"Auf dem Gleis in die Zukunft"

Ein epd-Interview mit dem ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow

Seit acht Jahren ist Tom Buhrow Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Im epd-Interview mit Diemut Roether betont der aktuelle ARD-Vorsitzende die Bedeutung der Mediathek, die mehr als die Verlängerung für das lineare Programm sei. Das Internet sei kein Abstellgleis, sondern die Zukunft, sagt der 62-Jährige. Der Intendant plädiert außerdem für eine Flexibilisierung des Auftrags und blickt der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Rundfunkbeitrag gelassen entgegen. Das Interview wurde vor der Unwetterkatastrophe in NRW geführt und konnte leider nicht aktualisiert werden (vgl. Meldung in dieser Ausgabe zu programmlichen Auswirkungen der Katastophe und zum Umgang des Senders mit Kritik).

epd: Herr Buhrow, Sie haben kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine Vision veröffentlicht, wo die ARD im Jahr 2030 stehen wird, und da schreiben Sie: "Am Ende des Jahrzehnts bedient der öffentlich-rechtliche Rundfunk 80 Millionen Programmchefs mit hochwertigen Inhalten. Ich frage mich, wo bleibt da die integrative Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der ARD?

Tom Buhrow: Das ist kein Widerspruch. In zehn Jahren werden die Zeiten vorbei sein, wo ein Programmdirektor oder eine Programmdirektorin entscheidet, was die Menschen schauen und wann sie es schauen und was sie hören und wann sie es hören. Es ging los mit der Erfindung des Videorecorders, dass sich die Menschen ihr eigenes Programm zu ihrer Zeit ausgesucht haben. Heute braucht es nur einen Klick, und die Entwicklung wird sich noch rasant beschleunigen. Wenn wir an der alten Denkart festhalten würden, wären wir auf dem Gleis ins Nirgendwo. Wir sind aber mit der ARD auf dem Gleis in die Zukunft.

Heißt das, dass Sie glauben, dass die Leute in zehn Jahren nicht mehr das Erste schauen oder WDR2 hören oder auch WDR3?

Buhrow: Der lineare Hörfunk und das lineare Fernsehen werden immer ihre Notwendigkeit und ihren starken Platz haben. Aber es wird sich wandeln. Es gibt nach wie vor Bereiche, bei denen das Lineare weiter nicht wegzudenken ist: Nachrichten und Breaking-News-Situationen sind der bedeutendste Bereich. Lineare Berichterstattung ist in solchen Situationen zentral - das gilt für Hörfunk und Fernsehen gleichermaßen. Andere Bereiche sind Live-Ereignisse wie der Sport. Nehmen Sie die Fußball-Europameisterschaft oder Olympia - das will man live sehen. Und dann gibt es noch bestimmte Sendungen, die den Charakter haben, dass man am nächsten Tag an der Kaffeemaschine mit den Kollegen darüber reden will. Der „Tatort“ ist so ein Lagerfeuer. Diese Punkte wird es auch in zehn oder 20 Jahren noch geben. Aber die Rolle des unabhängigen Schauens und des selbst gestalteten Schauens und Hörens wird ungleich stärker sein. Das erleben Sie jetzt schon bei den Podcasts. Wir sollten bei der aufgeregten und manchmal gereizten Diskussion über den Ist-Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks den Blick einmal weiten und betrachten, wie die Menschen uns in zehn Jahren suchen und finden werden.

Braucht dann ein gutes Programm keine Dramaturgie mehr?

Buhrow: Genau wie jeder Film, jede Nachrichtensendung und jede Dokumentation eine Dramaturgie braucht, braucht ein lineares Programm eine Dramaturgie. Aber niemand schaut oder hört 24 Stunden durch. Die Menschen hören morgens, auf dem Weg zur Arbeit, wenn sie im Auto sind oder in der Bahn mit Ohrstöpseln, anders Radio und wollen eine andere Taktung als am Abend, wenn sie sich vielleicht hinsetzen und eine Sinfonie von Mahler hören. Das ist eine andere Hörbereitschaft, insofern gibt es eine Dramaturgie. Aber es ist keine Dramaturgie wie bei einem Stück, das ich durchhöre, sondern es ist eine Dramaturgie für verschiedene Tagesphasen.

