das wäre undenkbar heute. Die Welt hat sich verändert und sie verändert sich auch durch solche Debatten.

Da hat ja das Fernsehen eine ganz wichtige Funktion, diese unterschiedlichen Debatten, die in den verschiedenen Teilöffentlichkeiten stattfinden, zu kanalisieren und integrierend und vermittelnd zu wirken.

Reschke: Es ist eine Aufgabe, die Komplexität und Vielschichtigkeit der Welt darzustellen, aber ich finde, dass das in der Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oft verkürzt und verzerrt dargestellt wird, weil es immer nur darum geht, ob wir die vermeintlich verlorenen konservativen Stimmen zu wenig hören. Ich höre immer, der Fleisch essende Dieselfahrer komme zu kurz oder derjenige, der Gendersprache ablehnt. Es gibt also eine sehr starke Fokussierung auf die laute wütende Gruppe derer, die die heutige Gesellschaft als eine linksgrün versiffte wahrnehmen. Ich finde, Diversität ist etwas ganz anderes und die ist wirklich nicht genug abgebildet. Ich bin erschüttert darüber, dass in den Medien meistens immer noch weiße, christliche, männliche Chefs aus dem Westen dominieren. Es gibt im Fernsehen natürlich auch Frauen wie Anne Will oder Maybrit Illner, aber wie viele Migranten leben in Deutschland, die nicht genügend vorkommen? Menschen mit Ostbiografien kommen zu wenig vor. Schwarze, Diverse...

Was tun Sie, um das zu ändern?

Reschke: Ich beklage es. Als ich kürzlich ‚Panorama‘ moderiert habe, ist mir aufgefallen, wie viele Autoren und Autorinnen wir inzwischen haben, die nicht Maier, Müller oder Schulze heißen. Das finde ich gut. Wir haben auch einen Autor, der 2015 als Flüchtling nach Deutschland kam. Ich kann als Chefin in meinem Bereich ab und zu Posten besetzen und schaue darauf, dass ich Frauen fördere. Auch bei den Dokumentationen wünsche ich mir mehr Autorinnen, mehr Produzentinnen. Aber ich weiß nicht, ob das reicht.

Der NDR hat seit einiger Zeit ein Investigations-Ressort, das auch mit dem WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ zusammenarbeitet und recht bekannt ist, weil diese Recherchekooperation auch in den Nachrichten öfter genannt wird. Hat dieses Ressort die Arbeit von „Panorama“ verändert? Gibt es dadurch mehr investigative Beiträge?

Reschke: Das Ressort Investigation hat sich damals zwar mit Leuten von „Panorama“ gegründet, aber am Anfang war die Arbeit stark von „Panorama“ getrennt. Man darf nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, verschiedene Medien in ihren Bedürfnissen unter einen Hut zu bringen. Eine Tageszeitung hat eine ganz andere Taktung als ein politisches Magazin, das alle drei Wochen sendet. Fragen wie: Wann veröffentlichen wir welches Detail? Wann erscheint die große Geschichte? - das ist alles nicht so einfach. Jetzt wird das Ressort Investigation, zu dem ja auch der Hörfunk gehört, wieder mit „Panorama“ vereint, und ich glaube, dass „Panorama“ davon profitieren wird.

Der NDR hat sich kürzlich von der Dokumentation „Lovemobil“ distanziert, die der Sender koproduziert hatte. Es war bekannt geworden, dass die Autorin zahlreiche Szenen mit Darstellerinnen inszeniert hatte. Hat es sich der NDR da nicht etwas zu einfach gemacht, indem er gesagt hat, die Autorin hat uns getäuscht und enttäuscht? Beim Ansehen des Films ist deutlich zu sehen, dass hier nicht mit versteckter Kamera gearbeitet wurde und dass vieles abgesprochen worden sein muss.

Reschke: Wir alle haben diesen Film gesehen. Auch der Redakteur hat die Autorin gefragt: Wie hast du das denn gedreht? Wieso lassen die sich filmen? Alle Fragen, die jeder beim Zuschauen hat, hatte er auch und die Autorin konnte sie immer schlüssig beantworten. Auch gegenüber dem Publikum auf mehreren Festivals, auf denen „Lovemobil“ zu sehen war. Der Hauptpunkt ist für mich, dass die beiden Prostituierten, die sie begleitet hat und die die ganze Zeit in den Wohnmobilen sitzen, die Frauen, mit denen man als Zuschauer mitleidet, nicht echt sind. Das hätte ich nicht gedacht. Wir haben viel darüber nachgedacht, was wir verkehrt gemacht haben. Es gab sehr viele Absprachen und mehrere Abnahmen bei dem Film, die Autorin hat ja Jahre daran gearbeitet. Sie konnte das, was sie ursprünglich machen wollte, nicht realisieren und ich glaube, das hatte am Ende so eine Dynamik, dass sie das nicht mehr zugeben konnte. Sie hat den Dokumentarfilmpreis bekommen und alle haben gefragt: Ist das echt? Und sie hat immer gesagt: Ja, das ist echt. Da war sie schon in einer Verstrickung von Lügen. Wir haben uns auch gefragt: Müssen wir noch mehr Partner sein für Autoren? Müssen wir uns enger mit ihnen beschäftigen? Es mag sein, dass sie eine wie auch immer geartete Wahrheit recherchiert hat, ich weiß auch, dass es schwierig ist, an diese Frauen ranzukommen, aber am Ende haben die Zuschauer nur die Wahrheit gesehen, die die Autorin diesen beiden Frauen in den Mund gelegt hat oder die die beiden sich in ihrer schauspielerischen Laiendarstellung ausgedacht haben.

