Öffentlich-rechtliche Sender in Europa verlieren Marktanteile

Audiovisuelle Informationsstelle veröffentlicht neue Erhebung
Brüssel/Straßburg (epd)

Die Beliebtheit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaften beim Publikum nimmt auf den nationalen Fernsehmärkten in Europa leicht ab. Von 2013 bis 2018 seien ihre durchschnittlichen Zuschauermarktanteile um vier Prozent zurückgegangen, heißt es im "Jahrbuch 2019/2020 Schlüsseltrends" der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle (EAI), das am 23. April in Straßburg veröffentlicht wurde. Grundlage waren Daten aus fast allen Staaten der Europäischen Union, darunter Deutschland, sowie acht weiteren europäischen Ländern.

Auch die Einnahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind der Studie zufolge unter Druck. Sie beliefen sich für die in dieser Hinsicht untersuchten 38 Länder 2018 auf zusammen knapp 36 Milliarden Euro, meldete die EAI. Die Inflation habe im Schnitt über den moderaten Einnahmegewinnen gelegen.

Diese Stagnation lasse sich mit knappen öffentlichen Mitteln und der Werbekrise erklären, weil die Ressourcen der Öffentlich-Rechtlichen im Allgemeinen aus diesen beiden Quellen stammten, erklärte die EAI. Bei den jeweiligen Anteilen wurden allerdings große Unterschiede festgestellt: Im EU-Durchschnitt betrug 2018 der öffentlich finanzierte Anteil 77,8 Prozent, dieser Anteil schwankte jedoch zwischen über 95 Prozent in Finnland, Luxemburg, Schweden sowie Norwegen und unter 50 Prozent in Polen und Malta.

Von den 36 Milliarden Euro Einnahmen entfielen laut EAI 93 Prozent auf Sendeanstalten in der EU und bezogen auf die EU allein 28 Prozent auf die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland. Weitere 20 Prozent entfielen auf Public Broadcaster in Großbritannien, 14 Prozent auf Anbieter in Frankreich. Die stärksten Einnahmerückgänge verzeichneten öffentlich-rechtliche Anbieter in Malta, der Türkei und in Bulgarien.

Die Höhe der Einnahmen öffentlich-rechtlicher Rundfunkveranstalter pro Kopf lagen in der Schweiz mit knapp 171 Euro am höchsten, gefolgt von Dänemark. Am anderen Ende lagen sie in Rumänien bei nur gut neun Euro und in Georgien bei vier Euro pro Kopf.

Insgesamt beschrieb die EAI die Situation des audiovisuellen Sektors in Europa als "Flaute". Mit Ausnahme von Videoabrufdiensten im Abonnement (SVOD) wie Netflix und Amazon Prime seien zuletzt keine nennenswerten realen Zuwächse registriert worden.

Bis 2012 sei Werbung in Hörfunk und Fernsehen das größte Segment des audiovisuellen Sektors in der EU gewesen. Von 2013 bis 2016 hätten die Konsumausgaben für Bezahldienste - linear und auf Abruf - zugenommen und ein vergleichbares Niveau erreicht, führte die EAI aus. Seit 2017 würden mit Bezahldiensten die meisten Einnahmen erzielt - 35,5 Prozent des Gesamtumsatzes. Zwar entfalle nur ein kleiner Teil der mit Bezahldiensten erzielten Erlöse auf SVOD (13 Prozent), doch SVOD wachse viel schneller als das traditionelle Bezahlfernsehen.

Die Zahl der SVOD-Abonnenten lag in Europa 2019 zum ersten Mal deutlich über 100 Millionen. Da neue Dienste auf den europäischen Markt drängten (Disney mit DisneyPlus, Apple mit TVPlus, demnächst WarnerMedia mit HBO Max) und zugleich europäische Mediengruppen mit eigenen Angeboten an den Start gingen (ProSiebenSat.1/Discovery mit Joyn in Deutschland, BBC und ITV mit Britbox in Großbritannien), sei davon auszugehen, dass die Bedeutung von SVOD-Diensten im europäischen Markt weiter zunehme, hieß es in der Studie. Dadurch würden Medienunternehmen mit traditionellen Geschäftsmodellen herausgefordert.

Eine Studie der Mediengruppe RTL Deutschland, die am 27. April veröffentlicht wurde, bestätigte die steigende Nutzung von SVOD-Angeboten. Zahlungspflichtige SVOD-Angebote erreichten breite und soziodemographisch diversifizierte Zielgruppen, hieß es in der Untersuchung. Demnach sind 60 Prozent der Nutzer in Deutschland bis 39 Jahre alt, 40 Prozent sind älter als 40 Jahre. Das Wachstum sei in den älteren Zielgruppen stärker und habe zuletzt bei den über 60-Jährigen gut 33 Prozent betragen. Die Verteilung der SVOD-Nutzer nach städtischer und ländlicher Wohnsituation entspreche weitestgehend der Verteilung in der Gesamtbevölkerung.

Serien im Zentrum des Wettbewerbs

Im Zentrum des Wettbewerbs um Zuschauer in Europa stehen der EAI-Studie zufolge TV-Serien. Dies wirke sich unter anderem so aus, dass eigentlich für Fernsehfilme bestimmte Mittel für Serien eingesetzt würden. Allianzen von Rundfunkveranstaltern ermöglichten zudem durch Koproduktionen höhere Budgets, und es gebe eine Konkurrenz um Top-Talente.

Auf Werbung entfielen 2018 laut EAI 32,4 Prozent der Umsätze des audiovisuellen Sektors in der EU. Das mit Abstand wichtigste Werbemedium war der Informationsstelle zufolge das Internet mit einem Anteil von 43 Prozent. Basis waren hier Daten von 2018 aus 35 Ländern. "Doch in Österreich, Finnland, Deutschland, Griechenland und Luxemburg liegt der Anteil der Printmedien unverändert signifikant über dem Durchschnitt", hieß es. Werbemedien wie Fernsehen, Radio, Kino sowie der Bereich Außenwerbung stagnierten oder verzeichneten nur ein sehr geringes Wachstum.

Die meisten Kinoleinwände in Europa zählte laut der EAI-Untersuchung 2018 Frankreich mit 5.982 vor Russland (5.233) und Italien (5.205). Proportional lag jedoch Island mit 12,3 Leinwänden vor Irland mit 9,6 Leinwänden auf 100.000 Einwohner vorn. Frankreich wurde bei dieser Zählung mit dem Wert 8,9 Dritter.

Der Weg zur Geschlechtergleichheit bei der Regie von Filmen ist "noch lang", wie die EAI urteilte. Basis waren Daten aus den Jahren 2003 bis 2017 für europäische Produktionen, die bis 2018 in mindestens einem Land in Europa im Kino gezeigt wurden. Gezählt wurden 2.997 Regisseurinnen. Bezogen auf alle Regieführenden, die in diesem Zeitraum mindestens einen europäischen Film vorweisen konnten, entspreche das einem Anteil von 21 Prozent.

Das Jahrbuch zeigt Trends aus Film, Video und audiovisuellen Abrufdiensten aus den 41 Mitgliedstaaten der Informationsstelle, darunter auch Marokko. Die EAI gehört zum in Straßburg ansässigen Europarat mit 47 Mitgliedstaaten, ihm gehört Marokko nicht an.

Aus epd medien 18/20 vom 1. Mai 2020

ps/rid