Zu Ihren Überlegungen passt das Thema Flexibilisierung des Auftrags. Die Politik will bestimmte Programme oder Angebote nicht mehr beauftragen und es den Sendern überlassen, ob die Programme linear oder im Internet stattfinden. In Berlin und Brandenburg haben die Medienpolitiker gerade versucht, den Staatsvertrag für den RBB entsprechend neu zu gestalten. Der Aufschrei war jedoch groß, denn als im Staatsvertrag RBBKultur und andere Radio-Programme nicht mehr beauftragt wurden, stand die Befürchtung im Raum, dass die Kulturinhalte nur noch im Internet stattfinden werden. Können Sie die Besorgnis verstehen, dass alles, was randständig ist und keine Quoten bringt, dann gewissermaßen ins Internet abwandert?

Buhrow: Ich kann die Besorgnis von jedem in unserer Branche und von jedem in unserem Publikum verstehen, weil wir in der größten Umwälzung seit der Erfindung des Buchdrucks sind. Diese epochalen Veränderungen stellen alles in so schneller Abfolge auf den Kopf, dass es Ängste auslösen kann. Umso wichtiger ist es, dass man schaut, wie man die wertvollen Dinge in die Zukunft bringt. In dem Fall hat die Berliner Politik nichts aus dem Linearen herausnehmen wollen, sondern sie hat gesagt: Ich will mich nicht immer damit befassen und Staatsverträge ändern müssen, wenn die Senderverantwortlichen der Meinung sind, etwas wird mehr im Netz gesucht als im linearen Programm. Das ist Flexibilisierung: Die Entscheidung wird dahin verlagert, wo das Knowhow ist und wo auch die Aufsicht ist, die Kontrolle durch die Aufsichtsgremien. Also: Es geht nicht darum, etwas im Linearen abzuschaffen, sondern um ein Instrument, das atmet, das flexibel ist und den Senderverantwortlichen und ihren Aufsichtsgremien ermöglicht, selbst zu entscheiden, wann ein Programm wo am besten aufgehoben ist.

Die Debatten in den Sendern laufen ja in der Tat zurzeit so, auch bei Ihnen im WDR, dass es heißt: Literatur zum Beispiel, das hat im Radio oder im Fernsehen keinen Platz mehr, das tun wir mal lieber ins Internet. Aber das bedeutet doch, dass Sie auch auf bestimmte Themen oder auf bestimmte kulturelle Ereignisse verzichten.

Buhrow: Das hört sich so an, als wäre das Internet ein Abstellgleis, aber es ist doch die Zukunft. Trotzdem kann ich Ihnen versichern: Ich und auch meine Programmdirektorin wollen Literatur und andere kulturelle Formate im linearen Programm weiter stark vertreten haben. Wir wollen die Kultur stärken, aber es kann doch sein, dass es vielleicht neue, bessere Formen zu anderen Tageszeiten gibt. Das Format, das übrigens am meisten die Literatur zu den Menschen gebracht hat, war das „Literarische Quartett“ im ZDF mit Marcel Reich-Ranicki und seinen Nachfolgern. Das war ein Expertengespräch, aber das hat die Literatur zu den Menschen gebracht. Und ich würde sagen: Vertrauen Sie, dass sogar Senderverantwortliche die Stärkung des Programms wollen.

Nun wurde gerade dem „Literarischen Quartett“ auch immer der Vorwurf gemacht, dass die Literatur da verschwindet hinter der Show, dass es mehr um die Personen geht, die alle ihre Rollen hatten. Kritik hat ja eine Funktion im Diskurs, Kritik ist eine Form der Auseinandersetzung, die manchmal vielleicht weniger polarisierend ist und sehr viel differenzierter als vieles, was in öffentlichen Diskussionen so stattfindet. Wo wird diese Form in Zukunft ihren Platz haben?

Buhrow: Das hat alles seinen Platz. Da habe ich volles Vertrauen in die Programmverantwortlichen sowohl beim WDR als auch bei jeder Landesrundfunkanstalt und auch in die Programmdirektorin für das Gemeinschaftsprogramm.

In Ihrer Vision für die ARD im Jahr 2030 haben sie auch geschrieben, dass die ARD mehr kooperieren wird mit Institutionen aus Kultur und Gesellschaft. Mit welchen Institutionen würden Sie gern kooperieren?

Buhrow: Ich sehe uns im Jahr 2030 noch viel stärker vernetzt mit Kulturinstitutionen und Wissenschaftsinstitutionen. Übrigens ist auch das Streaming-Netzwerk mit dem ZDF so offen gedacht, dass es dafür Möglichkeiten geben wird. Wir befassen uns schon jetzt damit, dass Kultureinrichtungen, die selbst Ereignisse streamen, das in Kooperation mit uns tun können. Da gibt es viele Fragen zu lösen, rechtliche Fragen, finanzielle Fragen, die Frage der redaktionellen Verantwortung, diese Fragen werden 2030 gelöst sein.

