Vivendi wird Großaktionär der Lagardère-Gruppe

Widerstand gegen Neuausrichtung des Radiosenders Europe 1
Paris (epd).

Die Hauptversammlung der französischen Lagardère-Gruppe hat Ende Juni auf Druck der beteiligten Finanzinvestoren beschlossen, das bisher als Kommanditgesellschaft auf Aktien geführte Unternehmen in eine reine Aktiengesellschaft umzuwandeln.

Dadurch vergrößerte sich der Anteil der Vivendi-Gruppe, die ihren Einfluss dazu nutzt, die bisherige verlegerische Linie des Radios Europe 1 gegen den Widerstand der Redaktion rechtskonservativ zu ändern. Der Umwandlung ging ein langer Streit zwischen den Mitgesellschaftern und Arnaud Lagardère voraus, der als Komplementär der Kommanditgesellschaft das Geschehen der Gruppe bestimmte, und geschah auf Druck der Finanzinverstoren und von Vivendi, der größten französischen Mediengruppe. Diese hatte sich erst im April 2020 an Lagardère beteiligt und hält nun 27 Prozent der Aktien. Nächstgrößter Aktionär ist mit 18 Prozent der britische Investmentfonds Amber Capital, gefolgt von Lagardère mit 14 Prozent und dem Staatsfonds Qatar. Über eine Beteiligungsgesellschaft hält Bernard Arnault, Mehrheitsgesellschafter des Luxuskonzerns LVHM, sieben Prozent. Der Rest ist in Streubesitz.

Mit dem bestimmenden Aktionär Vivendi, der gerade erst den zu Bertelsmann gehörenden größten französischen Zeitungsverlag Prisma Media erwarb (epd 2/21), nimmt die Medienkonzentration in Frankreich zu. Vivendi, mit der Canal-Plus-Gruppe stark im Fernsehgeschäft vertreten, hat nun Einfluss auf die Büchersparte, die Zeitschriften, die Wochenzeitung „Le Journal du Dimanche“ und die Radios der Lagerdère-Gruppe.

Davon ist am stärksten das angesehene Radio Europe 1 betroffen. Vivendi und der Vorstandsvorsitzende Vincent Bolloré haben das Ziel, die liberale redaktionelle Linie des Radiosenders in eine streng rechtskonservative zu verwandeln. Ein erster Schritt war die Berufung eines Journalisten der rechtsextremen Wochenzeitschrift „Valleurs actuelles“ zum Chef des Politikressorts. Der heftige Protest der Redaktion hatte wenig Erfolg. Die Leitung reagierte nur insofern, als sie den Journalisten lediglich zum stellvertretenden Ressortchef berief, allerdings mit dem Recht ständiger Teilnahme an der Redaktionskonferenz.

Im Juni wurde der Plan des Direktoriums bekannt, mehr als 40 Angestellte der Redaktion und der Technik zu entlassen. Zudem wurde und ein Journalist wegen eines Streits von der Personalchefin entlassen. In der Folge kam es zwei Mal zu mehrtätigen Streiks der Redaktion, die sich in ihrer Unabhängigkeit beschnitten sieht. Diese ist bereits dadurch beeinträchtigt, dass viele Sendungen und Journalisten von Canal Plus übernommen wurden.

Die Journalisten, aber auch der französische Präsident Emmanuel Macron befürchten, dass Vincent Bolloré Europe 1 nach dem Beispiel seines Nachrichtensender CNews in ein Programm umformt, das den rechten Rand der Gesellschaft bedienend. Teilnehmer der beliebten einstündigen Diskussionsrunde „Face à l’info“ dieses TV-Kanals, die viermal in der Woche ausgestrahlt wird, ist der rechtsextreme Publizist und Populisten Eric Zemmour, der bereits mehrmals wegen rassistischer Äußerungen vor allem gegenüber Muslimen, Aufruf zum Hass und Diffamierung verurteilt und von der Medienaufsicht verwarnt wurde.

Wie weit die vergleichbare redaktionelle Richtungsänderung bei Europe 1 bereits gelungen ist, zeigt eine Anweisung des Nachrichtenchefs Louis de Raguenel, die laut einem Bericht der Tageszeitung „Libération“ darauf abzielt, bei sozialen Konflikten möglichst wenige Gewerkschaftsleute zu Wort kommen zu lassen.

Aus epd medien 28/21 vom 16. Juli 2021

vhe