Die Autorin sagt, sie habe eine ältere Protagonistin gehabt, die bereit gewesen wäre, vor die Kamera zu gehen, aber die Redaktion wollte die nicht drin haben.

Reschke: Das stimmt nicht. Es gab eine ältere Protagonistin, aber der Film war doppelt so lang, wie er sein sollte. Und dann überlegt man natürlich gemeinsam, welche dramaturgischen Stränge man verfolgt. Da schwingt so eine Unterstellung mit, wir wollten nur die jungen Frauen und nicht die ältere. Nein, das finde ich nicht fair.

Einige Dokumentarfilmer haben gesagt, die Redaktionen würden heute von Autoren Exposés anfordern, in denen bereits der gesamte Film erzählt werden soll. Redaktionen würden sich nicht mehr darauf einlassen, was sich in der Wirklichkeit ergibt.

Reschke: Auch darüber haben wir geredet. Meine Redaktionen haben mir versichert, dass sie das nicht erwarten. Ich staune auch manchmal über die seitenlangen Exposés und darüber, wie manche Produktionsfirmen Filme anpreisen. Ich finde das teilweise völlig übertrieben. Die Relevanz einer Geschichte muss man eigentlich in ein, zwei Sätzen erzählen können. Ich möchte jemanden hören, der mir mit Leidenschaft sagt: Ich möchte diesen Film machen mit diesen Protagonisten. Natürlich haben wir viel mehr Angebote als Sendeplätze. Wir müssen jede Woche Dutzende Filmideen absagen. Man muss immer unter vielen, vielen guten Vorschlägen entscheiden. Und dafür braucht man Kriterien, und da geht es auch um Machbarkeit und um Geld, abgesehen davon, dass das Thema interessant und relevant sein muss. Ich kann mir aber keinen Redakteur vorstellen, der einen schon begonnenen Film abbläst, nur weil ein Autor sagt, dass sich die Geschichte anders entwickelt hat als ursprünglich im Exposé aufgeschrieben. In der Regel findet man gemeinsam eine Lösung. Ein Film entsteht immer in Zusammenarbeit.

Ich würde gern noch einmal zurückkommen auf die lauten Öffentlichkeiten in den sozialen Medien, von denen wir vorhin sprachen. Gerade wenn so Reizwörter fallen wie „Blackfacing“ oder „Gender“. Ich beobachte, dass da viele auf einzelne Wörter anspringen und gar nicht mehr zuhören, was der oder die andere zu sagen hat. Dieses Diskussionsklima finde ich destruktiv. Sie sind bekannt als meinungsfreudig und stellen sich oft mitten rein in die Stürme. Wie gehen Sie damit um? Was ist Ihr Rezept, um die Kultur des Zuhörens wieder mehr zu fördern?

Reschke: Es ist sehr einfach, in den sozialen Medien Empörung stattfinden zu lassen und Aufregung zu entfachen. Es ist nicht so einfach, differenziert zu diskutieren oder verschiedene Perspektiven darzulegen. Es geht immer nur darum: Bist du dafür oder dagegen? Auf welcher Seite stehst Du? Das hat bestimmt dazu geführt, dass ich mich heute in den sozialen Medien seltener mit einem klaren Statement äußere. Man darf nicht jammern. Wenn man etwas sagt, muss man auch aushalten, dass es Gegenwind gibt, aber es geht oft gar nicht darum, eine Debatte anzuregen, sondern es geht ums Rechthaben und ums Niedermachen. Das gibt Klicks, davon leben viele. Ich glaube, als öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist es unsere Aufgabe, eine Plattform zu schaffen, wo Menschen miteinander reden können. Es gibt einige Versuche in den Dritten, Zuhörformate zu machen. Wir müssen ausstrahlen, dass wir es miteinander versuchen und nicht gegeneinander.

Wenn Sie Gert von Paczensky, den Mitgründer von „Panorama“, noch etwas fragen könnten, was würden Sie ihn gern fragen?

Reschke: Ich würde gern von ihm wissen, was er, der wirklich unter dem Druck der Regierungsparteien gelitten hat, der „Panorama“ mit dem schönen Satz „Jetzt wollen wir uns noch ein wenig mit der Bundesregierung anlegen” anmoderiert hat, dazu sagt, dass wir heute von manchen Gruppen der Gesellschaft als “Systempresse„ oder “regierungstreu" beschimpft werden. Ich glaube, er würde sich sehr amüsieren. In seiner typischen spitzbübischen Art.

Aus epd medien 22/21 vom 4. Juni 2021