RTL Group verzichtet auf Verkauf der M6-Gruppe
Unternehmer Niel, Kretinsky und Courbit hatten Angebote vorgelegt
Luxemburg, Paris (epd).

Die RTL Group wird ihre Mehrheitsbeteiligung an der französischen Groupe M6 behalten. Die Entscheidung sei trotz „mehrerer finanziell attraktiver Angebote“ für die 48,3-Prozent-Beteiligung gefallen, teilte der Konzern am 3. Oktober in Luxemburg mit. Begründet wurde der Schritt mit „zu hohen rechtlichen Risiken und Unsicherheiten“. Mitte September hatten die RTL Group und der Bouygues-Konzern mitgeteilt, auf die geplante Fusion zwischen den französischen TV-Marktführern TF1 (Bouygues) und M6 zu verzichten, weil die Wettbewerbsbehörde aus ihrer Sicht zu weitgehende Auflagen gemacht hatte (epd 38/22). Im Anschluss hatte RTL Optionen für einen M6-Verkauf geprüft.

Zur Sendergruppe M6 gehören neben dem Hauptprogramm M6 zehn Spartensender und drei Radiosender. RTL verwies in seiner Mitteilung auch darauf, dass im Mai 2023 die digital-terrestrische Zulassung von M6 erneuert werden muss. Das dafür vorgesehene Verfahren ist langwierig und würde mit neuen Gesellschaftern noch länger dauern als sonst. An diesem Verfahren sind zwei Instanzen beteiligt, die Wettbewerbsbehörde ADLC (Autorité de la concurrence) und die Medienaufsicht Arcom.

In einer Anhörung vor dem Senat, der zweiten Parlamentskammer, haben die Chefs der beiden Instanzen zu erkennen gegeben, dass die Zeit für eine rechtzeitige Verlängerung mehr als eng sei. ADLC-Präsident Benoît Coeuré hob hervor, bei neuen Gesellschaftern sei eine umfangreiche wettbewerbsrechtliche Prüfung mit Anhörungen, eine detaillierte Auswirkungsstudie und angesichts der Bedeutung der bekannt gewordenen Bewerber auch eine Beteiligung der EU-Wettbewerbsbehörde erforderlich. Arcom-Präsident Roch-Olivier Maistre wies auf einen verfahrensrechtlichen Aspekt hin: Teil des Lizenzierungsverfahrens sei eine Ausschreibung der Übertragungskapazität, auf die sich jeder bewerben könne und die spätestens am 15. Dezember erfolgen müsse. Nach französischem Medienrecht schreibt eine Lizenzverlängerung die Zusammensetzung der Gesellschafter für fünf Jahre fest.

Verkaufsverhandlungen führte M6 mit drei Bewerbern, die der Vorstandvorsitzende Nicolas de Tavernost als „von hoher Qualität“ bezeichnete. Der erste Bewerber war Xavier Niel, Internet- und Mobilfunkunternehmer (Free) und Gesellschafter der Tageszeitungen „Le Monde“ und „Nice-Matin“. Als Partner hatte er sich mit Silvio Berlusconis MediaForEurope (früher Mediaset) verbunden. Der zweite Bewerber war der Tscheche Daniel Kretinsky, der in Frankreich über zahlreiche Beteiligungen an Printmedien verfügt, unter anderem an den Tageszeitungen „Le Monde“ und „Liberation“ sowie an dem Wochenmagazin „Marianne“.

Als dritter Bewerber trat der Film- und Spieleproduzent Stéphane Courbit auf, dem in Deutschland Brainpool gehört. Seine Bewerbung war insofern von Interesse, als er sich mit Rodolphe Saadé verbündet hatte. Saadé ist Reeder in Marseille, Eigentümer der weltweit drittgrößten Containerschiff-Flotte und seit einigen Wochen auch Verleger durch Übernahme der Tageszeitungen „La Provence“ und „Corse-Matin“. Beteiligt ist er zudem an dem Satellitenbetreiber Eutelsat. Obwohl keiner dieser Bewerber bisher im Fernsehgeschäft tätig war, hätte es nach Aussage des ADLC-Chefs Coeuré wegen möglicher Konzentrationswirkungen in benachbarten Medienmärkten dennoch zu einer erweiterten Wettbewerbsprüfung kommen müssen.

Aus epd medien 40/22 vom 7. Oktober 2022

vhe