Die Programmdirektorin Christine Strobl hat zusammen mit ihrem Stellvertreter Florian Hager und dem Chefredakteur Oliver Köhr eine „Programm- und Flottenstrategie“ für das Erste und die ARD-Mediathek vorgelegt, die vor allem die Mediathek stärken soll. Mir ist aufgefallen, dass da viel von „plattform-promotenden Programmen“, „Premium-Dokuserien“ und „personality-driven Showformaten“ die Rede ist und ich habe mich gefragt, wo bleibt das Widerständige, was die ARD auch auszeichnet.

Buhrow: Das können Sie über gute Personen noch besser unterstützen als über reine Formate. In der Medienwelt ist es schon fast ein Naturgesetz, dass Menschen sich an anderen Menschen orientieren, und wenn ein Mensch Ihnen etwas nahebringt und sich für etwas begeistert, werden Sie dem eher folgen. Wir sind im linearen Fernsehen schon lange zu sogenannten Presenter-Reportagen übergegangen, auch im Investigativen. Wenn Menschen mit Leidenschaft einer Aufgabe nachgehen, werden sich andere auch dafür interessieren. So kann man für Literatur, für Kultur, für Musik, für Investigatives mehr tun - durchaus auch widerborstig. Klaus Bednarz oder Georg Restle, um nur zwei bekannte „Monitor“-Chefs mal zu nennen, waren und sind bestimmt nicht angepasst.

Aber nicht alle investigativen Journalisten sind auch gute Presenter.

Buhrow: Das stimmt, aber es gibt ja viele verschiedene Funktionen, in denen man als Journalist und Journalistin bei solchen Produkten mitarbeiten kann. Und natürlich wird es auch weiterhin Dokumentationen geben, die keine Presenter-Dokumentationen sind. Die erfolgreichsten und langlebigsten Dokumentationen sind im Nonlinearen ja gerade die, die keine Presenter haben. Ein Beispiel wäre „Der blaue Planet“, eine Doku, die wir mit der BBC zusammen gemacht haben. Wir haben die Mediathek lange als eine Art Verlängerung für unser lineares Programm betrachtet: Aber die Mediathek ist mehr als die Möglichkeit, verpasste Sendungen auf Abruf zu schauen. Sie ist eine ganz eigene Welt, die wir besser und interessanter machen wollen. In Zukunft sollen die Leute auch ohne eine konkrete Sendung im Kopf zu haben in die Mediathek kommen und stöbern. Und Dinge aus der Mediathek werden wir dann auch im linearen Programm ausstrahlen - wie aktuell die sehr erfolgreiche Serie „All you Need“. Früher hätten wir es umgekehrt gemacht.

Die Magazinmacher befürchten aber, dass dadurch, dass die Magazine gekürzt werden, auch weniger Zeit ist für Themen, die sich vielleicht nicht für eine Dokumentation eignen. Es gibt ja viele investigative Themen, die sich entwickeln, bei denen man etwas anstößt mit einem Beitrag, und dann macht man fünf Monate später noch einmal einen Beitrag zu dem Thema und schaut, was hat sich da getan. Diese Themen könnten verloren gehen.

Buhrow: Bestimmt nicht. Die Programmdirektorin will das Investigative stärken und sie will es so stärken, dass es auch eine Zukunft im Digitalen hat. Ich sage im WDR immer, das Lineare und das Nonlineare sind wie zwei Tonregler. Die Frage ist nur, wie kriegen wir das so hin, dass man beides hören kann und beides auf seine Weise stark ist. Ob irgendwann das eine vor dem anderen steht, das werden die Nutzerinnen und Nutzer entscheiden. Aber ich muss mich früh genug auf den Weg machen, sonst verschlafe ich die Zukunft. Ich bin voller Vertrauen, dass die neue Programmdirektorin uns da in die Zukunft führen will und wird.

Mich wundert bei dem Konzept, dass immer die Rede ist von langen Formaten, auch von seriellen Formaten. Die Magazine bestehen ja eher aus Kurzfilmen, die eigentlich auf Youtube und anderen Plattformen auch gut angenommen werden. Wäre da nicht die Lösung, diese Filme besser und leichter auffindbar in der Mediathek zu präsentieren?

