Neuer BBC-Chef Davie: Unparteilichkeit oberste Priorität

Neufassung der Social-Media-Regeln - Gegen Umbau zum Abo-Sender
Cardiff/London (epd)

Der neue BBC-Generaldirektor Tim Davie sieht die Verpflichtung zur Unparteilichkeit als oberste Priorität der Sendeanstalt. "Wenn Sie ein meinungsstarker Kolumnist oder ein parteiischer Kämpfer in den Sozialen Medien sein wollen, dann ist das eine gute Wahl, aber Sie sollten nicht bei der BBC arbeiten", sagte Davie am 3. September bei seiner Antrittsrede in Cardiff. Die gewünschte Arbeitsweise von BBC-Journalisten beschrieb er mit den Worten: "Wir machen uns unsere eigenen Erfahrungen zunutze, aber wir lassen uns nicht von unseren persönlichen Absichten leiten."

Der 53-Jährige begründete seine Vorgabe mit Forschungsergebnissen, wonach "zu viele Menschen" die BBC als "von einer bestimmten Perspektive geprägt" wahrnähmen. Es gehe nicht darum, demokratische Werte wie das Eintreten für eine faire Debatte oder die Abscheu vor Rassismus aufzugeben, betonte Davie, der den Chefposten zum Monatswechsel von Tony Hall übernommen hat (epd 25/20). Aber es gehe darum, "frei von politischer Voreingenommenheit zu sein, geleitet vom Streben nach Wahrheit, nicht von einer bestimmten Agenda". Die BBC müsse ein "breiteres Meinungsspektrum suchen, über traditionelle politische Abgrenzungen hinausgehen und neue Stimmen aus dem ganzen Land finden".

Davie kündigte für die kommenden Wochen neue Leitlinien zur Umsetzung der Unparteilichkeitsrichtlinie an. Es werde auch neue Regeln für soziale Medien geben, die "rigoros durchgesetzt" würden. Davies Aussagen stießen laut einem Bericht des "Guardian" vom 6. September bei Teilen der Mitarbeiterschaft auf Irritation und Kritik. Vor allem Freelancer außerhalb der News-Redaktionen fragten sich, ob die strengen Vorschriften auch für sie gälten, hieß es.

In seiner Antrittsrede nannte der neue Generaldirektor die Konzentration auf einzigartige Inhalte als weitere Priorität der BBC. "Natürlich müssen wir als BBC eine breite Auswahl anbieten, und wir sollten uns nicht auf ein enges Angebot zurückziehen", sagte er. "Aber wir sind zu langsam gewesen, um Dinge zu stoppen, die nicht funktionieren." Davie forderte außerdem eine bessere Nutzung des Mediums Internet durch die BBC, vor allem bei der Interaktion mit dem Publikum, und eine Steigerung der kommerziellen Einnahmen.

Davie positionierte sich klar gegen die im konservativen Lager der britischen Medienpolitik entstandene Idee, die BBC zu einem Abo-Sender umzubauen (epd 50/19, 9/20). "Wir könnten ein anständiges Geschäft daraus machen, und ich vermute, dass es in bestimmten Postleitzahlen recht gut laufen könnte, aber es würde uns nur zu einem weiteren Medienunternehmen machen, das eine bestimmte Gruppe bedient", sagte der Generaldirektor.

Insgesamt werde sich die BBC weiter auf Kostensenkungen konzentrieren, so Davie. Der angekündigte Abbau von 900 Stellen in den Bereichen Nachrichten und Regionales werde umgesetzt (epd 28/20). In allen Bereichen müsse die BBC darauf achten, Doppelarbeit, Ebene und Gemeinkosten weiter zu reduzieren.

Der dem konservativen Lager zugerechnete Davie arbeitet seit 2005 in verschiedenen Funktionen bei der BBC. Von 2005 bis 2008 war er Direktor für Marketing, Kommunikation und Zuschauer, von 2008 bis 2013 Direktor für Audio und Musik. Seit 2008 war er auch Mitglied des BBC-Exekutivkomitees. Bis zur Übernahme des Generaldirektorenamtes fungierte er als Vorstandsvorsitzender der BBC Studios, des kommerziellen Arms der Sendeanstalt.

Die BBC verfügt im Geschäftsjahr 2020/2021 über ein Budget von 3,75 Milliarden Pfund (4,14 Milliarden Euro). Davon stammen 3,47 Milliarden Pfund (3,83 Milliarden) aus der Rundfunkgebühr. 2019 hatte die BBC 22.400 Mitarbeiter, beim Fernsehen erreichte sie einen Marktanteil von 31 Prozent.

Aus epd medien 37/20 vom 11. September 2020

rid