Weltweit 50 Medienschaffende im Jahr 2020 getötet

Fast 400 Journalisten in Haft - RSF legt Jahresbilanz vor
Berlin (epd)

Im Jahr 2020 sind nach Angaben von Reporter ohne Grenzen (RSF) weltweit mindestens 50 Journalisten und andere Medienschaffende im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden. Die meisten von ihnen seien gezielt ermordet worden, erklärte die Menschenrechtsorganisation zur Veröffentlichung des zweiten Teils ihrer Jahresbilanz 2020 am 29. Dezember in Berlin. Gründe für die Morde seien Recherchen zu Themen wie Korruption, organisiertes Verbrechen und Umweltzerstörung. Zudem seien mehrere Medienschaffende getötet worden, als sie über Demonstrationen berichteten. Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 15. Dezember. Auch die Zahl inhaftierter Medienschaffender blieb laut RSF auf sehr hohem Niveau.

Zwei Drittel der getöteten Medienschaffenden starben den Angaben zufolge außerhalb von Konfliktregionen. Nur eine Person sei im Ausland getötet worden, alle anderen in ihren Heimatländern. Zwei Opfer seien Frauen. Mit der Hinrichtung des regimekritischen Bloggers und Journalisten Ruhollah Sam im Iran Mitte Dezember sei zudem das erste Mal seit 30 Jahren die Todesstrafe an einem Medienschaffenden vollstreckt worden. Im abgelaufenen Jahr seien zudem drei Medienschaffende wegen mangelnder ärztlicher Versorgung an Covid-19 gestorben, nachdem sie sich mutmaßlich in Gefängnissen in Ägypten, Russland und Saudi-Arabien infiziert hatten.

Das gefährlichste Land für Medienschaffende ist zum fünften Mal in Folge Mexiko. Im vergangenen Jahr seien dort acht Journalistinnen und Journalisten ermordet worden (epd 34, 38, 45, 46/20). Besonders gefährdet seien die Menschen, die zu den Verbindungen von Drogenkartellen und Politik recherchierten. Auf Mexiko folgen der Irak mit sechs und Afghanistan mit fünf getöteten Medienschaffenden. In Indien und Pakistan seien je vier Journalistinnen und Journalisten umgebracht worden.

Kritisch über Korruption, Mafia oder Umweltzerstörung zu berichten, sei in viel zu vielen Ländern lebensgefährlich, sagte der Vorstandssprecher von RSF in Deutschland, Michael Rediske. Die Taten zielten niemals nur auf die unmittelbaren Opfer. "Jeder Mord an einer Journalistin oder einem Journalisten ist ein Anschlag auf das Recht aller Menschen, sich frei und unabhängig zu informieren", sagte er.

Im ersten Teil der Jahresbilanz hatte RSF die hohe Zahl der inhaftierten Medienschaffenden kritisiert. Am Stichtag am 1. Dezember hätten mindestens 387 Medienschaffende wegen ihrer Arbeit im Gefängnis gesessen, teilte die Organisation am 14. Dezember mit. Mehr als die Hälfte von ihnen sei in China (117), Saudi-Arabien (34), Ägypten (30), Vietnam (28) und Syrien (27) inhaftiert worden. Insgesamt 54 Journalistinnen und Journalisten gelten den Angaben zufolge derzeit als entführt, vier sind 2020 verschwunden.

Wegen ihrer Berichterstattung zur Corona-Krise seien seit dem Frühjahr 130 Medienschaffende in verschiedenen Teilen der Welt willkürlich verhaftet worden, viele nur für Stunden oder wenige Tage, andere für Wochen. Hunderte meist kürzere Verhaftungen von Journalisten habe es zudem allein in Belarus seit der umstrittenen Präsidentenwahl im August gegeben.

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Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte am 14. Dezember in Reaktion auf die Zahlen, die vom Bundestag 2017 geforderte Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten zum Schutz von Journalisten mit Nachdruck zu betreiben. Dafür müssten sich alle politisch Verantwortlichen in Berlin einsetzen. Der DJV-Vorsitzende Frank Überall erinnerte daran, dass der Bundestag damals mit den Stimmen aller Fraktionen den Sonderbeauftragten gefordert habe. "Geschehen ist seitdem nichts", kritisierte er.

Aus epd medien 1/21 vom 8. Januar 2021

jsb/lob/rid