Buhrow: Natürlich möchte jeder Programmmacher und jede Programmmacherin besser auffindbar im digitalen Raum sein - und gleichzeitig den attraktivsten linearen Sendeplatz am liebsten direkt nach der „Tagesschau“. Aber müssen wir nicht auch fragen: Wie kann ich dir helfen, noch präsenter im digitalen Raum zu sein und was könntest du stärken, damit du besser auffindbar und nachgefragter im digitalen Raum bist? Wenn Sie die Entscheidung treffen müssen, ob Sie ein komplettes Magazin in der Mediathek angucken oder ein bestimmtes Thema, wofür werden Sie sich entscheiden?

Das war ja meine Frage: Wäre es nicht besser, die Einzelfilme als Kurzfilme in die Mediathek zu stellen?

Buhrow: Das kann man tun und das tun wir auch , aber das enthebt uns nicht der Frage, ob das Thema X oder das Thema Y nicht vielleicht etwas für ein längeres Format ist, das für längere Zeit von mehr Menschen gesucht wird.

Viele Proteste ruft derzeit der Plan hervor, den „Weltspiegel“ vom Sonntagabend 19.40 Uhr auf einen Sendeplatz am späten Montagabend zu verlegen. Blutet Ihnen als ehemaliger Auslandskorrespondent nicht das Herz, wenn das Magazin von seinem angestammten Sendeplatz auf einen doch eher undankbaren Sendeplatz am späten Montagabend verlegt werden soll?

Buhrow: Die Intendantinnen und Intendanten haben der Programmdirektorin den Rücken gestärkt, aber kein Programmschema verabschiedet. Frau Strobl ist im Austausch mit allen Beteiligten, und die Beratungen laufen.

Und wie ist Ihr Votum?

Buhrow: Ich gebe ein Votum ab, wenn das Thema entscheidungsreif ist. Bis dahin habe ich volles Vertrauen, dass man hier im Detail zu einer guten Lösung kommt.

Ich würde gern noch auf den Zukunftsdialog zu sprechen kommen, den Sie angestoßen haben für die ARD. Da waren die Nutzerinnen und Nutzer aufgefordert sich zu äußern. Die erste Phase ist bereits abgeschlossen. Was sind Ihre ersten Erkenntnisse aus dem Zukunftsdialog: Wie wird die ARD wahrgenommen?

Buhrow: Ich war zunächst einmal richtig gerührt und stolz auf die Menschen, die da mit viel Engagement mitgemacht und sich die Zeit genommen haben. Das hat bei mir das Gefühl noch mal verstärkt, dass wir dem Publikum verpflichtet sind. Es sind engagierte, wertschätzende und durchaus kritische Kommentare und Anmerkungen zusammengekommen. Insgesamt mehr als 3.700 Ideen und über 10.000 Kommentare. Auch kritisch, aber auch von sehr vielen Menschen, denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk am Herzen liegt. Es gibt eine große Bandbreite an Reaktionen. Das werten wir aktuell aus und werden in den Häusern darüber diskutieren, bevor wir im Herbst mit den Bürgerinnen und Bürgern erneut in einer virtuellen Konferenz zusammenkommen. Ein wichtiges Thema für die Menschen ist zum Beispiel die Mediathek, die in ihren Augen noch nicht gut genug ist. Ein anderes Thema, das oft kam, ist Meinungsvielfalt: Die Menschen möchten mehr unterschiedliche Meinungen hören. Im Gespräch bei der Auftaktkonferenz betonte ein Teilnehmer, wie wichtig ihm Serien wie „Weissensee“ oder „Charité“ sind, weil solche Serien etwas aussagen über eine bestimmte Epoche oder eine bestimmte Institution. Eine andere Teilnehmerin sprach vom Wunsch nach Lagerfeuer-Momenten. Also eine Klammer, ein Programm, das man wieder mit der ganzen Familie schauen kann. Fernsehen soll also auch Gemeinschaft stiften. Und es gibt die Erwartung, sich permanent mit uns austauschen zu können und Feedback zu geben. Das heißt, das Thema Community-Management wird an Bedeutung sicher weiter zunehmen.

Es gibt ja auch schon länger die Forderung, in der Mediathek so etwas wie einen Rückkanal einzurichten.

Buhrow: Man muss sehen, wie sich so etwas umsetzen ließe. Wir werden all diese Dinge jetzt einspeisen. Manche Ideen betreffen auch einzelne Landesrundfunkanstalten, also regionale Programme, die werden wir an die jeweiligen Landesrundfunkanstalten weitergeben und dort diskutieren.

Es gab da verschiedene Themenräume und auf der Seite im Internet, die die ARD dazu angelegt hat, lässt sich einiges nachlesen. Ich habe gesehen, die meisten Ideen gab es zum Thema „Programm“, während die meisten Kommentare beim Thema „Menschen und Meinungen“ abgegeben wurden. Welche Programmideen fanden Sie besonders interessant?

