Weiter Ärger im Meinungsressort der "New York Times"

Redakteurin Bari Weiss sieht sich gemobbt und kündigt
New York (epd)

Das Meinungsressort der "New York Times" (NYT) kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Rücktritt des Ressortleiters James Bennet wegen des Gastkommentars eines republikanischen Senators hat am 14. Juli auch Meinungsredakteurin Bari Weiss ihre Kündigung eingereicht. In ihrem Schreiben an Herausgeber A.G. Sulzberger führte die 36-Jährige aus, sie werde von Kollegen gemobbt, weil sie gegen die linksorientierte "neue Rechtgläubigkeit" in der NYT verstoße. Dabei habe die Zeitung sie nach Donald Trumps Wahlsieg eingestellt, um das gedankliche Spektrum auf der Meinungsseite zu erweitern.

Weiss, die sich selbst als Vertreterin der politischen Mitte sieht, schrieb von "fehlender intellektueller Neugier" in der Redaktion. Bei der NYT sichere man seinen Job, wenn man Trump im "4.000sten Editorial als große Gefahr" darstelle. "So ist Selbstzensur die Norm geworden." Das konservative Magazin "National Review" pflichtete bei, beim Trump-nahen Sender Fox News existiere ein "breiter gefächertes Meinungsspektrum" als in der NYT.

Die Redaktion der Zeitung hat bisher auf Antworten auf die Vorwürfe verzichtet. Man schätze Weiss' Beiträge in Meinungsressort, erklärte die neue Ressortleiterin Kathleen Kingsbury. Die frühere NYT-Chefredakteurin Jill Abramson sagte, der Vorwurf, dass "eine Kabale linker Journalisten" die NYT regiere, sei "einfach vollkommen falsch". Es tue ihr leid, dass Weiss "eine schlechte Zeit" gehabt habe, sagte Abramson bei Fox News. Weiss sei bei Twitter aktiv und habe gelegentlich "Leute attackiert, mit denen sie nicht einverstanden war". Man müsse einstecken können, wenn man austeile.

Die US-Redaktionen ringen angesichts der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über Rasse und wirtschaftliche Ungleichheit zu Zeiten in der Coronavirus-Pandemie um ihr Selbstverständnis. Bei der NYT eskalierte die Diskussion am 3. Juni mit einem Gastkommentar, in dem Einsatz des Militärs gegen Anti-Rassismuskundgebungen und -ausschreitungen gefordert wurde (epd 26/20).

Bari Weiss schrieb nun von einem "Bürgerkrieg" in der Redaktion zwischen älteren "Liberalen" und mehrheitlich jungen "aufgeweckten" Mitarbeitern. Letztere verträten die Auffassung, dass "das Recht von Menschen, sich emotional und psychologisch sicher zu fühlen", wichtiger sei als Meinungsfreiheit.

Aus epd medien 30-31/20 vom 24. Juli 2020

ege