Buhrow: Es sind fast 4.000 Ideen. Unser Team analysiert das aktuell und wertet die Rückmeldungen aus. Ich bin sehr gespannt darauf, möchte der Auswertung jetzt aber nicht vorweggreifen.

Die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrag ist ja zu Beginn des Jahres ausgeblieben, weil das Land Sachsen-Anhalt in der Frage blockiert hat. Die ARD, das ZDF und das Deutschlandradio klagen jetzt beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Haben Sie schon ein Signal, wann die Richter in Karlsruhe entscheiden wollen?

Buhrow: Nein, bislang nicht. Da warten wir respektvoll die Entscheidung des Gerichts ab. Wir sind sehr sicher in unserer Rechtsposition. Dem Verfassungsgericht liegen nicht nur die Argumente der Rundfunkanstalten vor, sondern auch die Meinung der unabhängige Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF), die der Landesmedienanstalten und die unterstützenden Stellungnahmen von 15 Bundesländern. Die Lage ist aus unserer Sicht eindeutig.

Hat das 16. Bundesland, also Sachsen-Anhalt, sich nicht geäußert?

Buhrow: Doch, jeder hat eine Stellungnahme abgegeben. Sachsen-Anhalt hat uns - das wird niemanden überraschen - aber anders als alle anderen Länder nicht unterstützt.

Je länger sich das hinzieht, desto schwieriger wird Ihre finanzielle Situation, sowohl bei der ARD als auch beim ZDF. Sparanstrengungen sind also unvermeidbar. Wo wird die ARD als erstes einsparen?

Buhrow: Wir sparen ja schon seit Jahren. Wir haben die größte Strukturreform in der Geschichte der ARD aufgelegt - das betrifft insbesondere die Verwaltung, diese Reformen laufen weiter. Und es ist doch schon längst so, dass auch im Programm gespart wird. Es gibt Jahr für Jahr Beschwerden darüber, dass es im Sommer zu viele Wiederholungen gibt. Das ist die Folge von Einsparungen. Dazu kommen Beschwerden von Produzenten und Regisseuren über zu wenig Drehtage. Das ist die Folge von Einsparungen. Wenn wir überboten werden von anderen Wettbewerbern, weil wir bei bestimmten Sportrechten nicht mehr mitbieten - dann ist auch das die Folge von Einsparungen. Wir setzen schon seit Jahren Prioritäten und steigern die Effizienz. Zugleich haben wir ganz viel Neues gerade im Digitalen entwickelt. Alles mit dem Ziel, dem Publikum ein starkes und vielfältiges Programmangebot zu machen.

War es klug, ausgerechnet die geplante Kulturplattform der ARD zu stoppen, als die Beitragserhöhung ausblieb?

Buhrow: Wir haben sie nicht gestoppt, sondern von vornherein unter der Voraussetzung konzipiert, dass wir die Mittel dafür haben. Alle Landesrundfunkanstalten haben mit Unterdeckung zu kämpfen, und zusätzliche Anstrengungen gehen nur, wenn man das hat, was die unabhängige KEF als bedarfsgerechte Finanzierung errechnet hat.

Das ZDF hat schon länger eine Kulturplattform, da könnte sich die ARD doch auch profilieren.

Buhrow: Wir tun ja ganz viel für die Kultur. Ob wir das jetzt Kulturplattform nennen oder nicht. Wir haben ungefähr 1.000 Kulturpartnerschaften in der ARD. Das ist ein riesiger Schatz, und wir sind dazu übergegangen, diese Dinge mehr und mehr auch im Netz zu verbreiten. Früher war das ein großer Aufwand, wenn der WDR eine Kulturveranstaltung im Fernsehen übertragen hat. Jetzt haben wir Webcams, zum Teil automatisierte Webcams, und sehr viele Konzerte werden gestreamt und ins Netz gestellt. All das gibt es schon.

Für diese Art der Verbreitung hat Corona wahrscheinlich auch noch einmal einen ziemlichen Schub gegeben.

Buhrow: Absolut. So sehr ich bedauere, dass unsere guten Orchester wenig Berührung mit Live-Publikum hatten, vor allem in den großen Konzertsälen, desto mehr freue ich mich, dass sie virtuell viel mehr Publikum erreicht haben als im Konzertsaal. Wenn sie 10.000 Menschen erreichen und sie hätten im Konzertsaal maximal 2.000, dann ist das schon bemerkenswert. Man braucht als Kulturschaffende trotzdem sein Publikum.

Aus epd medien 29-30/21 vom 23. Juli 2021